kindermund: rühreier, uschi & ein sack ::: die desensibilisierungstherapie
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kindermund: rühreier, uschi & ein sack ::: die desensibilisierungstherapie

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Mein Sohn ist ein Schatz. Ein liebevoller, empathischer kleiner Mensch, der in der Regel sehr bewusst durchs Leben geht und mit dem man überall auftauchen kann, ohne Angst haben zu müssen, dass er was anstellt oder sich daneben benimmt (außer wenn er Hunger hat. Dann wird er böse. Aber das ist ein anderes Thema…). Ich würde zu Zeiten sogar eine Garantie dafür übernehmen, dass er überall wunderbar klar käme: im Sterne-Restaurant ebenso wie im Museum oder im Konzertsaal oder bei "Königs" am Esstisch. ABER. 

Es gibt leider eine massive Einschränkung, die ich seit einiger Zeit machen müsste, wenn es um die "Königstauglichkeit" meines Sohnes ginge. Er ist nämlich absolut NULL in der Lage, sich zusammen zu reißen, wenn es um bestimmte Reizwörter geht. Oder Wörter, die sich auf die Reizwörter reimen. Oder ihn daran erinnern. So ungefähr. Alles, was aus dem thematischen Umfeld von primären und sekundären menschlichen Geschlechtsmerkmalen kommt, löst garantiert einen Anfall von Albernheit aus, der leicht bis zum Zusammenbruch führen kann. Aller Beteiligten. Und das geht zum Beispiel so.

Es ist Ostern. Wir sitzen am gedeckten Ostertisch, alles ist festlich und schön und die Familie ist zusammen gekommen, um ein Osterfrühstück gemeinsam zu genießen. Da sitzen wir, zusammen mit meinen (zum Glück megacoolen!) Schwiegereltern und mit der Familie meines Schwagers, die neben ihm selbst noch aus meiner Schwägerin, einer Nichte und einem Neffen besteht. Aus Lieblingsbubsicht: einem großen, coolen Cousin, der nur witzige Sachen von sich gibt und überhaupt von allem die ultimative Ahnung hat. Die Jungs sitzen nebeneinander und haben schon ordentlich vorgeglüht in Sachen alberne Vokabeln. Wir essen also und unterhalten uns, da sagt meine Schwiegermutter in ich-weiß-nicht-mehr-welchem-Zusammenhang: "Also das… (was auch immer) kann ich nicht verknusen!" Prustendes Gelächter und Unter-den-Tisch-Gefalle bei den Jungs: "Bahahahaha…! VerKNUSEN! BUSEN!" Die Mütter atmen tief durch, die Großeltern und die Väter kichern, die insgesamt 3 Schwestern der Delinquenten verdrehen genervt die Augen.

Das, meine lieben Freundinnen und Freunde, ist eine echte Prüfung. Die Phase mit der Affinität zu deftigen Schimpfwörtern schien gerade überstanden, da wechselte der Bub von einem genüsslichen Schei..e nach dem anderen nahtlos zu P…nis, Schniedel, dem bereits zitierten Busen und anderen entsprechenden Vokabeln. Und "Uschi" durfte auch keiner mehr heißen, weil dann… Ihr wisst schon.

Und ich kann berichten: es nervt unglaublich. Ich glaube, mich hat noch nie irgend ein Verhalten irgend eines meiner Kinder mehr an den Rand meiner Geduld gebracht, als die alberne, präpubertäre, kullerndkicherige Begeisterung meines Sohnes für diese Art Vokabular. Es ist unerträglich. Und keine Maßnahme fruchtet! Ich rede vernünftig mit ihm, er hört zu und nickt, aber sobald ich sage: "Was, um Himmels Willen, ist an BUSEN den nur so lustig, Bub?", rollt er schon wieder brüllend vor Lachen an der Erde. Ich bin fasziniert davon, wie leicht man ihn aus der Fassung bringen und auch außer Gefecht setzen kann, nur mit der Anwendung gewisser Vokabeln. Aber ich bin m a s s i v entnervt davon. Und, ganz ehrlich, mein eigenes, von Haus aus ziemlich lockeres Verhältnis zu derartigem Vokabular, beginnt, zu kippen. Allen anderen Familienmitgliedern geht es nicht anders und auch die Frage: "Woher hat er das nur?" führt ja leider auch zu keiner Lösung.

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Was also tun?

Die entnervte aber verständnisvolle große Schwester beschloss, etwas zu unternehmen. Nachdem sie in den letzten Jahren entsprechende Verhaltensweisen an ehemals "vernünftigen" Klassenkameraden beobachten musste und auf ihre Frage "Wann werden die wieder normal, Mama?" von mir nur die (nicht ganz ernst gemeinte) Antwort kriegte: "Nie mehr, die wachsen nur noch!", hat sie beschlossen, ihrem Bruder diesem unerträglichen Zustand nicht zu überlassen. Und sie dachte sich was aus.

Sie nennt es Desensibilisierungstherapie und schlug es jüngst ihrem Bruder vor, der sich mal wieder gröhlend an der Erde rollte, weil jemand "Eier" gesagt hatte. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten wir ein recht friedlich verlaufendes Sonntagsfrühstück genossen, aber dann war die Situation eskaliert. Und das Herzensmädchen griff ein.

"Es reicht jetzt, Bub. Ich lasse nicht zu, dass du zu so einem Depp mutierst, mit dem man nicht mehr normal sprechen kann. Deshalb trainiere ich dich jetzt. Es ist wie ein Spiel: ich sage eine Minute lang nur solche Wörter und du DARFST! NICHT! LACHEN! Sonst hast du verloren. Und wenn du beim Training nicht mehr lachen musst, dann schaffst du es vielleicht im normalen Leben auch." 

