herz & seele
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alle bekloppt! ::: die geschichte von der tasche und dem kind

Mama Alltag, Alltagssituationen, Muttersein

Heute ist mir etwas Seltsames passiert. Heute war ein Tag, an dem mir lauter schlecht gelaunte, meckerige, verrückte Menschen begegnet sind. Leute haben sich angeschrieen und angerempelt, sich die Parkplätze vor der Nase weggenommen und sich Stinkefinger gezeigt, sind sich mit den Einkaufswagen gegenseitig in die Hacken gefahren und haben sich angepflaumt, statt sich zu entschuldigen. Alle bekloppt!

Mich hat es auch erwischt, seit langem mal wieder. Und das ging so…

Ich war mit den zwei MInions im Supermarkt und wir schlenderten gerade im Schneckentempo so im Eingangsbereich rum, ich las auf meinem Einkaufszettel und die Kids steuerten aufs Zeitschriftenregel zu, da registrierte ich im Augenwinkel zwei Kinder, die so halb hinter, halb neben mir ebenfalls in dieselbe Richtung strebten. Ich trug eine nicht eben kleine (noch leere) Korbeinkaufstasche über dem Arm, daher war meine Sicht nach schräg hinten ein wenig eingeschränkt.

Plötzlich keift mich jemand hinter mir an: "He, Sie! Siiiie! Da geht ein KIND!" Ich drehe mich irritiert um, weil ich mir gar nicht denken kann, wer gemeint sein könnte. Ich bin's, tatsächlich. Hinter mir steht eine giftig wirkende Großmutter und keift weiter: "Sie! DA! GEHT! EIN! KIND!"

Ich: "Ja doch, ich sehe das KIND. Was ist das Problem?" Die besagten Kinder waren inzwischen längst an mir vorbei.

Sie: "IHRE TASCHE! Das KIND geht da, da ist ihre Tasche im Weg!"

Ich, irritiert: "Ja nun, meine Tasche hat leider hinten keine Augen. Ich übrigens auch nicht. Das Kind vielleicht schon? Es ging ja vorwärts…?"

Sie, immer lauter: "Aber das KIND! … verletzt sich an Ihrer Tasche!"

Ich, lachend: "Das KIND hat sich nicht verletzt, ich habe das KIND gesehen, vorher schon. Und meine Tasche ist im übrigen leer, ich wüsste nicht, wie sie eine Verletzungsgefahr darstellen sollte, selbst wenn das KIND frontal hineingerannt wäre. Was es nicht ist. Sehen sie, da vorne geht das KIND, unverletzt."

Sie: "Sie…! Sie…! Mit Ihrer TASCHE!"

Ich, beschwichtigend: "Ja, doch. Alles ist gut. Es ist nichts passiert, Ich habe das KIND gesehen, wirklich, ich habe nämlich Augen. Im Gegensatz zu meiner Tasche…"

Sie, im Vorbeirempeln: "Jetzt kommen Sie mir doch nicht so! Augen!" Greift sich die stehengebliebenen Kinder, die sich fast an meiner Tasche lebensgefährlich verletzt hätten und rauscht ab.

Mama Alltag, Alltagssituationen, Muttersein

Jetzt frage ich mich, was da passiert ist. War die Frau tatsächlich irre oder hat sie sich nur aus welchen Gründen auch immer wahnsinnig über mich geärgert und ungefiltert alles rausgelassen? Meine Kinder standen irritiert am Zeitschriftenstand und das Goldkind fragte mich: "Warum war die Frau denn so böse auf dich?" "Ich weiß es nicht, Schatz. Sie fand mich offenbar… rücksichtslos."

Und das hat mich wirklich unvorbereitet getroffen: eine vollkommen fremde Person, die n i c h t s über mich weiß, weist mich zurecht, weil sie findet, dass ich Kindern im öffentlichen Raum keinen Platz zugestehe. Dass ich und meine Tasche selbstvergessen umherwandern und die Kinder um uns herum einfach ausblenden, weil wir das immer so tun. Meine Tasche und ich. 

