bloggerie, leben mit kindern
Kommentare 7

ellenbogen vom tisch? ::: tischmanieren bei kindern im alltagscheck

Tischmanieren bei Kindern, Kindererziehung, Ellenbogen vom Tisch

Neulich schrieb ich über’s Essen und die Erwartungen an das Essverhalten von Kindern. Nicht nur wurde der Artikel wahnsinnig oft geteilt, viel kommentiert und der Link durch die Gegend getweetet, es haben auch andere Mama Blogs die Thematik aufgegriffen und über ihre Familien-Essgewohnheiten geschrieben. Quasi als Nebenprodukt ist jetzt eine Blogparade zum Thema Tischmanieren bei Kindern entstanden, die von meinen lieben Bloggerfreundinenn Mia von Mama Mia und Béa von der Tollabox angestoßen wurde. Da kann ich natürlich nicht meine Klappe zu halten, wa.

Also geht’s hier heute um die Frage: brauchen Kinder die aktive Erziehung zu konventionellen Tischmanieren? Oder sind Tischmanieren bei Kindern nicht so wichtig? Sind wir froh, wenn sie überhaupt was essen und nehmen dafür in Kauf, dass sie die Ellenbogen auf dem Tisch haben und mit vollem Mund sprechen? Was ist uns wichtig, wenn wir mit unseren Kindern am Tisch sitzen und eine Mahlzeit einnehmen?

Vorbild sein oder Parolen ausgeben?

Natürlich kann ich wie immer nur von unseren persönlichen Erfahrungen berichten und was Tischmanieren bei Kindern und Tischsitten im Allgemeinen angeht, gilt für meine Kinder im Prinzip das, woran ich auch grundsätzlich in meiner Erziehung glaube: es spielt für ihre Orientierung eine größere Rolle, was wir Eltern ihnen vorleben, als das, was wir ihnen immer wieder vorbeten.

Gerade beim Essen und den Tischsitten ist mir das wichtig. Ich möchte lieber diejenige sein, der die Kinder die „richtigen“ Dinge nachmachen, statt die, die ihnen das klassische „Ellenbogen vom Tisch!“ immer wieder vorbellt. Ich möchte. Gleichwohl finde ich es oft alles andere als einfach, mein Ideal von einer in Ruhe eingenommenen Familienmahlzeit wieder zu finden in einem tumultartigen Chaos bei Tisch, wo der eine der anderen mit der Gabel auf dem Teller herumstochert und die andere dem einen die Apfelsaftschorle umkippt. Ommm…!

Dennoch glaube ich auch hier an den Vorbildeffekt als wirksamste „Erziehungsmethode“ und versuche, das durchzuhalten. Schließlich essen wir Eltern hier auch nicht mit den Fingern oder ziehen ständig die Haare durchs Essen. Jedenfalls die meiste Zeit.

Tischmanieren bei Kindern, Kindererziehung, Ellenbogen vom Tisch

Pick your battles!

Was ist mir wichtig? Stören mich die Ellenbogen auf dem Tisch wirklich so sehr? Ist es mir wichtig, dass die Kinder nicht mit vollem Mund sprechen? Oder liegt mir am meisten daran, dass sie lernen, das Besteck richtig zu benutzen und selbständig zu essen?

Wenn ich mich an meinem Ideal entlang hangele und ständig nur die Dinge sehen will, die meine Kinder nicht perfekt beherrschen beim Essen, dann bin ich ganz schnell beim Parolen-Bellen und weit weg vom einigermaßen entspannten Miteinander. Also suche ich mir aus, was mir wichtig ist und bin bei den anderen Dingen großzügiger bzw. verlasse mich darauf, dass sie im Laufe der Jahre (ja, es dauert Jahre!) sehen werden, wie es „richtig“ geht.

In meinem Fall sind das folgende, knappe Regeln, die in etwa unter Tischmanieren bei Kindern fallen:

  • Wir sprechen nicht mit vollem Mund – fällt ja sonst alles wieder raus.
  • Jeder fuhrwerkt nur auf seinem eigenen Teller.
  • Beim Essen wird nicht gespielt. Keine Kuscheltiere, Puppen, Autos oder (für die Erwachsenen) iPhones am Tisch.
  • Messer werden nicht abgeleckt – weniger wegen der Ästhetik als wegen der Gefahr.
  • Wir bleiben zusammen am Tisch sitzen, bis alle fertig sind. Wer aufsteht, für den ist das Essen vorbei (Ausnahme sind Toilettengänge). Wenn alle Kinder fertig sind, dürfen alle Kinder aufstehen, auch wenn die Erwachsenen noch sitzen bleiben.

