das wilde leben
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europawahl mit kinderaugen ::: einblick in 5 ansichten meiner kinder

12 von 12 im Februar, Kita, Basteln

Lieblingsbub und Goldkind sind jetzt fünf und sieben Jahre alt. Damit sind sie noch zu klein, um mit ihnen über Politik zu sprechen. Sie wissen auch nicht, was Europa ist: „Ist das eine Stadt, Mama? Oder ein Land? Ist das größer als Berlin? Oder in Berlin drin?“

Das Konzept eines Kontinents ist viel zu abstrakt für ihr Weltverständnis und das Konzept einer politischen Größe Europa erst recht.

Ich spreche also mit meinen Kindern nicht über die Europawahl oder darüber, worum es dabei gehen könnte. Dies ist kein Artikel, in dem ich die Europawahl mit Kinderaugen zeige, indem ich mit den beiden Kleinen politische Thesen diskutiert hätte. Aber sie machen sich dennoch Gedanken über die Welt, in der sie leben, immer. Sie formen in ihren Köpfen ein Bild über die Welt, in der sie groß werden. Und sie machen sich eine Vorstellung davon, wer sich darin wie bewegt und lebt.

Das Weltbild meiner Kinder ist klein, weil es (im besten Sinne) naiv ist. Einerseits. Andererseits ist es nämlich unglaublich groß, weil es in ihren Köpfen keine Grenzen gibt. Sie wissen nichts von Staatshaushalten oder von politischen Entscheidungen, sie wissen nichts von Sozialgefälle oder Territorialstreitigkeiten und sie haben keine Ahnung, was wirtschaftliche Interessen sind.

Für ihre Weltsicht existieren diese Dinge nicht. Was dabei herauskommt, wenn man mit solch kleinen Menschen über die Dinge spricht, die ihnen wichtig sind, folgt in erstaunlich einfachen fünf Punkten. Und wir könnten uns bei unseren Entscheidungen für die Gestaltung unserer Welt davon inspirieren lassen, wenn wir es schaffen, die kleine große Welt in den Köpfen unserer Kinder zu betreten.

1. „Wenn wir alle alles teilen, muss niemand mehr arm sein. Oder, Mama?“

Spricht mein Sohn und wartet gespannt auf meine Antwort. Ja, eigentlich ist das natürlich richtig und in seiner kleinen Welt, seinem Zuhause und der Schule, findet das auch genau so Anwendung – etwas, das dazu führt, dass er der Meinung ist, das sei überall in der Welt so. Oder könnte so sein. Er würde teilen, sagt er. Er sagt, bei uns könnte noch eine Familie einziehen, die genauso wäre, wie wir: Vater, Mutter und drei Kinder. Er sagt, wir hätten genug Platz und könnten unsere Zimmer teilen und es wäre lustig, immer mit zehn Menschen am Tisch zu sitzen. Ich habe ihm geantwortet, dass er recht hat und ihm nicht gesagt, wie wenig Bereitschaft zum Teilen es in unserer Welt gibt, wenn es daran geht, die eigenen Privilegien zu halbieren oder aufzugeben. Mein Sohn denkt, das funktioniert. Tut es das?

2. „Alles Essen, was ROT ist, essen wir einfach nicht mehr. Dann bleiben wir gesund und alle anderen auch.“

Sagt mein Töchterchen, das gerade in der Kita einiges über gesunde Ernährung gelernt hat. Sie klassifiziert jetzt alle Lebensmittel im Kühlschrank in rote, gelbe und grüne und passt genau auf, dass nicht zu viel ROT auf unseren Tellern landet. Soll ich ihr sagen, dass es so einfach aber nicht geht? Dass wir vielleicht bald bestimmte Dinge, die eigentlich „grün“ wären, nicht mehr bedenkenlos essen können, weil sie möglicherweise aus gentechnisch veränderten Zutaten gemacht sind? In ihrer Welt gibt es keinen Genmais und auch keine gefährdeten Bienen, keine Konzerne, die den Markt mit dieser Art Lebensmittel überschwemmen und keine halbherzige Gesetzgebung, die für so etwas den Raum bietet. Wir möchten gesund bleiben und uns weiter gesund ernähren können. Grün. Können wir das?

12 von 21 im Mai, draußen nur Kännchen

3. „Wenn es Liebe ist, ist es schön! Und wenn es viele sind, die sich lieben, ist es eine Familie.

Und natürlich wenn Kinder dabei sind.“ Das ist die Auffassung von Sohn und kleiner Tochter und so würde ihr Beschluss lauten, wenn sie darüber zu befinden hätten. Es gibt nämlich in ihren Köpfen keine Grenzen, die den Begriff von (förderungswürdiger) Familie einschränken. Sie denken, alle, die sich lieben, sollten eine Familie sein dürfen.