ICH. Die ich quasi ständig damit befasst bin, Kinder zu stärken und ihre gleichberechtigte Existenz in dieser Gesellschaft zu proklamieren. Die sich mit anderen Erwachsenen über die Rechte von Kindern streitet. Die in der Nachbarschaft, der Familie, der Schule, dem Freundeskreis etc. immer diejenige ist, die Partei für die Kinder ergreift und deren Radius, ihre Lautstärke, ihre Spiellust und ihre Selbstvergessenheit verteidigt und als große Qualität von Kindsein anerkennt. Der Kinder wichtig sind, nicht nur die eigenen. Die unter anderem deshalb von anderen als "Muttertier" bezeichnet wird – und das ist definitiv nicht als Kompliment gemeint. Der vorgeworfen wird, dass sie alles durch die Kinderbrille sehen würde. Die sich wegen dieser Haltung von den immerselben Menschen leicht spöttische Bemerkungen einfängt. Und der das schon lange egal ist.

Diese Frau hat mich gesehen, wie ich zerstreut auf meinen Einkaufszettel schaute und langsam vor mich hinschlenderte. Sie sah: eine von diesen egoistischen Frauen, die anderen im Weg herum stehen, ohne es überhaupt zu merken. Die so große Taschen über dem Arm tragen, dass sie anderen den Weg damit versperren und nicht mal darüber nachdenken. Die sich nicht für andere interessieren, schon gar nicht für Kinder. Das hat sie gesehen. Nichts darüber hinaus.

Und ich? Ich weiß nichts über sie. Auch ich habe nur eine giftige Großmutter gesehen, die auf Krawall gebürstet auf mich losgegangen ist, obwohl ich aus meiner Sicht völlig unschuldig war. Ich weiß nichts über ihre sonstigen Kämpfe, über ihre Beziehung zu diesen zwei Kindern, die ihr offensichtlich sehr am Herzen lagen oder darüber, was ihr an diesem Tag schon begegnet ist, bevor ich mit meiner Tasche des Wegs kam.

"Mama, aber du hast doch gar nichts Schlimmes gemacht? Soll ich der Frau hinterher laufen und ihr sagen, dass du nichts Schlimmes gemacht hast, damit sie nicht mehr böse auf dich ist?" "Nein, Schatz. Nicht nötig. Ich war offenbar gerade ihr Blitzableiter. Das ist manchmal so." "Was ist ein Blitzableiter, Mama?" …

Ich nehme mir nach dieser seltsamen Begegnungn vor, wieder bewusst großzügiger zu sein mit anderen. Und mit mir selbst. Manchmal gibt es so Tage, da sind alle bekloppt, auch wir. Und möglicherweise sind genau das die Tage, an denen wir ein lautes Lachen als Blitzableiter viel nötiger brauchen als einen hitzigen Wortwechsel mit einer Person, über die wir nicht so viel wissen, wie wir glauben.

Passt auf euch auf.

signatur

8 Kommentare

  1. Oh – ich bewundere, wie ruhig du gebliebe bist – ich arbeite seid Jahren…. Jahrzehnten… an mir, ruhig zu bleiben… und seid 3 Jahren nehme ich mir jedes Jahr auf’s neue vor, mehr Gleichmut zu entwickeln. Mutig alles gleich zu sehen… leider immer noch keine Tugend von mir…

    Ich bin ein Stein…
    Ich bin ein Stein….
    Ich bin ein Stein im fließendem Gewässer….

  2. Friederike sagt

    O je – mach die „Tasche des Grauens“ am besten zum Halloween-Kostüm oder so …!
    Deine Gedanken rund um Blitzableiter gefallen mir – und ich vermute, sie treffen genau.
    Herzliche Grüße aus Leipzig und gute Nacht!

  3. Schön geschrieben, jetzt musste ich doch schmunzeln.
    Manche Menschen sind einfach merkwürdig. Gerade die älteren Damen sehen den Supermarkt wohl meist als Bereich der ihnen gehört und wehe man setzt auch nur einen Fuß falsch auf.
    Ich wäre wahrscheinlich nicht so ruhig geblieben. Aber das hast du ganz super gemacht ; ).

