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was wir brauchen ::: über die echten bedürfnisse von kindern

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Heute ist Nikolaus. Die Kinder haben am Morgen voller Begeisterung und mit glänzenden Augen ihre gefüllten Stiefel ausgeleert und jeder ein Buch ausgepackt. "Jedes Jahr an Nikolaus bekommen wir ein neues Buch. Ich l i e b e das so!" jubelte der Bub und drückte seinen neuen Buchschatz ans Herz. Traditionell ist Nikolaus bei uns vor allem geprägt davon, dass wir die Stiefel putzen und aufstellen und dabei die Nikolausgeschicht erzählen, vielleicht ein Lied singen, auf jeden Fall aber vor allem den Zauber dieser Nikolausnacht heraufbeschwören. In jeden Stiefel kommt ein Stück Zucker für's Eselchen, der Nikolaus bekommt einen Teller mit Plätzchen hingestellt und dann wird das Licht ausgemacht und die Tür zu, damit der Nikolauszauber sich entfalten kann. Am nächsten Morgen ist die Freude darüber, dass er tatsächlich da war, die größte Freude. Niemand erwartet große Geschenke, niemand ist enttäuscht, die Herzen sind erfüllt und froh.

Heute morgen brachte mich das zum Nachdenken darüber, was meine Kinder wirklich brauchen, was die tatsächlichen Bedürfnisse von Kindern sind, neben den Grundbedürfnissen nach Liebe, einem sicheren Zuhause, ausreichender und ausgewogener Ernährung, angemessener Kleidung und dem Zugang zu Bildung. Was sind die echten Bedürfnisse von Kindern? Was sehe ich da bei meinen Kindern? Was brauchen sie wirklich von mir, ihrer Mama?

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Bedürfnisse von Kindern: Sieh mich. Lass mich. Lass mich werden.

{ Da bist du, Bub mit den schokoladenschmelzbraunen Augen und dem frechen Grinsen. Was brauchst du? Was brauchst du gerade von mir? }

Ich schaue dich an und du bist mein großer Sohn. Neun Jahre, aber so gut wie zehn, sagst du und lachst froh. Sehr selbständig gehst du durch deinen "kleinen" Alltag, erledigst die Dinge, die sein müssen, machst die Sachen, die du liebst, umgibst dich mit dir wichtigen Menschen. Und dann weißt du genau, wie du die Dinge tun willst. Es reicht nicht mehr, sie nur zu tun, sie müssen r i c h t i g sein. Das ist dir wichtig und du gibst dich nicht mit weniger zufrieden. Du streitest mit mir, du grenzt dich ab und du übst, mit mir im Clinch zu liegen. Im Moment hältst du es lange aus, wenn wir streiten. Du scheinst zu trainieren, wie es ist, mit mir böse zu sein und es macht dich seltsam ruhig, wenn du es aushältst. Du brauchst das. Zur Zeit brauchst du das.

Aber im nächsten Augenblick ist alles anders. Der Weg zurück zu mir ist zum Glück kurz und schon liegst du in meinen Armen, willst ganz nah sein, schnupperst an meinem Haar und kuschelst dich ein, so klein es geht. Wir lesen Geschichten zusammen, für die du eigentlich schon zu groß bist, du willst Weihnachtslieder singen und mit mir Plätzchen backen, "Wie immer, Mama, ja?" Nachts hast du schlecht geträumt und kommst an unser Bett, dein Herz schlägt erst wieder ruhiger, wenn du zwischen uns weiterschläfst, fest im Arm von deinem Papa, eine kleine Hand in meiner. Du brauchst das.

