herz & seele
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forty, finally ::: über lebensfreude, verlust und einen geburtstagswunsch

Minikranz mit Geburtstagskerzen in der Dose

Mein Geburtstag ist vorbei, ich bin 40 und es ist wundervoll.

Der Tag begann mit drei aufgeregten kleinen Menschen, die, bewaffnet mit selbstgemalten Bildern und je einer blauen Hortensie in mein Bett krochen und mir „Happy Birthday“ sangen, ging über in ein spätes Frühstück im Garten und unzählige Glückwünsche, geleitete mich als nächstes in die Arme meines Vaters und seiner lieben Frau, die extra nach Berlin gekommen waren, um mit mir zu feiern, brachte mir dann meine Schwester mit einem Arm voller Blumen und meinem Lieblingskuchen, die mich in meinem Garten überraschte und mündete schließlich in einem kleinen Fest mit all denen meiner Liebsten, die nicht verreist waren oder zu weit weg wohnen, um mit mir anzustoßen. Den letzten Schluck Weißwein trank ich mitten in der Nacht mit meinem Mann auf dem Dach, als alle längst gegangen waren. Es war vier Uhr morgens, ich war angefüllt mit Glück und Liebe bis oben hin und ich war 40.

Aber an Geburtstagen soll man sich ja etwas wünschen, selbst wenn man sich wunschlos glücklich fühlt. Und da dachte ich an meine anderen 39 Geburtstage und daran, was es mir als Kind bedeutet hat, Geburtstag zu haben. An schöne Feste mit der Familie und meinen Freundinnen, an Ausflüge und Picknicks, an Geburtstagskerzen und selbstgebackene Kuchen und an diesen magischen Augenblick, in dem ich an der Hand meiner Mutter das Wohnzimmer betrat, noch im Nachthemd, um dort den Geburtstagsmorgen zu erleben. Und an einen Geburtstag, der anders war, als alle anderen zuvor und der für mich alles Schmerzliche und alles Schöne im Leben zusammenbringt. Diese Geschichte ist eine über Liebe und Verlust, Trauer und Lebensfreude und über meinen Geburtstagswunsch, und ich möchte sie heute hier teilen.

Minikranz mit Geburtstagskerzen in der Dose

Mini-Geburtstagskerzen, Riesen-Geburtstagswunsch

Jedes Jahr am 13. Juli erzählte mir meine Mutter die Geschichte meiner Geburt. Das gehörte zu den Geburtstagsritualen in meiner Familie ebenso wie der Weckgesang mit Gitarre am Bett oder der Blumenstrauß aus den immer gleichen Blumen auf dem Geburtstagstisch. Stets waren es die Blumen, die meine Mutter nach der Geburt des jeweiligen Kindes als Erstes bekommen hatte. In meinem Fall sind das rote Rosen und Tigerlilien. Bis zu ihrem Tod hat sie es geschafft, mir jedes Jahr diese Blumen zu meinem Geburtstag zu schenken oder mir durch meinen Mann schenken zu lassen. Nur in ihrem Sterbejahr, da konnte sie es nicht, denn an diesem Geburtstag war sie seit zwei Tagen in einem Zustand unruhiger Bewusstlosigkeit, und ich verbrachte die Nacht an ihrem Krankenbett, wo ich jeden Augenblick damit rechnete, sie würde mich endgültig verlassen.

Die Nacht war endlos und dunkel, und ich lag neben meiner Schwester in den zusammengeschobenen Krankenbetten neben dem Sterbebett meiner Mutter und schlief nicht. Es war kurz nach dreiundzwanzig Uhr und die Palliativstation im achten Stock des Krankenhauses am Rhein war still, die Angehörigen und Kranken schliefen oder flüsterten miteinander, und meine Schwester und ich lagen nebeneinander und hielten uns an den Händen. Es war einsam und schrecklich, wir lauschten stumm den Geräuschen der Station und dem schweren Atem unserer Mutter und ahnten, wir würden keine Minute schlafen. Meine Schwester ist neun Jahre jünger als ich, und ich bin in fast jeder Situation unseres Schwesternlebens immer diejenige gewesen, die über sie gewacht und sie beschützt hat. In dieser Nacht zu meinem achtunddreißigsten Geburtstag, war es ein wenig anders. Sie wollte, dass ich es schön hätte, sie wollte gerne mit mir feiern, sogar jetzt, aber sie wusste ebenso wenig wie ich, wie wir das in dieser Situation machen sollten. Also lagen wir einfach da und waren zusammen.

