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die gute mutter ::: mütter-interview mit christine

Die gute Mutter, Mütterinterview, Christine Finke, Mama Arbeitet

Eine Weile hat es gedauert, bis ich euch hier die zweite Mutter in meiner Reihe mit Mütterinterviews vorstellen darf, aber hier kommt sie, Die Gute Mutter in dieser Woche: meine sehr geschätzte Blogger-Kollegin und virtuelle Freundin Christine Finke vom Blog Mama arbeitetChristine war eine der ersten bloggenden Mütter, auf die ich nach dem Start meines eigenen Blogs im Netz gestoßen bin, und seitdem habe ich nie mehr aufgehört, sie zu lesen. Christine war es auch, wegen der ich je anfing, zu tweeten und überhaupt in deren Fahrwasser ich gefühlt die erste Idee davon bekam, wie das mit diesem Leben im Netz jenseits von Facebook und stattdessen in einer Gemeinschaft von anderen (Mütter-)Bloggerinnen sein könnte. Für mich war es eine Herzensangelegenheit, sie für Die Gute Mutter anzufragen – und sie hat JA gesagt!

Christine ist für mich eine besonders beeindruckende Frau, in allen Aspekten. Ihre persönlicher Werdegang von der erfolgreichen Karrierefrau zur Wohngeldempfängerin mit Sozialpass, die sich nach der Trennung von ihrem Mann und dem betriebsbedingten Jobverlust als Alleinerziehende mit drei Kindern in einer Sozialwohnung wieder fand, ist es, der vielen zentralen Themen in ihrem Blog zugrunde liegt. Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie soziale Gerechtigkeit und feministische Belange, gehören zu den Leitmotiven in ihren klugen Texten. Dabei lesen sich ihre Artikel immer unterhaltsam und differenziert.

Sie schrieb mir einmal, sie sei, auf Blogebene betrachtet, die von der Jammerseite des Mutterlebens und bei mir sei mehr Bullerbü. Ob das objektiv so ist, sei mal dahin gestellt, aber Fakt ist, dass ich das niemals so empfinde. Denn obwohl sie oft darüber schreibt, dass es anstrengend und eine große Herausforderung ist, ganz alleine mit drei Kindern immer wieder an der Armutsgrenze entlang zu schrubben, und obwohl sie ihre Leser*innen nicht verschont mit den Einblicken in ihren persönlichen und teilweise harten Umgewöhnungsprozess, höre ich immer ihre grundoptimistische Stimme aus allem heraus. Christine jammert nicht, sie stellt fest. Sie beklagt nicht ihr Schicksal, sondern prangert gesellschaftliche Missstände an. Und bei allem, was sie erlebt und tut, hält sie die Nase in den Wind, ist offen für Neues, nimmt Herausforderungen an und… schafft es jedes Mal. Sie hat den unbedingten Willen, die Dinge, die sie zum Besseren verändern kann für andere zu verändern – nicht nur für sich selbst. In ihr ist all das Gute, an das sie selbst glaubt, und es ist ihr wichtig, das zu zeigen.

Ich freue mich also ganz besonders, sie euch heute hier konsequenter Weise als nächste in meiner Interviewreihe Die Gute Mutter vorzustellen. Vorhang auf für Christine Finke, Bloggerin, Autorin, frischgebackene Stadträtin und diese Woche… Die Gute Mutter.

Die Gute Mutter: Mütterinterview mit Christine

1. Du bist Mutter seit vierzehn Jahren und hast drei Kinder. Wenn du an die erste Zeit nach der Geburt/an die ersten Wochen mit deinem Kind denkst: an was für Gefühle erinnerst du dich? Was hat an Gefühlen überwogen?

Das war bei meinen drei Kindern, geboren 2000, 2006 und 2009, sehr unterschiedlich. Wenn ich an die erste Zeit nach der ersten Geburt denke, fallen mir die Wochen ein, als ich komplett überfordert und übermüdet war. Das erste Kind war ein Schreibaby, das extrem wenig schlief. Zudem erklärte mir mein Mann recht schnell, dass er sich zurückgesetzt fühle und forderte mehr Aufmerksamkeit ein. Kam ich dem nicht nach, hing bei uns der Haussegen schief, es flogen Teller, schlimme Szenen spielten sich ab. Wir lebten damals in Hamburg, wo ich nur kinderlose Arbeitskollegen kannte, weil wir erst kurz vor der Geburt des Kindes dorthin gezogen waren. Das war keine schöne Zeit, ich fühlte mich allein gelassen.

