herz & seele
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über erinnerungen und nahe gefühle ::: frühstück am todestag

Todestag

Manchmal liegen die wichtigen Dinge im Leben und in unserer Gefühlswelt so dicht beieinander, dass der Übergang von purem Glück und Sorglosigkeit zu Trauer und Tränen ganz fließend ist und scheinbar von selbst passiert. Tatsächlich ist es so, dass die beiden Seiten zusammen gehören: Glück und Leid, Freude und Trauer. Ich habe das oft in meinem Leben erfahren und heute ist ein Tag, an dem alles ganz dicht unter der Oberfläche ist, all diese Gefühle, zum Greifen nah. Und statt sie zu vermeiden, statt einen Bogen um diese anstrengenden Empfindungen zu machen, die so viel Energie kosten, lasse ich sie heute aufsteigen und schaue sie mir an, mit Lächeln und mit Tränen, denn heute ist der vierte Todestag meiner Mutter und ich bin am selben Ort wie damals, es ist ein warmer Sommertag wie damals und ein Gewitter ist spürbar auf dem Weg.

Ich bin auf dem Darss. Seit vielen Jahren fahren wir hier hin und ich frage mich mittlerweile, ob meine Liebe zu diesem Ort, das Gefühl der Verbundenseins hier auch deshalb so stark ist, weil ich genau hier war, als meine Mutter starb. Vielleicht ist diese Erfahrung ein Teil davon und es fühlt sich auch deshalb immer so an wie nach Hause kommen…? 

Heute morgen am Frühstückstisch sprachen wir darüber, dass heute der Tag ist und wie dieser Tag vor vier Jahren ablief. Die Kinder wollten alles genau wissen, so wie sie immer nach gemeinsamen Erinnerungen fragen wie nach den Tagen ihrer jeweiligen Geburten oder dem Kennenlernen ihrer Eltern oder der ersten Ehe vom Berlinmittedad oder oder oder. Wir erzählen die Geschichten meistens gleich, sogar dem Wortlaut entsprechend gleich und prägen damit ihre Erinnerung, als wäre es tatsächlich ihre eigene, selbst erlebte. Tatsächlich schreiben wir damit eine neue Geschichte in das Familienbuch der gemeinsamen Erinnerungen und Erlebnisse, auf die wir uns dann alle berufen können: so war das damals.

Todestag

Auch die Kinder haben gespürt, wie dicht wir an den Trauergefühlen von diesem Tag waren, und zuerst scheuten sie ein bisschen davor zurück, tiefer in die Geschichte hinein zu tauchen, weil sie selbst Teil davon sind und sich plötzlich und heftig an ihre eigenen Trauergefühle erinnern und an die der anderen um sie herum. Aber es genügte ein Satz, "Heute ist Omas Todestag und vor vier Jahren waren wir auch genau hier…", damit sie anfingen Fragen zu stellen. Was haben wir gemacht? Wo sind wir dann hingegangen? Wer war bei der Oma, als sie starb? Was war noch mal Omas Lieblingsgedicht? Wo haben wir sie noch mal gesehen? Welche Blumen haben wir ihr in den Sarg gelegt? Was hatte sie an? Haben wir sie mit ihrer Lieblingskette beerdigt? …

Es war merkwürdig und auch irgendwie richtig, einfach so darüber zu sprechen, am Frühstückstisch. Wie sie gestorben ist, wann das war, was alle zu diesem Zeitpunkt gerade gemacht haben und wie es uns damit ging. Und die Kinder reagierten jedes auf seine Weise und tauchten in die Erinnerungen ein, die eigenen und die erzählten.

Das Goldkind weiß selbst nichts mehr davon, aber sie ist das sensitivste meiner Kinder und kann die Stimmungen der Menschen (und Tiere meist auch) um sich herum extrem gut aufnehmen, so dass sie unverzüglich die rohe, brutale Trauer ihrer großen Schwester auffing und sich in ihren Arm schmiegte, noch bevor diese selbst anfing, zu weinen wie damals. Der Lieblingsbub hat eigene Bilder und Erinnerungen an diese Tage, er weiß noch, wie er vor der verschlossenen Schlafzimmertür seiner Oma saß, wo seine weinende große Schwester im Bett lag und alle wegstieß, die sie trösten wollten, während er selbst sie bewachte und sich weigerte, etwas zu essen. Sie sprachen darüber und erinnerten sich gemeinsam. "Du wolltest mich nicht haben. Ich war traurig." "Ich konnte niemanden ertragen. Ich war eifersüchtig, weil du noch so klein warst und sich für dich alles anders anfühlte." "Ich habe gegen die Wand getreten, das war gut." "Alle waren so traurig und verzweifelt, das hat mir Angst gemacht." …

