das wilde leben
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Vom Loslassen und Fliegen lernen | Depesche aus Neuseeland

Mutterliebe, Tochterliebe | berlinmittemom.com

Es ist halb sieben Uhr morgens. Das Goldkind sitzt verschlafen auf dem Sessel und zieht sich an, der Lieblingsbub steht unter der Dusche und der Mann wirft die Kaffeemaschine an. Da klingelt mein Handy und das Display leuchtet auf: „Hey, seid ihr schon wach? Wollen wir telefonieren?“ lautet meine erste Nachricht des Tages, meine wichtigste Nachricht: es ist das Neuseelandkind, das sich meldet. Bei ihr ist es genau zwölf Stunden später als bei uns, sie ist quasi in der Zukunft und hat den Tag schon erlebt, den wir gerade beginnen. Und wie viele Tage zur Zeit startet auch dieser Tag für uns mit einem kurzen Videotelefonat. Während wir frühstücken, erscheint ihr lächelndes Gesicht auf meinem kleinen Bildschirm und wir sehen sie dort in Wellington, uns zwölf Stunden voraus in einem Tag, den wir gerade erst beginnen. Und dann reden wir.

Skype-Date mit Neuseeland | berlinmittemom.com

Flashback | der Abschied

Am Flughafen in Frankfurt vor ein paar Wochen. Die Koffer sind abgegeben und die Anspannung ist fast mit den Händen zu greifen. Der Bub geht quasi im ZehnMinuten-Takt zur Toilette, der Mann und ich schauen einander gar nicht in die Augen, weil wir fürchten, beim jeweils anderen Tränen zu sehen. Das kleine Mädchen schaut allen genau in die Gesichter, wie immer darum bemüht, die Stimmung aufzufangen und auch auszugleichen, wenn nötig. Das Neuseelandkind ist noch kein Neuseelandkind, sondern steht vor dem wahrscheinlich größten Schritt in ihrem vierzehnjährigen Leben: dem Abschied von uns und dem Besteigen der Maschine nach Auckland, NZ. Wir halten Händchen, aber auch wir schauen einander gerade nicht in die Augen, nicht zu genau jedenfalls.

The Berlinmittemom Tribe | berlinmittemom.com

Vor einigen Tagen hatte sie mir noch gesagt, vielleicht müsse sie gar nicht weinen beim Abschied, so sehr freue sie sich auf dieses Abenteuer. „Ich will das unbedingt, Mama“, waren ihre Worte in den letzten Wochen, wann immer ich sie prüfend anschaute, um zu sehen, ob sie noch „an Bord“ sei mit diesem Plan: ein paar Wochen in einer Gastfamilie, ein paar Wochen Schule auf der anderen Seite des Planeten, so weit weg von zu Hause und von uns, wie es weiter weg eigentlich gar nicht mehr geht. Aber ja, sie war stets an Bord, sie wollte das, daran gab es seit dem Beschluss niemals den geringsten Zweifel. Wie sehr mich dieses Entschlossenheit schon seit Wochen beeindruckt hat, habe ich ihr nie gesagt. Erst jetzt, am Flughafen.

Der Moment ist da. Nachdem wir zwei Stunden gewartet haben seit dem Check-In, bringen wir sie nun zur Sicherheitskontrolle, wo sie mit den Mitarbeitern der Family Care-Abteilung von Korean Airlines auf die Schleuse zugeht. Ab hier können wir nicht mehr weiter mit. Jetzt fließen die Tränen bei allen. Vorher hatten die drei Geschwister schon mal ein bisschen geweint und einander fest umarmt, jetzt sind auch der Mann und ich dran: Abschied.

Vom Loslassen: Abschied am Flughafen | berlinmittemom.comAbschied am Flughafen | berlinmittemom.com

Unser erstes Kind, gefühlt lag es eben noch spinnchenzart in unseren Armen, ein kleines Bündelchen Leben, gemacht aus unserer Liebe, steht jetzt da vorne, zeigt seine Bordkarte, zieht den Trolley hinter sich her und winkt. Weint und winkt. Die letzte Umarmung war lang, mit jedem von uns. Das letzte Loslassen war fürchterlich schwer, die letzten Worte bekommen plötzlich so eine Schwere und Bedeutung. Doch schon ist der Moment vorbei und zwischen uns liegt eine unüberwindbare Sicherheitsschleuse aus Glas und Metall und eine halbe Abflughalle. Sie dreht sich nicht mehr um.

Wir schauen aufs Flugfeld, bis ihr Flieger an den Start geht. Dann hebt sie ab und wir bleiben zurück.

