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werdet die, die ihr sein sollt ::: was erziehung für uns bedeutet

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Erziehung. Muss das sein? Was bedeutet Erziehung überhaupt? Ist das noch zeitgemäß? Sind wir darüber nicht hinweg? Oder brauchen wir sie jetzt mehr denn je? Ich habe mich darüber mal mit meinen Kindern unterhalten. Dabei ist zufällig ziemlich genau das heraus gekommen, was ich persönlich darüber denke…

Wir waren auf einem Spaziergang durch den Park. Es wurde geklettert, hin und her gerannt, Stöcke wurden gefunden, mitgeschleift und wieder liegengelassen, Hände wurden in den Brunnen getaucht und kleine Abhänge wurden erklommen. Mit dabei, meine Minions, das Herzensmädchen und noch zwei befreundete Kinder, Goldkinds Freundin Klein-I und ein guter Freund vom Lieblingsbub.

Während wir so Richtung Ententeich spazierten trottete mein Bub plötzlich neben mir her und es war klar, der will reden.

"Na, Bub? Alles ok?"

"Ja, klar. (Pause) Du, Mama?"

"Hmm."

"Der Niko, der hatte neulich Hausarrest. Das bedeutet, er durfte nicht raus zum Spielen, weil er was Doofes gemacht hatte. Kennst du sowas?"

"Ja, das kenne ich." (Aus meiner Erfahrung mit meinen Kindern weiß ich, dass ich jetzt nichts sagen darf, was wertend ist. Er hat schon eine Meinung im Kopf oder bildet sie gerade, er braucht mich nur als Sparring-Partner, um sich ausdrücken zu können.)

"Das hast du noch nie mit uns gemacht, Mama. Auch wenn wir ganz doofe Sachen gemacht haben. Warum?"

"Naja, weil ich finde, dass ich euch nicht im Haus einsperren darf. Normalerweise reden wir ja über alles ganz vernünftig. Vielleicht nicht, wenn einer grade ganz wütend ist, aber dann irgendwann doch. Und meistens regeln wir dann, was zu regeln ist und machen es beim nächsten Mal hoffentlich besser. Aber ich glaube, vom Einsperren wird nichts besser."

"Hmmm. (Pause. Er läuft langsam neben mir her, die anderen sind weit vorgelaufen.) Ist das Erziehung, Mama? Hausarrest?"

"Für viele Eltern gehört es wohl zum Erziehen dazu, ja. Aber es gibt eben viele Möglichkeiten, Kinder zu erziehen. Und es hängt davon ab, was die Eltern unter Erziehung verstehen."

"Aha. Du verstehst jedenfalls nicht Einsperren unter Erziehung. Aber schimpfen schon, oder? Ist schimpfen auch Erziehung?"

"Naja, schimpfen ist vor allem etwas, das passiert, wenn ich furchtbar wütend auf euch werde oder ihr mich erschreckt habt. Oder beides. Wenn du zum Beispiel wegläufst, ohne mir Bescheid zu sagen und obwohl du weißt, dass ich das nicht möchte, dann werde ich sauer. Und hab Angst, dass dir was passieren könnte. Dann schimpfe ich. Manchmal. Aber das ist nicht unbedingt Erziehung."

"Du schimpfst schon öfter als manchmal, Mama! Du kannst ganz schön streng sein, mit Regeln und so. Sind Regeln Erziehung? Und wenn wir uns nicht dran halten und dann gibt es eine Konsequenz, ist das Erziehung?"

(Ich komme jetzt allmählich ins Schwitzen, weil es so ans Eingemachte geht, aber gut. Ich habe ja eine Haltung dazu, kann ich ihm die also auch erklären. Oder es zumindest versuchen.)

"Dein Papa und ich, wir sind für euch verantwortlich. Nicht nur dafür, dass ihr gesund bleibt, genug zu essen habt und ein Bett zum Schlafen und dass ihr zur Schule geht, auch dafür, dass ihr nach und nach lernt, wie die Welt funktioniert. Und dass es eben Regeln gibt. Wie zum Beispiel, dass ihr nicht endlos viel Eis essen dürft, weil das für euch nicht gesund wäre, sondern eben nur eins. Und dass wir euch beibringen möchten, dass ihr respektvoll miteinander umgeht. Deshalb gibt es bei uns ja die Schimpfwortregeln. Oder dass ihr nur 2x 10 Minuten Bildschirmzeit am Tag habt, weil wir möchten, dass ihr vom Rest des Tages auch noch was habt. Und wenn ihr euch nicht an die Regeln haltet, hat das Folgen. Und die kennt ihr ja. Das ist natürlich Erziehung."

