was wir von der welt verstehen ::: (gold)kindermund am mittwoch
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was wir von der welt verstehen ::: (gold)kindermund am mittwoch

Kindermund, Spaziergang, Goldindsprech

Heute hatte ich eine der seltenen Situationen, in denen ich mit dem Goldkind alleine war und somit in den Genuss dessen kam, was allgemein unter Kindermund zusammengefasst wird. Abgeholt als Mittagskind und damit exklusiv mit mir unterwegs, redeten wir über dies und das, und während sie an meiner Hand die windige Schwedter Straße hinauf spazierte und über Mäuerchen kletterte, bekam ich mal wieder einen Einblick in ihre kleine Weltanschauung. Erstaunliches habe ich da erfahren… (Gold-)Kindermund am Mittwoch!

„Na, Goldkind? Was hast du heute in der Kita gemacht?“ Sie balanciert gerade über eine niedrige Mauer und schaut konzentriert auf ihre Füße.

„Das kann ich dir nicht sagen.“ Mäuerchen zu Ende, energischer Sprung nach unten, nächstes Mäuerchen gesichtet und drauf zu gehalten.

„Warum nicht? Ist das ein Geheimnis?“ Sie steht schon wieder oben, macht jetzt Seitwärtsschritte, weil ein üppiges Gebüsch weit in ihre Bahn hineinragt und sie sich vorbeidrücken will.

„Nein, aber wir haben wirklich wahnsinnig komplizierte Sachen gemacht. Das würdest du nicht verstehen.“ Zungenspitze raus zum Balance halten, Gänsefüßchen vorwärts, ein Arm nach mir ausgestreckt, aber meine Hand nimmt sie nicht.

„Achso. Versuch doch mal, mir das zu erklären, vielleicht verstehe ich es doch. Ich gebe mir ganz viel Mühe!“ Ein Hüpfer von der Mauer und ein abschätzender Blick in meine Richtung. Ein tiefer Seufzer.

„Na gut. Aber ich glaube wirklich nicht, dass du das begreifen kannst, Mama. Weil Erwachsene die Welt einfach nicht begreifen!“ Jetzt nimmt sie meine Hand und wir gehen die Schwedter Straße hinauf, sie im Hopserlauf, und der Wind weht uns die Haare wild um den Kopf.

„Schau mal. Du kennst doch Bäume, oder? Die haben eine Krone, einen Stamm und eine Wurzel. Und natürlich haben die auch Blätter und Haut und so Grünzeugs. Das ist alles wichtig, weil sie sich daran erkennen können.“ Hüpf, hüpf, hüpf. Kein bisschen aus der Puste.

„Du meinst, dass wir sie daran erkennen können. Eine Birke an der weißen Rinde, einen Ahornbaum an seinen besonderen Blättern undsoweiter?“ Sie dreht sich zu mir und macht eine Schnute. Ein bisschen ärgerlich sieht sie aus, also habe ich wahrscheinlich nicht recht.

Kindermund, Goldkind, Spaziergang

„Nein, wir haben uns das ja nur ausgedacht mit den Namen und der Rinde und den Blättern, wie die heißen und so. Aber die Bäume selbst, wenn sie aus der Erde raus wachsen, dann sehen die ihre Wurzel und dann wissen sie genau, wie sie ihren Stamm machen müssen und wie ihre Blätter. Weil sie sich daran erkennen. Und dann wissen sie, wie sie werden sollen. Verstehst du das, Mama?“

Ich schüttele den Kopf und gebe zu, dass ich es nicht verstehe. Sie streichelt meine Hand kurz, als wollte sie mich trösten, bevor sie mich loslässt und auf einen Haufen im Wind tanzender Styroporbrocken zuhält, der die Kopenhagener hoch geweht kommt und den wir gleich erreichen werden. Über die Schulter spricht sie weiter mit mir und ich folge ihr fasziniert. Und ratlos.

„Siehst du, das wusste ich. Wir verstehen das aber, weil wir klein sind. Wir sind auch grade erst raus gewachsen und erkennen uns an der Wurzel. Und dann weiß ich wer ich bin und meine Freundin Lulu weiß, wer sie ist und Philine weiß es auch. Nicht, weil ihr uns so genannt habt oder sowas. Wir waren vorher schon so. DAS haben wir heute in der Kita besprochen, meine Freundinnen und ich. Wir wissen das noch, aber du nicht. Das wusste ich, dass du das nicht verstehst!“

Und weg ist sie, geht in die Hocke und streckt die Hand aus nach dem Wirbel tanzender weißer Bröckchen von Müll, der sich wie eine Miniatur – Windhose um sich selbst dreht.