Und ich? Ich kann mit einem Finger und ohne viel Kraftaufwand den Alltagsschutzwall durchstoßen, einfach so, und bin sofort wieder mitten in diesem wilden Gefühlstaumel von Trauer, Schmerz, Liebe, Dankbarkeit, einer großen Ratlosigkeit, der Weigerung, zu verstehen, was gerade passiert und gleichzeitig dem Bewusstsein, etwas Existentielles zu erfahren. Ich weiß noch dass ich sowas dachte wie: "Das ist sowas wie die letzte Stufe vom Erwachsensein: selbst Mutter sein und keine eigene Mutter mehr haben." Ich weiß noch, dass ich dachte, ich kann das nicht ertragen. Und ich weiß noch, wie erstaunt ich bemerkte, dass ich es doch kann.

So viel Liebe und Schmerz in den letzten Wochen vor ihrem Tod, so viel Elend und gleichzeitig so große Dankbarkeit für alles, was ich erfahren durfte. So viele Fragen, die offen bleiben mussten, so viele Antworten, die ich meinen Kindern plötzlich geben können sollte. Bis heute.

Das Vermissen geht nicht weg, auch nicht nach vier Jahren. Ich könnte noch viele Briefe an meine Mutter schreiben, ihr noch viele Fragen stellen und immer wieder könnte ich mit derselben Dringlichkeit ausdrücken, wie sehr sie fehlt, jeden Tag, seit sie weg ist. Nach vier Jahren ist der Schmerz nicht weniger, er ist nur weiter abgesunken und hat sich fester eingebettet in Alltagsgeräuschen und Alltagsgefühlen. Ein bisschen ist es so: Trauer und Vermissen sind auch zu Alltagsgefühlen geworden, nicht so beliebig, einfach nur genau so präsent.

Heute bist du vier Jahre tot, liebe Mama, und das hinzuschreiben, schmerzt mich genau wie an diesem Tag, der sich gar nicht fern anfühlt. Heute schreibe ich es dennoch hin, weil meine Trauer, unsere Trauer und unsere Sehnsucht nach dir kein Mü kleiner geworden sind. Mindestens einmal im Jahr möchte ich das laut sagen.

signatur

11 Kommentare

  1. Was für ein Satz „Das ist sowas wie die letzte Stufe vom Erwachsensein: selbst Mutter sein und keine eigene Mutter mehr haben.“ So wahr. Noch schlimmer fühlte es sich für mich an, als später mein Vater starb, Vollwaise zu sein ist in jedem Alter grausam, die Erkenntnis, dass da niemand mehr ist, mit dem du Kindheitserinnerungen teilen kannst.

  2. Puhhh! Wie emotional und mitreißend. Deine Worte berühren mich sehr. Wie stark Du bist, ihr seid, liebe Anna! Darüber zu reden, die Trauer zuzulassen, ist fast immer enorm schwer und schmerzhaft. Aber es hilft auch, oder? Unvorstellbar die damalige Situation. Denn Du musstest (musst) neben Deiner eigenen Trauer auch die Trauer Deiner Kinder auffangen. Und zu erleben, wie sie leiden, die Mäuse, ist bestimmt doppelt hart! Wir kennen uns zwar nicht, aber das, was ich so über Deinen Blog und FB mitbekomme, bist Du (trotzdem) eine coole, lebenslustige Frau! Bleib so und behalte die Gefühle von damals – so schmerzlich sie auch sein mögen – bei Dir!

    Ich habe leider kein brillantes Verhältnis zu meiner Familie. Mit meiner Mama habe ich zuletzt vor etwa 8 Wochen kommuniziert, gesehen zu Weihnachten. Das ist traurig, aber wir geben uns beide nicht sonderlich viel Mühe. Vielleicht ist es endlich mal (wieder) Zeit, das zu ändern…

    Alles Liebe!
    Eni

    http://thirty-ehrlich.de/

  3. Carolin Pletsch sagt

    Anna du hast es mal wieder so schön geschrieben! Danke für die tollen Worte. Auch wenn ich diese Gefühle zum glück noch nicht hatte, werde sie irgendwie so nah! „Die letzte Stufe des Erwachsen werdens“ hat mich sehr beeindruckt. So hab ich es noch nie gesehen. Fühlt euch alle mal ganz fest gedrückt an dem heutigen schweren Tag!

