Lesen war immer schon mein Zufluchtsort oder besser gesagt – Geschichten waren es. Geschichten und Universen, die Biographien anderer fiktiver Personen, in die ich eintauchen konnte und die mich während des Lesens aus meiner eigenen Welt hinaus führten. Und wenn ich Zufluchtsort sage, meine ich das wörtlich: lesen war für mich als Kind eine Strategie, unangenehmen Situationen zu entkommen. Wenn ich nachts wach im Bett lag und nicht schlafen konnte, obwohl ich eigentlich musste, war lesen für mich die Erlösung. Wenn es Streit zwischen meinen Eltern gab oder unterschwellige Spannungen, versenkte ich mich in mein Buch. Aus einem Familienurlaub, ich muss ungefähr zwölf gewesen sein, habe ich klarere Erinnerungen an die Bücher, die ich gelesen habe, als an die Orte, die wir besucht oder die Dinge, die wir gemacht haben. Ich weiß noch, dass schlechtes Wetter und schlechte Stimmung herrschte – meine Antwort darauf war lesen.

Heutzutage ist lesen für mich noch mehr. Neben dem Wohlgefühl, was ich habe, wenn ich so richtig in eine gute Geschichte eintauchen kann, ist ungestörtes Lesen für mich der größte Luxus. Abends ist es das Letzte, was ich vor dem Einschlafen tue, und mein tägliches Kapitel das beste Mittel, mein Nervensystem runterzufahren, bevor ich einschlafe. Wenn ich verreist bin, so wie jetzt, und ich habe das Glück, viel Zeit für mich zu haben, kann ich mich stundenlang in Büchern versenken. Ich verliebe mich in die Figuren und folge ihren Geschichten und verliere mich darin. Herrlich! Für heute zeige ich hier mal meinen aktuellen Stapel unter der Palme – dass ich mich für eine bestimmte Auswahl entscheiden und nicht alles mitschleppen konnte, was ich gerne lesen wollte, war ein kleiner innerer Kampf.

Wer mir schon länger folgt weiß, dass es hier “früher” in der Kategorie book love regelmäßige Kinder- und Jugendbuchtipps gab. Seit die Kids groß sind und selbständig lesen (sehr verschiedene Dinge übrigens), hat sich das erledigt. Meine eigenen Lesevorlieben habe ich hier eher seltener geteilt, zumal ich im Alltag vor allem gerne Krimis lese und das immer zu banal fand, um es zu teilen. Auch wenn ich wirklich ganz wunderbare Krimis gelesen habe in meinem Leben – und nicht zu wenige! Im Urlaub mische ich aber gerne, daher heute hier, die Liste dessen,was ich dabei habe. Einiges davon ist natürlich schon weggelesen.

Mein erstes Urlaubsbuch war “Der Kurator” von M.W. Craven, der dritte Teil einer Krimireihe um den leicht verschrobenen Ermittler DS Washington Poe und die Analystin Tilly Bradshaw, die in Cumbria in einer Mordserie ermitteln. An drei verschiedenen Orten werden drei Paar abgetrennte Finger gefunden, die zu verschiedenen Opfern gehören. Die perfide Absicht des Serienmörders, der dahintersteckt, enthüllt sich nur allmählich – der Plottwist kurz vor Schluss ist wirklich unerwartet.

Nachdem ich in Prerow den Vorgängerband “Der Gourmet” gelesen hatte und ein bisschen schwer reinkam, hatte ich nicht gerade hohe Erwartungen an Band 3, hatte ihn aber nunmal gekauft, also wurde er natürlich gelesen. Und was soll ich sagen – sehr spannend, die Charaktere, die ich in Band 1 “Der Zögling” so mochte, sind wieder ganz sie selbst; das war  mir irgendwie in Band 2 zu kurz gekommen. Die Geschichte selbst ist teilweise sehr speziell, aber ausgeklügelt und gut erzählt, so dass alles im richtigen Tempo Fahrt aufnimmt und auch zum richtigen Moment aufgelöst wird.

Charakteristisch für die Serie: das Setting in der kargen Landschaft von Cumbria, die ausführlich beschrieben wird und auf eine Art die Hauptfigur Washington Poe widerspiegelt: einen einzelgängerischer Ermittler, mit speziellem Humor, der sich mit Regeln schwertut, eine komplizierte Biographie hat und immer mit einem Fuß im nächsten Suspendierungsverfahren steht. Gegenüber seiner Chefin und auch der Analystin Tilly, mit der ihn eine innige Freundschaft verbindet, ist er zutiefst loyal und löst seine Fälle gerne mal unter Einsatz seines Lebens.

