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mama, ich hab‘ bauchweh! ::: verlustängste bei kindern – symptome und tipps

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Als meine Mutter starb, bombardierte mein damals achtjähriges Herzensmädchen mich damit: Verlustängste. Sie geriet regelrecht in Panik, wenn wir das Haus ohne sie verließen, konnte bei niemandem mehr übernachten und wollte am absoluten Tiefpunkt nicht mal mehr im Auto warten, wenn ich auf der Tankstelle zum Bezahlen ging. Es war herzzerreißend! Und anstrengend. Verlustängste bei Kindern sind aber längst nicht immer so eindeutig identifizierbar und längst nicht jedes Kind kann sich so ausdrücken, wie mein Herzensmädchen damals, die mir unter Tränen sagte: "Ich hab Angst, dass ihr auch sterbt, Mama! Wenn du ins Flugzeug steigst habe ich Angst, dass du abstürzt und wenn du mit dem Auto fährst, hab ich Angst, dass du einen Unfall hast!" Sie konnte schon immer gut ihre Gefühle in Worte fassen, aber Kinder sind verschieden. Und auch Verlustängste bei Kindern drücken sich unterschiedlich aus. Da ist es je nach Kind und Situation gar nicht so leicht, zu erkennen, womit man es zu tun hat.

Symptome: Bauchweh, Tränen, Klammeräffchen

Das Goldkind hat Bauchweh. Heute ist der dritte Tag in Folge, an dem ich von der Horterzieherin, die den Großteil des Tages mit der Klasse verbringt höre, dass das Kind wegen Bauchweh zur Schulschwester gebracht werden und dort eine Tasse Tee trinken musste, bis es ihr wieder besser ging. Da der Lieblingsbub seit Montag krank ist, lag der Gedanke nah, dass sie möglicherweise was ausbrütet, aber immer wenn ich sie abhole, ist sie quietschfidel, fühlt sich wohl, isst und schläft normal und zeigt auch sonst keine Krankheitssymptome. Mir war also recht schnell klar, dass das Bauchweh kein Symptom einer körperlichen Erkrankung ist, sondern für etwas anderes steht. Nur für was? Das Goldkind ist ansonsten das tapferste meiner Kinder und normalerweise alles andere als ängstlich.

Es war gar nicht so leicht, da ranzukommen, aber letztlich kam es in einem Gespräch mit ihr ans Licht. Ich fragte sie, wann sie denn das Bauchweh immer hätte und ob sie sagen könne, warum es denn dann wieder verschwindet. Sie ist schlau. Sie wusste gleich, was ich versuchte, rauszukriegen.

"Du denkst, das ist kein echtes Bauchweh, Mama, oder? Du willst wissen, was ich im Kopf habe, wenn das Bauchweh kommt."

"Ja, das will ich. Aber es ist auf jeden Fall echtes Bauchweh, das steht außer Frage. Du f ü h l s t es ja im Bauch, also ist es echt."

"Ja, das kribbelt im Bauch und drückt auch. Und dann gehe ich zur Schulschwester und die macht mir einen Fenchel-Kümmel-Anis-Tee und wir reden ein bisschen und dann geht es weg."

"Hmm. Meinst du, es geht eher vom Tee weg oder eher vom Reden?"

"Ich glaub… von beidem. Aber vielleicht mehr vom Reden…"

"Okay. Und kommen die Bauchschmerzen immer zur gleichen Zeit am Tag? Was kommt danach und was ist davor? Kannst du mir das sagen?

"Also… danach ist oft Lunch. Lunchbreak mag ich! Und davor… reden wir oft über – unsere Familien. Was aus uns mal wird, wenn wir groß sind. Ich mag das nicht, über meine Familie schreiben. Ich würde lieber über Tiere schreiben oder die Natur. Weil, wenn ich über euch schreiben soll, dann…" Jetzt ist sie fast an der Quelle für die Bauchschmerzen und guckt mich mit nassen Augen an.

"Was ist dann, mein Herz? Was ist denn, wenn du über deine Familie reden oder schreiben sollst?" Nun kullern die Tränen und sie stürzt sich in meine Arme.

"Dann denke ich an die Zukunft, wenn ich groß bin. Und dann seid ihr alt! Also eine alte Oma oder ein alter Opa! Und wenn ihr alt seid sterbt ihr und ich bin ganz alleine auf der Welt!"

