In den letzten Tagen, genau nachdem ich über die Zeit der großen Kinder schrieb, habe ich viel an die kleinen Tage gedacht. Daran, dass die frühen Jahre mit den Kindern anstrengend waren, ja, chaotisch, auch – aber dass sie für mich in erster Linie wunderschön waren. Und leicht.

Kleine Leben, kleine Routinen, alles lief ziemlich geordnet ab (so gut, wie es mit kleinen Kindern eben geht, ihr wisst es alle), und ich folgte der inneren Logik dessen, was meine kleinen Menschen so brauchten. Liebe, Struktur, Sicherheit, tausend und eine Geschichte, viele kleine Abenteuer, ab und zu ein Eis. Für mich war das immer leicht und fühlte sich einfach richtig an.

Seit die Kinder groß sind, haben sich die Routinen eine nach der anderen aufgelöst. Einige wurden überflüssig, weil die Kinder sie nicht mehr brauchten, andere haben sich selbst abgeschafft mit den sich ändernden Bedürfnissen innerhalb der Familie, wieder andere haben sich erweitert, angepasst oder wurden durch etwas Neues ersetzt. Wie so viele Dinge im Größerwerden der Kinder sich aufgelöst haben, überflüssig wurden, durch Neues ersetzt wurden. Spielzeuge, Bücher, Lunchboxen… aber eben auch Gewohnheiten, Routinen, Selbstverständlichkeiten im Miteinander: Fußbodenpicknick und Tablettfrühstück, Einschlaflieder und Wochenendlesestunden im Familienbett.

Die Welt war klein und überschaubar, in ihrem Innern waren wir. Unser “wir” war klein und überschaubar und unser Rhythmus war meistens gleichbleibend und beständig. Auch die Probleme und Herausforderungen der Kinder waren verhältnismäßig klein und überschaubar, auch wenn sie sich natürlich für sie im Erleben dennoch riesig angefühlt haben. Das meiste ließ sich mit der Mamamagie der frühen Jahre lösen, auch das war einigermaßen “leicht”. Es brauchte Umarmungen, viel Geduld, Lieblingsunternehmungen, offene Ohren und Arme, mal wieder häufiger  in Mamas und Papas Bett schlafen und ab und zu auch Zaubersprüche, um die kleinen Seelen zu beruhigen und ihre Welt in Ordnung zu bringen. Die kleinen Dinge aus unserem kleinen Universum haben eigentlich immer geholfen.

Doch die Welt meiner Kinder wurde natürlicherweise größer und sie in ihr, ihre Probleme und Herausforderungen wuchsen, und die Mamamagie funktionierte nicht mehr. Einfache “kleine” Lösungen waren keine Lösungen mehr, sondern nur noch Erinnerungen an die. Zeiten, in denen die Kinder noch an diese Art Magie geglaubt hatten. Sie waren wahrscheinlich immer noch tröstliche Rituale, aber sie konnten keinen Schmerz, keine Zweifel, keine Verunsicherungen mehr wegzaubern.

In den kleinen Tagen war ich eine Zauberin. Das war ein ziemlich gutes Gefühl gewesen und immer wieder die Bestätigung, dass ich, dass wir und das Zuhause, das wir geschaffen hatten, ein sicherer Ort für unsere Kinder war. Dass sie wussten: wenn sie hier sind, wenn sie in Sicherheit ihrer kleinen Welt sind, dann sind sie okay. Hier ist ihr “forever Team”, wir Fünf, hier sprechen wir unsere Sprache, hier haben wir unsere verlässlichen Rituale, Lieder, Gewohnheiten. Hier sind wir sicher, jederzeit. Nichts kann uns etwas anhaben, nichts kann uns nachhaltig anfechten, hier tanken wir auf, hier sind wir immer richtig.

Und dann – waren die Tage der Zauberin vorbei. Das erste Kind wurde groß, so richtig groß, und mit dem Großwerden wurden die Probleme ebenfalls groß. Erst ganz allmählich, dann mit voller Wucht. Die kleine Welt war eben doch anfechtbar geworden. Wir hatten eben nicht die Antworten auf alle neuen Fragen. Unsere Versprechungen darüber, dass alles immer wieder gut wird, ganz bestimmt, reichten eben nicht über die Grenzen der kleinen Krisen hinweg, hinaus in die Anfechtungen der großen Welt des Erwachsenwerdens. Und auch wenn zusammen Übernachten, alle in einem Zimmer, immer noch ein wirksamer Reminder daran war, dass wir verbunden, verwoben, unzertrennlich waren, dass wir füreinander da waren, auch in der schwärzesten Nacht – heile machen konnte das nichts. Die Magie schien all ihre Macht verloren zu haben und keiner meiner Zaubersprüche von früher konnte das ändern.

Wir waren nicht ready für das, was dann kam. Ich habe hier nie darüber geschrieben, vor allem aus Rücksicht auf die betroffenen Kinder, aber wir haben hier in den letzten Jahren mit Depression, Angststörung und kleineren Sidequests gekämpft, teilweise während der Pandemie. Das Einzige, was uns zunächst blieb, war – die Liebe. Die unverbrüchliche, bedingungslose Liebe zueinander und zu den Kindern. Ich hatte nie zuvor geahnt, wie wichtig das Rio Reiser-Zitat, das hier auch auf der Startseite steht, mal für mich werden würde: “Halt dich an deiner Liebe fest”. Aber auch wenn ich weiß, dass die Liebe stärker ist als alles, so wird sie durch die Lügen, die Ängste und Depression versuchen, uns einzuflüstern, doch angefochten.