Gesagt, getan. Während der Mann und ich ein bisschen ratlos unsere RührEIER aßen und am Kaffee nippten, ratterte das Herzensmädchen eine Batterie an Reizwörtern für den Lieblingsbub herunter. Der wiederum war dem Ganzen offensichtlich durch seine vollständige Untrainiertheit nicht gewachsen und wurde von einer nicht enden wollenden Attacke Lachsalven geschüttelt, bis er tränenüberströmt mit dem Kopf auf dem Tisch lag. Das Herzensmädchen schüttelte ihrerseits den Kopf, seufzte tief und sagte: "Wir haben noch eine Menge Arbeit, Bub."

Und jetzt? Findet hier fast täglich eine Einheit Desensibilisierungstherapie statt, dem ich, wenn ich irgendwie kann, entfliehe. Mal abgesehen davon, dass ich die tägliche geballte Ladung an Reizwörtern quasi als akustische Dusche nicht unbedingt schätze, sehe ich auch keinen oder nur sehr sehr geringen Trainingserfolg. Der Bub nutzt das Training fröhlich als Lachpulver und scheint kein bisschen cooler zu werden, im Gegenteil: ich habe fast eher das Gefühl, er holt sich noch Inspiration bei seiner eloquenten großen Schwester.

Ach ja. Was waren das noch für Zeiten, als man ungestört "BH!" sagen konnte. Oder Eier. Oder Sack. Oder schmusen. Freundin Uschi konnte anrufen, ohne das sämtliche Kinder in Tränen ausbrachen, wenn sie mir Bescheid sagten: "Mama, da ist…. *pruuuust* USCHI *gacker* am Telefon für dich…! Bahahahahahaaa…!" Ich kann mich kaum noch erinnern, es ist so lange her!

Aber heiter ist es hier. Soviel kann ich sagen. Und wer weiß, vielleicht bringt die Desensibilisierungstherapie ja doch was? Eines Tages? Die Hoffnung stirbt zuletzt. Busen!

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12 Kommentare

  1. Susa sagt

    Danke, liebe Anna. Jetzt habe ich mal wieder richtig herzhaft gelacht! Das hast Du so wunderbar geschrieben; ich muss es gleich nochmal lesen.

    Und glaub mit: Das ist erst der Anfang. Meine Jungs sind jetzt 12 und 2 x 14 Jahre alt und es vergeht kein Tag und kein gemeinsames Essen ohne pubertäre Anspielungen und Gelächter. Mittlerweile streiten sich die drei sogar schon um die versautesten Ausdrücke und Anspielungen. Und ich darf überhaupt gar nichts mehr sagen, denn sie finden immer etwas, das sie aufgreifen und über das sie sich in den höchsten Tönen lustig machen.

    Und ich hoffe trotzdem noch, dass es eines Tages wieder aufhört…

     

    Liebe Grüße

    Susa

     

     

  2. Ich habe Bauchschmerzen vor Lachen, vielen Dank, das hast Du wunderbar ausgedrückt. Mein Sohn ist noch keine 3 und ich bin nach Deinem Artikel nun hin und hergerissen zwischen Freude auf diese Phase und Angst davor…

     

  3. Mandy sagt

    In meiner dritten Klasse war damals "Banane" das unaussprechliche Wort. Und viel schlimmer als ein gackernder Bub sind definitiv 23. 🙂

  4. Verena sagt

    Toll, wie Euer Lieblingsbub soviel Freude in Eure Familie bringt und mal ehrlich, bei Uschi muss ich auch immer denken: nichts reimt sich auf Uschi……

  5. Eva sagt

    Jetzt hast Du mich so richtig zum Lachen gebracht! Ich wuensch Dir gute Nerven und noch vieeeel Durchhaltevermoegen.

  6. tanja sagt

    Das hört gefühlt nicht mehr auf: meine Sechstklässler lieben Wörterbucharbeit. Warum? Weil man so herrliche Wörter finden kann. Und wenn sie schon im Duden stehen, darf man sie auch anwenden, ne?

  7. Kerstin sagt

    Ach, Anna, Du kannst so herrlich schreiben. Ich habe schon Bauchweh vor Lachen. Aber ich kann natürlich auch verstehen, dass es irgendwann reicht. Halte durch!

  8. Mara sagt

    Lachtränen und prusten vom feinsten – und die Erinnerung an "damals": meine Cousine und ich im selbigen Rausch. Gut, dass das wieder vorbei gegangen ist! Aber  was haben wir gelacht!;-)

  9. Teeniemutter sagt

    Das Wort 'Staatsexamen' ist sogar doppelt lustig…. falls Ihr nicht herausfindet, warum: Eure Teenager helfen sicher.

  10. *hahahaha* hier drei gackernde und giggelnde girls – eine echte herausforderung. gerade wenn die größeren den entsprechenden (unterrichts)stoff mit nach hause bringen.
    aber auch durch das wachsende verständnis für sprache/ rechtschreibung sorgt das jüngste kind für den einen oder anderen lacher: letztens waren wir im odenwald unterwegs 😉 noch fragen? 😀

    liebe grüße
    tina

  11. Klasse, wir sind nicht allein! Ich hoffe ich kann auch mal wieder Musik hören, ohne dass die Texte umgebaut und mit Ausdrücken versehen  werden! Und Sack

    LG 

    Natalia 

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