{ Und du, kleines Mädchen mit dem goldenen Zopf und dem blitzblauen Blick. Was brauchst du? Was brauchst du gerade von mir? }

Du läufst fröhlich zur Schule und winkst mir zu. Du erwartest den Tag voller neuem Wissen, gefüllt mit Zeit, in der du deine Wissbegier stillen kannst. Du erwartest Menschen, die dir voll Respekt und Wertschätzung begegnen. Die Schule ist für dich ein guter Ort und du liebst es, dort die Zeit mit deinen Freundinnen und Freunden zu verbringen. Und danach kommst du zu mir – aber nur kurz. Eine Umarmung reicht dir im Moment oft, denn du hast so viel zu tun! Du willst basteln, triffst deine liebste Freundin Klein-I wenn wir nach Hause kommen, du möchtest spielen, lesen, fahrradfahren, einen Brief schreiben, auf eine Expedition mit deinem Bruder gehen, bewaffnet mit Taschenlampen, weil es schon dunkel wird. Du bist voller Abenteuerlust und Neugier und ich liebe diese aktuelle Phase in deinem Leben. Du brauchst es gerade, dass ich dich gehen lasse, zig mal am Tag. Du brauchst die Gewissheit, dass das okay ist und hier in deiner Abwesenheit nichts Schlimmes passiert. Du weißt, dass wir hier sind und deine Basis Bestand hat, deshalb kannst du auf Abenteuer gehen. Du brauchst das.

Am Abend kommst du ins Haus, verkündest, dass du dir nun alleine die Haare waschen wirst und bist stolz, wenn ich bei der Kontrolle festelle, dass du ganz alleine alle Shampooreste ausgespült hast. "Ich kann alles, was ich will, alleine machen, Mama!" Du versorgst deine Meerschweinchen, hilfst mir beim Abendessen, bist zufrieden. Wenn du schlafen gehst, erzählst du mir noch von deinem Tag und du sprudelst über. Langsam nur wirst du ruhiger und leiser, ich sitze bei dir und sreichle dein Goldhaar, wir lesen noch ein Kapitel in deinem Buch, dann, ganz allmählich, kannst du dich schlafen legen. Du brauchst das.

{ Du, Teenie-Mädchen mit den Endlosbeinen und dem strahlenden Lächeln, was brauchst du? }

Zur Zeit gleicht dein Leben einer Berg- und Talfahrt und ich schaue dir dabei zu, wie du riesige Schritte von mir weg machst, hinaus aus unserem Nest, das du dein Zuhause nennst und wie du denselben Weg wieder zurück machst – zurück zu uns und in die Sicherheit deiner Basis. Deine Aufgaben sind inzwischen wirklich groß und du meisterst sie alle: die Schule und die verschiedenen Hobbies mit allen Belangen, das Auf und Ab in der Freundinnenclique, die Familie und dein Platz darin, den du ständig neu definierst, hinterfragst, wieder anders besetzt. Überall geht es um etwas und manchmal kämpfst du mit dir und mit allen und allem um dich her. Du knallst die Tür und willst sie abschließen, in deiner eigenen Welt sein, ohne uns. Und diese Welt ist so anders, dass ich sie oft nicht verstehe. Aber das ist okay, denn du lebst darin, also muss sie irgendwie gut sein. Dann wieder kommst du zu mir, im Arm alte Fotoalben und meine Notizbücher von früher und du willst wissen, wie es war, als ich so alt war wie du. Du brauchst den Blick zurück, um dich einzusortieren. Du schaust alte Filme, die ich früher mochte, du spielst meine Musik und verbindest dich mit mir auf so vielen Ebenen. Und nach jeder zwischen uns gezogenen parallelen Linie folgt der Schritt weg von mir, denn du brauchst das – du bist du. Ich staune darüber, was alles in dir steckt und wie viel Neues von dir du uns jeden Tag zeigst und gleichzeitig sehe ich so viel Typisches, so viel DU in deinem neuen Ich. Es entzückt mich und ich schaue dir zu wie du immer mehr die wirst, die du sein sollst.

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Die Bedürfnisse von Kindern sind eigentlich – so klein. Und doch ist das, was sie wirklich brauchen, das Größte, was wir zu geben haben. Neben unserer Liebe ist es die Ausdauer im Da-Sein für sie. Die Gewissheit, dass wir alles, alles mit ihnen aushalten, was immer da auch kommt. Die Fähigkeit, sie aufzufangen und wieder gehen zu lassen, immer und immer wieder. Die Bereitschaft, die Basis zu sein, zu der sie immer zurückkehren können, egal, wohin und wie weit sie gehen.

