Meine Kinder sind wunderlich. Das ist nicht nur für mich nichts Neues, auch meine treuen Leser*innen wissen das, und an den Kommentaren und Emails sehe ich immer erfreut: eure sind es auch!

Aber ich bin immer wieder erstaunt, wie einfallsreich sie sind und wie sie es immer wieder schaffen, mich zu überraschen. Diese Woche haben meine beiden Kleinen, von mir auch liebevoll “meine Minions” genannt, wie immer zusammen gebadet und sich dann im warmen Bad angezogen, während ich unten das Abendessen vorbereitete. Ich hörte wildes Gegacker und dachte mir schon, dass da jetzt wieder irgend ein Klopper kommt.

 

Mini Cross-Dresser, Partners in Crime, Genderswap

Flüsternd kamen die zwei dann Hand in Hand die Treppe herunter zu mir und erschienen kichernd als vertauschte Versionen von sich selbst. Die zwei Flitzpiepen hatten nämlich nicht nur ihre Schlafanzüge und wichtigen Kuschelfetische vertauscht und sich auch auf dem Kopf “verkleidet”, sondern waren komplett in die Rolle des/der jeweils anderen geschlüpft: als Mini-Cross-Dresser standen sie vor mir und fanden sich selbst umwerfend. Sie sprachen einander mit ihren vertauschten Namen an und verlangten von mir nun auch, ich solle sie mit den richtigen Namen ansprechen: denen, die zu den Klamotten, den Frisuren&Accessoires und zu dem jeweiligen Auftreten passten – nicht zum Kind, das in der Verkleidung steckte.

Es war mir natürlich eine Freude, bei dem Rollentausch mit zu machen, den die beiden sich ausgedacht hatten. Und so saßen der Pre-Teen und ich dann amüsiert beim Abendessen mit zwei vertauschten Kindern. Die Cross Dresser wurden immer besser in ihren neuen Identitäten, je länger sie darin blieben: es wurden beim Essen die Plätze getauscht und vom Besteck des jeweils anderen gegessen und, was ich noch viel beeindruckender fand, sie schlüpften tatsächlich richtig in die Rolle des/der anderen und imitierten Mimik, Gestik und Eigenarten wie Sprache etc. des Geschwisters. Das gelang ihnen übrigens beiden ziemlich gut und sie hielten einander damit auch irgendwie den Spiegel vor: schau mal, so bist du! Siehst du, so sprichst du, so bewegst du dich, so zeigst du, wer du bist!

 

Mini Cross-Dresser, Girly, Tomboy

 

Mini Cross-Dresser, my goofy boy

Am meisten hat mich umgehauen, wie selbstverständlich das Ganze für sie war: mein Kerlchen, das oft so “typisch Junge” ist und darin meist sehr eindeutig seine Identität findet, fühlte sich pudelwohl in den Persönlichkeit seiner kleinen Schwester. Dieses Ausprobieren hat ihm wahnsinnig viel Spaß gemacht, und er war überzeugt davon, dass er nicht als er selbst zu erkennen war, so hineingeschlüpft in diese Mädchenrolle.

Auch das Goldkind war plötzlich “ganz Junge”. Sie, die mir so oft vorkommt, als sei sie in einer rosa Plüschwolke geboren worden, weil sie von jeher so ausgeprägt auf diesen Mädchen-Accessoires, Attributen, Klamotten etc. besteht, verstellte ihre Stimme, versteckte ihr Haar unter der FCB-Kappe ihres Bruders und zeigte uns, was ihrer Meinung nach dessen Jungs-Persönlichkeit ist. Sie war er, und es war erstaunlich zu sehen, wie leicht es ihr fiel, so ganz anders zu sein in ihrem Verhalten und Auftreten, als sie es sonst ist.

Das Ganze war natürlich ein Riesenspaß. Es wurde viel gekichert und gelacht und sie haben sich daran erfreut, dass jetzt natürlich niemand sie erkennen würde, wenn sie so in die Schule gingen – und die Idee war geboren. Nachdem sich die Cross Dresser also nach dem Zähneputzen (das Tauschen der Zahnbürsten konnte ich noch gerade so verhindern!) vertauscht in die Betten gelegt hatten, beschlossen sie, dass sie am nächsten Tag so in die Schule gehen wollten: der Bub in einem Kleid seiner Schwester und mit ihrem Rucksack in ihre Kitagruppe und das Goldkind in den Klamotten des Bruders und mit Schulranzen auf dem Rücken in seine Klasse. Ich staunte immer weiter vor mich hin, legte ihnen die von ihnen ausgewählte vertauschte Kleidung hin und fragte mich kurz, ob ich sie wirklich so gehen lassen sollte.

Aber ja, ich war begeistert von ihrem Enthusiasmus und angetan von der Idee, dass sie keinerlei Bedenken hatten, so “vertauscht” das sichere Zuhause zu verlassen. In ihren Köpfen gab es die Idee gar nicht, jemand könnte komisch reagieren, über sie lachen oder blöde Fragen stellen. Ich erinnerte mich daran, dass meine Eltern mal meinen Bruder in meinem Kleid in die Kita gehen ließen, als er ungefähr drei war. Weil er es unbedingt wollte. Ich habe mich immer gefragt, ob ich das als Mutter bringen würde und war mir in der Situation ziemlich sicher: ja ich würde. Wenn sie das so wollen – was soll sein?mini-cross-dresser_boy-girl.jpg

Am nächsten Morgen scheiterte das Unterfangen allerdings daran, dass das Goldkind sich nicht traute, als der große Bruder verkleidet  in seine Klasse zu gehen. Damit war das Thema erledigt. Denn ohne Tausch wollte auch der Bub nicht mehr. Es ging nicht im Prinzip ums Kleid-tragen, so wie es meine werte Blogger-Kollegin Mama arbeitet in ihrem tollen Artikel beschreibt. Es ging ums Tauschen: beide sollten in der Rolle des anderen bleiben. Als das Goldkind ausstieg, war das Cross-Dresser Spiel für den Bub auch vorbei.

Nach der Schule, wieder ganz sie selbst, haben sie sich dann die Zeit vertrieben wie immer: der Bub spielte draußen Fußball mit seinen Kumpels, das Goldkind radelte mit der besten Freundin die Straße auf und ab. Und als sie abends nach dem Baden die Treppe herunterkamen, kamen sie als sie selbst.

Nur hatten sie sich vorher gemeinschaftlich noch die Fingernägel lackiert. Und sich mit meinem Kajalstift kleine Anker auf die Arme gemalt. Ach ja. Ist das nicht wunderbar, dass es in diesen Kinderköpfen (noch) keine zementierten Kategorien gibt, die nicht durchbrochen werden können? Heute Junge, morgen Mädchen, alles geht? Ich wünschte, sie würden das behalten. Ich wünschte, wir Erwachsenen hätten mehr davon und wir würden uns öfter daran erinnern, wie es war, als es in unseren kindlichen Köpfen auch noch nicht so viele “Abers”, “Darums” und überhaupt: Grenzen gab.

Wäre das nicht wunderbar?

signatur

Comments are closed.