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welche art mutter will ich sein? ::: brief an meine teenie-tochter

Mehr Mut zum Ich, Teenie, Mutter Tochter Beziehung, Pubertät, Hormone, Teenager, Leben mit Kindern, Familienalltag, Pubertät, Pubertier

Mein Mädchen,

vor kurzem fragte mich jemand ein bisschen mitleidig: "Und? Ist es sehr schlimm? Jetzt, wo ihr einen Teenie im Haus habt? Voll in der Pubertät? Alle Maschinen auf "Stop" und stattdessen volle Hormonladung?" Und dann mit einem Stoßseufzer: "Warum nur sind Teenager so schwierig? Wie ausgewechselt!"

Ich mochte diese Art Fragen nicht und winkte ab. Aber es ging mir doch noch im Kopf herum und ich fragte mich, ist das wirklich so "einfach"? Schwarz-weiß? Du der "schwierige Teenie" und ich die gestresste Mama? Bist du wirklich wie ausgewechselt? Gar nicht wie in den letzten Jahren, sondern ein ganz anderer Mensch? Und was, wenn es gar nicht so simpel ist? Wenn nicht nur DU es bist, die sich verändert, sondern auch ich?

Mama eines Teenie?

Meine Lebenserfahrung lehrt mich, dass die wenigsten Dinge im Leben so einfach sind: schwarz-weiß. Stattdessen gibt es in der Regel doch mindestens eine ziemlich ausführliche Palette an Grautönen. Mitunter kann es sogar richtig bunt werden. Und obwohl ich weiß, was die Hirnforschung über die "Großbaustelle Gehirn" in der Pubertät herausgefunden hat und dass in deinem Kopf gerade alles umgebaut und neu sortiert wird, scheint mir die Antwort auf die Frage, was eigentlich deine Pubertät für unsere Mutter-Tochter-Beziehung bedeutet, nicht so einfach zu sein.

Denn du bist eben k e i n komplett anderer Mensch, nur weil du gerade ein hormongeschüttelter Teenie bist. Du bist immer noch mein Mädchen und viel, was jetzt aus dir heraussprudelt und eine neue Intensität bekommt (ja, doch, das ist wohl so), kenne ich an dir seit Jahren. Ich erkenne deinen Widerspruchsgeist, den du schon mit zwei Jahren hattest und ich kenne deine Lust am Diskutieren. Deine heftigen Gefühle kenne ich, schöne wie schwierige, denn du hast sie schon immer unmissverständlich ausgedrückt. Und ich erkenne auch deine "Herausplatzen" mit Dingen, die du vielleicht gar nicht so meinst, die aber dennoch herauskommen, einfach weil du so bist. So warst du schon immer, das ist (mir) nicht neu.

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Wenn es also eigentlich um unsere Beziehung geht, meine große schöne Tochter, um dich als mein Kind und mich als deine Mama und nicht nur um die Frage, was die Pubertät eigentlich mit dir macht, muss ich mich schließlich auch noch ganz andere Dinge fragen:

Was ist denn mit mir? Was macht es mit mir, deine krassen Veränderungen mitzuerleben und was für eine Art Mutter bin ich heutzutage für dich? Und bin ich so, wie ich mir das immer vorgestellt habe, früher, als du noch kleiner warst? Oder kriege/mache auch ich gerade "Probleme", während in deinem Gehirn gerade unwahrscheinliche Dinge vor sich gehen? Bin ich so, wie du es dir wünschst? Wie du das brauchst? Erkennst du mich wieder, als deine Mama, so wie früher?

Mit diesen Fragen habe ich mich mal beschäftigt und aufgeschrieben, was ich gerne für dich sein möchte. In der Hoffnung, dass es mir umso besser gelingt, wenn ich mir dessen bewusst bin.

So eine Mama will ich sein!

Ich will die sein, die unsere gemeinsame Geschichte kennt. Die, die in dir immer all das wiederfindet, das wir schon gemeinsam erlebt haben – die vertrauten Spuren deines kleinen zweijährigen, vierjährigen, sechsjährigen Ich, das unter meinen Händen geworden ist. Ich will das nicht suchen müssen, ich will es in mir tragen und verstehen, dass das dein innerer Plan ist, dem du folgst, so, wie er das schon immer war. Dabei möchte ich aber nicht unfair sein und alten Zeiten hinterher weinen. Stattdessen will ich die sein, die dich sieht, so wie du gerade bist – meine Teenie-Tochter. Ich möchte die Mama sein, die dein neues großes Ich wertschätzt und liebt und seine Fragen beantwortet.