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There we are. Warum auch immer die Gespräche in der Schule das gerade jetzt in ihr auslösen, weiß ich nicht, aber die Verlustangst, die sich da Bahn brechen, sind konkret. Wir könnten alt werden und dann sterben. Aber natürlich könnten wir auch jetzt sterben, das ist die Wahrheit, die darunter liegt. Und auch wenn mein Kind das jetzt nicht in Worte fassen kann, erkenne ich das wieder und weiß nun, was das Bauchweh bedeutet.

Als sie mir sagt, was ihr gerade das Herz immer wieder so schwer macht, können wir darüber reden. Wir sitzen auf dem Sofa, sie auf meinem Schoß und ganz eng an mir dran und sprechen über uns. Über das Leben und den Tod, übers Traurigsein und die Angst davor, jemanden zu verlieren, den wir sehr lieben. Ich sage ihr, dass ich genau so eine Angst davor habe, sie zu verlieren, wie sie Angst hat, ich könnte weg sein. Und wir versprechen uns gegenseitig, gut auf uns und aufeinander aufzupassen. Abends sitze ich an ihrem Bett und wir halten Händchen, bis sie schläft, obwohl wir das seit Jahren nicht mehr gemacht haben. Und nachts kommt sie irgendwann rüber getapst und schläft in der Mitte weiter, den Kopf an Papas Brust, Popo und Beine bei mir unter der Decke.

Verlustängste bei Kindern sind wie alle Ängste irrational. Es gibt keine Antwort, die diese Ängste entkräften könnten, weil die Wahrheit nun mal ist, dass wir nicht für immer zusammen sein werden, so gerne wir das auch unseren Kindern sagen möchten. Es wäre gelogen. Natürlich sterben wir. Eines Tages. Und es ist okay und normal, darüber nachzudenken und Angst davor zu haben. Unsere Aufgabe als Eltern ist jetzt nicht, unseren Kindern zu sagen, ihre Ängste seien irrational und deshalb unnötig. Stattdessen müssen wir die Ängste ernst nehmen und versuchen, gemeinsam mit unseren Kindern Strategien zu entwickeln, wie wir mit der Angst umgehen können.

Verlustängste bei Kindern: 5 Tipps

Ich bleib bei dir. Wir sind nicht unsterblich. Der Tag wird kommen, an dem wir gehen werden und wir wissen nicht, wann das sein wird. Es ist also Unsinn, unseren Kindern zu versprechen, wir würden für immer bei ihnen bleiben. Was wir aber tun können ist tatsächlich: da sein. Bei ihnen bleiben, wenn sie mit dieser Verlustangst umgehen. Bei ihnen bleiben, wenn sie durch komplizierte Zeiten gehen. Bei ihnen bleiben, wenn sie um einen Umgang mit ihren kleinen und großen Angstdämonen kämpfen. Mit ihnen sprechen, ihnen zuhören, ihnen Brücken bauen. Oft hilft die körperliche Nähe schon, manchmal ist es gut, die Zeit, die wir am Tag getrennt verbringen, bewusst so kurz wie möglich zu halten. "Du hast im Moment viel Bauchweh? Dann hole ich dich direkt nach der Schule ab, du brauchst nicht in den Hort. Ich werde da sein, wenn du aus dem Klassenzimmer kommst." Es scheint nur eine kleine Geste zu sein, aber sie kann das Herz unseres Kindes schon so sehr erleichtern!

Ich spreche mit dir. Ängste haben vor allem dann große Macht über uns, wenn wir sie nicht aussprechen oder adressieren können. Wir müssen als Erwachsene nur mal genau in uns hineinhorchen, dann ist genau das Gefühl wieder ganz nah: Ängste, die uns nicht einschlafen lassen, weil sie uns im Kopf herum spuken. Ängste, die uns auf den Magen schlagen, weil wir nicht darüber reden. Das können wir mit unseren Kindern anders machen, denn sie haben ja uns. Ich höre also meinem Goldkind zu, was sie mir über ihre Ängste erzählen kann, nehme ich auf und spinne den Faden weiter. Dadurch, dass wir der Angst einen Namen geben und sie nachvollziehen können ("Du hast Angst, wir könnten sterben. Das verstehe ich."), nehmen wir ihr schon einen Teil ihrer Macht. Wir müssen gar nicht immer die perfekte Lösung in der Tasche haben als Eltern oder die Angst komplett entkräften können. Es hilft schon, wenn wir mit unserem Kind über die Angst sprechen, sie benennen, sie hinterfragen.