Beim zweiten Kind war das viel besser, der Sohn war lange herbeigesehnt worden, ich hatte eine Fehlgeburt zwischen den beiden Kindern gehabt und sogar Kinderwunsch-Behandlung hinter mir. Wie man mit einem Baby umgeht, wusste ich mittlerweile, und wir waren nach Konstanz gezogen, wo ich mich gleich viel wohler fühlte. Es war Sommer, das Stillen schien mir natürlich und leicht, und das Leben recht angenehm.

Schließlich Kind drei: die Kleine war sehr pflegeleicht, ich hatte ein Au-Pair, eine Putzfrau und einen sehr gut bezahlten Job in der Schweiz. Das war super, es ging mir gut – nur leider implodierte kurz nach der Geburt meine Ehe. Tendenzen, die sich bereits gleich zu Beginn nach der Geburt des ersten Kindes gezeigt hatten, verstärkten sich negativ und führten zum finalen Eklat, so dass ich mich trennte, als das jüngste Kind noch ein Baby war.

2. Gab es in deinem Umfeld Menschen, von denen du dich unterstützt gefühlt hast? Oder gab es welche, von denen du dir Unterstützung gewünscht hättest, die du aber nicht bekommen hast? Welche Rolle hat dein Mann in dieser Phase übernommen?

Ich hatte, bis auf die Nachsorgehebamme, nie Unterstützung vor Ort. Mein Partner war keine Hilfe, sondern eine zusätzliche Last, wie ich aber leider erst im Nachhinein erkannte, weil er mir stets sehr gut verkaufte, wie toll er sich einbringen würde. Details erspare ich uns, weil mich das in der Rückschau sehr wütend macht.

3. Erinnerst du dich an eine Situation mit deinem Kind, in der du sicher empfunden hast: ich bin die Mutter, ich bin die Expertin, ich entscheide – vielleicht sogar die erste Situation mit diesem Gefühl?

Es hat sehr lange gedauert, bis ich das Gefühl hatte, ich sei die Expertin und treffe gute Entscheidungen. Beim ersten Kind kann ich mich überhaupt nicht an so ein Gefühl erinnern, beim zweiten war ich schon sicherer, und beim dritten Kind hatte ich sofort nach der Geburt das Gefühl, alles im Griff zu haben.

4 Hast du in der Zeit, seit du Mutter bist, Ratgeber gelesen, die sich mit Kindererziehung im weitesten Sinn beschäftigen, egal in welcher Form? Wie hast du dich bei/nach der Lektüre gefühlt, was das Muttersein für dein Kind anging?

Ratgeber habe ich sehr viele gelesen, von Juul über Renz-Polster bis hin zu reinen Sachbüchern über die Meilensteine und Entwicklung. Das hat mir Orientierung verschafft und war gut. Besser aber wäre eigentlich Lernen durch Nachahmen und Rat einholen bei erfahrenen Müttern gewesen, denke ich heute. Eine nennenswerte Bloggerszene oder Social Media kannte ich damals nicht, das sogenannte „digitale Dorf“ trat erst ab etwa 2012 in mein Leben.

5. Wie wichtig sind dir die Meinungen anderer Menschen darüber, wie du mit deinem Kind/deinen Kindern umgehst und was die Grundlagen deiner Erziehung sind?

Ich bin rigoros: Rechenschaft darüber, was die Grundlagen meiner Erziehung sind, muss ich nur meinem eigenen Gewissen gegenüber ablegen. Mir ist Offenheit, Ehrlichkeit, Nächstenliebe und Toleranz wichtig. Anderen Menschen ist vielleicht Disziplin, Sportlichkeit und Ehrgeiz wichtig. Weder lasse ich mir einreden, meine Werte seien falsch, noch rede ich anderen Leuten in ihre rein.