Sie brauchen, dass wir als Eltern sie sehen. Dass wir verstehen, wie sie gemacht sind und wer sie sein möchten. Dass wir sie nicht biegen und formen, sondern sie wachsen lassen. Und was brauchen wir als Familie? Wir brauchen die Zeit, gemeinsam und jeder für sich. Wir brauchen die Pausen im Alltag und das Durchatmen, zusammen und alleine. Wir brauchen Platz für unsere Bindungen und unsere Wege, die gemeinsamen und die individuellen. Wir brauchen unsere eigene Sprache miteinander, damit wir uns gegenseitig immer verstehen, in den schönen Zeiten und in den schweren Phasen erst recht. Wir brauchen unsere Liebe und Verbundenheit als sicherer Boden, auf dem wir stehen, und wir brauchen die Gewissheit, dass wir das Team sind, das niemand je auseinanderbringen kann. Wir brauchen das.

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Heute war Nikolaus. Und unsere kleinen Rituale und Traditionen haben uns den Tag gestaltet. Da sind die gefüllten Stiefel, das traditionelle Buch, die Orangen und Nüsse in den Stiefeln und die Schokonikoläuse. Aber was uns wirklich trägt, was uns über heute hinaus als Familie trägt, ist das Hand-in-Hand zum Auto laufen nach der Schule und alle reden durcheinander. Das ist das gemeinsame Abendessen und das Lesen danach. Das sind die Gute-Nacht-Küsse unter den Geschwistern und die Quatschmacherei beim Zudecken mit mir. Das Lied, das die Kleine den Großen vorsingt, weil sie es für's Winterkonzert geübt hat. Die heimliche Bastelei der Mädchen und das Flüstern mit dem Bruder, der ein Geheimnis bewahren soll und es doch kaum aushält. Unsere Sprache, gewebt aus Liebe, Verbundenheit, lieber Gewohnheit und Verlässlichkeit. Das brauchen wir. So sind wir.

Und ihr?

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21 Kommentare

  1. Anonym sagt

    Anna,

    danke für diesen schönen Text. Das ist so wahr, die Kinder sind schon immer sie selbst und man nicht versuchen sie so zu biegen, dass sie so sind wie man selbst. 

    Ich bin ein Adoptivkind und habe mich während  meiner Teenie Jahre oftmals schlecht gefühlt, dachte ich bin nicht gut so wie ich bin… es gab dann oft Streit zwischen meiner Adoptivmutter und mir.

  2. Kristin sagt

    So einfach ist das! Kinder brauchen nicht viel um glücklich zu sein, nur ganz viel Liebe …! Das ist super schön geschrieben von dir & so wahr. 

  3. sunshine sagt

    Genau DAS habe ich heute morgen gebraucht…

    Wieder sooo ein schöner Text mit so viel Liebe, Verbundenheit und Wertschätzung…

    Gerade wenn es mal wieder so richtig trubelig ist, sind es ganz oft deine Texte, die mich erden und den Blick zurück auf das Wesentliche lenken!

    Ich danke Dir von Herzen dafür!

  4. Elisabeth sagt

    Was für ein wunderschöner Text – herzerwärmend…! unsere sind jetzt 3, 5 und 8 … und dein Text macht mich neugierig darauf, wie es bei uns in 4 Jahren sein wird… 🙂 Schön!!

  5. Ach Liebe,

    genau so ist es. Diese Verbundenheit und die liebevollen Rituale geben den Kindern die Sicherheit auszuschwärmen und ihr Leben zu meistern, denn sie wissen, sie haben immer einen sicheren Hafen wo sie nach einer Passage durch stürmische Seh wieder vor Anker gehen können.