Ich bin deine feste Burg. Kinder, selbst wenn sie schon "groß" und selbständig erscheinen, werden klein und hilflos, wenn ihre Ängste sich vor Ihnen auftürmen. Was bei Vierjährigen das Monster unterm Bett ist, dem man noch mit Antimonsterspray oder ähnlichen Tricks beikommen kann, ist bei Sieben- oder Achtjährigen ungleich viel komplexer. Sie begreifen mehr, wissen mehr und haben daher auch mehr konkrete Ängste. Verlustängste bei Kindern sind in diesem Alter alles andere als ungewöhnlich. Und vor allem jetzt zeigt sich deutlich, wie sehr sie uns brauchen, unseren Schutz, die Sicherheit des geborgenen Zuhauses und die geöffneten Arme, in die sie sich flüchten können. Wir als Eltern dürfen uns von den Ängsten unserer Kinder nicht schrecken lassen, auch wenn ein Gespräch über das eigene mögliche Ableben nicht gerade angenehm ist. Wir sind die Erwachsenen und wir müssen die feste Burg bleiben. Wir sind die mit den Antworten, wir sind die, die Sicherheit geben müssen und dürfen uns nicht irritieren lassen, wenn unsere Kinder ihre Verlustängste so adressieren.

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Du bist richtig. Angst macht schwach und fühlt sich schlecht an. An meinem Goldkind sehe ich, dass sie sich fragt, ob ihre Ängste okay oder vollkommen übertrieben sind und wie sie darum ringt, ihre Gefühle irgendwie einzuordnen. Jetzt ist es an mir, ihr zu sagen, dass sie r i c h t i g ist. Ich sage ihr, dass ihre Ängste normal sind, dass jeder mal vor etwas Angst hat im Leben und dass sie nicht denken muss, ihre Gefühle wären nicht okay. Ich erzähle ihr, wovor ich als Kind Angst hatte und davon, wie ihre Schwester in ihrem Alter Angst hatte, ich könnte sterben. Ich teile mit ihr die Geschichten darüber und ordne ihre Angst für sie ein. Meine Botschaft ist: du bist normal. Deine Angst ist normal. Du wirst einen Weg finden, mit ihr fertig zu werden, so wie ich es auch geschafft habe.

Ich helfe dir. Verlustängste bei Kindern sind die ursprünglichsten, tiefsitzenden Ängste, die jeder Mensch kennt, nur erleben Kinder sie irgendwann eben zum ersten Mal bewusst. Bei meinem Goldkind ist das jetzt so und ich sehe, wie sie mit ihrem Wissen, ihren Gefühlen und ihren Befürchtungen kämpft. Neben meiner Botschaft, dass das etwas "Normales" ist, lasse ich sie damit nicht allein. Ich zeige ihr, dass sie das nicht alleine schaffen muss und dass wir gemeinsam schon herausfinden werden, was ihr gegen die Angst hilft. Für die konkrete Situation in der Schule, in der sie wieder wird über ihre Familie schreiben müssen, solange diese Unit andauert, habe ich mit ihr Ideen gesammelt, was sie alles noch über ihre Familie erzählen oder aufschreiben könnte, ohne dass sie gleich darüber fantasieren muss, dass wir allle irgendwann sterben. Wir haben über unsere Familiengeschichte gesprochen, darüber, wo wir herkommen, über unsere Wurzeln in West- und Ostdeutschland und in El Salvador, über lustige Urlaubserlebnisse, über die Zeit mit den Großeltern und die Liebe zwischen den Geschwistern undsoweiterundsofort. Das angstbesetzte Thema wird dadurch leichter und sie kann sich eine Strategie überlegen, wie sie in der Situation, die ich ihr nicht ersparen kann, damit umgehen kann.