6. Wie wichtig sind gesellschaftliche Normen für dein Selbstverständnis als Mutter?

Gesellschaftliche Normen bedeuten mir wenig. Ich habe festgestellt, dass es mir und meiner Familie besser geht, wenn wir nach unseren eigenen Regeln leben. So gibt es bei uns beispielsweise weder feste Schlafenszeiten noch gemeinsame Essensrituale. Mich engen solche Regeln unnötig ein, und meinen Kindern geht’s gut damit, wie wir das à la Bohème so machen.

7. Wenn du definieren müsstest, was Mutterschaft für dich bedeutet, was sind dann die drei wichtigsten Punkte für dich?

Verantwortung, Liebe, aber auch sehr viele Einschränkungen aufgrund meiner Situation als Alleinerziehende, die einen extrem ungünstigen Betreuungsschlüssel hat, um es mal in Kita-Deutsch zu sagen.

8. Was ist deiner Meinung nach deine größte Stärke als Mutter? Was deine größte Schwäche?

Ich bin ein Organisations- und Aufräumwunder, das ist mir von Natur aus gegeben. Egal, wie groß und welcher Art das Chaos ist, ich bekomme es in den Griff (auch im übertragenen Sinne). Das ist meine größte Stärke als Mensch und Mutter, würde ich sagen. Die Kinder verlassen sich darauf, dass Mama alles wieder in Ordnung bringt, wenn irgendwo Schwierigkeiten auftauchen, die sie überfordern. Und so ist es. Das ist umso wichtiger, als sie sich auf ihren Vater überhaupt nicht verlassen können.

Eine große Schwäche ist sicher meine Ungeduld. Ich hasse es, wenn etwas langsam voran geht und ich keinen Sinn darin sehe, dass es langsam geht (denn ich kann sehr wohl warten und habe Ausdauer). Aber wenn die Kinder bei irgendetwas herumtrödeln, macht mich das nach all den Jahren und wider besseres Wissen immer noch fast wahnsinnig.

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9. Wenn du drei Dinge nennen müsstest, die dich in deiner Kindheit und Jugend besonders geprägt haben, was wäre das?

Geprägt hat mich ganz sicher das Gefühl des Fremdseins. Fremd als Kind norddeutscher Eltern in Süddeutschland, selber nie richtig dort angekommen, die ständig darüber sprachen, irgendwann wieder dorthin zurückgehen zu wollen. Ich fühlte mich auf dem Sprung, entwurzelt, und irgendwie auch sehr verletzlich – stets fehl am Platze.

Dass meine Mutter postnatale Depressionen hatte, die damals kein Arzt behandeln wollte, hat mir den Start ins Leben sicher nicht leicht gemacht. Als sie versuchte, Hilfe zu bekommen, schickte man sie mit den Worten „Sie haben doch ein gesundes Kind, stellen Sie sich nicht so an“ und Valium weg (das sie zum Glück nicht nahm). Drittens hat mich der abwesende Vater sehr geprägt. Mein Vater war ein erfolgreicher Manager, der viel reiste. Er war im Alltag quasi nicht vorhanden.

10. Wie bist du aufgewachsen? Wie war das Familienleben in deiner Kindheit und Jugend?

Meine Kindheit war idyllisch. Ich wurde in einem Luftkurort im Schwarzwald groß, wohnte in einer Siedlung mit vielen Kindern, wir konnten auf Feldern spielen, trieben uns auf Baustellen herum, fuhren gemeinsam mit dem Rad zur Schule und lebten sehr beschützt. Meine Eltern stritten sich so gut wie nie, schwiegen sich höchstens mal an oder gingen sich aus dem Weg. Wir machten jedes Wochenende Ausflüge und fuhren im Sommer mit Neckermannreisen an die Adria. Ich wuchs behütet auf und war mir sicher, geliebt zu werden.

11. Wie steht die Mutter, die du heute bist, im Zusammenhang mit der Mutter deiner eigenen Kindheit? Bist du ihr ähnlich oder bist du ganz anders?

Ich bin zu 80% anders und zu 20% gleich, würde ich sagen. Die Ordnungsliebe und Fähigkeit, Chaos zu beseitigen, habe ich von ihr. Vieles mache ich bewusst ganz anders als meine Mutter, insbesondere respektiere ich die Privatsphäre meiner Kinder und lege großen Wert darauf, den Kindern zu sagen, dass sie gut so sind, wie sie sind. Als ich Kind war, legten meine Eltern sehr viel Wert auf die Meinung anderer.

