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vom loslassen ::: brief an eine mutter III

Brief an eine Mutter, Loslassen, Erziehung, Baby, Babyzeiten, Ratgeber, Tipps

Liebe kleine Mama,

es wird Zeit für einen neuen "Brief an eine Mutter", denn schon hat sich dein Leben mit deinem Baby wieder verändert, dabei ist es doch gerade mal elf Monate alt. Es ist ein herrliches Leben mit diesem kleinen vitalen Menschlein an deiner Seite und die Freude über dein Kind steht dir ins Gesicht geschrieben, sobald dein Blick auf es fällt. Du bist entzückt und begeistert, wie dein Kind sich entwickelt und jeden Tag neue Dinge lernt.

Nur werden die Dinge irgendwie… größer. Es geht nicht mehr nur um schlafen und stillen, wickeln und baden. In diesen Dingen ist dein Baby inzwischen ein Profi und ihr beide ein eingespieltes Team. Die Dinge, die es jetzt beschäftigen, sind anderer Art. Es geht ums Robben und Krabbeln, ums Aufsetzen und sich an Gegenständen aufrichten, ums Blättern in Büchern und das Aufklauben kleiner Sachen vom Boden. Es geht darum, alles anzufassen und zu untersuchen, in den Mund zu stecken und zu benagen, um festzustellen, um was es sich im Einzelfall handelt. Und es geht um Kommunikation mit dir und anderen Menschen. Um Mimik, Gestik und Sprache. Das alles fasziniert dich und du beobachtest dein Baby nicht nur, du unterstützt es, beantwortest seine Bedürfnisse nach Unterhaltung, Bewegungsfreiheit und Erkenntnisforschung und richtest die Umgebung so her, dass sie anregend und zugleich sicher ist für dein Kind.

Aber du bist auch seltsam bewegt von dieser neuen Phase in eurem Leben, denn du spürst schon das, was der Subtext unter dieser realtiv neuen Situation mit deinem Kind ist: es strebt erstmalig aktiv fort von dir, es verlangt nach Autonomie und es ist versessen auf's Selber Tun. Und dabei bleiben Frustrationen nicht aus.

Du liest dein Kind

Ihr seid ein Team, du und dein Baby, und auch wenn du jetzt viele neue Seiten und Fähigkeiten an ihm entdeckst, es ist dein Baby. Ihr seid eng verbunden seit Monaten, so eng, wie du bisher mit keinem Menschen verbunden warst; diese Verbindung hilft dir jetzt, es zu lesen. Du kannst inzwischen längst sicher unterscheiden, ob dein Kind Hunger hat oder müde ist, wenn es weint und du erkennst an seinem Ausdruck, ob es ein verstärktes Nähebedürfnis hat oder einfach mal eine Pause braucht. Jetzt siehst du ein neues Repertoire an Verhaltensweisen an deinem Baby und wendest deine Kenntnis dieses kleinen Menschen auf neue Bereiche an.

Dein Baby jammert anders. Es will etwas, schafft es aber noch nicht. Oder es versucht etwas Neues wieder und wieder und ist begeistert und gegruselt gleichzeitig von diesen neuen Möglichkeiten. Du schaust es an, es schaut dich an. Ihr seid zusammen in dieser neue Situation und du liest sein Verhalten neu. Aber zu dieser Aufgabe, die du ja schon kennst, kommt ein entscheidender Aspekt neu dazu: dein Baby braucht dich zwar ebenso wie bisher, aber es w i l l dich vielleicht auf einmal ganz anders. Du sollst die Dinge nicht für es tun, es will sie selbst tun. Nein, du sollst den Löffel nicht halten und es füttern, es möchte das Essen in die Hand nehmen und selbst zum Mund führen. Und nein, es will nicht mit den Sachen aus seiner Spielzeugkiste spielen, die du ihm hinstellst, es krabbelt dir nach und will im Bad deinen Schmuck oder deine Tampons ausschütten und alles anfassen. Viele solche Situationen erlebst du jetzt täglich mit deinem Baby – in Serie. Es bringt jetzt nicht mehr nur seinen Unmut zum Ausdruck, weil du seine Grundbedürfnisse befriedigen sollst: Hunger, Durst, Nähe, Schlafbedürfnis etc. Jetzt will es TUN. Es will die ganze Zeit und immerzu Dinge tun. Selbst. Auch ohne dich. Deine Aufgabe hat sich verändert, denn jetzt bist du plötzlich auch gefordert, dein Baby einfach mal machen zu lassen.

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Du ermutigst dein Kind und du setzt ihm Grenzen

Es will aber dennoch oft mehr, als es kann. Es wagt sich an neue Aufgaben, die es nicht auf Anhieb bewältigen kann und es möchte außerdem Dinge tun, die gefährlich sein könnten. Aus Babysicht natürlich nicht, aber du weißt es besser. Wenn es "nur" das Restwasser aus der Duschwanne aufleckt, ist das vielleicht zwar eklig aber sicher nicht so schlimm. Wenn es sich allerdings am wackeligen Regal nach oben zieht, das auf es stürzen könnte, sieht das Ganze schon anders aus. Die neue Aufgabe für dich lautet also auch: Grenzen setzen oder Situationen vermeiden, ohne gleichzeitig dein Kind zu entmutigen. Das Regal anzudübeln und die Badezimmertür geschlossen zu halten sind relativ einfache Maßnahmen, aber du möchtest ja, dass dein Baby, sich an etwas hochziehen kann, wenn es das will und es soll auch mit Wasser experimentieren können. Also schaffst du deinem Kind Möglichkeiten und lässt es immer neue Dinge ausprobieren, während du gleichzeitig erstmalig den sicheren Rahmen definieren musst, indem es sich bewegt.