Ich muss sagen, dass mich das Thema jetzt beim dritten Kind nicht mehr so mitnimmt, wie beim ersten – damals waren die auslösenden Umstände einfach besonders heftig. Aber es macht mir natürlich etwas aus, wenn mein Kind so mit kleinen und großen Angstdämonen kämpft. Umso wichtiger ist es für mich, meine eigenen bisherigen Erfahrungen als Orientierungshilfe im Umgang mit meinem Goldkind heranzuziehen. Die 5 Tipps aufzuschreiben, hilft mir dabei.

Kennt ihr auch diese heftigen Gefühle bei euren Schulkindern? Trennungsängste oder Verlustängste bei Kindern? Wie geht ihr damit um? Habt ihr Tipps, an die ich nicht gedacht habe?

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22 Kommentare

  1. Wir haben am Samstag einen Hund bekommen. 2 meiner Töchter sind glücklich und die 3. (die mittlere) weint, weil er irgendwann sterben wird. Schwierig, damit umzugehen- ich gehöre auch eher zur Freude- Fraktion. Aber du hast recht, wir sollten diese Ängste ernst nehmen und mit ihr darüber sprechen. Danke für den tollen Text und Denkanstoß!

    GLG, Yvette

    • Oh weh, noch so ein sensibles Herz, das das Leben schwer nimmt! Aber sowas kenne ich haargenau, liebe Yvette. Und du hast recht, auch wenn wir selbst eher zur Freude-Fraktion gehörten (schönes Wort, da finde ich mich wieder!), müssen wir auf die kleinen Seelen eingehen, die anders fühlen als wir. Liebe Grüße!

  2. Frau_Pauls sagt

    Ach Du liebe Anna… Wie glücklich Deine Kinder sein können, so eine wundervolle Mama zu haben. Verlustängste sind furchtbar.. und wenn sie keinen Raum bekommen begleiten sie einen lange Zeit. Du machst das toll und genau richtig wie ich finde. Verlässlichkeit und Liebe lassen Sie verblassen, auch wenn sie uns unterschwellig immer begleitet. 

    Danke für Deine einfühlsamen Zeilen.

  3. Natalie G. sagt

    Danke für diesen berührenden Text. Das Thema kreist auch über uns. Meine Tochter ist zwar schon Schulkind, aber hat gerade eine traumatische Zeit erlebt, in der wir uns wegen häuslicher Gewalt aus dem gewohnten Umfeld entfernt haben. Sie hat viel an Gewohnheit verloren, aber auch wiederum ihre Freiheit und Unbeschwertheit zurück gewonnen, Ich habe sie gut auffangen können mit Liebe, Nähe und Gesprächen könnten wir unser Leben wieder aufbauen.

  4. Kirsten sagt

    Du sprichst mir gerade so aus der Seele. Wir haben dieses Thema nun schon seit 2 Jahren. Und es zerrt an den Nerven aller. Ich als Mama bin ja auch nur ein Mensch und leider nicht perfekt. Meine Püppchen und wir kämpfen nun gemeinsam gegen die Angstdämonen. Mit Hilfe. Profi-Angstjägern. Aber es tut so gut, dass man damit nicht allein ist.

  5. kermit sagt

    Wir haben gerade genau das selbe Thema bei unserem 9jährigen Sohn.

    es ging soweit,dass ihm ständig schlecht war und er nun vorübergehend wieder bei uns im Schlafzimmer schläft -auf einer Matratze. ..

    wir haben auch einfach gaaanz viel geredet, darüber, dass er nicht erwachsen werden will……genau aus diesem Grund. …

    Nun ist er trotz allem ganz mutig auf Klassenfahrt gefahren und ich hoffe,dass ihn das auch wieder bestärkt und er wieder ein fröhlicher Sonnenschein sein kann……

    danke für deine Ansicht und Tipps….

  6. FrauBHK sagt

    es ist so schön zu lesen,  dass du ihr abseits von phrasen und wahrhaft respektvoll helfen kannst. viel zu oft höre ich von "tipps und tricks" à la monsterspray, abgewandelt für große kinder, die sich ebendann dauerhaft mit ängsten quälen, es verheimlichen oder die stimmen verinnerlichen. "das ist doch albern, du weist doch, dass das nicht stimmt" oder "autounfälle passieren so selten, hör auf so einen quatsch zu denken". 