Abschied am Flughafen | berlinmittemom.com

Liebeskummer und Gewöhnung

Seit diesem Moment wollte ich darüber schreiben und – konnte nicht. Ich hatte ein Bild auf Instagram geteilt und auch die Neuseelandreise immer wieder erwähnt, hier wie dort, aber ich fand die Worte nicht. Zu seltsam war das Gefühl, von diesem Kind räumlich so absolut getrennt zu sein, zu krass war das Fehlen in jeder Alltagssituation, zu wenig hätte ich meine eigenen Gefühle in Worte fassen können.

Aber es war wie Liebeskummer. In den ersten Tagen schlief ich schlecht. Beim Aufwachen galt ihr mein erster Gedanke, beim Einschlafen der letzte, immer ein bisschen Schwere darin. Was macht sie? Geht es ihr gut? Kommt sie zurecht? Dass diese Reise aber auch so lange dauern muss! Bei einem Auslandaufenthalt in den USA hätten wir nach zehn Stunden oder so gewusst, was Sache ist. So meldete sich das Kind nach der Hälfte des Trips aus Seoul per WhatsApp-Call und heulte völlig erschöpft in die Kamera. Alles furchtbar, die Aufregung so groß, die Erschöpfung so zersetzend, die koranischen Stewardessen so wenig hilfreich – die Entfernung so brutal groß! Als wir auflegten und wussten, jetzt kommt die zweite lange Strecke, auf der es kaum besser werden würde, fühlte ich mich so richtig mies.

Nachdem sie in NZ angekommen war und gleich herzlich empfangen wurde, ging es stündlich besser. Das Kind war immer noch erschöpft und gejetlagged, aber die Sonne schien, die Menschen um sie herum waren freundlich und sie kam so ganz allmählich wirklich an. Und nun war es an uns hier, unsere eigenen Gefühle zu sortieren.

Liebeskummer wird ja bekanntlich besser, je weiter die Zielperson entfernt ist. Hier ist es anders gewesen. Es wurde besser, je häufiger ich sah und hörte, wie mein Kind stündlich fröhlicher wurde. Wenn sie mir erzählte, was sie alles gemacht hatte und Fotos von sich in Schuluniform schickte, ging es mir besser und wenn sie berichtete, wie sie mit der Gastmutter gekocht und mit der Gastschwester Badminton gespielt hatte, wurde mein Herz leichter. Sie fehlte mir immer noch jeden Augenblick, aber es ging ihr gut und das half.

Flügel ausbreiten & loslassen

Jetzt ist sie schon eine ganze Weile weg und wir texten uns fast täglich bzw. schaffen einen kurzen Videocall via WhatsApp. Meist ist die Verbindung ganz gut und wir zeigen uns gegenseitig, was wir gerade so machen und erzählen, wie der Tag so war. Dann sagt einer von uns „Gute Nacht“ und der andere „Hab einen schönen Tag“, denn zwischen uns liegen 12 Stunden Zeitunterschied, sie ist sozusagen in der Zukunft und mir immer einen halben Tag voraus. Und dann legen wir auf und jeder macht seins. Das fühlt sich gut an und dennoch schräg, denn wir sind so eng verbunden, dass wir normalerweise sehr genau wissen, was wer in welchem Moment seines Tages gerade tut, zumindest, was die groben Abläufe betrifft. Alle Alltagsdinge sind verwoben, alle Wege kreuzen sich dauernd oder laufen dicht nebeneinander parallel. Doch jetzt berühren wir uns plötzlich nur noch virtuell für einen kleinen Moment alle paar Erdumdrehungen. Das, was uns verbindet, ist noch immer das stärkste Element zwischen uns, aber es kommt nicht länger im Alltag zum Tragen. Die Entfernung zwingt uns vielmehr, auf das Essentielle zu kommen, an das wirklich Wichtige zu denken, diese Dinge ausdrücken zu lernen, in diesem einen Moment der Berührung. Dass wir das können finde ich wundervoll, aber dass wir es gerade m ü s s e n, weil uns sonst nichts bleibt, mag ich immer noch nicht, selbst wenn der schmerzhafteste Liebeskummer inzwischen abgeebbt ist.