Ich versuche, mich niemals mit emotionaler Erpressung, Gewalt und Mogeleien in der Erziehung durchzusetzen. Meine Mutter hat mich im Prinzip gehelikoptert, sie las auch mein Tagebuch und kam ständig in mein Zimmer, wenn ich mich mal zurückziehen wollte. Einen Schlüssel zum Abschließen meines Zimmers hatte ich nicht. Das führte dazu, dass ich lebenslang enorme Schwierigkeiten mit Grenzen hatte, was sich erst mit weit über 30 gelegt hat und immer wieder ein Thema ist für mich.

12. Gibt es etwas an dir als Mutter, das du nicht magst, weil es dich an deine eigenen Eltern erinnert? Gibt es etwas, das du in dir wieder erkennst und das du magst, weil es dich an deine eigenen Eltern erinnert?

Was ich an mir mag und mich an meine Eltern erinnert, ist mein Humor. Und eine gewisse Standhaftigkeit in Herzenssachen. Ich bin sehr dankbar für mein Sprachentalent, das ich von meiner Mutter geerbt habe, und ich mag mein Aussehen, in dem von beiden Eltern deutlich etwas sichtbar ist. Ansonsten erkenne ich recht viel von mir in meiner (längst verstorbenen) Großmutter mütterlicherseits wieder, der ich wohl auch ziemlich ähnlich sehe. Sie war eine eigenwillige Frau, die 1925 verbotenerweise Hosen trug und sich die Haare abschnitt. Mit 73 ließ sie sich noch Ohrringe stechen, weil sie das immer schon mal wollte. Und als sie mit 80 ins Altersheim sollte, sagte sie „Was soll ich da? Da sind doch nur alte Leute!“ Dieses Gefühl kann ich nachvollziehen – darin bin ich ihr ähnlich.

13. Was sind die wichtigsten Dinge, die du deinem Kind/deinen Kindern mitgeben willst?

Ich wünsche mir, dass meine Kinder glücklich sind und gut im Leben zurechtkommen – auch in Niederlagen und mit schwierigen Situationen. Das geht am besten, wenn sie resilient sind, also versuche ich, sie zu stärken. Sie sollen wissen, dass sie bedingungslos geliebt und angenommen sind. Ich möchte, dass sie Selbstvertrauen haben, ihrer eigenen Wahrnehmung trauen, und auch wissen, wie sie auftanken können, wenn das Leben mal kräftezehrend ist. Sich für Schwächere einzusetzen, sich das kritische Denken nicht ausreden zu lassen, und gleichzeitig das Recht zu haben, auch mal Fünfe gerade sein zu lassen, finde ich auch sehr wichtig. Und dass Humor und positives Denken alles leichter machen hoffe ich, ihnen mitzugeben.

14. Wenn du deine Kinder fragst, was sie an dir mögen, was würden sie antworten?

Weil mir meine Kinder oft sagen, dass sie mich mögen und warum, kann ich das sogar beantworten: Sie mögen an mir, dass ich zuverlässig und liebevoll bin. Dass ich gut koche, ihnen vieles erlaube, sie oft selbst entscheiden lasse, Ordnung in jedes Chaos bringe und dass ich ganz viel Vertrauen in sie habe.

15. Deine Kinder sprechen über dich und erzählen ihren Freund*innen von dir: was für eine Art Mutter beschreiben sie?

Sie erzählen von einer Mama, die auch mit dem Löffel ins Nutellaglas geht und Kinderbücher schreibt (Lego, wie cool! Und Yakari!). Dass ich oft am Computer bin, im Internet, und mit dem Bürgermeister arbeite, damit die Kinder es besser haben in der Stadt. Sie würden sagen, dass ich nicht streng bin und viel mehr erlaube als andere Mütter. Vielleicht auch, dass ich manchmal genervt bin vom vielen Trubel und den ständigen Geldsorgen. Und dass ich ihren Vater überhaupt nicht mehr leiden kann.

16. Was ist deine Lieblingsbeschäftigung mit deinen Kindern? Gibt es Rituale, die ihr teilt und die eine Bedeutung für euch haben?

