leben mit kindern
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ferienkinder: mother’s nightmare oder der traum von der seligen sprachlosigkeit.

Ferienkinder.

Ich habe seit Tagen drei Ferienkinder zu Hause. Und was sich nach fröhlich-freundlicher Stimmung anhört, nach Immenhof und Liedchengeträller ist in Wirklichkeit Mother’s Nightmare.

Ich habe mich selten so sehr danach gesehnt, die Bande sämtlich wieder aus dem Haus zu haben. Nicht nur sind die Kids alle chronisch unterbeschäftigt und vor allem der Lieblingsbub motorisch nicht ausgelastet und daher, in Intervallen, unausstehlich quengelig und hyperaktiv. Es regnet auch seit Tagen ohne Unterlass, und was vorgestern irgendwie noch gemütlich war, als die am 25.12. hier verlassenen Weihnachtsgeschenke noch für stundenlange, selbstzufriedene Beschäftigung gesorgt haben, ist spätestens heute sowas wie Wasserfolter.

Spätestens ab 14:00, wenn ihnen ihre eigenen Ideen ausgehen, gehen sie mir unwahrscheinlich auf die Ketten. Und es sind nicht die täglichen Ansinnen wie die Frage nach Spielen, nach Hilfe beim Anziehen, Popo-Abputzen, Haare-Kämmen, die Bitte nach neuem Malpapier (Kleber, Schere, Stiften), der Begutachtung des neuesten Meisterwerks oder der neu aufgefädelten Perlenkette oder den rudimentären Rufen: Hunger! Durst! Müde!

Nein, es ist die Tatsache, dass irgendwann an jedem Tag scheinbar der Punkt erreicht ist, wo sich die Kids offensichtlich mit nichts anderem mehr befassen können, als mit Zankereien und Feindseligkeiten. Gepetze und Gehetze. Es ist, ganz ehrlich, fast unerträglich. Und ich komme mir vor wie eine dieser Moderatorinnen aus dem amerikanischen Privatfernsehen, die die niedrigsten Grabenkämpfe „moderieren“, in denen sich unfassbare Menschen die unfassbarsten Dinge an den Kopf werfen, sich nackig machen, die schrecklichsten Dinge öffentlich gestehen und sich nicht mal dafür schämen. So läuft das hier momentan ab. Und es sind nicht die Gruselgestalten aus den White-Trash-Formaten, die die Hauptrollen in diesen Szenen spielen, nein, es sind meine geliebten, wunderbaren, fantasievollen, zauberhaften Kinder.

„Mama, der Mari hat Scheißkuh zu mir gesagt!“ (Gebrülle, Geheule)

„Hab ich gar nicht, du lügst!“ (Versuch, die Anschuldigung zu übertönen, nicht etwa, zu widerlegen)

„Ich lüge nicht, du doofer Klops!“ (Zurückgebrüllt)

„Mama, die Rosanni hat Klops zu mir gesagt!“ Undsoweiter.

Oder: „Mama, die Mädchen spielen wieder ganz ohne mich, das ist sooooo gemein!“ (Geschluchze.) Ich will gerade vor Mitleid zerfließen, da kommen die Mädels und berichten, ihr Bruder habe mit seinem Schnitzmesser gefuchtelt, ihnen sämtliches Kaugummi geklaut und es, einmal weichgekaut, an die Zimmertür vom Herzensmädchen geklebt. Aaargh.

i've lost my mind

Gestern nachmittag war Freundin Isabella (3) zu Besuch, alle waren glücklich, ob der Ablenkung, und ich war ganz weichgespült von dem Anblick und den Geräuschen der fröhlich spielenden Kinder. Es war mir völlig egal, dass sie die Bude wahrscheinlich dem Erdboden gleichmachten (was sie taten), ich war glücklich, weil sie glücklich waren. Was ich nicht wusste, war, dass die kleinen Mädchen sich erstens komplett ausgezogen hatten, um sich mit den Resten einer Dose Penatencreme einzuschmieren, dass sie zweitens beide ordnungswidrig bei aufgeflochtenem Haar (beide wildlockig-langhaarig) Kaugummi kauten, was dann drittens zur Folge hatte, dass ich von beiden Köpfen Strähnen abschneiden musste, die vollkommen mit pinkem Hubba-Bubba verklebt waren. Mit der eifrig vom Lieblingsbub angereichten Bastelschere. Vom Zustand des Goldkindzimmers, dessen Fußboden von einem Kaufladen-Puppenhaus-Gemisch überzogen war, möchte ich gar nicht sprechen. Aber immerhin: sie waren in völliger Harmonie miteinander, es gab nicht ein böses Wort und keine einzige geknallte Tür.

Aber heute sind sie wieder on track: sie treiben mich in den Wahnsinn.