Ist das so, wenn Kinder groß werden? Fühlt es sich so an? Ist das dieses „flügge werden“, wovon alle sprechen? Und wieso sagt den Eltern niemand, dass auch sie flügge werden müssen auf eine Weise, wenn sie ihre Kinder ziehen lassen? Ja, wir wissen das, schon immer wissen wir, dass dieser Tag kommen wird – aber doch nicht so schnell! Und wir wissen auch vorher nicht, wie weh das tun kann, wenn dieser Tag da ist. Wir bekommen gerade einen Vorgeschmack darauf – ich kann mir noch nicht vorstellen, wie es sein wird, wenn dieses Flügel ausbreiten meines Kindes ihr komplettes Leben betrifft und nicht nur einen zeitlich begrenzten Abschnitt von einigen Wochen, so wie jetzt.

Mutterliebe, Tochterliebe | berlinmittemom.com

Eines Tages wird sie ganz und gar fort sein. Ihr Lebensmittelpunkt werden nicht mehr wir sein, die Herkunftsfamilie. Sie wird jemanden finden, zu dem sie gehören will und ihre Welt wird sich um diesen Menschen drehen, nicht länger um uns. Und ich werde mich für sie freuen und werde es lieben, wenn sie glücklich ist und ihre Wege findet. Ich werde sie bestärken und ermutigen, so wie ich es auch jetzt getan habe, für diesen kleinen ersten Probelauf. Wir werden ihr helfen, ihre Sachen zu packen und ihr etwas Kleines schenken, das sie begleiten soll auf dem Weg in ein neues Leben. Ich werde in der Tür stehen und winken und rufen „Melde dich, wenn du angekommen bist!“ Und ganz bestimmt: „Ich hab dich lieb!“ Aber wenn die Tür dann zugeht… wird sie fort sein.

Sie wird fort sein und ein Videocall wird das sein, was mir bleiben wird im Alltag – und wie ich mit dieser Art Liebeskummer umgehen werde, kann ich mir jetzt noch nicht vorstellen.

Was ich jetzt gerade begreife, in einer Art Generalprobe zu dem, was noch auf mich zukommt, wenn die Kinder die Flügel ausbreiten und los fliegen, hinaus aus dem Leben mit uns, ist das, was ich schon immer versuche, zu leben, seit ich Mutter bin: l o s l a s s e n. Vertrauen haben und loslassen. Den Kindern zutrauen, dass sie das können, mir selbst zutrauen, dass ich das kann und dann – in der Tür stehen und winken und hoffen, dass alles, was ich an Liebe und Stärke und Licht und Gutem an sie gegeben habe, sie begleiten wird wie ein Schutzzauber der Liebe. Und beten, dass dieser Schutzzauber für ein ganzes Leben reicht, bis auf die andere Seite des Planeten.

So geht es uns inzwischen mit dem Neuseelandkind. Wir lernen jede Menge. Alle Mamas mit großen Kinder da draußen – ihr wisst, wovon ich schreibe, richtig?

28 Kommentare

  1. <3 Ich erahne nur die Gefühle, die du hast. Ich kenne aber sehr gut die andere Seite. Ich bin mir sicher, ihr werdet ihr Heimthafen, ihre Heimatfamilie bleiben, zu der sie immer wieder zurück will und sich sicher fühlt. Das ist so viel wert in dieser großen unbeständigen Welt da draußen. LG Bella

  2. Oh ja Meine Große ist genauso alt und redet in den letzten Wochen auch gefährlich oft von einem Sprachaufenthalt in Übersee noch vor der Oberstufe 😉 Deshalb bekomme ich beim Lesen hier einen ganz fetten Kloß im Hals, denn genau so ist es. Loslassen, vertrauen und das Beste hoffen….
    Wie lange wird sie bleiben?
    LG Tina

  3. hach anna. diese geschichte macht mich ganz zitterig, so sehr kann ich deine worte fühlen. auch wenn ich noch nicht in so einer situation war, aber mit so eigenen kindern, kann man sich das so sehr gut vorstellen. wir hatten heute schnuppertag im kindergarten und ich konnte erahnen, wie es demnächst sein wird. ein neuer schritt. das erste „flügge werden“, in klein. aber doch irgendwie groß. ich zittere weiter. denn alles wird und ist gut irgendwie.