Das sind so ziemlich die mir wichtigen Punkte, auf die ich mit meinen Kindern bei jeder Mahlzeit achte und auf die sie übrigens selbst auch achtgeben. „Papa, keine Telefone am Tisch!“ oder „Mama, leg die Zeitung weg!“ wird da durchaus auch mal angesagt. Ob die Kinder dann perfekt das Besteck benutzen, ihre freie Hand auf dem Tisch liegen haben oder immer gerade sitzen, ist mir im Vergleich nicht so wichtig.

Das heißt nicht, dass ich nicht auch mal sagen würde: „Leg den Kopf nicht auf den Tisch.“ oder „Du musst nicht freihändig essen und die Erdbeere mit dem Mund vom Teller nehmen – du bist kein Hund!“ oder „Bitte steck den abgeleckten Löffel nicht ins Nutellaglas!“ und der Klassiker: „Nicht kippeln!“ Natürlich gibt es zig solche Situationen mit Kindern, in denen sie von mir eine Ansage kriegen. Aber das sind nicht die täglichen festen Tischregeln, mit denen ich sie bei jeder Mahlzeit konfrontiere. Das fällt unter Spontan-Erziehung.

Kids are Kids

Ich glaube, Tischmanieren bei Kindern sind subjektiv. Was mich stört, mag jemand anderem grade egal sein und wie woanders die Dinge bei Tisch geregelt sind, mag mir und meiner Bande vollkommen fremd sein. Außerdem hat es auch immer was mit der Tagesform zu tun – meiner und der der Kinder. Wenn wir alle einigermaßen entspannt sind, ist es bei Tisch ebenfalls so, wenn vorher Stimmung im Gebälk ist, dann ist es manchmal besser, beim Essen auszuweichen. Ich erinnere da mal an mein Fußbodenpicknick aus meinem Artikel mit den 10 kleinen Alltagsfluchten mit Kindern, an das sich Stammleser*innen vielleicht noch erinnern: wenn die Stimmung ohnehin schon knirscht, lieber alle Regeln fahren lassen und was ganz anderes machen. Unser Fußbodenpicknick, wo mit den Fingern gegessen und dabei an der Erde gehockt wird, ist perfekt dafür und bringt garantiert ein bisschen Spaß und Entspannung in die Situation.

Unterm Strich gilt aber: Kinder sind Kinder. Sie sind keine kleinen Erwachsenen und das ist auch gut so! Und mal ehrlich: Erwachsene mit schlechten Manieren (andere nicht ausreden lassen, Hände nicht vorm Essen waschen, mit vollem Mund sprechen, beim Essen aufstehen etc.) sind tausend Mal unerträglicher als „unerzogene“ Kinder, zumal man fast sicher sein kann, das die es nicht mehr lernen werden und vollkommen immun gegen Vorschläge oder Kritik an ihrem Verhalten sind. Kinder sind in der Regel einfach sie selbst. Sie sind neugierig, voller Ideen und sie lernen jeden Tag, jede Minute etwas Neues. Das hört nicht plötzlich auf, wenn sie am Tisch sitzen, im Gegenteil: da gibt’s ja wieder jede Menge zu entdecken, zu erleben und auszuprobieren. Und ich bin davon überzeugt, dass sie auch die Regeln bei Tisch lernen, wenn wir Erwachsene es richtig machen und sie ab und zu an die Regeln erinnern, die sie kennen. Kinder sind nämlich schlau.

Tischmanieren bei Kindern vs. Familienrituale für alle

Wie bei allen anderen Erziehungsthemen auch, halte ich persönlich nichts von für Kinder nicht nachvollziehbaren bzw. nicht logisch herleitbaren Regeln. Warum muss noch mal die freie Hand beim Essen auf dem Tisch neben dem Teller liegen? Warum muss die Gabel rechts und das Messer links gehalten werden? Das erschließt sich weder für mich, noch kann ich es meinen Kindern logisch erklären.

