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streifzug mit goldkind ::: ein friedhof, hagebutten & das leben nach dem tod

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Es hat aufgehört zu regnen und der blaugoldene Herbst ist da – endlich ist die Zeit für einen Lieblings-Streifzug zum Herbstschätze-Sammeln wieder da.

Nachdem mein Goldkind letzte Woche ja tagelang mit Inhaliergerät und widerlichen Hustenattacken ans Haus gefesselt war (und ich mit!), gönnten wir zwei uns an ihrem ersten fieberfreien und einigermaßen fitten Tag einen ausführlichen Gang über den Friedhof.

Ja, Friedhof. Ganz in unserer Nähe ist nämlich einer der schönsten und wildesten Friedhöfe von Ostberlin, den wir vor allem deshalb gerne besuchen, weil er mitten im Trubel der Stadt so abgeschieden ist. Schon mit dem ersten Schritt durchs Tor empfängt uns die Atmosphäre der Stille und Ruhe, die uns erst mal tief Luft holen lässt.

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Außerdem ist der Friedhof besonders im Herbst ein wahres Eldorado für meine Kinder und ihre Sammelleidenschaft. Dort gibt es Hagebutten, Kastanienbäume, die sich unter der Last der Früchte nur so biegen und jede Menge anderer Bäume, die das Goldkind von mir vorgestellt haben möchte. Außerdem natürlich die schönsten Herbstblätter in allen Farben! Es ist perfekt für einen Streifzug, der garantiert fette Beute bringt.

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Ich genieße es immer sehr, wenn ich mal nur mit einem Kind unterwegs bin, vor allem bei meiner Kleinsten, die oft gegen die wortgewaltigen großen Geschwister nicht so ankommt. Umso schöner, dass unser erster echter Herbstspaziergang dieses Jahr ein zweisamer war. Wir konnten reden, ungestört Händchen halten, Kastanien aufheben, polieren und ihren Geruch einatmen und uns zusammen alles ansehen, was uns interessant erschien. Luxuszeit zu zweit, ganz wunderbar.

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So flitzte mein Töchterlein zwischen mir und den zu entdeckenden Schönheiten und Schätzen hin und her und erfreute mich mit schlauen Fragen oder ihren eigenen Interpretationen: „Mama, schau mal! Die Blätter an den Bäumen sind schon ganz knusprig!“ Sie fragte mich, woran sie Eichen-, Ahorn- und Birkenblätter erkennt, bestaunte die feinen Hütchen der Eicheln und geriet in den reinsten Kastanientaumel, als sie die vom Wind herunter gefegten glänzenden Kostbarkeiten einsammelte.

Da wir uns aber ja dennoch auf einem Friedhof befanden, kamen wir nicht umhin, einige der Gräber genauer anzuschauen. Das unterbrach unseren Streifzug, denn dem Goldkind fielen sowohl die offensichtlich liebevoll gepflegten Gräber wie auch die verwahrlosten besonders auf. Auch die Kindergräber beeindruckten sie und wir standen eine ganzen Weile davor und redeten darüber, dass auch Kinder sterben können. Ihre Kommentare und auch ihre Fragen haben mich mal wieder zu Staunen gebracht: wie klar und fraglos die Welt in den Augen der Kinder ist, trotz all der Fragen, die sie stellen, ist für mich immer wieder unglaublich. Vielleicht sind es aber ja gerade die Fragen, die sie zu diesen „logischen“ Einsichten bringen oder sie ganz anders damit leben lassen, dass die Welt nun einmal unlösbare Fragen für sie bereit hält?

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Goldkind: „Mama, Kinder können auch schon sterben, stimmt’s? Das ist traurig.“

Ich: „Mmmhh. Es ist immer traurig, wenn jemand stirbt.“

Goldkind: „Für die, die ihn sehr lieb gehabt haben, ist es schon traurig, Mama. Aber vielleicht gar nicht für ihn selbst?“

Ich: „Ich weiß es nicht, Schatz. Wir können ja nicht wissen, wie es ist, tot zu sein. Wir sind ja am Leben.“

Goldkind: „Es wäre praktisch, wenn man jemanden fragen könnte, der schon mal tot war. Stimmt’s Mama, wenn man mal tot ist, kann man nicht mehr aufwachen, oder?“

Ich: „Stimmt.“

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Goldkind (überlegt eine Weile): „Aber wenn ich mal tot bin, dann gehe ich zu Gott. Und du wartest dann da schon auf mich, weil du bist ja vor mir tot. Du bist ja viel älter als ich, dann bist du zuerst dran.“

Ich (muss erst mal tief Luft holen): „Ja, so ist das wahrscheinlich.“

Goldkind (fröhlich): „Da freu ich mich schon drauf, Mama! Wenn du nämlich vor mir tot bist, vermiss ich dich ganz doll. Und wenn ich dann auch tot bin, dann sind wir wieder zusammen und das ist doch schön! Jetzt mach ich mir da vorne noch eine Buttenhage ab. Können wir dann noch mal zu den Friedhofskatzen gehen?“

Und weg ist sie, ganz zurück bei ihrem Streifzug, in der Hand einen Strauß bunter Herbstblätter und im Kopf die Vorfreude auf unser Wiedersehen nach dem Tod. Und auf Buttenhagen.

 

 

signatur

9 Kommentare

    • Meine Kleinste ist jetzt viereinhalb, und ich glaube, ohne den konkreten Anlass der sehr gut als Kindergräber zu erkennenden Grabstellen, wäre das Thema hier auch noch nicht aufgekommen. Aber wie das so ist: wenn die Themen anklopfen und die Kinder fragen, muss man sich spätestens damit befassen und auch eine Antwort geben. Irgend eine. Manchmal nicht so leicht, finde ich. Liebe Grüße!

  1. Liebe Anna, Du hast einen tollen Blog, lesenswerte Texte und einen wunderbaren Schreibstil.
    Danke für Dich! Herzlichen Gruß, Meron

  2. Tolle Fotos sind das, schaut nach einem sehr schönen Ort aus…
    Die Fragen des Töchterchens sind aber ganz schön schwere Kost… uiuiuiuiuih. Da wüsste ich gar nicht mit umzugehen, in dem Alter…
    Meine ist nun 9, weiß auch, dass Kinder sterben können, befasst sich da aber bei Weitem nicht so intensiv mit. Allerdings ist sie bislang vom Thema Tod verschont geblieben, hat dahingehend keinerlei Erlebnisse…

    Liebe Grüße,
    die Alltagsheldin

  3. Mich haut es auch immer wieder um, wie scheinbar einfach und mühelos Kinder solche Themen angehen oder für sich selbst „deuten“. Wenn man sich das nur ein bisschen erhalten könnte…
    Toll geschrieben!

  4. Pingback: 12 von 12 im januar ::: spaziergang zu geheimverstecken

  5. mutti sagt

    Meine Tochter, gerade drei geworden, fragte neulich, wann ihre Uroma stirbt, die sei ja die älteste. Ob sie bis dahin schon Feuerwehrfrau sei. Dann habe sie eine Drehleiter bis zu den Wolken…

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