Du hast Vertrauen in dein Kind

Dein Baby kann zum ersten Mal bewusst weg von dir. Es macht Unsinn und fordert dich heraus, es versteckt sich und will mit dir spielen, aber es will auch ganz bewusst unbeobachtet von dir Dinge tun und ausprobieren. Vielleicht ist dir das unheimlich und du fühlst dich noch seltsam dabei, es auch einfach mal "ziehen" zu lassen. Aber du vertraust in dein Kind und in seine erwachenden Fähigkeiten: dein Kind kann das. Und weil du die Bedingungen geschaffen hast (geschlossene Badezimmertür und angedübeltes Regal…), in denen es sich sicher ausprobieren kann, kannst du es auch mal aus deinem Sichtfeld krabbeln lassen. Es "ruft" ab und zu nach dir und du rufst zurück. Deine Stimme ist die Versicherung und das Band, das dein Baby hält, damit es weiß, du bist noch da, du hast Vertrauen in es und in die Situatione. Ihr könnt das. Zusammen.

Du hältst die Hand deines Kindes

Dein Baby verändert sich. Die berühmte 3-Meter-Regel, nach denen ein Krabbelkind sich nie mehr als diese drei Meter von seiner Bezugsperson entfernt, bevor es zurückkehrt, löst sich mehr und mehr auf. Dein Baby krabbelt weiter weg von dir, es geht an deiner Hand die ersten Schritte und du fühlst schon den Moment voraus, indem es deine Hand loslassen und die ersten Schritte tun wird.

Und so sehr du dich darauf freust und jeden Entwicklungsschritt deines Kindes mit großer Freude registrierst, so seltsam fühlt es sich auch an, dass dieses kleine Wesen sich in einem knappen Jahr so dramatisch verändert hat und jetzt auch seinen Radius dementsprechend vergrößert. Ja, du bist das Zentrum seines Universums, aber es ist auf dem Weg in neue Welten: voller neuer Erfahrungen und Begegnungen, die nicht notwendigerweise immer mit dir zusammenhängen müssen. Ganz anders als der Start ins gemeinsame Leben vor einem Jahr.

Du hältst die Hand deines Kindes und du bist die haltende Hand im Hintergrund, wenn es sich auf macht, neue Welten zu erobern. Es braucht die Gewissheit, dass du da bist, dass du es hältst, damit es sich auf den Weg machen kann – fort von dir. Die Hand halten hat eine neue Dimension bekommen, denn zum ersten Mal lasst ihr bewusst ab und zu und immer öfter – los.

Lass mich dir sagen, dass das eine deiner zentralen (gar nicht mal so) neuen Aufgaben als Mama ist: loslassen. Eigentlich fangen wir in dem Moment mit dem Loslassen an, wenn unsere Kinder nach der Geburt abgenabelt werden, aber mit jeder neuen Entwicklungsphase, mit jedem neuen Abschnitt im Leben unserer Kinder müssen wir es wieder und wieder tun. Manchmal fällt es uns leichter und manchmal schwerer, manchmal merken wir es nicht mal. Immer, immer halten wir die Hand unserer Kinder, aber das physische Festhalten wird mit jedem Monat, jedem Jahr, weniger zentral. Jetzt ist die Zeit, in der dein Baby das erste Mal bewusst loslässt oder loslassen wird. Und das bedeutet auch für dich, dass du loslassen musst. Und auch wenn sich das jetzt noch merkwürdig anfühlt oder sogar unmöglich – im Loslassen steckt all das, was ich oben beschrieben habe: das Vertrauen in dein Kind, das Lernen als Team mit deinem Kind, das Formulieren von Grenzen und das Bereitstellen der geeigneten Umgebung für dein Kind, die Ermutigung und das Aushalten von Frustrationen auf dem Weg – all das bildet den Boden, auf dem ihr gemeinsam steht, euer Fundament, das euch die nächsten Jahre als Mutter-Kind-Paar tragen wird.

Lass ruhig ein bisschen los. Ihr könnt das, du und dein Baby. Und alles wird gut sein.

signatur

P.S.: Wie gefällt euch diese Briefe-Serie "Brief an eine Mutter" eigentlich? Soll ich das weitermachen? Interessiert euch das?

5 Kommentare

  1. Larissa sagt

    Ich finde die Serie super! Unbedingt weitermachen 🙂

    Lese deinen Blog total gerne. Liebe Grüße Larissa 

  2. Ja bitte, weiterschreiben! Sohnemann entwickelt sich noch mal so viel schneller als seine Schwester, da trifft Dein Text gerade genau ins Schwarze. Unsagbarer Freude über sein Können und Trauer um das Babysein, gefolgt von einem tiefen Atemzug und – loslassen. 

    Selbst mit der Übung, die ich schon habe, ist das manchmal gar nicht so leicht. 

    Liebe Grüße

    julia

     

  3. sunshine sagt

    Bitte ganz ganz unbedingt weiter schreiben…ich liebe diese Briefe! Wie deinen ganzen Blog;-)

  4. Andrea sagt

    Ja, auf jeden Fall weiterschreiben, bitte:-) Zufällig ist mein zweiter Sohn jetzt auch gerade 11 Monate alt, und ich habe ihn (und mich) so sehr wiedergefunden in Deinem einfühlsamen Text!

  5. Steffi sagt

    Ich habe keine eigenen Kinder, aber viele kleine Wunderwesen im Freundeskreis und im Juni werde ich zum ersten Mal Tante. 🙂 Ich finde deine Serie toll und lese sie sehr gerne. Über eine Fortsetzung würde ich mich sehr freuen!

    Lieber Gruß
    Steffi

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