„Mama, kann ich n Aa-hais?“ Sie hat den Aldi am oberen Ende der Schwedter Straße entdeckt und richtig als mögliche Bezugsquelle von Eis identifiziert. Ich antworte nicht. Ich bin noch platt von diesem Einblick in die Welt in ihrem Kopf. Lehren die da heimlich eine mir nicht vertraute Richtung der Philosophie in der Kita? Worüber sprechen die Kinder, wenn sie unter sich sind? Geht es etwa gar nicht um Einhörner und Superprinzessinnen und wilde Welten, in denen sie fliegen können? Ich bin nachhaltig verwirrt und folge weiter meiner Tochter, die jetzt über die Straße gehen und Richtung Moritzhof die Schwedter wieder hinunter laufen will. Sie findet eine Schnecke im Gebüsch und spricht mit ihr. Klar, wieso auch nicht? Wer weiß, vielleicht versteht sie sie ja? Ich weiß jedenfalls, dass ich darüber nichts weiß. Überhaupt über viele existentielle Dinge offenbar: nichts weiß.

Kindermund, Spaziergang, Goldindsprech

Ich weiß außerdem, dass ich nichts von der Welt verstehe. Ich weiß nichts über Bäume und Wurzeln und ihre Namen. Und was diese Kinder wissen, was dieses kleine Mädchen weiß – davon hab ich nicht mal n Schimmer.

Kennt ihr das? Kindermund aus der philosophischen Ecke? So, dass ihr davor steht wie ich heute und nicht mal wisst, was ihr jetzt noch sagen sollt?

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9 Kommentare

  1. Mal wieder ein wunderbarer Artikel, zum Nachdenken.
    Meine Beiden sind aus diesem philosophischen Alter leider schon raus. Aber es ist wirklich bemerkenswert, worüber Kindergartenkinder nachdenken.
    Viele liebe Grüße aus der Altmark, Dörthe

  2. acoma sagt

    Goldkind hat recht 🙂
    Also, ich erinnere mich noch gut daran, dass ich in dem Alter sehr genervt davon war, dass meine Mutter genau diese philosophischen Ansätze nicht verstanden hat. Damals dachte ich, dass alle Erwachsenen so sind, viel später erst habe ich begriffen, dass das weniger vom Alter als vom Typ abhängt.

  3. Wir hatten neulich ein schöne Gespräch über den Tod. Schönes Gespräch über den Tod? Klingt sonderbar, war es aber: „Mama, bist du noch traurig wegen deiner Freundin?“ Ich – wahrheitsgemäß und kurz davor loszuheulen: „Ja!“ Sie: „Brauchst du aber nicht. Die A. ist jetzt da wo wir herkomemn und da ist es schön.“ Ich bin der kleinen M. echt dankbar für diese weisen Worte.

  4. Von meinem Sohn habe ich zwei Sätze in Erinnerung: „Das Leben ist lebensgefährlich.“ Und:
    „Mama, wie heißt die Einhackerbande aus Amerika?“ – „?“ – Papa hilft: „NSA.“

  5. Eetje sagt

    Hallo Anna
    Hach ist das ein schönes Erlebnis! So tiefgründig und doch „leicht“ 🙂
    Ich glaub das drucke ich mir aus, danke fürs niederschreiben!
    Lieber Gruss
    Eetje

  6. Ich hab es mir jetzt mit koffeiniertem Kopf nochmal durchgelesen und bin immer noch fasziniert. Das ist so wahnsinnig interessant. Ganz toll!

    Kennst du „Hallo Mister Gott, hier spricht Anna?“ das ist voll von diesen Kinder-Philosophien, ganz ganz toll!

    Danke für’s teilen!

  7. Heike sagt

    Ganz toller Artikel! Musste sehr schmunzeln! Meine Kinder können das auch ganz toll, nur nieder geschrieben habe ich das leider noch nie. Momentan fällt mir nur ein kleiner Satz ein, den mein Sohn vor ein paar Tagen nach dem Aufwachen noch im Bettchen liegend von sich gegeben hat:

    „An Geburtstagen schmeckt sogar die Luft nach Zitrone!!!“

    Häääh???? Aber fand ich super toll, hey mein Sohn kann sogar Luft schmecken und Geburtstage haben für ihn einen leckeren Zitronengeschmack.

    Liebe Grüße

    Heike

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