  4. Eva sagt

    So schoen geschrieben, Berlinmittemom! Ich wuensch Dir viel Liebe, Kraft und Sonnenschein.

  5. Lisa sagt

    Vielen Dank dass du das hier mit uns teilst. Meine Mutter ist vor fast 3 Jahren gestorben und gerade kommen so viele Gedanken und Gefühle in mir auf…

  6. SuZa sagt

    „Ich weiß noch dass ich so sowas dachte wie: „Das ist sowas wie die letzte Stufe vom Erwachsensein: selbst Mutter sein und keine eigene Mutter mehr haben.“ Ich weiß noch, dass ich dachte, ich kann das nicht ertragen. Und ich weiß noch, wie erstaunt ich bemerkte, dass ich es doch kann.“
    Genau das denke ich beinahe jeden Tag. Immer dann, wenn meine Kinder wieder einen tollen Schritt gemacht haben, wieder etwas gewachsen sind, etwas schönes sagen oder machen…dann denke ich: Schade, dass das meine Mama das nicht mehr sehen kann. Schade, dass sie mich meine Kinder nicht so liebevoll erziehen sieht, wie sie es mit mir und meiner Schwester tat. Ich glaube, manchmal ist sie stolz auf mich, weil ich viele Dinge so mache, wie sie es tat. Ein Erbe, quasi. Liebe Anna, du berührst mich immer so sehr mit deinen Texten über deine Mama (und nicht nur die!), denn du rührst in mir immer genau die Gedanken auf, die mir selber oft nicht zugestehe zu denken, denn manchmal fehlt mir noch der Mut spontan traurig zu sein. Ich bin nach einem Jahr noch nicht richtig in der gelebten Trauer angekommen. Du schreibst mir das aus der Seele und machst mich mutiger. Einfach auch, weil ich weiß, dass es „andere“ auch schaffen… Danke.

  7. Ich drück´ dich ganz feste aus der Ferne! (( :O* ))
    Und ja, du hast Recht: Es wird nicht weniger … auch nicht nach inzwischen fast 12 Jahren!

    Knutscher, Ines!

  8. Fühle Dich herzlich umarmt, auch wenn wir uns nicht persönlich kennen. Ich finde es wichtig und richtig und ganz großartig, dass Ihr in Eurer Familie zusammen auch über diese Gefühle sprecht. Denn ich kenne Familien, da ist das ein großes Tabu-Thema, Trauer, Schmerz und Tod. Aber wie Du schon schreibst, sie gehören eben auch mit dazu, zu unserem Leben.

    Danke für diesen schönen Text an diesem besonderen Tag. Hat mich sehr berührt, meine Mama hatte im Februar ihren ersten Todestag. Und Du hast es so wunderbar richtig formuliert, der Schmerz wird nicht weniger, er ist nur weiter abgesunken….

    alles Liebe

    tanja

  9. Marlen Begic sagt

    was du geschrieben hast, hat mich berührt und es ist so. die trauer wird nicht weniger, sie wird anders. ich hab meinen geliebten Papi verloren, vor jetzt fast 15 jahren und trotzdem kommt es mir so vor, als ob es doch erst war. ich dachte die welt bleibt damals stehen,… aber nein sie dreht sich erbarmungslos weiter. und das ist auch gut so. und jetzt weiß ich, dass er mir immer vom himmel aus zusieht, all die jahre und sieht was ich mache. leben, arbeiten, heiraten, urlaube, die geburt unserer zwillinge…und alle die schönen Momente die noch kommen. Besondere Menschen vergisst man einfach niemals.

  10. Wie sag ich immer, seit meine Mutter vor 1,5 Jahren gestorben ist (mein Vater ist schon seit 25 Jahren tot):
    Ab jetzt bin ich kein Kind mehr … (mit weit über 40), aber es trifft dieses Gefühl doch sehr deutlich.

    Viele Grüße
    Andrea

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