Am liebsten bin ich mit den Kindern im Freibad, wenn es im Sommer richtig schön warm ist. Spielen oder gemeinsam Kochen mag ich nicht, all die klassischen Dinge, die hier stehen könnten, fallen bei mir flach. Ich lese auch nicht gerne vor, basteln ist mir ein Graus, und Ausflüge finde ich anstrengend. Was ich im Alltag am liebsten mache, ist mit meinen Kindern sprechen. Ich höre ihnen gerne zu. Und ich liebe es, wenn sie mit mir ernsthaft reden und Gedanken teilen.

Rituale haben wir nicht, entgegen allen Empfehlungen. Kein gemeinsames Abendessen oder Frühstück, keine Lesestunde oder Baden am Freitag. Unserer Rituale sind eher kleine Gesten: ich frage den Sohn jeden Morgen, ob er eine warme Milch mit Honig trinken möchte. Wenn die Jüngste abends in Bett geht, lege ich mich dazu und warte, bis sie eingeschlafen ist. Und bevor ich abends schlafen gehe, klopfe ich bei der Großen an der Türe, umarme sie, und bespreche, wann wer wen am nächsten Morgen weckt. Geht eins meiner Kinder aus dem Haus, rufe ich „Tschüß, mein Kind, bis später!“, und die Große umarme ich morgens, wenn sie um 7:15 zur Schule losgeht.

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17. Dein Lieblingskompliment, das deine Kinder dir mal gemacht haben?

„Mama, das ist schon sehr cool. Ich bin stolz auf dich“, sagte mir die Große erst vor ein paar Tagen, als ich mit einer Visitenkarte für mein ganz neues Ehrenamt als Stadträtin nach Hause kam. Der Sohn macht mir Komplimente übers Essen, Kuscheligkeit und wie lieb ich sei, und die Jüngste sagt ganz klassisch „Du bist die allerbeste Mama der ganzen Welt!“

18. Deine Liebeserklärung an deine Kinder?

„Ihr seid ganz tolle Kinder, tollere könnte ich mir nicht vorstellen. Jeder von euch hat nur die guten Seiten von Papa geerbt, und weil ihr so toll seid, tut’s mir auch gar nicht Leid, dass ich ihn kennengelernt habe.“ Ich weiß, das ist ein zwiespältiges Kompliment. Aber für uns in der Familie passt es, weil es so viele Grundnöte der Kinder aufgreift und die Liebe beschreibt, wie sie ist.

19. Ist es dir wichtig, was andere Mütter über dich denken? Vergleichst du dich mit anderen Müttern? Wenn ja: eher um dich abzugrenzen oder um dich zu bestätigen?

Meine Einstellung zu anderen Müttern hat sich sehr gewandelt in den 14 Jahren, in denen ich nun Mutter bin.

War ich beim ersten Kind noch sehr auf meinen Miniatur-Kosmos bezogen und war (gefühlt) außerdem die einzige Mutter weit und breit, hatte ich bei der Geburt des zweiten Kindes durch den Kindergartenbesuch der Großen natürlich schon Kontakt zu anderen Müttern. Zu meiner Überraschung waren viele von ihnen sogar richtig nett und schlau, aber weder habe ich den Austausch mit ihnen gesucht, noch war es für mich von Bedeutung, was sie über mich als Mutter dachten. Ich wollte gar nicht als Mutter wahrgenommen werden, sondern wenn schon, dann als Frau, als ICH. Außerdem war ich neben meiner Tätigkeit als freie Journalistin und Dozentin für Englisch voll beschäftigt mit meiner kleinen Familie, dem Ehemann und den Firmen, die wir gemeinsam gegründet hatten. Ich hatte keine Kapazitäten frei für andere Mütter.

Erst als ich mich beim dritten Kind von meinem Mann trennte und zeitgleich meinen Job verlor, bekamen andere Mütter in meiner Wahrnehmung eine Bedeutung. Ich fing nämlich an, mein Blog Mama arbeitet zu schreiben und zeitgleich viele andere (Eltern)Blogs zu lesen. Dadurch hat sich mein Horizont enorm erweitert: die anderen Frauen und Mütter im Netz sind eine echte Gemeinschaft, von der ich mich oft getragen fühle – eine Kraftquelle für mich. Dennoch spielt der Vergleich mit den Lebensentwürfen anderer Mütter für mich nach wie vor keine große Rolle, nur insofern, als dass ich es immer wieder faszinierend finde, wie viele Möglichkeiten es gibt, Dinge zu machen und zu sehen. Ich trete da aber nicht in Konkurrenz oder messe mich daran. Da würde man ja verrückt werden!

