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stadtkinder in freiheit ::: was die berlinmittekids mir im ostseeurlaub so beibringen

Zwei Drittel unseres Urlaubes sind vorbei, und wie immer, wenn wir hier oben auf dem Darß sind, haben die Kinder nur wenige Stunden gebraucht, um ihre Stadtkinder-Gewohnheiten abzulegen und in ein vollkommen anderes Verhaltensrepertoire hinein zu schlüpfen.

Das ist ein Effekt, der mich immer wieder erstaunt. Obwohl wir das in jedem Urlaub irgendwie erleben, ist es hier an der Ostsee besonders ausgeprägt, und ich sehe mit einer Mischung aus Staunen und Begeisterung, wie meine Kinder jeden Schritt, jede Begegnung mit Muschel, Stein, Pferd und Möwe, jede Radtour durch den Wald, jedes Picknick am Bodden und jeden Gang am Strand auskosten.

 

Drei Kinder Hand in Hand auf dem Weg vom Weststrand zum Leuchtturm, im Hintergrund der Darßer Urwald

Leuchtturm am Weststrand

Sie genießen eine (Bewegungs-)Freiheit, die sie sonst nicht haben, und gerade gestern auf dem Weg zu unserem Strandkorb führten wir ein Gespräch, das mir mal wieder zeigte, was sie hier am meisten genießen. Und das lief ungefähr so:

Bub: „Können wir jetzt bitte immer an den Weststrand fahren? Es ist hier so schön wild und gibt so tolle Steine!“

Herzensmädchen: „Ja, die sammeln wir dann und spielen damit. Und ich fand es so schön, mit euch durch den Wald zu radeln…“

Goldkind: „Und ich musste gar nicht radeln, weil ich beim Papa hinten drauf sitzen durfte und laut singen konnte, durch den ganzen Wald, bis es knallt!“

Bub: „Du hast auch noch gedichtet, wie das Sams.“ Gekicher von allen Kindern.

Herzensmädchen: „Ich mag auch das Reiten immer so gerne jeden Morgen. Können wir nicht mal zum Weststrand reiten?“

Bub: „Boah, ja! Zum Weststrand reiten und dann da nackt baden, weil da baden ja alle nackt, hab ich genau gesehen!“

Herzensmädchen: „Du kannst ja nackt baden, ich möchte lieber da rumwandern und Muscheln finden und damit was Schönes in den Sand legen.“

Goldkind: „Eine Meerjungfrau!“

Nahaufnahme von auf einem bunten Tuch arrangierten Ostseesteinen, im Vordergrund gestapelte Steine, im Hintergrund ein kleiner Kreis aus Steinen

Ostseesteine

 

Nahaufnahmen von wilden Lupinen im Darßer Urwald

Darßer Urwald mit wilden Lupinen

Dann waren wir ungefähr am Strandkorb angelangt und die Kinder rissen sich die Klamotten vom Leib und stoben davon, denn einige Strandkörbe weiter wurde schon vor Tagen Freundschaft geschlossen mit einem Geschwistertrio bestehend aus Kleinmädchenbaby, großer Schwester und ganz großem Bruder. Zauberhafte Kinder, mit denen es für unsere einfach „passte“ und mit denen die simpelsten Spiele gespielt wurden – mit großen Glückseffekt. Auf dem Heimweg dann folgender Dialog:

Goldkind: „Ich war zwei mal drin, Mama! Und die Jungs haben mich im Schwimmreifen gezogen, das war so lustig!“

Herzensmädchen: „Ich bin mit meiner Freundin getaucht, das war cool. Und außerdem haben wir so’n Superpicknick gemacht auf meinem Handtuch, mit Erdbeeren und Prinzenrolle…“

Goldkind: „Aber dann habt ihr mit mir und den Jungs Knuddelfange gespielt, ein richtig cooles Spiel, auch für Kleine, stimmt’s? Und die Jungs haben uns eingegraben!“

Zwei Mädchen, eins kleines blondes, ein größeres dunkelhaariges, bis zum Hals eingegraben, die lachend nach oben in die Kamera schauen.

Eingegraben

(Ich musste kurz dazwischen fragen, was „Knuddelfange“ ist, dann wurde es mir vorgeführt. Mit Extraknuddeln. Ich wünschte, das hätte mit mir als Kind auch mal jemand gespielt, ist viel schöner, als das ewige „Verbrannt!“ und das Abschlagen.)