Ich will die sein, die Verständnis für dich hat. Das heißt nicht, dass ich immer alle deine Entscheidungen auch als meine eigenen begreife, sondern dir zugestehe, dich darin von mir zu unterscheiden. Du sollst anders sein dürfen, als ich es war oder als ich es mir wünsche, weil ich vor allem möchte, dass du DU bist, so wie du es immer warst. Ich möchte mich daran erinnern, dass du nur dein eigener Mensch bist und weiterhin werden sollst, wie es für dich richtig ist. Nicht für mich.

Ich will die sein, die deine aktuellen Möglichkeiten richtig einschätzt und dich nicht überfordert. Du bist groß und selbständig und du willst viel alleine entscheiden und auch umsetzen. Das sollst du tun. Aber ich will immer mein Gespür dafür behalten, wann du dich übernimmst und deine Grenzen schmerzhaft überschreitest. Ich will die sein, die dir ihre Arme öffnet, wenn du einen Schritt zurück machen und dich kurz ausruhen musst. Zum Kraft tanken und schwach sein dürfen, bevor es weitergeht.

Ich will die Mama sein, die immer an dich glaubt und dir alles zutraut, was du selbst wählst. Wenn du dir Ziele setzt, möchte ich die sein, die dir zuhört und dich ermutigt, sie auch zu verfolgen. Es geht nicht um unrealistische Wunschträume und um die Idee, dass alles erreichbar ist und es keine Grenzen gäbe. Es geht darum, dass ich, deine Mama, diejenige sein möchte, von der du weißt, dass sie immer hinter dier steht. Oder an deiner Seite ist, wenn du es brauchst.

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Ich weiß, du bist groß und wirst immer größer, aber ich möchte dennoch diejenige sein, die sich um dich kümmert. Auch Teenies brauchen Zuwendung in Form von "Elternkümmern": Kuscheleinheiten, gemeinsame Aktivitäten, heißen Kakao und Waffeln nach einem langen Schultag, Lieblingsessen nach einer Klassenfahrt oder "Extrawürste" für die Schule, wenn das Schulessen einfach nicht mehr schmecken will. Ich will diejenige sein, die weiterhin die feste Burg für dich ist, in der du dich verbergen kannst. Der Herd, an dem es warm und sicher ist. Diejenige, die niemals sagt: "Du bist zu groß dafür!"

Ich will diejenige sein, die Interesse an deinem Leben und dir zeigt und sich darauf einlässt, was dich gerade beschäftigt. Ich gebe zu, oft erscheinen mir die kleinen Dinge in deinem Alltag fast banal und ich bin in Versuchung, das wegzuwischen und dir nicht richtig zuzuhören, wenn du mir all das ungefiltert erzählst, was dir gerade durch den Kopf geht. Aber das ist nur ein Teil der Wahrheit. Ich möchte nämlich die Mama sein, die versteht, dass dich gerade viel bewegt und dass dieses bewegte Innenleben widersprüchlich, anstrengend und durcheinander für dich ist. Dass ausnahmslos alles, was dich gerade bewegt, es wert ist, von mir gehört zu werden. So eine Mama will ich sein.

Ich will die sein, die sich Zeit für dich nimmt. Wir sind selten zu zweit, meistens fliegen deine Geschwister auch noch hier rum und nehmen mich in Anspruch, aber umso wichtiger ist mir die knappe Zeit mit dir. Manchmal willst du Dinge tun, die ich gar nicht besonders schätze – und umgekehrt! Ich will die Mama sein, die sich mit dir zusammen ausdenkt, was uns beiden Spaß macht und wie wir es schaffen, regelmäßig Zeit miteinander zu verbringen, so dass es uns beide glücklich macht. Denn wenn ich mit dir zusammen sein kann und sehe, wie du bist, mein Mädchen, dann macht mich das glücklich.

Es gibt noch viel mehr, das ich über unsere Beziehung schreiben könnte und darüber, was mir im Umgang mit dir wichtig ist, mein lieber großer Schatz. Ich möchte mir einfach weiter bewusst darüber bleiben, was für ein Geschenk du bist – genau so, wie du bist. Denn auch für uns beide gilt, was ich immer den Mamas von Neugeborenen sage, die noch nach einer Beziehung zu diesem neuen Menschenleben suchen: sie passen zueinander. 

