Ich werde älter. Die Kinder werden älter. Mein Mann altert mit mir und um mich herum altern auch meine Freundinnen. Unsere Freundschaften verändern sich, so wie die Themen sich verändern, die wir miteinander teilen und über die wir uns austauschen. Und doch bleiben wir beieinander. Sind vielleicht füreinander wichtiger als in den vielen Jahren zuvor.
Es ist ein Wintertag in Berlin, ich komme aus einem zutiefst bedrückenden Termin, der mich aufwühlt und an meine Grenzen gebracht hat. Die ganze Zeit habe ich das Gesicht gewahrt, und obwohl ich mir sicher bin, dass man mir angemerkt hat, wie betroffen ich bin, habe ich nicht offen emotional reagiert. Aber zurück in meinem Auto weiß ich nicht, wohin mit mir. Ich führe noch ein Telefonat, hole mir nochmal eine professionelle Einschätzung, und Bestätigung dann bricht es aus mir heraus – schiere Verzweiflung. Ich weiß, dass alles wieder gut wird, das ist keine Glaubensfrage, sondern beruht auf Fakten und Erfahrung. Ich weiß das. Nur meine zurückgehaltenen Gefühle wissen das nicht und brechen sich Bahn. Und jetzt… wohin damit? Der Mann ist beruflich weit weg und nicht erreichbar, also lenke ich meinen Wagen Richtung meiner Freundin. Ich rufe sie von unterwegs kurz an, schon vollkommen aufgelöst und frage, ob ich kurz kommen kann. Was für eine Frage! Natürlich kann ich, auch das ist etwas, das ich weiß.
Eine lange Umarmung und ein großes Glas kaltes Wasser später, sitze ich an ihrem Küchentisch, einen Espresso vor mir. Ich rede, sie hört zu. Beruhigt mich und tröstet mich. Ist einfach an meiner Seite. Sie hat ihre Arbeit im Homeoffice für mich unterbrochen, und jetzt sitzt sie einfach da und ist bei mir. Auch sie weiß, dass alles wieder gut wird, wir haben beide genug Lebenserfahrung, um uns dessen sicher zu sein. Aber sie redet mir meinen Gefühlsausbruch nicht aus, sie bleibt einfach da und lässt mich alles an Zweifeln, Ängsten, Hilflosigkeit, Überforderung in einer Sturzflut von Tränen ausgießen. “Ich weiß”, sagt sie, als ich ihr schluchzend alles aufzähle, was mir durch den Kopf geht. Es sind tausend Dinge aus meinem Gedankenkarussell, die mich gerade im Würgegriff halten. Aber noch etwas anderes hält mich: diese Freundschaft. Und das gibt mir irgendwann an diesem Tag wieder Luft zum Atmen zurück.
“Freundschaft ist krass”, sagt diese Freundin einige Monate später, als wir in meinem Garten sitzen und über Dinge beraten, die ihr das Leben gerade schwer machen. In diesem Moment habe ich die Ressourcen und die Kapazität, ihr etwas abzunehmen und ihr zu versichern, dass alles wieder gut wird. Und sie hat recht: Freundschaft ist krass, wenn sie so gelebt wird, wie ich es vor allem in den letzten Jahren wieder erfahren durfte. Wir werden alle älter, unsere Kinder werden es ebenfalls. Sie finden ihre eigenen Wege, bei vielen von uns leeren sich die Häuser, die Partnerschaften und Ehen verändern sich, manche gehen auseinander, unsere Eltern werden gebrechlich oder schwierig im Umgang (oder beides), und obwohl all das gefühlt gleichzeitig passiert, sind wir nicht mehr ständig beschäftigt wie in den vielen Jahren zuvor: mit unseren kleinen Kindern und den Jobs oder Karrieren, die aufgebaut werden mussten. Auf einmal bleibt wieder mehr Luft und Zeit für uns selbst und für viele Fragen und Themen, die jahrelang keinen Platz hatten. Und wir erleben gemeinsam diese neue Phase und nehmen miteinander mehr Raum ein, als zuvor, gemeinsam und im Leben der anderen.
Freundschaft ist krass. Auch mit den Freundinnen, mit denen ich immer verbunden war, während all der Jahre mit den kleinen Kindern, die, mit denen ich gemeinsam die Kinder bekommen, getauft, eingeschult und versorgt habe, ändern sich die Verbindungen mit dem Älterwerden. Unsere Themen rücken nochmal anders zusammen, weil sie wieder ganz ursprünglich unsere Themen sind, nicht die Themen der Kinder zum Beispiel. Jetzt tragen diese Freundschaften anders – sie sind noch da, während viele andere Lebensphasen zu Ende gehen oder sich unwiderruflich verändern. Ein bisschen so, als würde man nach einem wilden und intensiven Abenteuertrip aus einem staubigen Geländewagen steigen und feststellen, dass alles noch da ist, was vor diesem Abenteuer auch schon da war. Dass wir noch dieselben sind, wie vor all diesen lebensverändernden Erfahrungen. Und wir schauen einander in die Augen und erkennen dasselbe Erleben im Blick der anderen.
Gefühlt sind wir enger miteinander und offener als je zuvor, und gleichzeitig ist das gegenseitige Verständnis noch größer. Ich W E I ß, wer sie sind, ich sehe sie und ich fühle mich gesehen und erkannt, wenn wir miteinander sprechen. Über das Leben, wie es jetzt ist, übers Altern, über die Kinder und ihre Entscheidungen, manche können wir nachvollziehen, andere nicht, über unsere Ängste und alltäglichen Anfechtungen, über Krebsvorsorgetermine und die Angst vorm Sterben, über Johannisbeergelee und die Frage, wann die Rosen geschnitten werden sollten, über Therapie und das Sexleben in unserem Alter, über unsere Eltern und wie sie noch immer so viel in unserem Leben bestimmen, weil sie uns so geprägt haben, im Guten, wie im Schlechten – einfach über alles. Wir wollen wieder mehr Zeit miteinander, Zeit ohne die Kinder und auch ohne die Partner, exklusive Freundinnenzeit, in der Platz ist für all das, was wir waren und sind und immer sein werden.
Ich bin eine Freundin. Und meine Freundinnen sind mir so nah und wichtig, wie vielleicht lange nicht in meinem Leben. Ich möchte mich um sie kümmern, möchte wissen, dass es ihnen gut geht und sie möglichst glücklich sind. Ich möchte die Freundin sein, die an Geburtstage und Hochzeitstage denkt und auch an den schweren Tagen eine Nachricht schickt und sagt, ich weiß, heute ist schwer, aber ich denk an dich, Ich möchte, dass sie mein Herz kennen und wissen, wer ich heute bin und wer ich früher war, mich anschauen und mich sehen, so wie ich sie sehe. No words needed. Ich möchte, dass sie wissen, dass ich da bin, nicht nur als die Idee einer verlässlichen Freundin, sondern dass ich wirklich da bin und an ihrer Seite, wenn sie mich brauchen.
Freundinnenliebesbrief, heute und alle Tage. You know who you are.

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Meine liebste Anna,
an dieser Stelle möchte ich mich mal ganz doll bei dir bedanken. Nicht nur für all die Stunden, die du mir zugehört hast, mich bestärkt und getröstet hast. Du hast mir in einem der dunkelsten Momente meines Lebens Euer Haus überlassen, als ihr gerade verreist wart. Das war nicht nur die Rettung für mich, sondern ein echter Liebesbeweis. 1000 Dank dafür noch mal.
Love always – Immi