Ich denke über letzte Male nach. Letzte Male passieren ständig, oft sind sie nur ein Moment, der aber der Auftakt zu einer neuen Phase im Leben ist. Oft sind es nur kleine Dinge, die sich scheinbar beiläufig erledigen, die dann aber einen Dominoeffekt auslösen können und viele letzte Male nach sich ziehen. Ich glaube, das letzte Mal, das wir hier zu fünft von Berlin aus hergefahren sind, um hier freie Tage zu verbringen, liegt schon eine Weile zurück. Ich habe es gar nicht als das letzte Mal wahrgenommen, natürlich nicht, aber unsere Wirklichkeit hat sich längst von diesem Moment weg entwickelt und sieht inzwischen ganz anders aus. Wir fahren zu zweit oder zu dritt her, einer oder zwei kommen nach oder fahren früher wieder weg. Sie kommen auch oft nicht alleine, sondern bringen jemanden mit. Eigentlich ist dieses Fünferding hier auf dem Darß, so wie es viele viele Jahre unser “Normal” war, längst vorbei. Und es kommt auch nicht zurück.
Ich denke darüber nach, wie intensiv wir zum Teil erste Male im Leben mit Kindern wahrnehmen und darüber sprechen, während wir uns gleichzeitig nicht darüber bewusst sind, dass jedem ersten Mal immer ein letztes Mal vorausgegangen ist.
So viel im Leben mit meinen Kindern in den letzten dreiundzwanzig Jahren war (und ist) von ersten Malen geprägt. Wir sind als Eltern vor allem in den frühen Jahren ja geradezu darauf ausgerichtet, die ersten Male bewusst wahrzunehmen und sie natürlich auch zu feiern. Es passiert ja auch so viel: die Kinder lernen krabbeln und brabbeln, laufen und sprechen, sie fangen an, Kategorien zu bilden und Dinge konkret zu benennen, erste Schritte, erste Worte, erster Kitatag, erstes Mal frei fahrradfahren, erstes Mal alleine einkaufen gehen, erste Übernachtung außer Haus, erster Schultag, erste Klassenarbeit, erste Klassenfahrt, erster Tag an der weiterführenden Schule… lauter Meilensteine, die wir mit ihnen erleben und die uns froh und auch stolz machen. Wir ermutigen sie und trauen ihnen Dinge zu, sie werden immer selbständiger und entwickeln sich zu immer unabhängigeren eigenständigen Menschen. Das ist wundervoll, genauso soll es sein.
Es bedeutet aber eben immer auch, dass wir ständig letzte Male mit unseren Kindern erleben. Eine vom Kind erworbene neue Fähigkeit oder Kompetenz öffnet die Tür zu einer neuen Welt, auch wenn dieser Schritt zunächst klein erscheint. Und in der Regel bedeutet das, dass das Kind dahinter nicht mehr zurückgehen wird, jedenfalls nicht permanent. Ein Kind, das gelernt hat, den Schulweg alleine zu bewältigen, wird sich vielleicht immer nochmal freuen, wenn es ausnahmsweise gebracht oder geholt wird, aber es wird nicht mehr das Kind sein, das an der Hand mit uns geht, weil das noch sein “Normal” ist. Ein Kind, das laufen und sprechen kann, wird nicht mehr damit aufhören (es sei denn, es passiert etwas Unvorhergesehenes wie zB Krankheit) und wird auch irgendwann nicht mehr getragen oder im Wagen geschoben werden wollen. So ist es mit allen Dingen in der Entwicklung.
Und so wie die Entwicklung der Kinder stets voranschreitet, sind wir als Eltern auch darauf ausgerichtet, uns mit ihnen in eine Richtung zu bewegen: weg aus den alten Routinen, hin zu neuen Möglichkeiten und Fähigkeiten, die die Kinder ausbilden. Wir werden in allen Dingen mehr und mehr zur sicheren Bank im Hintergrund – gut, zu wissen, dass sie da ist, aber wenn man nicht drauf zurückgreifen muss, umso besser. Ich weine diesen Zeiten nicht hinterher, als meine Kinder mich für alles im Leben gebraucht haben und noch vollkommen abhängig und unselbständig waren. Im Gegenteil, ich bin froh und erleichtert, wenn ich sehe, wie sie sich ihr eigenes Leben aufbauen und sich in die für sie richtige Richtung bewegen. Aber ich denke darüber nach, wie all die letzten Male, die ich gar nicht als solche wahrgenommen habe, unbemerkt einfach passiert sind. Selbstverständlichkeiten, die mir gar nicht als etwas Besonderes vorgekommen sind, die sich aber unwiderruflich verändert haben.
