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wie ich mal an einer schlimmen krankheit litt und was das mit vivaldi zu tun hat

Ferienkinder, Daily Wahnsinn, Berlinmittekids

Es ist der zweite Ferientag. Es ist 20:30 und ich esse zum Abendbrot eine Handvoll Erdnussflips, als Begleitung Ingwertee und Nasenspray. Im Hintergrund läuft eine DVD, Mamma Mia. Die Kinder sitzen in Schlafanzügen auf dem Sofa und singen zusammen die dusseligen Abba-Songs mit. Immerhin. Sie singen. Gemeinsam.

Mir ist nur noch nach Schlafen, nachdem ich gefühlt den halben Tag gebrüllt und die Kinder auseinander kommandiert habe. Ich bin nämlich scheiß-erkältet und meine Laune ist entsprechend. Außerdem hatte ich in der ersten Hälfte der Nacht Probleme, durch die Nase zu atmen und in der zweiten Hälfte musste ich um meinen Platz im Bett kämpfen, weil ein kleines Menschlein sich auf, an und unter mich gedrängelt hat. Also hatte ich heute morgen beim Aufstehen zusätzlich zu Kopf-Hals-Nebenhöhlen auch noch Rücken.

Und dann, ich muss es mal so auf den Punkt bringen, leide ich zusätzlich und vor allem unter etwas Besonderem. Es muss außergewöhnlich sein, denn es verursacht unglaublich komplexe Symptome: Schwindelgefühl, Kopfschmerzen, Halluzinationen und: totalen Gedächtnisverlust.

Denn hier sitze ich, an Tag zwei der aktuellen Ferien und kann nicht fassen, dass ich schon wieder völlig gelöscht hatte, wie s c h r e c k l i c h meine Kinder sich aufführen, wenn sie Ferien haben und zu Hause sind. Ferien, ohne was zu tun. Ferien, während draußen Wetter ist und ich sie nicht zum Austoben, Abreagieren und Runterkommen raus schicken kann. Ferien, während ich Abgaben habe, arbeiten möchte, eine Reise vorbereite und nebenher den Laden am Laufen halten muss. Ferien, in denen sie sich langweilen, ständig Ausnahmen von allem verlangen und sich außerdem permanent zanken.

Ferienkinder, Daily Wahnsinn, Berlinmittekids

Wie nenne ich das? Was ist los mit mir? Wo habe ich mir das eingefangen, das mir diesen totalen Gedächtnisverlust beschert und mich erneut in diese Situation gebracht hat? Ist das ansteckend? Es muss eine Krankheit sein, denn anders kann ich mir nicht erklären, wie mir das wieder und wieder passiert, dass sich rosarote Illusionen in meinem Kopf breitmachen und die Realität überlagern.

Wenn ich mir nämlich in der Alltagsmühle zwischen Schule, Kita, zu Hause, Arbeit und Familienroutinen die Schulferien ausmale, dann schlägt dieses Halluzinationsdings voll zu und sehe ich vor meinem inneren Auge ausgeschlafene Kinder, die gut gelaunt morgens mit mir im Bett Kakao trinken und Geschichten lesen. Ich sehe uns zusammen fröhlich lachend einkaufen und Mahlzeiten zubereiten, die wir dann ohne Zwischenfälle, ohne umgestoßene Saftgläser und ohne Gemäkel an den Bestandteilen der diversen Gerichte einnehmen. In meinem Kopf entstehen Bilder von lustigen Ausflügen und lehrreichen Museumsbesuchen, dem Backen von Plätzchen oder Osterbrot, dem Färben von Eiern und Schmücken des Hauses.

Und dazwischen mischen sich die schlimmsten aller Trugbilder: ich sehe meine Kinder friedlich miteinander spielen und Playmobilszenarien aufbauen, zusammen draußen Fahrrad fahren und gemeinsam basteln und malen, während ich in Ruhe am Tisch sitzen und arbeite. Sie unterbrechen mich nicht und ich fasse einen schönen Gedanken nach dem anderen und bringe ihn zu Papier. Sie streiten sich nicht und ich trinke frischen Minztee, während die Sonne mild durchs Fenster scheint und ich termingerecht alles fertig bekomme, was ich abliefern muss. Sie helfen sich gegenseitig und schreien nicht nach mir, sie ziehen sich nicht an den Haaren und nehmen sich keine Spielzeuge weg und sie sperren sich nicht gegenseitig aus ihren Zimmern oder von irgendwelchen Spielen aus. Und über all unserem Tun liegt Glitzer und duftige Wolken und ich höre Vivaldis Vier Jahreszeiten als Soundtrack dazu.