Plötzlich öffnete sich die Tür, es war etwa halb zwölf, und herein schlichen unsere beiden längsten Freundinnen, zwei Schwestern wie wir, mit denen wir aufgewachsen sind, Garten an Garten, unser Leben lang verbunden und so auch jetzt. Was nun passierte, war so unverhofft und außergewöhnlich, dass ich es nie mehr vergessen werde. Die beiden hatten einen Kuchen gebacken und hatten eine Flasche Sekt dabei, sogar Kerzen zündeten sie an. Und als es Mitternacht wurde und mein Geburtstag da war, saßen wir zu viert auf den Betten neben meiner Mutter und um sie herum, tranken Sekt und flüsterten darüber, was alles passiert war, was unausweichlich bald passieren würde und was wir tun würden, um es auszuhalten: zusammen sein. Wir weinten und lachten und verbrachten zu viert den Rest der Nacht dort, schliefen abwechselnd in Erwartung des endgültigen Abschieds, der nicht kam, sagten uns Gedichte über Sterne auf und festigten untereinander ein Band, das nie mehr zertrennt werden kann.

Am nächsten Morgen schien die Sonne wie immer, es war Sommer und mein Geburtstag war da. Ich wurde achtunddreißig Jahre alt.

Ich hatte nie zuvor einen Geburtstag verbracht, der absurder, trauriger, schmerzlicher war, als dieser. Und dennoch habe ich zugleich so viel Liebe und Wertschätzung erfahren, die mir in diesem Moment unendlich viel Kraft gab und vielleicht mehr wog, als alle Lieder, Blumen und hellen Kindertage zusammen. Oder vielleicht war es eine Mischung aus beidem.

An diesem Geburtstagsmorgen saß ich mit meinem Bruder und meiner Schwester am Bett unserer Mutter, von der wir immer noch dachten, sie würde jeden Augenblick sterben. Wir besprachen den Tag, bevor meine Schwester und ich uns für einige Stunden verabschiedeten und meinem Bruder die Wache überließen. Ich beugte mich über meine Mutter, küsste sie und sagte ihr, es sei mein Geburtstag, sie solle aufwachen, denn wir beide seien heute schon achtunddreißig Jahre zusammen und das sei ein Grund zum Feiern. Und dann sagte ich ihr, wenn es Zeit sei für sie, wenn heute der Tag wäre, an dem wir uns für immer trennen müssten, dann könne sie beruhigt gehen. Ich würde den Tag gerne mit ihr teilen, wenn es so sein sollte.

Es sollte nicht so sein. Meine Mutter erwachte an diesem 13. Juli am Nachmittag gegen jede Erwartung aus ihrer Bewusstlosigkeit und saß am nächsten Tag mit Brille auf der Nase und Gedichtband in der Hand im Bett, als ich zu ihr kam. Wir hatten sie wieder, wenn auch nur für kurze Zeit, denn am 05. August starb sie tatsächlich in genau diesem Zimmer, in dem wir die Nacht zu meinem Geburtstag verbracht hatten.

Ich bin 40 und vermisse meine Mutter, der ich gerne sagen würde, wie dankbar ich ihr bin für meine Haltung zum Leben – denn zu einem Großteil verdanke ich sie ihr. Unmöglich als Tochter dieser Frau nicht lebensfroh zu sein! Ich hätte an meinem Geburtstag gerne mit ihr angestoßen und in ihren Augen ihre Liebe und Wertschätzung gesehen, ihre pure Freude daran, wer ich bin, wer alle ihre Kinder sind, heute wie damals. Das war etwas, über das meine Geschwister und ich niemals Zweifel hegen mussten. Aber ich hatte das 38 Jahre lang. Und ich merke mit jedem Lebensjahr mehr, wie sehr der Geist meiner Mutter in mir lebt und mich begleitet in so vielem, was ich tue. Sie war voller Liebe, Humor, Toleranz und Klugheit. „Wir sind ins Leben gestellt, um zu leben„, das hat sie gesagt und mir beigebracht, sogar, als sie schon im Sterben lag. Und ich lebe mit Freuden und genieße jeden Augenblick.

Ich bin 40. Ich kann auf ein Leben voller Liebe und erfüllter Wünsche zurückblicken und sagen: ich bin reich. Ich kann meine Liebsten umarmen und mit ihnen zusammen sein und sagen: ich bin nicht einsam. Ich kann die Sonne und den Wind spüren, die Küsse meiner Kinder und die Arme meines Mannes um mich und sagen: ich bin da.

Ich habe vierzig Kerzen ausgepustet und meinen Geburtstagswunsch getan: ich habe mir gewünscht, dass ich dieses Gefühl beibehalten kann, dass ich die Lebensfreude und die Lust am Dasein nicht schicksalhaft verliere sondern in meine Kinder pflanze, damit sie es auch spüren und davon zehren können ihr Leben lang. Vielleicht ist das das Familienerbe, das ich kultivieren und an die nächste Generation weitergeben darf.

Und euch allen, die ihr das Leben in, um und vor euch habt, wünsche ich das auch.