"Also die Regel mit der Bildschirmzeit ist ja doof, das könnte ruhig viel mehr sein! Und dass ich dann Bildschirmzeit gestrichen kriege, wenn ich heimlich Nintendo spiele, finde ich auch doof. Aber das mit dem Eis verstehe ich und das mit den Schimpfwörtern auch. Aber da gibt es keine Konsequenzen. Wegen sowas kriegt Niko nämlich Hausarrest…"

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Pause. Er nimmt meine Hand und wir laufen ein Stückchen stumm nebeneinander her. Die anderen holen wir langsam ein, sie balancieren gerade über eine flache Mauer und springen einer nach dem anderen dem Herzensmädchen in die Arme. Aber das Thema ist noch nicht durch. Wieder bremst der Bub unsere Schritte ein bisschen ab.

"Mama, warum erziehst du uns? Willst du, dass wir so werden wie du? Oder Papa? Wir sind doch unser eigener Mensch! Wir könnten doch auch so bleiben, wie wir sind?"

Boah, das sitzt. Darüber hat er schon länger nachgedacht und ich muss jetzt gut überlegen, was ich sage. Ich merke, dass für ihn viel davon abhängt, wie meine Antwort ausfällt und bleibe stehen. Er guckt zu mir hoch und ich gehe auf seine Höhe runter und schaue ihm in die Schokoaugen. Jetzt ist er größer als ich und ich muss zu ihm hochschauen, und mir fällt auf, wie schnell er wieder gewachsen ist, wie groß und wie viel reifer er geworden ist.

"Im Gegenteil, mein Schatz, ihr sollt unbedingt so bleiben, wie ihr seid. Auf keinen Fall, will ich, dass du wirst wie ich – mich gibt es ja schon! Du sollst du selbst bleiben und der werden, der du sein sollst. Ich bin nämlich davon überzeugt, dass du ganz großartig wirst, so wundervoll, wie du jetzt schon bist! Wir erziehen euch und geben euch Regeln, weil wir eure Eltern sind und möchten, dass ihr alles kriegt, was ihr braucht auf eurem Weg. Und im Moment braucht ihr uns noch für so ziemlich alles in eurem Leben. Aber je älter ihr werdet, desto weniger werdet ihr uns brauchen. Dann werden auch die Regeln andere. Und weniger. Genau weil ihr euer eigener Mensch seid, wie du sagst. Bis dahin möchten wir euch vor allem alles mitgeben, was wir schon über das Leben wissen. Und wir hoffen, dass ihr euch vielleicht ein bisschen was von uns abguckt."

"Ihr wisst schon ne Menge, das ist klar. Ihr seid ja schon so alt. Aber alles wisst ihr nicht! Vielleicht sind ein paar Regeln von euch echt Schrott?!"

"Ja, klar. Das kann sein, das wissen wir vielleicht erst später. Aber wir geben uns ganz viel Mühe, nicht so viele Schrottregeln aufzustellen. Nur das Wichtigste. Das, was wir richtig und gut finden. Und möglicherweise ist das ja auch okay für euch, schließlich sind wir keine so ganz schrottigen Eltern. Oder doch?" (Jetzt kichert er und der ernste Moment zwischen uns ist vorbei.)

"Nee, gaaaanz schrottig seid ihr schon mal nicht! Ehrlich gesagt finde ich euch super. Also ich hab euch superlieb! Und was richtig Schlimmes macht ihr nie. Also wie Einsperren. Oder mit Absicht hauen. Oder Gemeinheiten sagen." (Puh, nee. Auf keinen Fall!)

"Mann, es gibt ne Menge Schrott, den Eltern machen können, oder?"

"Ja!"

Wir gehen weiter, er hüpft an meiner Hand. Dann dreht er sich um, drückt mir einen Kuss auf den Handrücken und flitzt los zu den anderen. Und ich merke, dass ich so ziemlich mein ganzes Erziehungskonzept gerade mit meinem neunjährigen Sohn besprochen habe.