Dann kommt der erste Ferientag und mit ihm die Kopfschmerzen und das Schwindelgefühl, denn selbst wenn dieser Tag zu Hause mit ausgeschlafenen Kindern und Kakao in meinem Bett beginnt, folgt mit Sicherheit gleich darauf der erste Streit, das erste wilde Geschrei wegen der falschen Zahnpasta auf der richtigen Zahnbürste oder der Frage, wer welche Haarbürste wohin gelegt hat. Vivaldi verwandelt sich in Rage against the Machine und die Kopfschmerzen werden schlimmer, während die Kinder den ersten Becher Milch verschütten, weil sie sich nicht einigen können, wer den roten, wer den gelben und wer den grünen Becher bekommt. Dann wird der Schwindel immer heftiger, das Telefon fängt an zu klingeln, der Postbote möchte Pakete für die Nachbarn da lassen und der Bub bekommt einen Wutanfall, weil seine Schwester aus seinem Brief an die Oma die sorgfältig aufgemalten Sterne ausgeschnitten hat. Sehr sorgfältig natürlich. Mir wird fast ein bisschen schlecht, während duftige Wolken und Glitzer sich verziehen und der Gedächtnisverlust, der mich gnädig von der Realität der harten Erinnerung an die letzten Ferien abgetrennt hat, seine Wirkung vollends verliert. Vivaldi ist verstummt, Firestarter dröhnt in meinem Kopf und ich stecke in diesem U-Bahn-Schacht im Schwarz-Weiß Video von The Prodigy.

Bäm. Ich kann dieser Krankheit keinen Namen geben, an der ich leide. Sie ist – das Namenlose. Und ich leide daran. Es ist unheilbar, scheint mir. Anders kann ich mir nicht erklären, wieso es immer wieder zuschlägt und ich mit keinem mir bekannten Mittel dagegen halten kann. Nicht mal, indem ich es aufschreibe. Denn ich schrieb schon über die Ferienkinder zu Hause und ihren Terror. Mehrfach. Es hilft alles nichts.

Denn wieso, mit all meinem Vorwissen, habe ich meine Kinder wieder nicht in der Ferienbetreuung der Schule angemeldet? Wenigstens für ein paar Stunden am Tag? Wieso habe ich mir wieder vorgegaukelt, hier sei Bullerbü, nur weil wir länger schlafen können? Wieso habe ich vergessen, wie sie sich genau dann in Stücke reißen, wenn ich ein wichtiges Telefonat führen muss und wie sie darüber streiten, wer wo schläft und wie ungerecht es ist, dass jemand schon wieder die gepunktete Müslischüssel hatte und jemand nicht, während ich Aufträge abliefern, schreiben, einkaufen, kochen, Anfragen beantworten, Rechnungen schreiben, Rechnungen überweisen, waschen, Ostern organisieren und Kofferpacken muss? Wieso habe ich wieder an die glitzerige Illusion von friedlichen Zu-Hause-Tagen und an Vivaldi geglaubt, die mich schon so oft betrogen hat?

Und wieso, um alles in der Welt, habe ich wieder zugelassen, dass die Kinder den ganzen Tag lang Musik spielen und Ohrwürmer in mein Gehirn pflanzen, wenn sie nicht gerade streiten? Von Abba über David Guetta bis Pitti Platsch und Kikaninchen. Es macht mich mürbe.

Gerade sind sie fröhlich. Sie schauen ihren Lieblingsfilm und lachen, sie singen die Lieder mit und freuen sich. Gemeinsam. Nachdem sie selbstverständlich vorher gestritten haben, wer wo sitzen darf und unter welcher Kuscheldecke. Ist klar. Ich sitze am Tisch. Ich habe kurz über Kopfhörer nachgedacht, meine tollen schalldämpfenden. Aber dann würde ich die Morddrohungen und Kraftausdrücke nicht hören, die hier losgelassen werden und das würde es der nächsten prä-Ferien-Glitzer-Halluzination wieder leichter machen, mich zu erwischen. Also keine Schalldämpfung für mich, sondern die harte Realität von Gezänk, Gesinge und Abba. Immerhin habe ich Meryl Streep. Ich will nicht undankbar sein.