  4. Liebe Anna,
    ich danke Dir für Dein Erzählen. Vorhin beim Lesen flossen mir Tränen, denn ja, es ist schwer, so schwer. Unser Sohn ist nun seit fast drei Monaten weg (bleiben nur noch sieben …), und ich spüre es täglich, wie er fehlt. Manchmal glaube ich auf der Straße, da kommt er um die Ecke …
    Wir haben in der ganzen Zeit nur dreimal geskypt, vielleicht weil es bei Söhnen anders ist, vielleicht weil es zu uns so passt: Das Wenige, die nur spärlichen Informationen, das ist für ihn und für uns stimmig. Dafür spüre ich auf anderer Ebene ein viel tieferes, ganz selbstverständliches Band, ein gemeinsames Schwingen, was ich vorher nie so erwartet hätte. Sooo weit weg fühlt er sich also doch nicht an.
    Wenn ich aber über seine wenigen Messages und die auch nicht viel häufigeren Instagrambilder wenigstens erahnen darf, was er dort alles erlebt, welche Welten sich ihm eröffnen, wie reiche Begegnungen er hat, wenn ich aus der Ferne zusehe, wie er – schon jetzt – gereift und gewachsen und über sich hinausgewachsen ist, dann weiß ich: Alles ist gut und richtig. Es ist DAS Jahr seines (jungen 16jährigen) Lebens. Er blüht auf, er zeigt Seiten, die wir an ihm nie erahnten, er wird ganz er selbst … und das ist großartig. Und ja, wir Mütter haben auch zu wachsen, und wie.
    Damals, als er abgeflogen war, habe ich darüber geschrieben:
    https://fraurebis.wordpress.com/2017/09/09/mitgegeben/
    Ich sende Dir herzlich-verbundene Grüße in Dein Vermissen hinein
    Frau Rebis

  5. Katharina sagt

    Ohje… sie ist doch nicht gestorben. „Die letzten Worte“ – das Kind macht eine wunderbare, unbezahlbare Erfahrung. Bin ich froh, dass bei uns nie so ein Gewese gemacht wurde, wenn eins von uns Kinderm – für wie lange und wohin auch immer – das Elternhaus verlassen hat. Nicht bei Austauschen, Auslandsaufenthalten, Auszügen – geheult wurde hier nie und schon gar nicht von meinen Eltern. Sind doch alles ganz normale Vorgänge und Prozesse beim Älter und Erwachsen werden – meine Eltern haben sich mit uns mitgefreut und nicht den Abschied mit Tränen unnötig schwer gemacht. Aber wohl jedem das Seine. Neuseeland finde ich als Ziel jedenfalls cool – dahin habe ich’s noch nie geschafft, das steht aber definitiv noch auf meiner Liste.

      • Katharina sagt

        Wo klingt das denn abgebrüht? Wir konnten eben alle gut loslassen – das heißt ja nicht, dass wir uns nicht auch mal vermisst haben oder dass wir uns nicht ausstehen konnten. Aber die Bindung zu meinen Eltern war immer so fest, dass ein solcher Abschied für niemanden von uns ein Problem war. Meine Mutter konnte uns alle immer gut gehen lassen und deswegen war es auch für uns einfach zu gehen – ob beim Abschied morgens im Kindergarten (wenn ich da Mütter sehe, die selbst kaum die Tränen zurückhalten können, frage ich mich ehrlich gesagt schon ein wenig, was da in der Eltern-Kind-Beziehung so anders läuft, dass eine Trennung von mehreren Stunden ein solches Problem darstellt), bei Auslandsaufenthalten oder eben beim Auszug von zuhause. Ist doch eigentlich sehr einleuchtend, oder?

      • Ich fand das auch ein bisschen schroff, auch wenn es sicherlich gar nicht so gemeint war. Das Kind ist immerhin fast 15 und für gute sechs Wochen von seinen Eltern getrennt. Hier in den Kommentaren sieht man ja, wie unheimlich schwer das anscheinend für Eltern ist, ihre Kinder ein paar Wochen außer Haus zu wissen. Und ich muss sagen, da bin ich auch sehr froh, dass das bei uns zu Hause nicht so war. Klar, wie haben uns auch vermisst, aber irgendwann kam man dann ja auch zurück. Ich hätte mich sehr schwer getrennt, wenn meine Eltern meine Abschied über so viele Wochen so intensiv erlebt hätten wie das hier durchklingt. Das ist keine Wertung. Menschen sind verschieden. Ich lese diese NZ-Einträge eher mit einer gewissen Faszination über das, was mir relativ fremd ist. Ich war auch als Teenager oft drei Wochen am Stück weg, auf Schüleraustausch im Ausland, in Zeltlagern, auf mehrwöchigen Radtouren. Da gab es keine Abschiedsfeiern, sondern mein Lieblingsessen am letzten Tag und ein „schön, dass Du wieder da bist“ mit Blumensträußchen in meinem Zimmer. Ich habe zwischendurch nie angerufen, aber regelmäßig geschrieben. Und meine Selbständigkeit unfassbar geliebt und genossen.