Go. Be. Love. The world needs you.

signatur

 

 

27 Kommentare

  1. Ein ganz toller, berührender Artikel und Deine Mama hat einen ganz zauberhaften Menschen zur Welt gebracht, denn auch wenn wir uns nur so kurz kennen, so kann ich sagen, hat sie genau das aus Dir gemacht: Einen liebenden, voller Glück und Freude strahlenden, warmherzigen Menschen. Ich bin mir sicher, dass Du diese Liebe Deinen Kindern weiter geben wirst und sie ihr Leben ähnlich leben werden wie Du und Deine Mama!
    Sei geherzt!
    Jette

  2. Inka sagt

    Dass du mich zu Tränen gerührt hast, ist klar oder?

    Und erinnert hast du mich an den Abschied und die Wärme meiner Mutter – danke dafür. <3

    • Ach, liebe Inka… Deine Tränen adeln meine Texte, das habe ich mittlerweile schon gelernt, seit du meine Leserin bist. Danke dir dafür und liebste Grüße! <3

  3. Liebe Anna, seit ich deinen Blog lese habe ich gelacht, geweint und viel nachgedacht, darüber wie mutig du bist und wie authentisch. Dieser intime Blogpost beweist es mal wieder. Herzlichen Glückwunsch zum 40ten und weiter so…

    • Danke für die Glückwünsche und für das wunderschöne Feedback zu meinem Blog und dem, was ich hier mache. Ich weiß nicht, ob ich mutig bin, aber authentisch zu sein ist mir wichtig. Es ist wunderbar zu lesen, dass das offenbar zumindest ab und zu gelingt. Danke!

  4. Ich liebe Deinen Blog! Oft bin ich kurz vorm Weinen weil ich meine Mum auch verloren habe und weil Du immer so liebevoll über sie und Deine Familie schreibst.

    • Weinen soll hier eigentlich keiner! Und wenn, dann mit einem Lächeln – so eins wie meins, als ich den Text geschrieben habe, natürlich mit Tränen in den Augen in der Erinnerung an meine Mutter, die ich immer vermisse. Aber auch mit dem lauten JA an der Seite des ewigen WARUM: wir sind da! Liebe Grüße und danke dir sehr!

  5. Lajulitschka sagt

    Hach. Pippi in den Augen. Danke fürs Trilhaben lassen. Liebe Grüsse,Lajulitschka

  6. Liebe Anna, ich sitze hier, Tränen laufen über meine Wangen und ich bin so berührt von einem traurigen und wunderschönen Artikel. Ich möchte dich gerne ganz fest umarmen, um dir danke zu sagen. Danke dafür, dass diese Erinnerungen mit uns teilst. Danke, dass du es immer wieder schaffst, deine Erfahrungen und Gedanken in solche wundervollen, klugen und schönen Worte zu kleiden. Danke, dass wir an deiner Lebensfreude teilhaben dürfen. Fühl dich umarmt!

    • Ich fühle mich umarmt, ganz fest, beschenkt durch deine lieben Worte und ein bisschen beschämt wegen der ganzen „schönen“ Adjektive, die du für meinen Text gefunden hast. Danke dafür! :-*

  7. Niki sagt

    Liebe Anna, wieder ein ganz wunderbarer Blog! Deine Mutter lebt in so vielen Herzen und Erinnerungen weiter. Und: Geburstage und die Geschichte der eigenen Geburt gehören einfach zusammen und sind auch bei uns Teil des alljährlichen Rituals, das ich nicht missen möchte.

  8. Juli sagt

    Ich bin auch sehr berührt von Deinen und insbesondere diesem Beitrag. Danke und herzlichen Glückwunsch nachträglich.
    Und noch ein immaginäres Geschenk ;): Ich habe beim Lesen gedacht, dass wenn ich Dich in echt kennen würde, ich Dir das Buch ‚die bewohnte Frau‘ von Gioconda Belli zum Geburtstag schenken würde. Weiß auch nicht warum, könnte Dir gefallen …

    • Liebe Juli, danke dir für deine lieben Worte und die Glückwünsche – und vor allem für das virtuelle Geschenk. Das werde ich mir mal genau anschauen, dieses Buch. 🙂 Liebe Grüße!

  9. Zum Geburtstag hab ich dir schon gratuliert, aber deinen Post habe ich erst jetzt gelesen und ich habe Pipi in den Augen! So schöne, warme Worte voller Liebe, Glück und Seelenfrieden … ich danke dir dafür und dass du diese Augenblicke mit uns teilst! Drück´ dich und bin froh dich kennengelernt zu haben! <3

  10. Liebe Anna,
    auch ich bin (mal wieder) zu Tränen gerührt und beeindruckt, über deine Fähigkeit, direkt aus dem Herzen heraus zu schreiben. Zumindest schaffen es deine Texte immer wieder in meines. Es ist wundervoll zu lesen, wie wichig eine liebevolle Umgebung ist und auch wenn ich nicht das Glück hatte, eine solche Verbindung zu meiner Mama gehabt zu haben, so bin ich umso motivierter – besonders nach diesem Artikel – alles dafür zu geben, es wenigstens bei meinen Kindern zu versuchen.
    Sonnige Grüße
    Tina

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