Morgens um halb neun öffne ich die Tür zur Terrasse, der Wind streicht leicht durch die Palme, nachdem er heute Nacht ziemlich wild ums Haus gebraust ist und ich mehrfach davon aufgewacht bin. Die Grillen grillen vor sich hin, der Atlantik sieht ruhig aus, der Tag beginnt, sich zu entfalten, und ich höre aus der Ferne die Hunde der Nachbarn bellen und das Klappern von Anhängern, die im Dorf über die huckeligen Straßen gezogen werden.

Ich will gerade Kaffee machen, da kommt die Große mir im Flur entgegen und wir gehen zusammen in die Küche, räumen den Geschirrspüler aus, schmeißen die Kaffeemaschine an und fangen an, zu quatschen. Wir setzen uns auf die Terrasse, trinken Kaffee und reden plötzlich über die ganz großen Themen, da kommt der Sohn ebenfalls dazu, wir alle noch in unseren Schlafanzügen und Nachthemden, wir machen noch eine Runde Kaffee und sitzen kurz zu Dritt, während der Mann vom Supermarkt kommt und die Einkäufe fürs Frühstück und für den Tag in der Küche ablegt. Ich genieße den langsamen Morgen und die Gespräche, die ferienhaft-gemütliche Stimmung, mit der wir so ein bisschen in den Tag bummeln.

Ich denke an früher, an unsere Sommer hier. Das Leben war bestimmt vom Rhythmus der Kleinen, von frühem Hunger und nächtlicher Unruhe, von Windelwechseln und kleinen Morgenmenschen, die um die Uhrzeit längst ein erstes Peak Level von Energie erreicht hatten. Das Frühstück fand längst statt, wir waren gut durchorganisiert, kleine Körper mussten sofort mit Sonnenschutz eingerieben und blonde Lockenköpfe mit Hüten versehen werden. Die Kleinen waren früh munter und früh müde, unsere Tage waren um diese Bedürfnisse und den dringend notwendigen Mittagsschlaf herum geplant und wurden davon gestaltet. Wenn wir zum Strand gingen, schleppten wir alles Mögliche mit, von Buddelzeug über Strandmuscheln für den notwendigen Schatten, Vorlesebücher, eingetuppertes geschnittenes Obst und Gemüse, belegte Brötchen, in kleine Stücke zerteilt, Wasser in Trinkflaschen, Sonnenhüte, Wechselsachen, Windeln. Heutzutage hat jeder sein eigenes Handtuch, wir haben ein paar Äpfel dabei, vielleicht Kekse, eine große Wasserflasche zum Teilen, jeder was zu lesen, das wars. Wir sind mit leichtem Gepäck unterwegs.

Im Alltag zu Hause ist das Zusammenleben mit (weitgehend) erwachsenen Kindern nochmal anders, weil jeder seinen Routinen folgt, aber auch hier im Urlaub hat es häufig was von WG. Jeder hat sein eigenes Leben, seine eigenen Themen und seine ihm wichtigen Menschen, die nur mit ihm zusammenhängen. Nur, dass es eben keine WG ist. Wir sind immer noch die Eltern und in dieser Rolle ändern sich bestimmte Vorstellungen mit dem Größerwerden der Kinder, andere aber nicht. Wir möchten, dass sie Verantwortung übernehmen, natürlich für ihr eigenes Leben, aber auch im Zusammenleben mit uns. Ja, ich kümmere mich gerne um die Essensplanung für die Woche, aber beim Einkaufen könnten wir uns schon abwechseln. Ja, natürlich ist das auch euer Haus, liebe Kinder, und wie immer schon dürfen eure Freund*innen hier jederzeit herkommen, mitessen, auch über Nacht blieben, das ist gar kein Ding. Aber ich möchte eben nicht morgens in der Küche auf die Reste einer längeren Kartenspielsession mit Weinverkostung treffen, ich möchte keine überquellenden Aschenbecher vor meinem Morgenkaffee auf dem Balkon leeren müssen und ich möchte nicht über 3 Paar fremder Schuhe im Flur stolpern, (plus eure Schuhe), weil bestimmte eurer Menschen immer noch da sind, seit dem Tag zuvor.