      • Liebe Gaby, danke dir für deinen Kommentar. Ich glaube, es ist wie in allen Dingen: Menschen sind verschieden. Und ich danke dir dafür, dass du deiner Überlegung voranstellst, dass sie kein Wertung enthält, denn das ist das eigentlich Schwierige bei solchen Diskussionen/Auseinandersetzungen: geteilter Meinung sein oder Dinge verschieden erleben ist das Eine, gleichzeitig das Erleben und den Umgang anderer (negativ) zu bewerten ist das andere. Was die NZ-Situation angeht: ich glaube, dass dieselben Dinge einfach nur unterschiedlich gelebt werden. Wir zelebrieren grundsätzlich vieles und ein Lieblingsessen gibt es hier auch nach einer Woche Klassenfahrt. Im Alter von 14 Jahren sechs Wochen allein ans andere Ende der Welt zu reisen, ist in unserer Wahrnehmung eben ein bisschen was anderes, als drei Wochen Zeltlager an der Müritz. Und was das Genießen der neuen Selbständigkeit des Teeniemädchens angeht kann ich nur sagen, das findet trotz Abschiedsfeier und regelmäßiger Telefonate sehr ausführlich statt. Aus dem unterschiedlichen Umgang des einen und des anderen eine höhere Qualität der Familienbeziehungen oder der Selbständigkeit oder der Elternqualitäten herauszulesen, halte ich hier wie dort für falsch. Und bin froh, dass auch du das nicht tust. Liebe Grüße, Anna

    • T. M.-S. sagt

      Zu Gast in anderer Menschen Wohnzimmer kann ein bisschen Empathie sicher nicht schaden – aber vielleicht ist das auch unnötiges Gewese…

    • Liebe Katharina, danke dir für deinen Kommentar. Es freut mich für dich, dass deine persönliche Erfahrung anders war und finde es schön, dass du mit dem Weg, den deine Familie für sich eingeschlagen hat, immer glücklich warst und bist. Aber Menschen sind nun mal verschieden und Bindung, Trennung (auch auf Zeit) und Abschied werden von allen unterschiedlich erlebt und gelebt. Ich empfinde deine Wortwahl „Gewese“ durchaus als verletzend, denn „Gewese“ ist Theater, Drama, Übertreibung und Inszenierung – damit hat aber all das, was wir gerade erleben so gar nichts zu tun. Ich bin mir sicher, dass du nicht verletzend sein wolltest, ich möchte nur zu bedenken geben, dass der unterschiedliche Umgang mit solchen Situationen nichts darüber aussagt, ob jemand etwas „richtig“ oder „falsch“ macht mit seinen Kindern. Es ist eine sehr individuelle Erfahrung, die von jedem anders erlebt wird, daher kann man auch schlecht ein Schema F anlegen und sagen, nur so ist es richtig oder das eine ist besser als das andere. Trennungsschmerz zu empfinden heißt ja nicht automatisch, dass ich mich nicht für mein Kind freue oder sie nicht loslassen kann –
      denn wenn das so wäre, hätte ich ihr das Ganze wohl gar nicht erst erlaubt. Und natürlich sind solche Prozesse normal und gehören zum Erwachsenwerden. Das heißt nicht, dass ich dabei nichts empfinden darf.
      Wie bei allen persönlichen Themen innerhalb der Familie, muss es sich nur für die richtig anfühlen, die das erleben. Für dich ist das so, für mich ist es anders. Das ist doch okay.

      Liebe Grüße, Anna

  6. OMG!!! Schnief!

    Ihr macht das toll!

    Ja, so ist es, wie Liebeskummer. Oder nee, wie Heimweh. Das dachte ich neulich. Heimweh nach dem Leben, das wir miteinander geführt haben. Nach der Vertrautheit und den gemeinsamen Erlebnissen.

    Mein Großer lebt ja nun seit über einem Jahr nicht mehr bei uns. Es wird ein bisschen besser mit der Zeit. Und ich habe wahrscheinlich mehr Sehnsucht als er.