Bei anderen Tischregeln fällt mir das leichter:

  • Mit vollem Mund sprechen sieht eklig aus und es versteht kein Mensch.
  • Aufstehen und Rumlaufen beim Essen stört die anderen und das Essen auf dem Teller wird kalt.
  • Aufstehen, wenn die anderen noch essen ist blöd: wenn einer fehlt, macht’s weniger Spaß.
  • Beim Essen spielen funktioniert nicht: es ist zu wenig Platz auf dem Tisch, es besteht akute Saftschorlen-Umkipp-Gefahr und wir können uns nichts Schönes erzählen, wenn jeder vor sich hin spielt.
  • Messer ablecken ist gefährlich: in die Zunge schneiden tut weh.

Undsoweiter. Das ist also ein weiteres Kriterium, nach dem ich Regeln auswähle, auf denen ich beharre: ergeben sie einen für Kinder nachvollziehbaren Sinn oder nicht? Wenn nicht, dann sind sie zumindest im jetzigen Stadium nicht so wichtig und werden erst mal verschoben.

Was mir wirklich wichtig ist, ist vielmehr die gemeinsam eingenommen Mahlzeit als Familienzeit. Ich möchte, dass wir das genießen, wenn nicht sogar zelebrieren. Wir machen es uns nett, wir essen etwas Leckeres, wir reden miteinander – wir sind zusammen.

Das fängt beim gemeinsamen Tischdecken an, zeigt sich daran, dass wir es uns immer schön machen (Aufschnitt oder Käse gibt’s nicht aus der Packung sondern alles wird auf eine Platte gelegt, es gibt Servietten für alle, oft haben wir am Wochenende Blumen und/oder Kerzen auf dem Tisch etc.) und läuft darauf hinaus, dass das gemeinsame Essen ein Familienritual ist, das wir alle genießen. Wir erzählen uns, was wir erlebt haben, besprechen wichtige, lustige, schwierige, belanglose Dinge und teilen eine halbe Stunde miteinander, in der wir nur miteinander sind und uns nicht stören lassen.

Natürlich fällt mal was um. Natürlich streiten wir auch miteinander. Natürlich ermahne ich meine Kinder, weil sie plötzlich mit dem Finger im Marmeladenglas rühren oder aus purem Mutwillen einem Geschwister das letzte Stückchen Wurst vom Teller klauen. Aber das empfinde ich als ganz normal und nichts Ungewöhnliches: so ist unser Familienleben doch immer – bunt, laut, in vielen Aspekten unplanbar und eben manchmal auch herausfordernd. Und so ist es eben auch beim Essen.

Dass wir WIR sind, dass wir zusammen sind, dass unsere Mahlzeiten eine feste und verlässliche Größe in unserem Familienalltag sind – das ist uns wichtiger, als jede Tischsitte. Tischmanieren bei Kindern? Ja, gerne. Aber nicht zum Selbstzweck. Lieber einmal lustig laut geschmatzt als eine ganze Mahlzeit mit geraunzten Ermahnungen. So läuft es jedenfalls im Hause Berlinmittemom. Meistens.

Und bei euch? Gibt es feste Regeln oder seht ihr das mit den Tischsitten eher locker?

signatur

7 Kommentare

  1. Hallo Anna,

    dazu eine kleine Anekdote: Wir haben vor ein paar Jahren mal bei meiner Schwägerin (4 Kinder, die Jüngsten (Zwillinge) damals etwa 4 Jahre alt) übernachtet. Den frühmorgendlichen Lärm vor dem Gästezimmer haben wir ignoriert und uns auf schönes Ausschlafen eingestellt, als meine Schwägerin in der Tür stand: Wir mögen doch bitte schnell aufstehen und zum Frühstück kommen – die ganze Familie säße hungernd am Tisch, die Allerjüngste bestünde jedoch auf der Familienregel, dass erst angefangen wird, wenn alle da sind. Also fielen wir aus dem Bett und setzten uns ungewaschen, ungeduscht und reichlich verschlafen an den Frühstückstisch. 🙂