    Liebe Grüße
    Nicole

  4. Dann werde ich mich mal den Rest des Tages damit beschäftigen, wie man ein Kind mit einer Tasche verletzen kann… Wenn man sie ihm nicht gerad überbrät. Leute gibt’s;)

  5. Anna, gerade wollte ich den Tag beenden und nun habe ich doch noch schnell deinen Beitrag gelesen. Aus dem Herzen geschrieben, manchmal treffen zwei total verschieden Sichtweisen aufeinander. Eine „verrückte“ Zeit gerade. Schön geschrieben. Liebe Grüße Jule

  6. Heike sagt

    So ähnlich erging es mir letzte Woche auch. Und obwohl ich weiß, dass ich das nicht persönlich nehmen darf, schließlich kennt diese Person mich nicht, rege ich mich innerlich trotzdem furchtbar auf und es lässt mich dann den ganzen Tag nicht in Ruhe. Nicht aufregen – nur wundern 😉

  7. Konstanze sagt

    Diese Blitzableiterfunktion habe ich neulich um 6 Uhr morgens in einem Zug übernommen – völlig überraschend, geradezu überwältigend und ich habe mir das Geschehen ebenso wie Du rekonstruiert, denn ich spürte, wie ich den Mann, der voller Frust und Wut war, mit meinen Worten überhaupt nicht erreichen konnte. Das nächste Mal (ich befürchte, ähnliches passiert sowieso wieder) will ich versuchen, meine GFK-Kenntnisse aufzurufen, anstatt mich und mein Ego verletzt zu fühlen.

  8. e-milka sagt

    Vor Kurzem bin ich auch in so eine Situation reingerutscht und dachte mir – „Ausgerechnet mir?“. Ich steuerte mit meinem großen Kind teilweise aus Gewohnheit (wegen dem Kleineren, zu diesem Zeitpunkt Abwesenden), teilweise aus Bequemlichkeit auf den Fahrstuhl an der U-Bahnstation hin. Hinter mir – ein Kinderwagen mit einem frischgebackenen Elternpaar und eine Mama mit einem etwas sperrigen Fahrradanhänger. Beide Partien durchgelassen, da wir, diesmal ohne den Kinderwagen, natürlich flexibel sind. Und wie ärgere ich mich manchmal innerlich eben über die „egoistischen“ Menschen, die zuerst einsteigen und keinen Platz für die Kinderwagen lassen. Wir also als die Letzten eingestiegen und dabei fiel mir auf, dass ich ja doch zu der Zwischenebene muss, folgerichtig wäre es besser doch zuerst einzusteigen. Der Fahrstuhl hält an, ich komme nicht an dem Anhänger vorbei, dachte aber (falsch, wie sich herausstellt), das das junge Elternpaar vor mir weiterfährt. Da sich aber hier nichts tut, frage ich (dachte ich, in einem neutral-höflichen Ton), ob „Vielleicht Sie…?“. Und dann bekomme ich eine wütende Antwort von dem jungen Papa :“Warten Sie mal, sie sehen doch, dass hier ein Kinderwagen ist“. Ich bleibe natürlich stehen und versuche noch zu beschwichtigen, aber hier ist nichts mehr zu retten: „Ja, ja, ich sehe es doch, ent…“. Der junge Papa regt sich noch mehr auf „Ja, halten Sie die Fr…, ich hasse so was, immer dasselbe“. Sie steigen auch in der Zwischenebene aus und ich höre ihn noch fluchen.
    Mein Kind geht ganz erschrocken an meiner Seite. Und ich denke nur, ob ich es verdient habe. Bin ich wirklich zu einer unaufhaltsamen Dränglerin geworden, die keine Rücksicht auf die jungen Eltern nimmt, die ja die Kunst des KiWa-Fahrens noch nicht perfekt beherrschen? Lag es an dem Ton? Oder war ich, ähnlich wie bei dir, der eine Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte? Weil das Baby zwar da war, aber die Welt doch nicht so rosig wie erhofft, weil man vor Müdigkeit und Frust jemanden zusammenschreien möchte, weil die Behörden was verschleppten und man sich noch dazu mit einem Haufen Papierkram auseinandersetzen musste? Ich weiß es nicht, ich konnte es aber auch nicht so leicht abschütteln und vergessen.

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