  7. lindgrenchen sagt

    Liebe Anna!
    … Die LIEBE und alles, was sie trägt und ausmacht, so wundervoll in Worte fassen zu können und sie dann noch mit uns zu teilen.
    … Du starke, große Frau – was sollte anderes dabei herauskommen, als eine weitere starke, große Frau am anderen Ende der Welt!
    … ich hoffe, ich erinnere das hier, wenn ich demnächst in der Türe stehe!!! Danke …

  8. Ach Anna ❤️ Ich bin keine Mama, aber ich habe eine, der es bei meinem Auslandsjahr wohl ganz ähnlich ging. Ich finde es toll, dass Ihr Euren Kindern diese Erfahrungen ermöglicht und sie bestärkt. Und ich glaube fest daran, dass genau durch diese Dinge ein Familienzusammenhalt entsteht, der unabhängig von Alter, Wohnort oder Entfernung Bestand hat. Ihr seid eine tolle Familie!

  9. Natalie sagt

    Wow, wie schön du das ausdrückst, was dich gerade bewegt… ich habe zwei kleine Kinder von dreieinhalb und einem Jahr und stecke gerade voll im Trubel, den die Kleinkindzeit mit sich bringt. Und auch wenn ich mich manchmal bei dem Gedanken ertappe „bald sind sie wieder ein bisschen größer und alles wird leichter“, weiß ich, dass auch mir das viel zu schnell gehen wird.
    Ich hoffe, ich kann sie auch so wie du bestärken und ermutigen- trotz des eigenen Kummers. Du machst das richtig klasse.

  10. Katharina sagt

    Endlich! Auf diesen Beitrag war ich so gespannt.
    Das klingt ein wenig unhöflich, oder? So fordernd. Der Leser erwartet quasi einen Text von dir.
    Und dann auch noch zu so einem emotionalen Thema.
    Aber nein, da war keine fordernde Erwartung, sondern ein Hoffen. Ein Hoffen, dass eben genau du, die ich in so vielen Lebenslagen gerne lese, auch zu diesem neuen Lebensabschnitt bei euch etwas schreiben wird.

    Meine Großen waren dieses Jahr zum ersten Mal eine Woche im Feriencamp, außer unregelmäßigen Briefen (die Leiter haben sie in den Kasten geworfen, nicht die Kinder selber), gab es keinerlei Kontakt. Keine Nachricht, dass man gut angekommen sei, natürlich keine Handys im Gepäck, nichts. Es war „nur“ eine Strecke von gut 200km, lachhaft zu Neuseeland. Aber wie du auch schreibst: ich habe es als eine allererste Generalprobe verstanden für die vielen kleinen Abschiede, die noch kommen. Die dann selber vorbereiten, vielleicht auch Ausschlag geben, für den finalen Auszug.
    Ich war selber sooooo gerne unterwegs und hoffe mit dem halben Weltenbummlerherzen, dass sie das alles auch lieben werden. Die andere Hälfte, das Mutterherz, ist überrascht, wie roh sich so eine abrupte Trennung anfühlt und welchen Einfluss sie auf Schlaf und Laune hat.

    Gut, dass unsere Kinder diese Erfahrungen freiwillig und kontrolliert machen dürfen. Ich denke an die Familien, die durch Krieg und Flucht auf unbestimmte Zeit getrennt sind. Da ist unser Schmerz ja doch schon Jammern auf hohem Niveau. Aber Vergleiche hinken immer und aus unserer Realität heraus tut eben auch so ein Austausch weh.
    Danke, dass du es wieder einmal in wunderbare Worte gefasst hast und uns teilhaben lässt. ❤️


  11. Sehr berührend und wunderschön geschrieben.
    Dein Blog ist wunderschön und bereichert unser Familienleben sehr mich täglich.

  12. Mary Lou sagt

    Hach da flossen bei mir auch die Tränen. So schön geschrieben der Text.
    Meine Tochter wird im Februar erst zwei, bis ich sie fliegen lassen muss, dauert es also zum Glück noch eine Weile, aber es fängt ja schon mit der Kitaeingewöhnung an, was habe ich geweint und sie vormittags vermisst am Anfang. Und so geht es wahrscheinlich immer weiter, die ganze Kindheit über müssen die Eltern sich daran gewöhnen dass die Kinder immer selbstständiger werden, bis sie irgendwann ausziehen.
    Ich hatte im selben Alter wie dein Neuseelandmädchen auch die Möglichkeit zu einer Gastfamilie nach NZ zu reisen. Ich habe mich damals aber nicht getraut. Ich hatte Angst, dass die Gastfamilie nicht nett wäre, ich mich dort nicht geborgen fühlen würde, alles zu fremd wäre. Ein jeweils einwöchiger Aufenthalt bei einer Gastfamilie in London und eine in Paris hat mir gereicht, NZ war mir einfach zu lang und dann auch noch ganz alleine (in London und Paris war jeweils meine ganze Klasse mit). Also finde ich es wirklich unglaublich mutig von deiner Tochter mit ihren 14 Jahren.
    Alles Liebe
    Mary Lou