Sie sollen dann genau so leben können, wie sie möchten. Sie kommen nicht auf den Gedanken, dass diese Auffassung in vielen Ländern Europas und noch viel mehr außerhalb Europas undenkbar ist. Sie kommen nicht auf den Gedanken, dass es Menschen gibt, die in derselben Welt, in der sie leben, nicht so leben können, wie so möchten und mit den Menschen, die sie lieben keine „Familie“ sein können. Weil sie nicht einer abstrakten gesellschaftlichen Norm entsprechen, die Familie auf ein enges Modell beschränkt.

Meine Kinder sagen, es geht um die Liebe. Überall. Egal, wo sich Menschen lieben und wer das wie absegnet. Geht es um die Liebe?

4. „Meine Freundin Layla zieht weg, morgen ist ihr letzter Tag in der Kita. Dann wohnt sie in Spanien.“

In der Kitagruppe meiner Jüngsten gibt es Kinder aus England, Indien, Vietnam und Belgien. Layla, die Freundin, die wegzieht, ist halb bulgarisch und halb französisch und der kleine Oscar kommt aus Österreich. Berlin ist sehr international und in der Kita zeigt sich das. Wie viele Kinder in der Hautpstadt und in den anderen Großstädten unseres Landes, wachsen meine Kinder mit einer internationalen Realität auf, in der es scheinbar keine Grenzen gibt.

Die Familien ziehen innerhalb Europas und auch über Europas Grenzen hinweg um und für die Kinder leitet sich daraus ab, dass das die Normalität ist. Sie profitieren davon, dass sie in diesem Umfeld aufwachsen, sie sehen, dass es andere Sprachen, andere Religionen, andere Kulturen gibt, als nur ihre eigene. Für ihr Weltverständnis ist das wunderbar, denn es erweitert den Radius ihrer Vorstellungskraft und ihre Ideen davon, was möglich ist in einer Welt, in der so viele verschiedene Menschen gemeinsam ihren Alltag bestreiten. In der Theorie.

Sie wissen nicht, dass das nicht für alle Länder in Europa so gilt und auch nicht, dass es andere Auffassungen von Grenzen und Territorien gibt, die ganz viel davon, was sie täglich erleben, unmöglich machen würden. Sie wissen nichts von Einwanderungspolitik und Überfremdungsängsten, die in den Vorstellungswelten vieler Menschen eine Rolle spielen. Ihre Auffassung ist die einer Welt ohne Grenzen – eines Europas ohne Grenzen sozusagen. Wie sieht es aus mit den Grenzen in unseren Köpfen?

12 von 12 im Februar, Kita, Basteln, Europawahl mit Kinderaugen

5. „Alle Kinder gehen zur Schule und wenn sie fertig sind, sind sie erwachsen und dann können sie werden, was sie wollen!“

Ich bin jeden Tag dankbar, dass die Realität meiner Kinder mit ihrer Vorstellung einer gerechten Chance auf Bildung überein stimmt. Aber ich frage mich, was sie sagen würden, wenn sie wüssten, dass sie zu den privilegierten Kindern dieser Welt gehören, weil das auf ihre Möglichkeiten zwar zutrifft – aber auf die Möglichkeiten vieler anderer Kinder dieser Erde nicht. Ich würde gerne wissen, was sie dazu sagen, dass andere Kinder keinen Zugang zu Bildung haben, dass sie nicht zur Schule gehen und hinterher werden können, was sie möchten. Wie würden sie es finden, dass es in anderen Ländern keine Schulen gibt?

Oder dass es Schulen gibt, auf die nur Jungen gehen dürfen? Oder solche, in denen vorher festgelegt wird, was dort gedacht werden soll und welche Fragen gestellt werden dürfen? Was, wenn sie wüssten, dass es innerhalb Europas Länder gibt, in denen sie nicht werden könnten, was sie wollten oder in denen sie nicht mal ohne Konsequenzen frei äußern dürften, was sie denken, wenn sie mal erwachsen sind? Bildung ist der Schlüssel zur Freiheit und muss für alle Kinder zugänglich sein. Ist das so?

Die Ideen und die Weltsicht meiner Kinder ist naiv. Aber das, was sie sich wünschen oder vorstellen, sind die simpelsten, einfachsten Dinge im Leben eines Menschen. Es ist das, was sie von der Welt verstehen. Und ich finde, sie verstehen gar nicht so wenig, im Gegenteil. Das Große ist immer auch im Kleinen und das Wahre ist im Einfachen. Wir können uns an diese schlichten Wünsche und Vorstellungen erinnern, wenn wir dabei sind, das „Europa“ zu gestalten, in dem wir leben wollen.

Machen wir es gut. Es ist die Welt, die wir unseren Kindern hinterlassen werden, damit sie darin leben sollen.

signatur

 

3 Kommentare

  1. Die Welt mit Kinderaugen sehen ist oftmals sehr erfrischend. Für meine Tochter war zum Beispiel Hautfarbe lange Zeit keine Kategorie, um Menschen zu beschreiben. Für sie war eine Freundin aus der Kita, deren Eltern aus Kamerun kommen, immer die mit den langen lockigen Haaren. Die Frisur war für sie wichtiger als die Hautfarbe.

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