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und was ist, wenn ich oma vergesse? ::: über kindertrauer, erinnerungen und anker

Kindertrauer, Umgang mit dem Tod, Trauerarbeit, mit Kindern über den Tod sprechen

Es gibt Dinge, die gehen nicht mehr weg, wenn man sie einmal erlebt hat. Sie graben sich in unsere Herzen ein und hinterlassen Spuren in unseren Seelen, die uns verändern, unwiderruflich. Wenn ein kleiner Mensch in unsere Mitte geboren wird, ist das so ein Augenblick, aber auch wenn jemand stirbt. Ich weiß das nicht erst seit dem Tod meiner Mutter, aber ihr Tod ist es, der mir immer wieder vor Augen führt, wie nachhaltig das in uns allen wirkt. Mein kleinstes Mädchen, mein Goldkind, war erst zwei Jahre alt, als sie sich von dieser Oma verabschieden musste. Aber obwohl sie so klein war, hat es sie geprägt, das habe ich gerade erst wieder festgestellt. Eine kleine Geschichte über Kindertrauer und Anker der Erinnerung gegen das Vergessen…

Schluchzen aus dem Kinderzimmer, dann leises Weinen, gleich nebenan. Ich bin in unserem Schlafzimmer dabei, Wäsche zusammen zu legen (meine liebsten Abendbeschäftigung. Nicht!), als ich höre, dass nebenan das Goldkind anfängt zu weinen. Sowas ist eigentlich gar nicht ihre Art, jedenfalls nicht diese Art von Weinen, dieses leise, tieftraurige, allein in ihrem Bett. Sie ist sonst eher für große Auftritte zu haben mit möglichst großem Effekt auf die Umgebung. Das hier ist untypisch. Das ist was Ernstes.

Ich lege das gerade gefaltete Schlafanzugoberteil vom Lieblingsbub auf seinen Stapel und gehe nach nebenan. Das Nachtlicht ist an, ihre Lichterkette leuchtet über ihrem Bett und die CD mit ihrer Lieblingsgeschichte läuft leise. Alles wie immer. Aber im Bett liegt ein Mäuschen und weint.

"Was ist denn los, mein Schatz? Warum musst du denn weinen?" Kleine Arme schlingen sich um meinen Hals und ein nasses Gesichtchen drückt sich an meine Schulter. Dann weint das Kind lauter.

"Mama… Ich bin so traurig!"

"Das kann ich sehen, Herzchen. Aber warum, das weiß ich nicht. Magst du es mir sagen?" Nicken, schluchzen, schlucken, durchatmen. Dann schauen mich verweinte Äuglein an und der kleine Mund verzieht sich schmerzlich. Dann bricht es aus ihr heraus:

"Ich bin so traurig, weil ich an die Oma denken muss. Und daran, dass ich mich gar nicht mehr richtig an sie erinnern kann! Ich weiß alle Sachen über sie und so, aber ich weiß sie nicht mehr von s e l b e r, verstehst du, Mama? Und ich habe gar kein Erinnerungsstück an sie, nur Fotos! Und ich hab sie so lieb gehabt, das weiß ich noch, aber sonst weiß ich nix mehr und das macht mich so traurig…!"

Kindertrauer, Umgang mit dem Tod, Trauerarbeit, mit Kindern über den Tod sprechen

Und dann weint es weiter, das kleine Mädchen und mir steckt ein dicker Kloß im Hals, als ich sie wieder in die Arme nehme und sie auf meinen Schoß kriecht. Was soll ich sagen? Mir gehen tausend Dinge durch den Kopf, Dinge, die ich selbst kaum in Worte fassen kann, so viel, worüber ich mit ihr schon so oft gesprochen habe und noch dreimal so viel, was ich vor ihr noch niemals auch nur erwähnt habe. Meine eigene Trauer steigt sofort wieder an die Oberfläche, wie sie es immer tut, wenn sie eine kleine Chance dazu sieht. Aber ich muss jetzt mit der so speziellen Kindertrauer meiner Tochter umgehen.

Ich spreche mit ihr. Ich erzähle ihr davon, wie ihre Oma war. Was sie mochte und worüber sie am lautesten lachen musste. Wie sie sich gefreut hat, als sie, das bis dato jüngste Enkelkind, geboren wurde. Und wie sie die erste war, die entdeckte, dass die grauen Augen des neugeborenen kleinen Mädchens immer heller wurden und sich anschickten, blau zu werden. Mein Kind auf meinem Schoß wird ruhiger, das Weinen hört auf. Sie hört mir zu und nickt und fragt nach. "Die Oma hat uns immer vorgelesen, stimmt's?" Ja, hat sie. Immer. "Und wenn wir dort waren, durften wir morgens immer zu ihr ins Bett, richtig? Und da durften wir mit ihrem elektrischen Bett rauf und runter fahren. Ich weiß das noch!" Sie wird fröhlich und wir reden und erzählen.