Jetzt tanzen die Kinder zu Waterloo. Abba is all around. Ich fühle mich fürchterlich schwach. Wann sind die Ferien noch mal vorbei?

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14 Kommentare

  1. MamaOTR sagt

    Auch wenn Dir das gerade nicht hilft: Ich habe fürchterlich gelacht bei Deinem Post. Ich kenn das nur all zu gut, die Feriendemenz scheint also ansteckend zu sein. Immerhin bleiben wir diesmal nicht zuhause, sondern fahren (noch heute Nacht!) in Urlaub. Aber meine Grosse ist jetzt schon am Ausflippen, erster Eklat gestern Abend oO.
    Ich höre von überall: „Und, freust Du Dich auf die Ferien?“ und antworte: „Njaaaaaaa………“ .- weil es da oft auch um Bespassungsprogramm geht. Aber meine Nachbarin ist immer ganz begeistert von der Ferien, ich glaube, die haben wirklich ihr Büllerbü da drüben. Keine Ahnung, wie die das hinkriegt ;-).

  2. Ute sagt

    Danke, danke, danke!!!!!
    …für die Darstellung auch dieser Realität – ich hatte schon Sorge, es wäre nur bei uns so 🙂 Diese Feriendemenz scheint Mütter- und Bundesland-übergreifend ansteckend zu sein. Väter erkranken, meiner Beobachtung nach, eher selten daran….
    Trotzdem an dieser Stelle noch einmal: Deine Gedanken, Reflexionen und Folgerungen inspirieren mich jedes Mal auf’s Neue, maches bringt mich zum Lachen, einiges zum Weinen, aber alles zum Nachdenken…
    Gute Besserung 🙂

  3. Sunshine sagt

    Hier wütet die Seuche auch schon wieder…aber es hilft ungemein, dass wir scheinbar kein exotischer Einzelfall sind…;-)

    DANKE!!! …und trotzdem schöne Ferien;-)

  4. gabriele sophie sagt

    Ich danke dir tausendfach für diesen Beitrag. Mir gehts immer, aber auch wirklich IMMER so in den Ferien mit meinen beiden Kindern. Und dieses Wetter läßt mich noch durchdrehen…
    Durchhalten und Kooperieren!

  5. Klar. Kenne ich auch diese Feriensymptomatic. Was bei uns immer hilft: Planung. Widerstrebt mir total, weil ich in den Ferien gerne in den Tag rein lebe….. Aber die Kinder sind entspannter wenn sie klare Ziele haben. So malen wir Anfang der ferien ein Riesen Plakat und jeder darf aufschreiben was er machen will oder auch erledigen muss. Und dann arbeiten wir uns vor…. Manchmal schaffen wir es im Laufe der Ferien ziemlich viele Punkte abzuarbeiten und durchzustreichen. 

    Schöne Ferien noch!

    LG Anja 

  6. *ggg* genau DAS programm lief hier heute auch ab. genauso wechselhaft wie das wetter – vor allem im gleichen tempo (wie machen die das nur???? o_O)
    und irgendwie komm ich dank zeitverschiebung auch nicht so richtig in tritt, den tag besser zu planen und die kinder sorgfältiger vor sich selbst zu schützen.

    *tschakka* das schaffen wir auch diesesmal 😀

    lg tina

  7. Anna, sowas kannst du doch nicht schreiben! Ich lebe noch mit dieser Bullerbü-Ferienphantasiewelt! Also im Kopf – in echt ist das Kind für Ferien ja noch viel zu klein. Ich werde mich beizeiten um Ferienbetreuung kümmern. Du…äh…willst doch sicher noch ein weiteres Ferienkind betreuen, oder? ich habe ja auch mal gehört, das Kinder ganz anders sind, wenn Besuch da ist. DAS stimmt doch, oder? Oder?!?

  8. Hahaha… herrlich! Hier auch nix mit Büllerbü! Hätte es aber auch immer sehr gerne. Deine Wunschvorstellung ist genau nach meinem Geschmack, aber wir schaffen das hier nicht mal ansatzweise…heul. Und zu allem Übel habe ich noch nicht mal richtig Urlaub. Augen zu und durch!

    Gute Besserung!

    Liebe Grüße von Jenny

  9. elli sagt

    als lehrerin brauche ich erholung in den ferien – meine kinder kriegen so viel,fernsehen und ausnahmen, wie sie wollen. gerne auch extra taschengeld für süßigkeiten. ey, es sind FERIEN!