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Ich hoffe, er hat verstanden, was ich ihm sagen wollte. Dass er genau so richtig ist, wie er ist. Dass er nicht für mich da ist, sondern für sich selbst. Dass wir Regeln machen, die ihm Orientierung geben sollen und nicht, um ihn einzuengen. Dass wir vor allem hoffen, dass er gerade weiter seinen Weg gehen kann, egal, ob er dabei Tischmanieren, Verkehrsregeln und den verantwortungsvollen Umgang mit Zucker und Onlinemedien beherzigt, oder nicht. Und dass ich meine Energie in Sachen Erziehung vor allem darauf richten möchte, dass meine Kinder sich nicht verbiegen lassen (müssen), sondern sich mit Orientierung an den Menschen um sie herum zu dem Menschen entwickeln, der in ihnen angelegt ist. Noch an meiner Hand, unterstützt durch meinee Zuwendung und geborgen in unserer Liebe. Aber dann immer mehr auch selbständig und irgendwann – unabhängig.

Wir laufen noch eine Runde um den Ententeich, dann kaufe ich allen Kindern eine Kugel Eis. Eine. Aber dafür mit Streuseln und Schokoglasur. Sie jubeln und schlecken ihr Eis und quatschen durcheinander und freuen sich über den schönen Moment. Erziehung? Kann ich.

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13 Kommentare

  1. … Danke! Ich lese schon so lange heimlich und still, doch jetzt platzt es gerade aus mir heraus… 

    Welch wunderbare Gefühle, in so treffend formulierte Worte gesteckt … diese winzigen Augenblicke sind die größten Geschenke, die wir von den Kindern bekommen – die süßesten Früchte "der Erziehungsarbeit" überhaupt und lassen das Mütterherz völlig unkontrolliert einfach nur hüpfen – Luft holen – weiter, ja, weiter, so vieles ist doch genau richtig!

  2. Liebe Anna,

    dass Erziehung nach deinem Konzept funktioniert, konnte ich gerade lesen.

    Dein Sohn hat genau die Fragen gestellt, die wir als Eltern in Erwachsenensprache an uns selbst richten sollten: Was wir mit Erziehung bezwecken wollen.

    Und du hast ihm wohl die Antworten gegeben, die sich richtig und echt für dich anfühlen, weil du sie auch wirklich lebst.

    Das macht dich so glaubwürdig und deshalb lese ich dich auch so gerne.

    Toller Junge, tolle Mama!

    Liebe Grüße,

    Katrin

  3. Oooooooh-ich liebe deine Art, die Dinge zu formulieren………vielen Dank, dass ich an deinen Gedanken und Ausschnitten deines Alltags teilhaben darf……

    war wieder mal sehr gerührt…..

     

  4. Liebe Anna Luz,

    mir wird ganz warm ums Herz. Danke dafür. Und dafür, dass Du mir mit Deinen Texten immer wieder Mahnmal, Erinnerung, Hoffnung bist, weiter an meinem Weg des Umgangs mit meinen Söhnen zu arbeiten.

    Alles Liebe

    Anna

  5. Das hört sich nach einem wunderbaren Gleichgewicht zwischen freier Entwicklung und gewisser Grundorientierung an. Letztere finde ich für eine Strutur und einen gewissen Halt (und damit meine ich nicht unnütze Regeln, Autorität, Macht oder Ähnliches) ziemlich wichtig und frage mich manchmal, ob das inzwischen altmodisch ist… Und dann auch noch so schön geschrieben! Danke!

  6. Samantha sagt

    Schöner Text und wirklich ein sehr reflektierter Sohn, da könnten sich einige Erwachsene eine scheibe abschneiden!

    Ich finde es allerdings schade, das du als Mutter nur antwortest und deine Position erklärst. Dieses Gespräch hätte doch auch die Chance geboten, die Erziehung dem Kind anzupasssen und zu verhandeln. Angesprochen wurde die für ihn zu kurze TV Zeit, da hätte man ja nachfragen können was er angemessen fände um neu zu verhandeln. Oder auch als er über die Schrottregeln spricht wäre es doch ok gewesen zu fragen welche er als Schrott empfindet und warum. Vielleocht wären ja manche verzichtbar.

    Insgesamt empfinde ich das Gespräch nicht auf augenhöhe. Es ist immer die Mutter die dem Kind sagt was richtig ist, aber ihre Meinung nicht vom Sohn beeinflussen lässt. 

    Den dein Sohn hat recht, durch Erziehung verändert ihr ihn und wollt ihn vielleicht nicht zu euch machen aber doch nach einem Bild formen das ihr habt. 

  7. Ja, wundervoll und so eine schöne Orientierungshilfe in der ganzen Diskussion um Erziehen oder Unerzogen …. – meine Kinder (13, 8 und 3) sind auch solche Schätze, die auch  mir helfen zu wachsen – und nicht nur ich ihnen.

    Hab Dank!  Claudia

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