Ich erzähle ihr nicht, wie sie selbst bei unserem letzten Besuch im Haus meiner Mutter offenbar so schockiert war von der Veränderung, die mit dieser Oma vor sich gegangen war, dass sie nicht mehr in ihr Zimmer gehen mochte, sondern an der Tür stehen blieb. Meine Mutter war davon sehr betroffen, hat aber versucht, es sich nicht anmerken zu lassen. Das Herzensmädchen und der Lieblingsbub gingen über die Veränderungen hinweg. Sie krochen zur Oma ins Bett wie immer, ein bisschen vorsichtiger vielleicht, aber dennoch. Das Herzensmädchen übernahm das Vorlesen, meine Mutter konnte es schon nicht mehr, aber sie lagen dort zusammen. Wie immer. Diese Erinnerung schmerzt unglaublich, mir kommen die Tränen, wenn ich das hinschreibe: da stand mein kleines, blondgelocktes Kind in der Tür zum Schlafzimmer meiner Mutter und schaute zu, ging nicht mehr hinein, wollte nicht in die Nähe des Bettes gehen, fremdelte erstmalig in ihrem Leben mit dieser von der Krankheit gezeichneten Oma. Davon erzähle ich ihr nicht.

Stattdessen werfe ich Anker für ihre eigenen Erinnerungen. Kleine Ankerchen an dünnen Fäden, keine starken Ketten, die alles an Ort und Stelle halten. Ich erzähle ihr davon, wie wir gemeinsam in Portugal waren und sie auf Omas Arm durch den Pool getragen wurde. Wie sie dabei ihre Angst vorm Wasser verlor und ganz glücklich juchzte. Das kann sie nicht mehr wissen. Ich erzähle von den letzten Herbstferien, in denen sie mit Oma im Wald war und Nüsse gesammelt hat. Welche Lieder sie zusammen gesungen haben und wie sie Kerzen anzünden durfte, mit Omas Hilfe. Und dann, plötzlich, fällt ihr etwas ein, was ich ebenfalls verschweigen wollte:

"Mama, gell, wir haben die Oma noch mal besucht, als sie schon tot war." Ich nicke, unsicher, was sie noch weiß und ein bisschen ängstlich davor, was jetzt möglicherweise kommt. "Wir haben sie im Sarg gesehen, da hatte sie ihren Lieblingsschal um und die Nase war ganz kalt. Die habe ich angefasst." Ich nicke wieder. "Ja, das hast du. Du warst auf meinem Arm, wir waren alle da: Papa, die beiden Großen, Opa und Viola, alle Lieben Menschen. Wir haben uns verabschiedet." Jetzt nickt sie und meine Erinnerungen überschlagen sich. Ich weiß noch, wie ich gehadert habe mit der Idee, die Kinder mit ins Beerdigungsinstitut zu nehmen, aber das Herzensmädchen bestand darauf und wir hatten das Gefühl, auch die Kleinen müssten sehen, was das heißt: tot sein. Meine Schwester hatte unsere Mutter umgezogen und mir versichert, sie sähe aus wie sie selbst. Zur Sicherheit hatte sie ein Foto gemacht und mir gezeig. Sie hatte recht. Da war nichts Schlimmes, Gruseliges, Fremdes an ihr. Das war sie. Sie war nur tot. 

Mein Kind weint nicht mehr. Sie nimmt ihre geliebte Feder zur Hand und streichelt sich damit im Gesicht. Dann schaut sie mich an: "So eine Feder hatte ich dabei, Mama. Damit habe ich Omas Gesicht gestreichelt, als sie tot war. Und die Feder war schwarz. Ich weiß es noch." Sie hat recht, auch ich erinner mich genau. Der Faden am Anker ihrer Erinnerung wird fester und stärker, während sie spricht. Er hält viel mehr als nur ein paar fragile Bilder und Sequenzen aus der kurzen gemeinsamen Zeit, die sie mit ihrer Oma hatte. "Sei nicht traurig, Mama. Die Oma liebt uns immer noch und wir sie. Und wenn wir mal sterben, sehen wir sie wieder. Zuerst du und dann ich."

Das Kind klettert von meinem Schoß und legt sich wieder in sein Bett. Es ist seltsam getröstet, die Kindertrauer ist ruhig geworden, denn es hat seinen Anker neu geworfen und seine Erinnerungen wieder belebt. Ich küsse meine Tochter und sitze noch einen Moment an ihrem Bett, ihre kleine Hand in meiner. Als ich aufstehe, hält sie mich fest: "Darf ich morgen eins von deinen Erinnerungsstücken an Oma haben, Mama? Vielleicht einen Schal? Du kriegst dafür meine Feder."

Alles ist richtig, alles ist gut. Manchmal steckt nämlich sogar in der schwersten, tiefsten Trauer ganz viel Zuversicht: in unseren Erinnerungen liegt die Liebe. Die geht niemals weg.

signatur

 

9 Kommentare

  1. Liebe Anna,

    ich sitze tränenüberströmt an meinem Schreibtisch und habe eine Gänsehaut nach der anderen.

    Du hast mich so berührt mit Deinem Text. Du hast es so gut gemacht und Deine Tochter so schön und richtig getröstet.

