Meine Therapeutin hat mich mal gefragt, ob ich Angst vor dem Tod habe. Die ehrliche Antwort ist: nein. Ich bin ein gläubiger Mensch, nicht gerade religiös, aber gläubig, und ich bin zutiefst überzeugt davon, dass der Tod nicht das Ende von allem ist. Und selbst wenn es so wäre und ich mich irre – wär’s mir egal. Einfach nicht mehr da zu sein, macht mir keine Angst mehr. Was ich schwer finde, ist vielmehr das Hierbleiben ohne die, die schon vorausgegangen sind und nicht mehr hier bei mir sein können.

Heute ist der fünfzehnte Todestag meiner Mama, und als ich heute früh mit meinen Geschwistern Nachrichten austauschte und mir alte Lieblingsfotos angeschaut habe, fand ich ein Bild von einer Feier 2005. Meine Mutter mit dem Patenonkel meines Bruders und dessen Frau. Menschen, die meine ganze Kindheit und Jugend und viele, viele Jahre meines Erwachsenenlebens begleitet haben. Alle drei nicht mehr da. Ein fröhliches Foto von einem fröhlichen Tag, an dem alle drei mitten im Leben waren, zwei von drei nicht mehr gesund, aber dennoch lebendig, voller Tatendrang, noch in ihren Jobs, am Leben der erwachsenen Kinder intensiv beteiligt… ist nur noch das Zeugnis dreier Leben, die einfach so vorbei sind. Eine Erinnerung auf meinem Handy. An die Vorstellung, dass alle unsere Leben irgendwann nur noch eine Erinnerung sein werden, dass alles, was jetzt so wichtig und intensiv und einzigartig erscheint, irgendwann einfach unwiderruflich vorbei sein und keine Rolle mehr spielen wird im aktuellen Hier und Jetzt, werde ich mich wohl nie gewöhnen.

Und auf der anderen Seite gewöhne ich mich ja auch nicht an das Fehlen meiner Mama in meinem Leben, obwohl sie so viele Jahre schon nicht mehr da ist. Ich weiß, dass es einen gewissen Gewöhnungseffekt gibt an das Leben ohne sie, natürlich ist das so, zum Glück. Unsere menschlichen Gehirne funktionieren so, wir machen weiter, wir gestalten unsere Leben weiter, wir leben und leben und leben und sammeln Erfahrungen, Ereignisse, Erinnerungen, während die Trauer und das Vermissen der Menschen, die wir verloren haben, wie eine ferne Melodie immer leiser zu werden scheint. Aber diese Melodie ist unsere Baseline, sie ist mit unserem Herzschlag verbunden, es gibt das eine nicht mehr ohne das andere.

Natürlich geht das Leben weiter. Und es geht gut weiter, es geht auch glücklich und fröhlich und leicht weiter. Wir verharren nicht in diesem Gefühl bodenloser Trauer und Verzweiflung über den großen Verlust, sonst könnten wir nicht überleben. Das bedeutet aber nicht, dass diese Gefühle einfach verschwinden. Trauer und Liebe sind Schwestern, das eine existiert nie ohne das andere, sondern sie sind in Wirklichkeit immer Bestandteil voneinander. Wenn ich jemanden liebe, dann ist die Möglichkeit von Verlust und Trauer immer schon in diese Liebe eingeschrieben. Und umgekehrt endet meine Liebe nicht, nur weil jemand stirbt. Unser Herz und unser Gehirn hören nicht einfach auf zu lieben, sobald die andere Person nicht mehr da ist.

In den letzten fünfzehn Jahren habe ich gelernt, dass das was Gutes ist. Das Vermissen und der Schmerz gehen Hand in Hand mit der Liebe, und jedes dieser Gefühle ist tatsächlich gleich kostbar und Ausdruck der Verbindung zu meiner Mama. Das Schönste, was ich lernen durfte: auch die Liebe, die ich als Kind, als Jugendliche, als Erwachsene durch sie erfahren habe, endete nicht mit ihrem Tod. Sie ist sowas wie eine unsichtbare Superkraft, die mich mein Leben lang gehalten und getragen hat und die mir die Fähigkeit gegeben hat, selbst zu lieben.

Ich habe keine Angst vor dem Tod, schon lange nicht mehr. Sterben ist nicht schön, so viel steht fest, ich habe es schon oft gesehen, aber tot sein ist nichts zum Angsthaben. Ich weiß mit absoluter Gewissheit, dass ich auf eine andere Art und Weise weiter existieren werde, und wie oder wo auch immer das sein wird, ich bin sicher, dort werde ich sie wiedersehen. Dort warten alle meine Großeltern auf mich, die Freund*innen, meine Cousine, mein Lieblingsonkel, alle, die mir vorausgegangen sind – und meine Mama. Ich bin nicht religiös und nicht besonders spirituell, aber der Tod meiner Mutter hat mich gelehrt, dass es mehr gibt, als wir sehen und anfassen können. Dass die Liebe, die wir fühlen zu denen, die nicht mehr da sind, eine Brücke ist zwischen ihnen dort und uns hier. Ich habe so viele Zeichen dafür gesehen, gefühlt, gefunden in den letzten fünfzehn Jahren, dass es da für mich keine Fragen mehr gibt.

Heute vermisse ich sie seit fünfzehn Jahren und ich erinnere mich gut, der Tag heute vor fünfzehn Jahren war schwer und schmerzhaft, gefolgt von vielen schweren schmerzhaften Tagen. Aber er hatte auch Licht und Liebe und ganz viel Ruhe. Er war wie der Übergang zwischen zwei Welten, wie ein heller Raum voller geöffneter Fenster. Einen Moment lang war die Verbindung zwischen hier und dort physisch spürbar. Seitdem ist jeder ihrer Todestage schwer und richtig zugleich, aber immer auch voller Zuversicht und vor allem – voller Liebe.

Ich wette, ich sehe heute irgendwo einen Regenbogen.

Passt auf euch auf.

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