Du und ich, mein Herz, wir passen zueinander. Wir sind immer noch ein Team, wir sind immer noch genau die Richtigen füreinander. Und wenn auch die Zeiten sich ändern und du dich natürlicherweise von mir weg entwickelst: du und ich, wir bleiben w i r. Und unsere Herzen sind verknüpft für immer.

In Liebe, deine Mama

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Ich habe ja hier schon öfter über das Leben mit meinem Teenie geschrieben, über die schönen und aufregenden Seiten und um meine Sicht auf diese Phase in unserem Leben. Es wird aber in nächster Zeit noch mal konkreter, denn ich befasse mich bereits zum vierten Mal in Folge im Rahmen von Mehr Mut zum Ich, einer gemeinsamen Aktion von Dove und Rossmann, die sich der Stärkung der Mutter-Tochter-Beziehung verschrieben hat, mit starken Müttern und starken (Teenie-)Töchter. Jedes Jahr ist die Aktion ein bisschen anders, aber jedes Jahr werden im Aktionszeitraum von jedem bei Rossmann verkauften Dove-Produkt 10 Cent gespendet. Seit Jahren gehen die Erlöse ans Deutsche Kinderhilfswerk, wo mit Hilfe dieser Gelder Projekte für starke Mütter und starke Töchter umgesetzt werden können. Und jedes Jahr unterstütze ich die Aktion, weil ich der Meinung bin, dass das ein wichtiges Thema für Mütter und ihre heranwachsenden Töchter ist. In nächster Zeit widme ich mich also diesem Thema noch einmal ganz besonders und hoffe, ihr seid dabei.

Und jetzt geh ich und knutsch meinen Teenie.

signatur

9 Kommentare

  1. Lena sagt

    Da meine Mutter bis heute (ich bin fast 32) jedem (und auch mir regelmäßig) erzählt, wie scheisse ich in meiner Pupertät war (ich hab nie Mist gebaut, war einfach nur wesentlich zickiger als vorher und hab hier und da sicher mal eine patzige Antwort gegeben) prägt mich dieses Thema bis heute und ich bin durch ihre Äußerungen wirklich sehr verletzt. Sie beschwert sich, dass ich ein ganz anderer Mensch war. Gar nicht mehr so lieb und niedlich wie zuvor (was für eine Überraschung). Ich will genau so eine Mama werden, wie Du es hier beschreibst. Unsere vierjährige bereitet uns schon ganz gut vor mit Ihren Launen 😀 Ich hoffe, ich kann genauso entspannt in die Pupertät gehen, wie ich jetzt jetzt (meistens) schaffe, mit ihr zusammen ihre Wutanfälle durchzustehen. Hat mich sehr gerührt, was Du geschrieben hast. Danke dafür!

  2. Talea sagt

    Auch für mich (mama von einem baby- und einem kleinkindbuben) wieder mal ein text, bei dem die tränen nur so kullern vor lauter berührt sein…ich werd ihn mir im herzen bewahren, bis es bei uns so weit ist!

  3. Liebe Anna, 

    vielen herzlichen Dank für diesen tollen Text!

    Ich werde ihn mir auf Wiedervorlage packen und herausholen, wenn mein süßer kleiner Kerl im Teenageralter ist.

    Herzliche Grüße,

    Katrin

  4. Ein wunderbarer Text! Und sooooo wahr! Ich halte es mit dem vorpubertären Teeniebuben hier ähnlich. Vieles ist leicht gesagt und gut vorgenommen und im Alltag dann doch oft wieder schwierig, weil scheinbar Welten aufeinander prallen, die sich noch nie begegnet sind… Aber tschakka 🙂

    Liebste Grüße

    Janna

  5. sunshine sagt

    Ich finde, diesen Text sollte jede Mama (und jeder Papa) mindestens einmal im Jahr lesen <3

    wunderschön!!!

  6. Liebe Anna Luz,

    dies ist der erste Text, den ich von dir lese und er hat mich sehr berührt.

    Das wünsche ich uns allen, dass wir ein Stück zurück treten und mit etwas Abstand, Selbstreflextion und Liebe auf diese Phase blicken können.

    Liebe Grüße,

    Britta

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