Lieblingsbub, mit einem tiefen Seufzer: „Ich hätte nicht gedacht, dass es so schön sein kann! Gehen wir noch mal zu den Pferden auf dem Heimweg, Mama?“

Diese Begeisterung! Der Blick auf die Dinge, die Umgebung, die Menschen und Tiere, der erstmal nur das Schöne sieht! Sie brauchen keine Rundum-Bespaßung durch Animateure in drölfzig Sprachen, sie brauchen kein Fernsehen und nicht alle fünf Minuten ein Eis (obwohl sie das natürlich schon gerne nehmen, immer!), um glücklich zu sein, und sie vermissen es nicht, dass sie nicht über all ihre Spielsachen, ihre Roller und ihre Skate- und sonstigen Boards verfügen können, wie sonst. Sie genießen die Zeit zusammen und beim Reiten, sie stürzen sich mit Eifer in die Tätigkeiten, die sich am Strand und auf dem Reitplatz bzw. im Stall natürlicherweise so anbieten, sie nehmen alles in sich auf und speichern es in ihren kleinen Herzen als schöne Erlebnisse. Das Reiten führt außerdem zu einem phänomenal angstfreien Umgang nicht nur mit den Pferden, sondern auch mit den Hunden auf dem Reitplatz und jedem anderen Tier, dem sie begegnen. (Außer Spinnen. Spinnen und das Goldkind, das geht gar nicht.) Ich bin jeden Tag aufs Neue berührt davon, wie gerade die zwei Kleinen mit der allergrößten Natürlichkeit auf diese im Vergleich riesigen Tiere zugehen, an ihnen rumstriegeln, sich da raufschwingen und los reiten. Natürlich mit Hilfe und unter Aufsicht, aber dennoch.

Nahaufnahme von einem kleinen Mädchen in rosa Jacke und mit Reithelm im sogenannten leichten Sitz auf einem schwarzen Pferd, Ansicht seitlich-von hinten.

Reiterfreuden: Goldkind auf Otto.

 

 

Kleines Mädchen von hinten fotografiert, am Bodden in Wieck aufgenommen, im Hintergrund der Bodden mit Steg

Das Stadtleben macht uns so vorsichtig. Zu Recht. Aber wir vergessen dabei, dass da noch viel mehr in uns und in unseren Kindern ist, das uns befähigt, neue Dinge anzugehen, ohne erstmal eine Theorieprüfung abzulegen oder uns per App und Ratgeber vorzubereiten und abzusichern. Ich sehe das hier mit Entzücken an meinen Kindern und fühle ein sanftes Bedauern, wenn ich an unsere Abreise denke und an die Tatsache, dass ich ihnen das, was sie hier erleben, zu Hause, in der Stadt, nicht bieten kann.

Und ich. Ich, die ich seit 20 Jahren auf keinem Pferd mehr gesessen habe, bin letzte Woche mit all meinen Kindern im Wald ausgeritten. Ich kann mich nicht erinnern, wann mich irgend etwas, über das ich nicht vorher zig Mal nachgedacht, es abgewogen, mich vorbereitet etc. habe, so grenzenlos glücklich gemacht hat. Ich hatte Muskelkater aus der Hölle am nächsten Morgen, aber meine große Tochter sah mich grinsend an, als sie neben mir her ritt und sagte nur: „Der Tag könnte doch nicht besser anfangen, als so, oder Mama?“ Und sie hat so recht!

Ich habe mir das von meinen Kindern abgeguckt. Ohne sie wäre ich niemals im Leben mehr aufs Pferd gestiegen. Oder würde mit dem Rad ins Blaue durch den Darßer Urwald fahren. Oder Steine sammeln, um daraus eine Meerjungfrau zu legen. Oder auf der Seebrücke sitzen und darüber fantasieren, dass das, was wir da weit draußen sehen, wahrscheinlich eine Robbe ist. Oder würde auf die Idee kommen, mich im Sand einzugraben, mit Haaren. Oder oder oder.

Nächsten Freitag fahren wir nach Hause. Die Kinder freuen sich auf ihre Freunde und Freundinnen, die Meerschweinchen und den eigenen Garten, auf ihre Zimmer und auch auf ihre Roller, ihre Bücher und ihre Spielsachen.

Aber ich hoffe, wir können etwas vom Ostsee-Spirit mit nach Berlin nehmen. Wenn es schon nicht die Pferde, der Wald und die See sein können, dann wenigstens dieser Blick auf die Dinge: die Unbefangenheit, die Freude, die Freiheit.

signatur

7 Kommentare

  1. So ist es gut, und wie!
    Sicher gibt es auch Stadtkinder, die in einem solchen Urlaub zu Obernervquenglern werden…
    Ich wünsch`Euch was….
    Tolle Weiterferien und später schönes Zehren….

  2. martina van Middelaar sagt

    Reduce to the MAX – 🙂 Schöne Resttage noch!

    (Superkleber eignet sich toll um Steine oder Muscheln zusammenzukleben, Gesichter usw., nur so , falls es doch mal Langeweile geben sollte)

  3. nadine sagt

    Wie spielt man Knuddelfange? Könntest du das für uns aufschreiben. Bei meiner Tochter in der Schule wird viel Mädchenhasche gespielt. Das artet manchmal in ziemliche Brutalität aus. Knuddelfange wäre eine prima Alternative. Man kann es ja mal probieren.

    • Liebe Nadine, eigentlich ist Knuddelfange nichts anderes als ein normales Fange-Spiel, nur dass der Fänger den Gefangenen lieb knuddelt und, je nach Spielregeln, auch küsst, wenn er ihn hat. Das mit dem Küssen wurde hier unterschiedlich aufgenommen – meine Jüngste hasst das! Aber Knuddeln fanden alle ok. Darf natürlich nicht grob werden, wurde es hier aber auch irgendwie nicht. Viel Spaß beim Ausprobieren!

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