    Meine Mutter ist gestorben, bevor sie ihre Enkelkinder kennenlernen konnte.
    Als mein Vater einige Jahre später starb, waren meine drei Kinder 2 Jahre (die Zwillinge) und 8 Monate alt.

    Sie können sich überhaupt nicht mehr an ihren Opa erinnern. Das macht mich manchmal traurig und ich frage mich dann, ob das nicht sehr egoistisch von mir ist.
    Wenn meine Kinder merken, dass ich z.B. an den Geburtstagen meiner Eltern traurig bin, ist ihnen das unangenehm und sie versuchen, mich abzulenken.
    Ich erkläre ihnen dann, dass es nicht schlimm für mich ist, traurig zu sein, sondern dass ich – im Gegenteil – die Trauer brauche und die Erinnerung an meine Eltern.

    Ich lebe mit meinen drei Kindern, die heute 14 und 12 Jahre sind, alleine und ich merke, dass sich meine Kinder große Sorgen um mich machen. Vor sechs Jahren bin ich selbst an Brustkrebs erkrankt. Es geht mir zwar wieder gut, aber die Angst bleibt. Meine Kinder fangen heute noch an zu weinen, wenn sie an meine Behandlungszeit denken. Ich selbst versuche, diese Zeit zu verdrängen.

    Du hast so einen schönen Satz geschrieben. Ich werde ihn mir aufschreiben und merken, denn er tröstet mich so sehr:

    „Alles ist richtig, alles ist gut. Manchmal steckt nämlich sogar in der schwersten, tiefsten Trauer ganz viel Zuversicht: in unseren Erinnerungen liegt die Liebe. Die geht niemals weg.“

    Danke, liebe Anna!

    Liebste Grüße

    Susanne

  2. Sonja sagt

    Du bist so wunderbar einfühlsam, ohne kitschig zu sein! Ich lese Dich unheimlich gerne!
    Liebe Grüße aus dem Süden der Stadt…

  3. Liebe Anna,
    Ich sitze auch hier an meinem Tisch und weine……so ein wunderschöner Text……da kann man nur weinen.
    Bei uns ist das Thema auch leider sehr aktuellll…..der Opa meiner beiden Söhne ( 4 und 8) ist vor zweibWochen verstorben…..der große Sohn redet garnicht darüber, dafür der kleine andauernd…… Er sagt es ganz oft „stimmts Mama, der Opa ist gestorben?“
    Wir erinnern uns dann auch an all die schönen Dinge, die wir mit ihm erleben durften.
    Vielen Dank für deinen Wunder,wunderschönen Text.
    Viele Grüße…….Nina

  4. Liebe Anna,
    traurig und schön. Ja, wir nehmen Menschen auf, wir nehmen Abschied. So ist das Leben, sagt die Bindenwahrheit und dennoch trifft einen immer so hart.
    Meine beiden Kinder haben ihre Omas nie kennenlernen dürfen, weil die eine meinen Mann bereits in zartem Altern von 2 Jahren verwaist hat und meine Mama von uns ging, als ich 22 war. Ich wünschte mir für meine Kinder und für mich anders, genauso wie ich mir innbrünstig wünsche, dass uns der Opa aus Polen lange erhalten bleibt (zu dem anderen haben sie aufgrund der noch grösseren geographischen Entfernung leider kaum Kontakt und wenig Bezug). Und wenn ich daran denke, fühle ich das Bandeisen ums Herz. Und ich überlege noch mal – sollen wir noch ein Drittes in die Welt setzen, auf das Risiko hin, dass es vielleicht den Opa gar nicht kennenlernt oder eben keine Erinnerungen behalten wird?

    Wir hatten am Wochenende den 8. Geburstag der kleinen gefeiert. In den Räumen nebenan – eine andere Versanstaltung, hauptsächlich ältere Damen. Die luden die Kinder zum Tanzen ein und ein Geburtstagssändchen mit der Keyboard-Begleitung war auch vorgesungen. Und dann in der Küche „passten“ sie spontan auf den Kleinen auf. Und ich könnte fast heulen, weil es doch so schön ist und dennoch so sehr nicht unser Leben, ein sozusagen geklauter Augenblick aus dem Leben fremder Menschen. Wir könnten es auch so schön haben, aber es geht ja nicht. Sei ganz doll gedrückt.

  5. Liebe Anna!
    Danke für den schönen Text! Mir sind schon im ersten Absatz die Tränen gekommen und auch jetzt noch… ich bin dir unendlich dankbar. Meinen drei Süßen geht es so mit unseren lieben Opi, der plötzlich ziemlich jung aus dem Leben gerissen wurde :-(. Meine Kleinste durfte ihn leider gar nicht mehr kennenlernen – ich war damals schwanger…
    Ich drücke dich fest!
    Alles Liebe, Verena

  6. Liebe Anna, Du ahnst nicht, wie gut mir Deine Texte über die Trauer tun. Hab aus tiefstem Herzen ganz vielen Dank dafür, Du nimmst mir so viel von meiner Angst.

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