Ich habe den Faden in der Hand und versuche, ihn nicht loszulassen. Loslassen wäre so einfach! Es wäre viel leichter, jetzt zu sagen, ach, es war ein Versuch, mal wieder ein Versuch, aber irgendwie hat es nicht hingehauen. Der Punkt ist aber: ich habe es in der Hand. Niemand sonst. Was mache ich also mit diesem Faden?
Es war der zweite richtige Ferientag auf dem Darß, seit wir am 09. Juli spätabends hier angekommen waren Der zweite, der sich richtig nach Ferien anfühlte. Am Mittwoch hatte es Zeugnisse gegeben, am Donnerstag packten wir und organisierten letzte Dinge, und abends gegen 7 ging es los. Sommer im Haus am Meer – ich atme jedes Mal schon tiefer, bevor wir überhaupt angekommen sind. Was manche Orte mit uns machen, was sie uns bedeuten, wie wir uns dort verbunden fühlen – finde ich immer wieder beeindruckend. Allein zu wissen, dass ich hier den Tag mit dem Blick in die Eiche beginnen und beenden kann, lässt mich ruhiger werden.
Vor einigen Jahren habe ich hier ein Sommer-Schreibprojekt gestartet und durchgezogen, mein Morgenseiten-Projekt. Vierunddreißig Tage lang habe ich jeden Tag geschrieben, erst von hier und dann die letzten Tage aus Berlin, fast die volle Zeit der Sommerferien durch. Ich weiß, dass ich das wunderbar fand. Und ich erinnere mich gut, dass es auch viel gelesen wurde. Aber das ist fünf verflixte Jahre her. Fünf Jahre oder auch – eine halbe Pandemie, zwei Schulabschlüsse, ein Auszug von zu Hause, ein Auslandsjahr in Amsterdam, ein Schulwechsel, ein Roadtrip durch Frankreich und einer durch Italien, ein unausgegorenes Coaching, eine bestandene Führerscheinprüfung, ein Jobwechsel, zwei Therapieplätze, ein Kickstart in die Menopause und jede Menge Teenager- und Twen-Herzeleid. So viele Morgenseiten könnte ich gar nicht schreiben, um diese fünf Jahre abzubilden.
Und doch hatte ich mir so eine Art Reprise vorgestellt. Schreiben unter der Eiche, jeden Tag. Wieder in den Schreibflow kommen, vor allem hier. Ich wollte am vierten Tag hier starten, denn am dritten hatte ich Geburtstag und ein Kind nach dem anderen trudelte hier ein. Stattdessen hat mich bei einer Auseinandersetzung um eine Tüte Katzenleckerchen in der Nacht nach meinem Geburtstag der gierige Kater in den Finger gebissen, genauer gesagt: er hat mir den Finger gelocht. Das hat dann mehr oder weniger sofort eine Entzündung nach sich gezogen, die Salbenverbände und Antibiotika nötig machte und mich an allem gehindert hat, wofür man mehr oder weniger zehn funktionierende Finger braucht. Tippen zum Beispiel. Aber auch viele andere Dinge, die ich Dank der zahlreichen Kinder und Besuchs”kinder” hier gut outsourcen konnte. Ich ließ schnippeln, abwaschen, Wäsche falten undsoweiter, und das lief auch wirklich prima.
Nur das Tippen konnte ich niemandem abgeben, das Schreiben, das Momente schriftlich Sammeln, das ich mir vorgestellt und gewünscht hatte. Es fühlte sich an wie schon so oft in meinem Leben: etwas von Außen, ein Ereignis, auf das ich keinen Einfluss habe, hindert mich an etwas, das ich mir vorgenommen habe und das führt dazu, dass ich das ganze Vorhaben enttäuscht und auch ein bisschen trotzig fallenlasse. Für einen Moment fühlt sich das dann sogar gut und folgerichtig an, weil es etwas im Außen bestätigt, das schicksalhaft über mich gekommen ist und um das ich mich auf die eine oder andere Art und Weise kümmern muss. Aber mit ein bisschen Abstand fühlt es sich natürlich beschissen an, denn das, was ich mir gewünscht und vorgestellt habe, ist dann noch weiter von mir weg, als zuvor. Der Eindruck, es sei höhere Macht gewesen, dass ich meine Idee oder meinen Plan nicht verfolgen konnte, wird abgelöst von meinem Empfinden des Versagens, Aufgebens; irgendwie sowas wie “selber Schuld” und “nicht geschafft”, gepaart mit der Überzeugung, dass der ursprüngliche Plan mal wieder nicht aufgegangen ist, weil ich es eben nicht hingekriegt habe. Und auf einmal fühlt sich etwas, das wahrscheinlich vollkommen machbar gewesen wäre, unerreichbar an.
Aber ich möchte das nicht mehr. Nicht, wenn es ums Schreiben geht. Schreiben unter der Eiche hat nicht geklappt, der Kater hat mir die Tippfähigkeit torpediert und das hat meine Zeitpläne durchkreuzt. (Und nein, handschriftlich geht so nicht für mich und Diktieren funktioniert auch nicht, das habe ich alles schon mehrfach ausprobiert.) Aber es liegen immer noch freie Tage vor mir. Portugal liegt noch vor mir. Und aus Schreiben unter der Eiche mache ich jetzt Schreiben unter der Palme, meinem zweiten Lieblingsbaum auf der Welt, unter dem ich seit 2008 viele Sommer lang unzählige Bücher gelesen habe. Am Samstag geht es los an die Costa Vicentina, und ab Sonntag gibt es 13 Tage tägliches Bloggen. Ich lasse das nicht los.
Loslassen wäre so einfach gewesen. Aber ich habe den Faden in der Hand, und es liegt einzig und alleine an mir, ihn zu behalten und auszurollen und die Geschichten zu finden und zu erzählen, zu denen er mich führt.
Lest ihr mit?