    Dicken Drücker aus dem Nachbarkiez,

    Imke

  6. friederike sagt

    Oh Anna, 

    soo schön. Danke. Ich übe noch so sehr das Mama sein, das wirklich da sein. Und deine Texte berühren mich jedes Mal, ganz innen. 

    Einen gesegneten Advent,

     Frida

  7. Alexandra sagt

    Liebe Anna, dein Text hat mich sehr berührt und ich bewundere dich für die Klarheit in diesen Gedanken und dafür, wie du es schaffst, das Wichtigste im Blick zu behalten bei all den kleinen und großen Dingen, die einen doch immer wieder davon ablenken!  

    Mein Sohn ist noch klein und Nummer zwei erst unterwegs und doch hoffe ich, dass ich es mal schaffe eine so aufmerksame und liebevolle Mama zu werden, wie du es zeigst.  Nicht zu oft ungeduldig zu sein oder Nebensächlichkeiten den wirklich entscheidenden Dingen vorzuziehen!  

    Ich werde weiter deinen Blog verfolgen und hoffe, dass deine Texte meinen Blick immer mal wieder schärfen!  

    Danke schon mal für diesen tollen Text!  

    Viele liebe unbekannte Grüße und noch eine wundervolle Adventszeit!  

    • Liebe Alexandra,

      danke dir von Herzen für deinen schönen Kommentar. Ich freue mich, wenn du dich hier wiederfindest – dafür schreibe ich ja die Texte auch. 🙂 Ich wünsch dir eine schöne Schwangerschaft, eine zauberhafte Advenzszeit und alles Liebe für dich und deine Familie, Anna

  8. Saila sagt

    Du schreibst so schön und hast einen sehr guten Blick auf deine -nebenbei gesagt: wirklich wunderschönen- Kinder!!! Ich wünschte, dass ich das auch könnte!

    Weiterhin eine besinnliche Adventszeit dir und deiner Familie von Saila

  9. Petra sagt

    Es ist eigentlich einfach und doch so schwierig wie ich finde.. Ich wünschte die Welt wäre voll mit Mamis wie dir.. ! Danke für den liebevollen Gedankenanstoss.. 

  10. Liebe Anna, ich bin sehr gerührt von deinem Text. Mein Sohn ist zwar erst 2 1/2 Jahre, dennoch kommt irgendwann die Zeit, an der er immer mehr los lassen wird und ich hoffe, dass ich damit dann auch so gut umgehen kann, wie du es hier beschreibst! Vielen Dank dafür Lg Melanie 

  11. Danke für diesen wunderbaren Text! Viel Wahrheit, Viel zum Nachdenken, Viel zum Hängenbleiben, Viel zum Nachmachen, Viel Liebe, Viel Glück.

  12. Liebe Anna,

    als ich vor einigen Tagen in meiner TL deinen Text zur Notiz nahm, las ich die Überschrift und scrollte weiter. Ich habe soooo sooo viele Bücher, Blogs und andere Texte über die Bedürfnisse von Kindern gelesen, dass ich dachte, ich könnte hier nichts Neues entdecken. Mea culpa- ich habe mich geirrt. Dicke Tränen liefen mir eben die Wange herunter, weil ich es so zauberhaft finde, wie sehr du deine Kinder im Blick hast. Vielen Dank für diesen privaten Einblick und für das Herzblut in diesem Text. So etwas zu lesen tut immer gut, weil es so berührend ist. Danke für deine Story, die nochmal so viel intensiver zeigt, was andere Autoren sonst nur distanziert beschreiben können. 

    Liebste Grüße,

    Sarah

  13. Ein Wundervoller Text! Und so wahr! Als wüssten wir es nicht alle, kinder sind immer sie selbst:) keine Masken, kein verstellen. Und was macht sie am glücklichsten, das simpleste der Welt,  liebe und Geborgenheit. 

     

    Einen wunderschönen Abend noch! 🙂

  14. Manuela sagt

    Beautiful, we all know it…but to read it like this bring it back to our heart!

    Many Thank, Manuela

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