21. Gibt es Mütter oder Müttergruppen in deinem Umfeld (analog und virtuell), denen du dich zugehörig fühlst? Wie wichtig ist dieses Gefühl für dein Muttersein?

Ich fühle mich dem Mütter-Clan im Internet zugehöriger als irgendwelchen realen Gruppen vor Ort. Besonders zuhause bin ich auf Twitter unter den Frauen und Müttern, die ebenfalls einen Blog betreiben. Viele von ihnen sind sehr schlau, schnell und warmherzig. Und lustig! Das findet frau im echten Leben nicht so leicht. Diese „peers“ sind mir sehr wichtig. Einige von ihnen habe ich auch „ich echt“ kennengelernt und bin nie enttäuscht worden. Die Sache mit der Wellenlänge passt.

22. Was wünschst du dir von anderen Müttern?

Mehr Solidarität und Toleranz und weniger aufeinander Rumgehacke wäre schön. Und schlau wäre das auch. Ich vergleiche das oft mit Erfahrungen, die ich unter Feministinnen gemacht habe: leider scheint der Mensch dazu zu neigen, sich eher auf eigentlich artverwandte Gruppen in Sachen Kritik zu konzentrieren, anstatt sich für ein gemeinsames Ziel zusammenzuschließen. Das ist mir zutiefst fremd. Ich suche eher gemeinsame Nenner als Schwachstellen beim anderen.

23. Der Moment deiner größten Verunsicherung als Mutter?

Immer dann, wenn die Gesundheit meiner Kinder akut in Gefahr war. Sei es ein unachtsamer Moment am See, bei dem ein Kind hätte ertrinken können, ein Kind, das mit dem Laufrad zu schnell auf eine Straße zufährt und den Stopp-Ruf nicht hört, woraufhin ein Auto gerade noch bremsen kann, Krankenhausaufenthalte wegen akuter Dinge. Schrecklich!

24. Der Moment deiner größten Selbstversicherung als Mutter?

Wenn ich merke, dass es den Kindern gut geht, wenn ich sehe, wie sie wachsen und gedeihen, Schwierigkeiten überwinden und Fortschritte machen. Insbesondere wenn ich sehe, dass sie sich Bewältigungsstrategien für den Alltag aneignen, die mir als Kind und junge Frau sehr geholfen hätten. Kurz: wenn ich das Gefühl habe, sie seien gut fürs Leben aufgestellt und froh.

Danke, meine liebe Christine, für das schöne und ausführliche Interview und dafür, dass du uns teilhaben lässt an deinen persönlichen Erfahrungen als Mutter!

Damit schicke ich euch jetzt in den Rest von diesem goldenen Herbstwochenende und hoffe, euch macht das Interview beim Lesen genau so viel Spaß, wie es mir gemacht hat, es zu schreiben. Die Reihe gefällt mir richtig gut und ich freue mich schon auf’s nächste Kapitel von Die Gute Mutter hier auf Berlinmittemom. Ich verspreche, es kommen noch ganz spannende, bewegende, interessante und rundum schöne Mütter zu Wort.

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8 Kommentare

  1. berit sagt

    Eine tolle Frau, ein toller Blog, ein Interview bei dem ich schon im Vorwort nur nickend dasitzen konnte. Klasse!

  2. Danke für das schöne Interview! Sehr begeistert bin ich übrigens von dem Video!
    Ich kannte Christine noch nicht, aber nun bin ich extrem neugierig!
    Liebe Grüße vom Deich
    Claudia

  3. Lottissima sagt

    Mein absolutes Lieblingsinterview in deiner Serie! Habe es gerade nochmal gelesen und sage danke dafür. Besonders Christines Ehrlichkeit hat mich beeindruckt. Wer gibt heutzutage unter Müttern schon zu: Ich spiele nicht gerne, les nicht gern vor, finde Rituale nicht wichtig und den Vater meiner Kinder eher… ziemlich doof? Christine und ihren Kindern wünsche ich alles gute und werde gerne auf MAMA ARBEITET weiter lesen.

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