  7. Oh wie hatten auch gerade eine solche Phase und es kommt auch immer mal wieder durch. Mir schossen beim Lesen gerade gleich die Tränen in die Augen! Vielen Dank für diesen Post, ich brauch solche Erinnerungen immer mal wieder, dass man auch wenn's länger dauert, ich Ihnen diese Gefühle nicht einfach wegschiebe mit "ach komm, passiert schon nix"!

    Danke, Anna!!!

    lieben Gruß von Steffi 

  8. Jacqueline sagt

    Liebe Anna, Danke für deinen wundervollen und einfühlsamen Post! Du bist eine tolle Mama, ich hoffe ich schaffe dass Thema genauso gut bei unserer derzeit fast 3-jährigen umzusetzen wenn es bei uns mal soweit ist. Hab ein schönes Wochenende

  9. Hallo Anna,

    das Gespräch mit deiner Tochter hat mich sehr berührt. Nicht zuletzt weil meine Tochter auch immer so tiefsitzende Gedanken hat, die nur ab und zu in fast schon philosophischen Gesprächen hervorbrechen. Sie erstaunt mich immer wieder, was in ihrem Kopf so vor sich geht. Ich merke auch, wie gut es ihr tut, wenn ich dann einfach da bin für sie, auf ihre Fragen eingehe und mir auch Zeit mit meinen Antworten lasse, bwz sage, wenn es z.B. um Gott geht, dass ich das glaube, aber das es Menschen gibt, die an etwas anderes glauben und dass sie sich selbst darüber eine Meinung bilden darf, an was sie glauben will.

    LG
    Petra

  10. Liebe Anna, dein Text bewirkt wie so oft wieder einiges in mir. Auch wir hatten in dem vergangenen Jahr so oft solche Themen und ich weiß nur allzu gut, wie sich dein Goldkind und auch Du dabei oft fühlen werden.

    Die Oma meines Sohnes (meine Mama) starb letztes Jahr im Alter von 55 Jahren. Wir alle – auch die Kinder – hatten das Glück (ja, das war es wirklich) sie bis zuletzt zu begleiten. Sie hatte Krebs und es war zeitig absehbar, dass es keine Heilung mehr geben wird. Dadurch – aber nicht erst bedingt durch die Krankheit – war das Thema „Sterben, Himmel, Tod, Krankheit“ natürlich immer präsent. Im Nachhinein bin ich meiner Mum sowas von dankbar, dass sie stets so offen mit uns darüber gesprochen hat. Sie teilte mit uns ihre Ängste, aber gab uns dennoch Mut, weil sie oft so viel stärker war als wir – ihre zwei Töchter.

    Für Kinder ist so ein Schicksalsschlag natürlich ganz anders „verdaubar“. Sie gehen anders damit um, als wir. Aber dennoch müssen wir diese Sorgen ernst nehmen. Ich finde es toll, wie Du das bei deinen Kids immer wieder schafft und ziehe wirklich den Hut vor Dir. Es ist toll, wenn Kinder so offen sind, über ihre Ängste und Sorgen zu reden. E signalisiert uns, dass sie uns bedingungslos vertrauen und uns als Fels in der Brandung sehen.

    Mein Sohn (damals fünf) lag an einem Abend (der Tod seiner Omi war bereits einige Monate her) mal weinend im Bett und meinte: „Mami, ich hoffe, der liebe Gott macht, dass wir alle vier mal gemeinsam sterben, damit wir nicht hier allein bleiben müssen.“ Es hat mir fast das Herz ausgerissen…und mir liefen die Tränen. Aber ich musste dem „Großen“ erklären, dass das eben nicht in unserer Hand liegt und der liebe Gott jeden zu sich holen wird. Aber wann das sein wird, können wir eben nicht bestimmen. Auf jeden Fall – und das wird sich für nicht-gläubige Menschen komisch anhören, aber ich bin wirklich komplett davon überzeugt – werden wir uns dort oben irgendwo wieder sehen. Wir werden uns auch nicht suchen müssen, weil unsere Herzen füreinander schlagen. Ich freu mich schon jetzt, mal irgendwann meine Mama da oben wieder zu sehen J Meinen Sohn hat diese Aussage wirklich beruhigt und er meinte: „Ich freue mich auf Oma. Weißt du, dann kann man nicht mehr krank werden oder sterben…dann ist man für immer zusammen!!!“ Ja, genau so stelle ich mir das vor.