Jede WG braucht Regeln. Und jede*r Mitbewohner*in hat das Recht auf Rückzug, auf Rücksichtnahme und auf ein heiles Nervenkostüm – ich auch! Das leichte Gepäck, mit dem wir heutzutage unterwegs sind, bedeutet nämlich nicht, dass unsere Tage nicht gewissen Regeln folgen müssen. Es dreht sich aber nicht mehr nur um die existenziellen Bedürfnisse der drei Kleinen, jetzt müssen die Bedürfnisse von fünf Erwachsenen übereinander gebracht werden, und da gibt es durchaus immer wieder Diskussionsbedarf. Jetzt geht es nicht mehr an erster Stelle um Mittagsschlaf, genügend Sonnencreme und rechtzeitige Nahrungszufuhr für die Kids, jetzt verhandeln wir wieder viel mehr unsere eigenen Bedürfnisse neben denen der großen Kinder, auch und gerade im Urlaub. Und ja, es kracht regelmäßig ordentlich hier und alle Grenzen werden immer wieder neu ausgelotet.

Das Leben mit den Großen ist in vielen Aspekten leichter und unkomplizierter, es braucht weniger Orga, es gibt viel weniger Parameter für gelungenen Alltag, auf die wir achten müssen; alle können mehr oder weniger alles alleine, schlafen, essen, von A nach B kommen, sich anziehen, duschen, alles einfach. Aber die Dinge, um die es geht sind mit ihnen gewachsen, auf eine Art sind die Themen größer, so wie sie selbst großgeworden sind. Und auch wenn der Raum, den sie physisch einnehmen, nicht wirklich mehr geworden ist im Vergleich zu früher – man denke nur an die überbordenden Utensilien, die man für kleine Kinder so hat, vom Kinderwagen über Bausteine und Kuscheltiere bis zur Schulausstattung – sind sie im Zusammenleben durchaus sehr viel raumfordernder. Ich hatte noch nie in meinem Leben als Mutter so sehr das Gefühl, mich abgrenzen zu müssen. Womit ich wieder beim WG-Leben wäre.

Ich hatte das alles schon mal, vor dreißig Jahren ziemlich genau, in einer WG mit drei Freundinnen, und so sehr ich es mochte, dass immer jemand da war, dass immer einer zum Kartenspielen und Weintrinken in der Küche saß, dass alles durchgequatscht und zusammen erlebt wurde – es war auch unfassbar anstrengend. Rückzug war fast unmöglich, nichts blieb wirklich privat, alles war sofort persönlich und die Dynamik war mitunter brenzlig. Wir haben viel verhandelt und auch gestritten, viel gefeiert und intensiv am Leben der anderen teilgehabt und ja, wir hatten Regeln, aber die Einhaltung der Regeln war auch ein bisschen Glückssache.

Mit meinen Kids ist es jetzt in vielerlei Hinsicht ähnlich. Nur bin ich bei all dem die Regelgeberin, bin die Verantwortliche, bin immer noch die Mutter, die Erwachsene, die mit der Lebenserfahrung. Und die mit dem größten Ruhebedürfnis. Ich will gar nicht mehr in einer WG wohnen, ich habe das absichtlich vor vielen Jahren hinter mir gelassen und nie eine Neuauflage gestartet. Bis ich jetzt irgendwie doch in etwas gelandet bin, das sich ganz ähnlich anfühlt. Und es ist schön und furchtbar erschöpfend zugleich.

Ich denke an meine Mutter, die in einem Sommer plötzlich das Haus wieder voll hatte, nachdem ich nach einer Trennung auf Wohnungssuche und vorübergehend wieder eingezogen war, während mein Bruder ebenfalls wieder für einige Wochen zu Hause wohnte. Auf einmal war diese WG-Situation gegeben und ich sagte irgendwann (nicht ganz ernstgemeint) zu ihr, wie leid mir das täte, dass jetzt wieder so viel Unruhe, Chaos und Krach im Haus wäre. Ihre Antwort rufe ich mir immer wieder ins Gedächtnis, wenn sich meine eigene Teenie-WG hier mal wieder too much anfühlt: “Kind, ich kann es immer noch aufgeräumt und leise und ordentlich haben, wenn ihr wieder weg seid. Aber jetzt seid ihr da.”

Und irgendwie ist es ja genauso. Ich versuche, zu genießen, was wir erleben, ohne durchzudrehen, denn jetzt sind sie da. Bald sind sie wieder fort, die Große geht zurück in ihre Wohnung, der Sohn macht sich auf seine eigenen Wege. Mein Leben wird wieder leiser und geordneter werden, eh ich’s mich versehe.

Ich glaube, ich geh mal in die Küche schauen, ob jemand Bock auf Kartenspielen und n Wein hat.

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