    Liebe Grüße aus dem Rheinland
    Katja

  2. Liebe Anna, genau so! Danke!

    Meine Eltern haben es genau so gehandhabt, Regeln wurden aufgestellt, erklärt, und ab und an wieder ins Gedächtnis gerufen, wenn es denn so gaaaaar nicht geklappt hat. Ich weiß, ich hatte als Teen mal so eine Phase, wo ich mich sehr an den Tisch “ gefleetzt “ habe, wie man das bei uns nennt. Meine Mutter war da sehr cool, obwohl ich genau wusste, dass es sie nervt. Sie hat einfach irgendwann meinen Teller auf den Boden gestellt, und gemeint, wenn ich mich gar so an den Tisch hänge, könnte ich auch im Liegen beim Hund essen… Ab da war das auch geheilt 😉

    Ich habe viel mit Kindern gearbeitet und festgestellt, wenn man Kindern einen plausiblen Grund bietet, warum diese oder jene Regel notwendig ist, dann haben Kinder weniger Probleme die Regeln zu akzeptieren und sich selbst daran zu erinnern. Es muss nur Sinn machen. “ Weil das so ist und weil ich das so sage“ ist kein Grund und wird sehr schnell von Kindern in Frage gestellt und ausgetestet.

    LG
    A.

  3. Christoph Martius sagt

    Eine gemeinsame Mahlzeit – bei uns meist Frühstück – finde ich auch enorm wichtig für den Familienzusammenhalt. Ich schätze ich habe wesentlich strenger auf die „klassischen“ Tischsitten geachtet als du es beschreibst, aber immer noch viel lockerer als mein Vater… Vorleben ist natürlich das A und O. Und wenn man das erste Mal in China war, weiß man auch über kulturelle Unterschiede Bescheid;) ABER, was glaubst du, warum dich Erwachsenen ohne Tischmanieren mehr stören und warum haben die keine? Best, C.

  4. Lottissima sagt

    Wie du schreibst, ist es sehr individuell. 🙂 Ich liebe es z. B. mein Messer sauberzulecken und habe mich an den stumpfen Normal-Messern auch noch nie geschnitten. Meine Kinder tun das (noch) nicht, ich fänds aber auch nicht schlimm. (Meine Mutter kriegt die Krise, wenn sie zu Besuch ist.)
    Was mir dagegen wichtig ist: Dass ich und mein Mann uns auch mal ein paar Minuten unterhalten können, ohne dass immer ein Kind dazwischenquatscht. Das finde ich immer ganz schlimm (nicht nur bei Tisch): Wenn die Erwachsenen auf einmal ganz schnell und hastig reden, damit sie nur ja gleich fertig sind und endlich der Filius wieder an der Reihe sein kann.
    Viele Grüße aus Südtirol,
    Lottissima

  5. Janina sagt

    Stimme dir voll zu. Eine Freundin von mir hat mir heute erzählt, dass sie nie mit ihren Kindern isst, weil ihr das zu chaotisch ist. Sie wartet dann lieber, bis alle im Kindergarten oder mittags noch im Kindergarten und abends schon im Bett sind und isst dann alleine und in aller Ruhe. Die Kinder sind noch relativ klein: 5, 3 und 1 Jahr. Mir würde da das gemeinsame Familienritual fehlen. Und wie muss das für die Kinder sein, wenn man seine Mutter nie etwas essen sieht?

  6. Hallo, liebe Anna!
    Ein wunderbarer Artikel!
    Tischmanieren finde ich ausgesprochen wichtig. Nicht die hundertprozentige Umsetzung derselben durch die Kinder, aber ich möchte, dass sie wissen, dass ich keinen besockten Fuß in meiner Gemüseschale und kein Hin-und-Herlaufen während des Essens und auch kein „Iiihhh!!“ bei Tisch haben will. Und das mach ich ihnen vor. Ich ziehe meine Socken immer aus, bevor ich die Füße auf den Tisch lege… ;)))
    Ernstahft: Letztes Jahr hab ich darüber auch gebloggt, vielleicht magst dus lesen. 🙂
    http://familienfreundlich.blogspot.de/2013/09/bitte-danke-du-mich-auch.html
    Herzliche Grüsse schickt
    San

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.