Ich kenne Depressionen von mir selber nicht, das weiß ich, seit ich eins meiner Kinder in diesem Zustand über Monate begleitet habe. Aber auch wenn ich nicht die Betroffene war, habe auch ich mich zwingen müssen, den Einflüsterungen dieser Krankheit nicht zu lauschen, ihr nicht zu glauben, mich an meiner Liebe festzuhalten – und mein Kind mit. Natürlich war ich nicht alleine damit. Der Vater der Kinder war genauso involviert wie ich und wir hatten zum Glück trotz Pandemie verhältnismäßig schnell einen Therapieplatz, so dass vor allem das Kind, aber auch wir, professionelle Hilfe hatten.

Wir haben im Laufe der Zeit sehr viel gelernt, über das Wesen dieser Krankheit allgemein, aber auch über uns als Familie und über das, was uns auch in dieser Zeit getragen hat: das Wissen, dass alles wieder gut wird, ganz sicher, so oder so. Und dass es nicht darauf ankommt, dass niemals etwas Schlimmes passiert in unseren Leben, sondern darauf, dass wir dann wissen, was wir tun müssen, um das Schlimme zu bewältigen.

Ich habe gelernt, dass das kleine Leben und seine Magie zwar ein für alle Mal vorbei sind, dass der echte Zauber auch dieser Jahre aber vor allem darin liegt, dass wir den Anfechtungen immer etwas entgegensetzen können. Dass die Zauberin in mir damals das Fundament gelegt hat, auf dem meine Kinder heute befähigt sind, ihre eigenen Rituale und Strategien aufzubauen, ihre eigene Magie zu entwickeln und sich der Welt zu stellen, egal, wie beängstigend sie sein mag.

Wir sind immer noch das “forever Team” füreinander. Wir schlafen schon lange nicht mehr ab und zu alle in einem Zimmer, die meiste Zeit schlafen wir nicht mal im selben Haus, aber das spielt keine Rolle, denn wir sprechen unsere eigene Sprache miteinander, wir sind verwoben und verbunden und all die gemeinsam verbrachten Nächte, die Fußbodenpicknicks und Gute-Nacht-Lieder, die Wege in die Kita und aus der Schule, die Gewitterabende auf dem Balkon oder die Kakao-und-Lesemorgen in unserem Bett, all das fügt sich zusammen zu dem Netz, das uns hält. Es trägt uns schon lange und noch immer, und es trägt uns sicher und weit. Dass wir gelernt haben, dass wir nicht unverwundbar sind, hat diese Sicherheit in gewisser Weise noch verstärkt.

Ich will das, was wir als Familie erlebt haben, nicht beschönigen oder auf eine Art beschreiben, die suggeriert, dass man einander nur genug lieben muss, dann würde alles gut. Der Gewissheit, dass wir gemeinsam schwere Zeiten überstehen können und dass wir sogar gestärkt daraus hervorgehen, ging eine lange Phase der Verunsicherung voraus. Die Erfahrung zu machen, dem eigenen Kind nicht helfen zu können, sich so machtlos zu fühlen, wenn das eigene Kind leidet und die ganze Zeit die Grenzen der eigenen Möglichkeiten und auch Kapazitäten so deutlich zu spüren, war schlimm. Ich habe eine ganze Weile gebraucht, um mir einzugestehen, wie zutiefst verunsichert ich war und wie sehr ich mich auch verantwortlich gefühlt habe für das, was mit meinem Kind los war. Hatte ich nicht genau genug hingeschaut? Was hatte ich übersehen? Hätte ich dieses oder jenes anders machen müssen? Warum war das passiert?

All diese Fragen habe ich mir gestellt und mich den Antworten Schritt für Schritt angenähert, auch mit professioneller Begleitung. Was ich aber vor allem über mich selbst als Mutter meiner Kinder gelernt habe, den kleinen von früher und den großen von heute: die Magie der kleinen Tage, die die Probleme so leicht lösbar hat erscheinen lassen, war kein Hexenwerk. Dass sie sich vor den großen Problemen stehend, selbst entzaubert hat, hat mir geholfen, mich auf das zu besinnen, woraus sie gemacht war. Aus der tiefen Kenntnis meiner Kinder als die Personen, die sie sind und schon immer waren. Aus der Hingabe, die in all die kleinen Momente mit ihnen geflossen ist. Aus dem Vertrauen in ihr Werden und Wachsen. Und letztlich aus der Bereitschaft, alles mit ihnen auszuhalten, was sie ertragen müssen. Das ist der schwerste Teil, immer wieder.

Ich dachte, ich sei eine Zauberin gewesen. Diejenige, die mit einem Lächeln und der größten Liebe im Herzen alles Schwere in Leichtigkeit verwandeln kann, so wie es in den kleinen Tagen immer war. Mamamagie. Heile, heile, Segen. Stellt sich heraus – kein Zauberspruch der Welt konnte uns vor der Dunkelheit retten. Aber wir selbst haben gemeinsam da herausgefunden, Hand in Hand, immer wieder stolpernd und tastend, weil wir nicht wussten, wie die Wege gehen würden. Aber sie gingen. Und wir auf ihnen.

Passt auf euch auf.

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