Ich schaue von der Terrasse auf den Strandkorb, der hinten im Garten steht. In den Sommern zuvor war das ein fester Ort fürs Sonne tanken und gemeinsam lesen oder einen Kaffee zwischendurch. Dieses Jahr haben wir ihn erst einmal aufgedeckt, darin gesessen hat nur der Mann, wenn er telefonieren musste. Der zugedeckte Strandkorb kommt mir vor wie ein Symbol dessen, was mir gerade so bewusst wurde. Als wir 2018 dieses Grundstück gefunden und ab 2019 das Haus gebaut haben, waren wir eine Familie mit verhältnismäßig jungen Kindern. Alles griff ineinander, wir waren fraglos verbunden und unsere fünf Leben hingen fest zusammen. Tatsächlich kam genau in der Bauphase eine schwierige Zeit für uns als Familie, denn zusätzlich zur Pandemie, die uns ja als Gesellschaft alle betroffen hat, gingen wir mit dem großen Mädchen durch eine Depression mit allen Aspekten. Auf eine Art hat uns das noch näher verbunden. Es war keine leichte Phase, ganz im Gegenteil, sie war geprägt von Ängsten, Unsicherheiten und einem Gefühl der Hilflosigkeit, aber dieser Ort hier war unser Fluchtpunkt, ein gemeinsames Projekt, etwas, womit wir uns alle immer wieder beschäftigt haben. Gemeinsam. Alle haben mitgemacht, selbstverständlich wurde alle freie Zeit hier verbracht, und als wir nicht vermieten durften, haben wir in der leeren Haushälfte Onlineschule und Onlinebüro durchgezogen. Wir hatten hier Corona, haben hier Geburtstage gefeiert, haben uns mit Menschen verbunden, waren füreinander und miteinander hier. Es gab darüber keine Fragen. Das war unser Leben, das nächste Kapitel nach der langen Zeit mit kleinen Kindern.
Und ohne, dass ich es bewusst wahrgenommen hätte, sind so viele Dinge, die zu dieser Phase unseres Lebens gehörten, einfach – vergangen. Die großen Meilensteine, die wir natürlich bewusst wahrgenommen und auch zelebriert haben, sind die Schulabschlüsse der zwei Großen, die letzten Klausuren, letzten Schultage, letzte Abschiede an Orten, die unser aller Alltag bestimmt haben. Das waren keine schweren Abschiede, für keinen von uns, aber sie hatten viele kleine letzte Male im Gepäck, über die wir gar nicht nachgedacht haben. Weil es ja immer so ist, dass wir weitergehen im Leben, dass wir uns entwickeln oder dass Dinge sich verändern und wir uns mit ihnen. Jobs, Wohnorte, Beziehungen, Krankheit oder Tod – das sind die großen Dinge, die uns bewegen und denen wir nicht ausweichen können. Aber daran hängen die Wege, die wir täglich gehen, die Menschen, denen wir begegnen und die Routinen, die wir mit ihnen teilen. Auch all das verändert sich unwiderruflich.
Unser Haus am Meer ist immer noch “unser Ding”, ein sicherer Zufluchtsort, ein geliebter Ort. Aber ich sitze hier auf der Terrasse und schaue auf den zugedeckten Strandkorb und die alte Eiche, den schönsten Baum der Welt für mich und weiß, es ist nichts mehr wie vor vier oder fünf Jahren, in den Sommern, die wir hier gemeinsam erlebt haben oder in den Sommern davor hier auf dem Darß. Und ich erinnere mich nicht mehr an das letzte Mal, als wir zu Fünft mit vollgeladenem Auto hierher gekommen sind, um den ganzen Sommer gemeinsam hier zu verbringen. Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal mit dem Fahrrad zum Reitplatz gefahren bin, um allen drei Kindern dort zuzuschauen. Ich kann nicht sagen, wann ich zum letzten Mal mit Picknick in den Satteltaschen und als Letzte in der Reihe mit allen durch den Wald zum Weststrand geradelt bin. Denn wir wissen in der Regel nie, wann wir die kleinen Dinge zum letzten Mal tun. Die großen Veränderungen nehmen wir wahr, das Fehlen der kleinen Routinen und lieben Gewohnheiten, die wir als selbstverständlich empfinden, bemerken wir erst mit etwas zeitlichem Abstand. Dann, wenn sie längst zu einer Vergangenheit gehören, die nur noch unvollständig in unsere Gegenwart hineinreicht.
Denn natürlich fahre ich noch zum Reitplatz, wenn auch eher selten, denn dort reitet ab und zu nur noch eins der Kinder. Natürlich verbringen wir viel der freien Sommerzeit hier, aber mindestens zwei von drei Kindern haben eigene, andere Pläne und sind nicht an die Ferienzeiten der kleinen Schwester gebunden. Und natürlich bleibt dieser Ort für uns alle der sichere, geliebte Zufluchtsort und es ist wundervoll, dass jedes Kind auch immer neue nahe Menschen mit hierher bringt. Wir schaffen neue Routinen, es gibt neue schöne erste Male, die uns allen Freude machen und unsere Herzen berühren, während die letzten Male leise verklingen, wie eine kleine Melodie, die man früher gut kannte und die man aus der Ferne hört.
debi tirar más fotos de cuando te tuve