  10. kiko2014 sagt

    Ich kann dir sagen warum du sie nicht in der Ferienbetreuung angemeldet hast!
    a) hast Du keine Lust jeden Tag 2 x hin-und-zurück zu fahren, wie an den Schultagen, DAS macht nämlich neben dem Ausschlafen die Mama-Ferien aus + b) ist das Rabenmutter-Gen wieder stärker gewesen mit der inneren Stimme, die da immer und immer wieder sagt, du bist doch im Home-Office eh zuhause, du siehst die Kinder sowieso immer seltener, genieß die Zeit wo sie noch bei dir sein wollen, u.v.m. 🙁

    Ich sende Dir hiermit die Viren der Gegenteilitis! Mit der habe ich mich irgendwo angesteckt und die hat mir erstaunlicherweise geholfen und vielleicht steckst Du Dich ja an! 🙂

    Mir graust es schon Tage, ach was WOCHEN vor den Ferien. Ich male mir aus wie ich wieder nix schaffen, wie es hier aussehen wird, wie oft gelangweilt ein Kind um die Ecke kommt und die magischen 18 Buchstaben benutzt: Mammaaaaaaaaaaahhh… und dann weiter mit … darf ich … kann ich …. oder …. ich weiß nicht was ich machen soll! Ich weiß dann schon wie ich mit mir ringe die Ausnahmen nicht zuzulassen und wie oft ich die Nachbarn verfluche, bzw. die unterlassene Absprache, dass die mit Ihren Kids die ALLE die erste Woche weggefahren sind, während wir die 2. Woche weg sind!

    Und was soll ich sagen …. seit dem ich mich SO davor fürchte, mir nichts mehr vornehme für die Zeit, ja sogar schon Aufträge und Termine abgelehnt habe …. klappen die Ferien hier EINWANDFREI! Ein paar Bücher aus der Bücherei, ein paar Kisten mit Spielkram den sie lange nicht mehr gesehen hatten und ich habe sogar … *flüstermodus* gearbeitet!

    Also, hier sind ein paar Viren! *rüberpust*

    Aber verrat mich nicht, hier fangen die Ferien erst morgen an und ich bin sehr gespannt!

    Dir weiterhin gute Besserung!

  11. Woa! Beim Lesen hatte ich das Gefühl, Du sitzt neben mir.
    Ich hatte mich mal wieder so so so auf die ferien gefreut. Und dann wieder das. Bähm!
    Am ersten Ferientag habe ich die beiden größerem Mädels für 20 Minuten alleine gelassen, um die Kleine vom Kindergarten abzuholen.
    Als ich zurückkam lag im ganzen Haus (!!!) Essen verstreut. Eine hatte der anderen das Essen versalzen und die hat dann damit rumgeworfen. Wie bitte kommt man auf so eine bescheuerte Idee?
    Und normalerweise sind meine Kinder eigentlich keine, die gegenseitig körperliche gewalt ausüben. Sie sind eher mit dem Mund brutal. Aber in den Ferien mutieren sie zu kleinen Kampfmaschinen.
    Liegt das am Wetter? Mehr als eine halbe Stunde am Stück kann man fast nicht draußen sein. Und ich bin ehrlich gesagt froh, daß die elektronische Fußfessel (DVD) da ist. Wenn die Plätze verteilt sind herrscht wenigstens für eine halbe Stunde Ruhe.
    Das blöde am Homeoffice ist, daß man zwar abends arbeiten könnte (wenn man nach einem solchen Ferientag noch Energie hat), aber telefonisch erreischt man dann niemanden mehr.
    Alles wird gut. Ferien haben zum Glück auch ein Ende. Und dann kommt wieder Gehirnweichspüler und wir freuen uns auf die nächste schulfreie Zeit 🙂

    Liebe Grüße
    Suse

  12. Es ist immer so wohltuend, an deinem Alltag teilhaben zu dürfen. Und tröstend. Und jetzt habe ich kein schlechtes Gewissen mehr, dass der Große diese Woche in der Ferienbetreuung war und der Kleine in die Kita ging, damit ich noch fertig arbeiten konnte. Und ich wappne mich für die nächste, gemeinsame Ferienwoche. Denn diese Krankheit erwischt mich auch immer wieder.
    Alles Gute und starke Nerven, Rosa

  13. Pingback: simpler sattmacher für die ferienkindermeute ::: fächerkartoffeln mit käse

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