     

    Auch mich hat diese Erfahrung sehr geprägt und mehr als alles andere bisher verändert. Auch ich habe oft Angst davor, gehen zu müssen. Überhaupt keine Angst vor dem Tod (vielleicht sogar manchmal Neugier/Vorfreude auf das danach), aber Angst, dass keiner meine Kinder so auffängt bzw. so versteht, wie ich das tue (obwohl ich einen wundervollen Mann habe, der ein wahnsinnig toller Papa ist), wenn ich nicht mehr da bin. Und Angst, sie dort wo ich bin, zu vermissen. Diese Vorstellung tut jetzt schon weh. Ich bringe meinem Sohn immer wieder bei, wie wichtig die Familie ist. Auch ich hoffe, dass er und seine kleine Schwester sich im Leben immer haben und auch die Schicksalsschläge, vor denen wir sie wohl nicht bewahren können, gemeinsam meistern und sich gegenseitig Kraft geben können. Sie werden hoffentlich durch ihre Geschwister nie allein durch die Welt gehen müssen.

    Auch ich bin oft traurig, dass ich keinen Ort mehr habe, an dem ich mich fallen lassen kann. Auch wenn ich einen tollen Partner habe, so ist und bleibt eine Mutter eben etwas Besonderes. Egal, wie alt man ist, bei ihr kann man einfach nur Kind sein.

    Wir wissen alle nicht, wieviel Zeit uns geschenkt wird (vielleicht ist das auch gut so). Ich hoffe nur, dass wir alle unseren Kindern so viel mitgeben können, dass es für das ganze Leben reicht. Auch Du kannst irre stolz auf Deine Kinder sein. Du hast ihnen schon jetzt so viel mit auf den Weg gegeben, wie manche es ein Leben lang wohl leider nie erfahren werden.

    Drum, schüttet Eure Kinder zu mit all Eurer Liebe (es kann nie zu viel sein). Es gibt Ihnen Kraft. Schenkt Ihnen Zeit, denn das wird es sein, an das sie sich später erinnern werden!!! Aber seid auch traurig, wenn Euch danach ist. Kinder verstehen das – und nur so ist es authentisch. Man muss nicht immer der/die Starke sein. Auch wir dürfen Angst haben… Und macht das Thema Tod nie zu einem Tabu-Thema. Es wird uns alle (hoffentlich noch nicht so schnell) irgendwann ereilen. So ist eben der Lauf der Dinge. Aber es tut gut, zu wissen, wie die Seelenmenschen (Familie) drüber denkt und lässt uns später besser damit klar kommen. Ich wünsche Euch allen ganz viel Kraft, einen Ruhepol, wenn Eure Gedanken wild kreisen und stets einen guten Zuhörer, dem Ihr all Eure Gedanken anvertrauen könnt.

    In diesem Sinne, Euch ein schönes Wochenende

  11. Bin erst gestern in meinem Lieblingsbuchladen auf ein Buch gestoßen, welches ich wohl am Wochenende beginne zu lesen: "Oma lässt grüßen und sagt, es tut ihr leid." Vielleicht fügt es sich gerade ein wenig in meine Gedanken ein.

  12. Ursula Hummel sagt

    Ursula

    25.September 2016

    Mein Sohn war gerade eine Woche in der ersten Klasse, da rief mich die Schulsekretärin an, ich solle meinen Sohn abholen, er habe schreckliche Bauchschmerzen. Ich fuhr schnell zur Schule, raste die Treppe hoch zum Sekretariat, da kam eine Lehrerin auf mich zu und meinte." Nehmen sie das Kind mit nach Hause!" Es lag auf der Liege bei der Sekretärin. Als Benjamin much kommen sah, sprang er von der Liege und stürmte auf mich zu. Mit verweinter Stimme sagte er:" Mama, ich wußte nicht mehr wie du aussiehst, dann bekam ich Bauchschmerzen." Ich nahm mein Kind in die Arme und es liefen uns beiden die Tränen runter. Mit so etwas hatte ich nicht gerechnet. Mein Vorschlag war, dass ich die nächste Unterrichtstunde vor dem Klassenzimmer warte, bis die Schulstunde vorbei wäre, was ich auch tat. Danach kam mein Sohn aus dem Klassenzimmer gelaufen und sagte ; "Mama, mein Bauchweh ist weg." Von diesem Tag an, legte ich ein Bild von mir in seine Federmappe, sodass er es immer anschauen konnte und nicht mehr vergaß, wie ich aussah..Bauchweh hatte er in der Schule nie mehr geklagt.