  13. Auch Mamas ohne große Kinder wissen das vielleicht, wenn sie selber früh von zu Hause weggegangen sind. Auch meine Mama stand vor 30 Jahren weinend auf einem Bahnhof. Sie tat mir so leid. Ich hatte gerade ein Jahr Paris hinter mir und mein Leben in Berlin vor mir, war schwer verliebt und kurz vorm Studium. Ich war so voller Vorfreude und Aufregung, und sie stand da so klein auf dem Bahnsteig.
    Aber danach hat sie mir eigentlich immer vermittelt, wie toll sie alle meine Entscheidungen fand und wie ich das alles alleine durchgezogen habe und ich hatte nie das Gefühl, dass ich das nicht hätte tun sollen, das Weggehen. Das lernst Du ja gerade auch, das finde ich gut zu lesen. Denn am Anfang hatte ich echt ein bisschen das Gefühl, Du ziehst Dein Kind unbewusst zu Dir zurück, auch wenn sie das selber gar nicht will.

    Auslandsaufenthalte, länger oder kürzer, prägen einen sehr für alles Weitere im Leben, ich finde auf sehr gute Weise. Man bekommt so einen ganz anderen Blick auf das, was man zurück lässt und reflektiert vieles im Leben plötzlich neu. Man lernt Dinge wertschätzen, die man nie wahrgenommen hat. Und sieht anderes kritisch, weil man im anderen Land etwas gelernt hat, was man besser findet und übernimmt. Und man versteht fremde Menschen im eigenen Land so sehr viel besser, wenn man selbst erlebt hat wie es ist, irgendwo fremd zu sein und ganz neu anfangen zu müssen.
    Sei froh und stolz, dass ihr das eurem Kind ermöglichen könnt und dass sie es vor allem selber wollte!

  14. Danke liebe Anna, für diesen TIEFEN Beitrag, auf den ich schon ein wenig gewartet habe. Es ist so nachvollziehbar wie Ihr euch fühlt, obwohl meine Kinder mit 7 und 3 Jahren noch wesentlich kleiner sind und solch ein Projekt noch lange nicht ansteht. Dennoch weiß ich, wie Sehnsucht einem fast das Herz zerreißen kann. Man ist unbeholfen und selbst, wenn man möchte, kommt man nur schwer aus diesem Gefühlschaos heraus.

    Du kannst Dir aber mehr als sicher sein, dass Euer Band so enorm stark ist, dass DEINE GROßE Zeit ihres Lebens, nie an Eurer Liebe zweifelt, immer weiß, wo sie Zuspruch findet und ihre Wurzeln hat. Denn sie ist so jung & dennoch schon so eine starke und taffe Persönlichkeit. Respekt!

    Ich selbst bin (für viele sehr spät) mit 23 Jahren zu Hause ausgezogen. Um genau zu sein, genau 7 km weit weg…also ein Katzensprung für viele. Und so sehr, wie ich mich auf dieses neue Leben gefreut habe (durch den Hausbau lange auf dieses Ziel hingearbeitet), so schrecklich war auch der „endgültige“ Abschied von ZUHAUSE. Ich habe Blubberblasen geheult, als ich auszog und das letzte Möbelstück aus meinem einstigen Kinderzimmer auf dem Autohänger stand und in das neue Heim gefahren wurde. 7 km – ja, andere werden lachen, aber für mich war es EIN LOSLASSEN und ABSCHIED VOM KINDSEIN, VON GEBORGENHEIT, VON STÄNDIGER BEDINGUNGSLOSER LIEBE, VON SICHERHEIT, VON VERTRAUEN…und das war verdammt schwer. Und erst, wenn man eigene Kinder hat, kann man nur annähernd nachempfinden, wie es wohl meinen Eltern dabei ging.

    Ich wünsche Deiner Tochter viel Freude bei ihrem Ausflug, viele aufregende Momente dort, interessante neue Menschen, unfassbar schöne Erlebnisse…und immer das Gefühl im Herzen, von Euch behütet zu sein (trotz der großen Entfernung). Und Euch wünsche ich – gerade jetzt in der nachdenklichen Adventszeit – immer schöne Erinnerungen im Kopf, die Ihr Euch ständig abrufen könnt, wenn die Gedanken vielleicht gerade in die andere Richtung schweifen.

  15. Liebe Ana,

    mal wieder ein Artikel, der mich zu Tränen rührt!