Möglicherweise ist auch die Tatsache, dass ich den gesamten Dezember mit kranken Kindern und Inhaliergeräten hier gehockt habe dem Umstand zuträglich, dass ich selbst mich in inzwischen in einem grund-genervten psychischen Zustand befinde, der nicht viel braucht, um in wahlweise hysterische Anfälle, Brüllattacken oder den Feldwebel-Einwort-Modus zu kippen.

Ich höre mich also zwischenzeitlich so an: „Hinsetzen. Händewaschen. Klappehalten. Ruhe. Runter. Raus. Fingerweg. Aufhören. Stop. Schschsch. Schpreschejetz.“

Oder (gebrüllt): „Wenn ich noch einmal höre, dass du zu deiner Schwester sagst, sie soll sich verpissen, obwohl ich dir heute schon zehnmal gesagt habe, dass wir so nicht miteinander reden, dann PLATZTHIERDERMOND!“

Oder (resigniert): „Ich mach das nicht mehr mit, ich geh jetzt auch im Regen spazieren, dann könnt ihr euch hier von mir aus gegenseitig massakrieren, ich sach der Nachbarin Bescheid, die soll dann die Ambulanz rufn…. waaaaahhhh!“

Ich würd mich dann manchmal gerne selbst in den Arm nehmen. Mir über den Kopf streicheln und sagen: „Isjaschongut. Es sind gute Kinder. Ditt wird.“ Oder mich einweisen. Nicht in die Psychiatrie, da gehören die Kinder hin. Nein, ich würde mich per Überweisung ins Wellness-Wochenende schicken. An einen ruhigen, besinnlichen Ort, in die Natur vielleicht, ganz allein. Splendid isolation. Ich würde den ganzen Tag mit Gurkenscheiben auf den Augen da sitzen und grünen Tee schlürfen, mir sämtliche vernachlässigten Nägel maniküren und lackieren lassen. Meine inzwischen zahlreicher werdenden grauen Haare färben und dabei gleich den geplagten Kopf mit-massieren lassen. Irgendwann nahtlos zu Prosecco übergehen und den ganzen.Tag. Nicht. Sprechen. Schschsch.

Ach ja.

Jetzt hab ich fast ein schlechtes Gewissen. Denn jetzt, wo ich mich hier mal so richtig über meine Brut ausgelassen habe, haben sie sich still auf dem Sofa versammelt und schauen einträchtig ihre jeweiligen Tauf-Alben an. Und der Bub, der plötzlich an ominösen „Brustschmerzen“ leidet, wird zwischenzeitlich vom Herzensmädchen auf dem Wohnzimmerboden flach ausgebreitet mit einer Shiatsu-ähnlichen Behandlung bedacht. Ja, so kann es sein zwischen den besten Kindern der Welt. Aber mich täuschen sie nicht mehr, ich weiß, da flackert der Wahnsinn hinter der friedlichen Fassade und jeden Augenblick kann er wieder losbrechen…

Ich werde mich dann auch auf den Fußboden legen. Schweigend. Vielleicht find ich noch ne Gurke irgendwo, um mir die Augen zu verschließen vor dem tobenden Irrsinn im Haus. Wenn der Mann nach Hause kommt, findet er dann eine sich anbrüllende, mit Kaugummi attackierende und verwahrloste Kinderbande vor. Und mich, in meine Mitte atmend, mit Gurkenscheiben gepflastert und ohne Wörter. Oder Buchstaben.

Wird so kommen. Ihr werdet sehen.

5 Kommentare

  1. …. herrlich i love i love… und weiß bescheid… es gibt ja auch noch die möglichkeit des „dreikönigsdings“….. dann sind die eben ne räuberbande…. ich leg mich mit dir auf den boden!!!

  2. ach, liebe Anna, ich fühle mit dir – aber von weit weg ; )) Was habe ich gelacht bei deiner Beschreibung des „Wahnsinns“, ich höre und sehe ihn … die Lieblingsmama mit den Lieblingskindern – und hier kommen die Gurkenscheiben: OOOOO

  3. Maelicitas sagt

    Hach ja das kennt wahrscheinlich jede Mutter, ich natürlich auch. Bis auf die Tatsache das das Kind und ich in die selbe Kita in die selbe Gruppe gehen, das heißt nicht mal den Fahrweg Pause zu haben. Wir haben es so gewollt;-) trotz all dem haben wir sie lieb und geben unser bestes. Kopf hoch sie werden auch größer.

  4. Ach einfach herrlich. Danke für diesen schonungslos ehrlichen Bericht. Ich dachte schon nur mir geht mein (zauberhaftes, geliebtes) Kind zeitweise fürchterlich auf die Nerven. Wenn man sich so umliest könnte man ja manchmal das Gefühl bekommen, alle schweben mit ihren Kindern immer auf rosa Wolken. Schön zu hören, dass dem nicht so ist.

    Ansonsten Kopf hoch! Die Ferien sind ja bald vorbei und jetzt ist auch schon Wochenende. 🙂

    Lg
    Isa

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