  13. Liebe Anna,

    das Thema beschäftigt mich im Moment sehr, denn auch hier sind gerade die Nöte in Sachen Verlustangst groß. Dein Hilfeplan, den du mit deinen Lesern teilst, bestätigt meine instinktive Herangehensweise (ich habe nur ein Kind) und bringt ein bisserl Licht ans Ende des Tunnels.

    Danke dafür!

    Liebe Grüße,

    Katrin

  14. Anonym sagt

    Verlustangst, keine Ahnung, aber sicher irgendeine Angst oder ein Unzulänglichkeitsgefühl. Ich bin am Ende mit meinem Latein. Sie ist meine 1. Tochter (7 Jahre), daher kann ich keinen Vergleich zu vergangenen Situationen ziehen und nicht ansatzweise sagen, woran es liegen könnte. Was sie hat? Sie hat Schmerzen in den Beinen (besonders in einem), im Bauch, im Kopf, im Hals. Immer abwechselnd. Manchmal tut ihr genau das Körperteil weh, was sie jetzt genau benötigt, z.B. Hausaufgaben? – kann ich nicht machen, meine Augen tun weh! Wandern? – geht nicht, meine Beine tun weh, etc. Das aber nicht "vorgeschoben" in der Hoffnung, dass sie dann vielleicht verschont wird, sondern sie fühlt den Schmerz echt, weint sogar, und erweckt den Eindruck, man würde sie mit den anstehenden Aktivitäten regelrecht foltern. Ihre Beine (besonders eines) tun v.a. im Liegen weh oder dann, wenn sie sich eigentlich entspannen möchte. Seit sie auf der Welt ist, wacht sie von den Beinschmerzen auf. Trösten und Kuscheln schafft keine Abhilfe oder nur sehr eingeschränkt. Manchmal hilft es ihr eher, mitten in der Nacht etwas zu essen oder eine Geschichte vorgelesen zu bekommen. Auch Nurofen hilft, mit 4 / 5 Jahren mussten wir es mitunter mehrmals wöchentlich geben. Wir haben den Eindruck, dass die Nächte besonders aufreibend sind, wenn der Tag "zu voll" war oder irgendeine Enttäuschung bestand. Darüber reden tut sie allerdings nicht (oder nur selten). Biete ich ihr am Abend Gesprächsbereitschaft an, läuft das schnell darauf hinaus, dass sie einleitende Sätze mit "Ich mach mir so Sorgen über…" dazu benutzt, um nicht ins Bett gehen zu müssen (sprich, einen ellenlangen Monolog über etwas hält, was sie gedanklich beschäftigt, was aber meist nicht nach einer realen Sorge klingt, sie will dann einfach nur plaudern). Seit sie in die Schule geht, kommen zu den Beinschmerzen noch alle anderen oben beschriebenen Schmerzen. Mittlerweile hat sie schon Angst davor, die Schmerzen "morgen wieder" zu haben, sie antizipiert sie also. Bauchschmerzen z.B. sind so "echt", dass Leute, die unsere Tochter nicht kennen, sogar Blinddarm in Betracht ziehen – wir mittlerweile nicht mehr (da wir diese "Bauchschmerzen" schon einmal im Alter von 3 Jahren hatten, es war ein völlig normaler Sonntag, es standen keine Aufregungen ins Haus, nach dem Frühstück begannen Bauchschmerzen, die sich ständig steigerten, nach ein paar Stunden hörte das Dauergebrüll nicht mehr auf, wir riefen den Notarzt, Diagnose: nichts). … Wenn meine Tochter allerdings von irgendeiner Tätigkeit begeistert (im Flow) ist, hat sie NIEMALS Schmerzen, und falls sie gerade noch welche hatte, sind sie im Handumdrehen verschwunden. Was soll ich tun?