    Ich war mit 16 für knapp 5 Wochen in Neuseeland auf einem Homestay bei einer neuseeländischen Familie, kenne also die Situation.
    Bei mir gab es keine Tränen beim Abflug, ich war wohl viel zu aufgeregt, bei meinen Eltern zumindest so lange nicht, bis ich ausser Sichtweite war. Es gab kein Internet und so gab’s einmal in der Woche ein Telefonat mit zuhause, das sich aber so anhörte, als seien meine Eltern direkt um die Ecke.
    Ich weiß aber noch, dass meine Mutter geheult hat, als ich wiederkam und ich nicht verstanden habe, warum. Nun bin ich selber Mutter und konnte direkt bei euch mitfühlen und so sind mir beim Lesen deines Textes schon die Tränen runtergelaufen.
    Und ich hoffe, dass auch meine Kinder mal die Möglichkeit haben, solch ein Abenteuer zu erleben und werde dann vermutlich wie ihr heulend am Flughafen stehen.
    Ich wünsche deiner Großen (und euch dann auch) eine wunderschöne Zeit auf der anderen Seite der Welt!

    Liebe Grüße,
    Katharina

  16. du bist eine großherzige Frau. In deinem Herzen ist viel Platz für große Emotionen. ich finde es ganz natürlich, dass du die Abwesenheit deines geliebten Kindes betrauerst und dass der Abschied schmerzt. Weil sich deine Tochter so geliebt und getragen weiß von ihrer Familie, traut sie sich so ein großes Abenteuer zu. Ihr seid eine tolle Familie! Elke

  17. Liebe Anna,
    meine Kids sind ja erst 5 und 0, also bei uns dauert das noch eine Weile. Aber ich habe jetzt schon ein bisschen Angst davor. Heutzutage ist es ja ziemlich normal, dass die Kids für ein halbes oder sogar ganzes Jahr ins Ausland gehen und ich möchte das unbedingt unterstützen, wenn es soweit ist, aber sicher ist das total schwer. Wobei die Zeit auch immer sehr schnell rumgeht. Bei uns in der Schule gehen die meisten Schüler in der E, also der 11. Klasse, weil der Stoff dann noch nicht so relevant fürs Abitur ist.
    LG Steffi

  18. Die Michi sagt

    Liebe Anna,
    Ich hab auch geschnieft, als ich deinen Text gelesen habe. So viel Liebe und Sehnsucht spricht aus deinen Worten..ich kann mir vorstellen wie sich das anfühlt und Angst vor dem Tag x wenn meine große Tochter auszieht kenne ich auch. Allerdings habe ich schon immer Abschiede mit meiner Tochter gehabt. Jeden Samstag war sie bei ihrem Papa und seit zwei Jahren wohnt sie im zwei Wochenwechsel bei ihm und mir. Inzwischen habe ich mich dran gewöhnt, sie so lang nicht zu sehen. Vermissen tue ich sie aber oft wahnsinnig. Ob das jetzt aufhört? Meine drei Kleinen sind immer bei mir und ich will nicht wissen, wie sich dann ein Abschied anfühlt, wenn man immer zusammen war..alles Liebe für euch!!

  19. Liebe berlinmittemom,

    Mir laufen die Tränen nach deinem Post. Meine große ist auch 14. Nur diese eine Woche spanienaustausch war für mich so wie du es beschreibst . Nach einer Woche sind wir uns glücklich und weinend wieder in die Arme gefallen. Neuseeland ist ein großartiges Land – ich durfte 10 Wochen dort verbringen mit meiner Familie. Die Menschen dort sind bezaubernd , weltoffen und tiefen entspannt und sehr bemüht um alle anderen. Ich bewundere deine Tochter für die Entschlossenheit ihrer Entscheidung. Für meine große kommt es nicht in frage. Aber ihr fliegt bald hin oder ? Genießt die Zeit – ich werde euch weiter folgen . Lg Kati

  20. Das hast du so schön geschrieben. Da wird einem gleich selbst etwas schwer ums Herz. Ich denke mir immer, dass ich ja noch Zeit habe bis meine beiden Ausziehen, aber das „flügge werden“ beginnt doch schon sehr viel früher. Die Vorstellung daran ist schrecklich und schön zugleich, denn sie sollen ja ihre eigenen Wege gehen. Wichtig ist nur, dass sie uns nicht vergessen. Danke für diesen wunderbaren Einblick in euren derzeitigen Alltag mit so viel Liebe und Verbundenheit trotz abertausend Kilometer Entfernung.

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