    • Oh je, das hört sich allerdings sehr komplex an. Ich nehme an, ihr habt euch schon mit allen möglichen Kinderärzten etc. beraten? Falls nicht, wäre das mein erster Gang. Es geht ja gar nicht darum, das „abzustellen“, aber es muss ja eine Lösung her, die für alle im Alltag lebbar ist. Für sie ist das ja auch keine schöne Situation und offenbar spürt sie ja auch einen gewissen Leidesndruck, wenn sie bereits ausdrückt, dass sie Angst vor dem Auftauchen der Schmerzen hat… Ich muss auch sagen, dass ich bei solchen Dingen auch immer psychologischen Rat suchen würde. Eine meiner Freundinnen ist praktischerweise Psychiaterin, die frage ich regelmäßig um Rat. Und ich habe mich auch schon mal mit einer Kinder- und Jugendpsychiaterin beraten, als eine bestimmte Situation sich so zuspitzte, dass wir am Ende mit unserem Latein waren. Ich kann das wirklich nur empfehlen. Im Zweifel sagt so jemand uns Eltern dann halt auch, dass das „normal“ ist und man keine Sorge zu haben braucht. Falls aber was Alarmierendes wäre, würde jemand mit einem professionellen Blick auch das erkennen und einen entsprechend beraten. Ich weiß nicht, ob das ein Rat ist, der dir jetzt irgendwie weiterhilft, aber das würde ich an deiner Stelle tun. Mir Hilfe suchen, wenn ich das Gefühl hätte, meine Hilfe reicht meinem Kind nicht (mehr).

      Ich wünsche euch, dass ihr einen guten Umgang findet und möglicherweise auch eine Lösung für diese Schmerzen/Ängste deiner Tochter. Alles Liebe für euch!

  15. Susann sagt

    Ich habe keinen Umgangstipp für Kinderängste, da meine beiden noch zu klein dafür sind. Aber mir hilft gegen die Horrorvorstellung, dass meinen Kindern etwas passieren könnte, dass ich mir die Alternativen überlege: Unfälle im Straßenverkehr könnte ich vorbeugen, indem ich nur zu Hause bleibe. Aber dort verpasse ich so viel. Ist mir das Risiko das wert? Falls ich meinem Sohn eine Schere gebe, könnte er sich schneiden. Aber falls er nie eine bekommt, lernt er nicht, damit umzugehen. Mein Sohn könnte auf dem Schulweg (so alt ist er nicht, da haben wir noch ein paar Jahre Zeit) entführt werden. Aber wenn er den Weg allein läuft, gewinnt er Selbstständigkeit und Selbstvertrauen. Wir müssen alle mit diesen Ängsten leben. Falls wir uns davon lähmen lassen, gewinnen wir gar nichts. (So direkt würde ich das nicht meinen Kindern sagen, ich würde eher deinen Gesprächsansatz wählen…) 🙂

  16. Wow… Ich bin einfach nur überwältigt von deiner Einfühlsamkeit, wie du an dieses schwierige Thema rangegangen bist, wie du es überhaupt herausgefunden hast. Auch wie du mit der Verlustangst deiner Tochter konkret umgehst, fand ich sehr liebevoll und hat mich zu Tränen gerührt :,)

    Unser Sohn ist jetzt 1,5 Jahr alt, wir haben mit diesem Thema noch nicht zu kämpfen, obwohl sein Uropa vor ein paar Tagen verstorben ist. Aber der Kleine begreift es nicht, wenn ich ihm erzähle, dass der Uropa tot ist. 

    Bei meinem Neffen kam dieses Gefühl, als die Familie Bambi schaute… Da stirbt die Mutter ja auch und der Kleine sucht verzweifelt nach seiner Mama. Das hat meinen Neffen vor Augen geführt, dass man seine Mama verlieren kann und hatte von da an auch Verlustängste.

    Deine Tipps finde ich wirklich hilfreich und ich werde sie mir wieder in Erinnerung rufen, wenn es bei uns dann mal so weit sein sollte.

    Vielen Dank und alles Gute für eure Familie!

    Kerstin

  17. Stefanie sagt

    Gerade erst bin ich auf diesen wunderbaren Text gestoßen & (wieder einmal) sehr von deiner Art zu schreiben berührt. Danke für's aufschreiben!

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