Mein zweites Buch hier war “Eines Tages für immer” von Clare Leslie Hall, das ich relativ spontan und kurz vor Abreise gekauft habe. Nachdem ich letzten Sommer auf unserem Italien-Roadtrip “Wie Risse in der Erde” (Originaltitel: Broken Country) derselben Autorin gelesen hatte, stieß ich auf dieses, eine Neuauflage eines Romans, den sie vorher unter Pseudonym veröffentlicht hatte und der vor dem gehypten “Broken Country” erschienen war. Tatsächlich ist Broken Country auch deshalb so erfolgreich gewesen, weil Reese Witherspoon es in ihrem Buchclub vorgeschlagen und sich mit ihrer Produktionsfirma die Filmrechte an dem Buch gesichert hat. Hier eine ausführliche Besprechung von “Wie Risse in der Erde“.

“Eines Tages für immer” ist zugleich eine dramatische Liebesgeschichte  und eine Familienbiographie, die auf zwei Zeitebenen erzählt wird. Während Luke in der Gegenwart ein fast perfektes Leben mit seiner Frau und seinem neugeborenen Sohn führt, versucht er gleichzeitig, Kontakt zu seinen leiblichen Eltern herzustellen, um endlich die Fragen über seine Herkunft zu klären. Er wurde als Baby adoptiert und weiß so gut wie nichts über seine biologischen Eltern. Der zweite Handlungsstrang spielt 27 Jahre zuvor und erzählt die Geschichte der jungen talentierten Kunststudentin Alice, die in dem aufstrebenden Musiker Jake die Liebe ihres Lebens findet und sich mit ihm in ein großes Abenteuer stürzt. Natürlich sind die beiden Perspektiven miteinander verbunden und führen nebeneinander her durch eine spannungsvolle Geschichte, in der sowohl von einer großen Liebe erzählt wird (eigentlich von mehreren großen Lieben), als auch schwere Themen wie Depression, Adoption, Homophobie, Drogenmissbrauch etc. berührt werden. Ich habe es sehr gerne gelesen und bin tief in die Geschichte (n)von Luke und Alice eingetaucht.

Das dritte Buch auf meinem Stapel ist “Furye von Kat Eryn Rubik, ein von Kritiken vielgelobtes Debüt. Die Rezensionen von Leser*innen sind allerdings durchwachsen. Die Ich-Erzählerin führt das glanzvolle und erfolgreiche Leben einer Karrierefrau, Single, talentiert, schön, aber bereits ab den ersten Seiten wird klar, wie sinnentleert dieses Leben tatsächlich ist und dass sie im Grunde keine engen echten Bindungen hat. Ein Anruf stürzt sie in eine Krise und sie packt spontan ihre Sachen und fährt in eine Stadt am Meer, in der sie aufgewachsen ist. Mit 17 war sie dort Teil eines Trios, den selbsternannten Furien, bestehend aus ihr und zwei Freundinnen, zu denen aber in der Gegenwart kein Kontakt mehr besteht. Es gibt ein Geheimnis, das die drei teilen und das ihr ganzes Leben damals verändert hat.

Ich habe das Buch gerade erst angefangen, kann also noch nicht allzuviel dazu sagen, wie ich es finde. Aber auch wenn der Plot und die guten Kritiken mich überzeugt hatten, “Furye” zu kaufen, finde ich es bisher eher dünn. Ich habe bisher das Gefühl, ich habe das alles schon mal gelesen, nur besser. Aber vielleicht überrascht mich die Geschichte noch, ich lese es auf jeden Fall zu Ende.

Außerdem auf meinem Stapel, noch ungelesen:

Nachts erzähle ich dir alles von Anika Landsteiner, die Geschichte von Léa, die nach der Trennung von ihrer Partnerin nach Südfrankreich auf das Familienanwesen flieht, um mit der Trauer um diese verlorene Liebe zurechtzukommen und weil sie offenbar kurz vor einem Burnout steht. Dort trifft sie am ersten Abend die junge Alice im Garten. Doch schon in derselben Nacht stirbt Alice unter unerklärten Umständen und Léa lernt ihren Bruder Émile kennen, der mit dem Tod seiner Schwester nicht zurechtkommt. Nacht für Nacht reden Léa und Émile jetzt über die Geheimnisse der Familie, über ihre Ängste und Traumata. Auf dieses Buch freue ich mich irgendwie besonders, weil ich beim Kaufen in die ersten Seiten reingelesen habe, wie ich es fast immer tue und die Sprache sofort sehr mochte.

Lost in Fuseta von Gil Ribeiro, ein Portugalkrimi, der schon lange auf meiner Liste stand und den mir eine meiner liebsten Freundinnen zum Geburtstag geschenkt hat. Das perfekte Geschenk für den Portugalurlaub einer Krimileserin, wie ich es bin!  Vor mir liegt hier der erste Band einer Krimireihe, in der die Hauptfigur, ein Hamburger Kommissar namens Leander Lost, der Namensgeber der Serie ist. Im Rahmen eines Europol-Austauschprogramms wird er an die Algarve versetzt, so dass die Handlung der Bücher hier stattfindet, sowohl in Fuseta als auch in Faro. Lost hat das Asperger-Syndrom, was ihm bei seiner Art zu ermitteln eher zugute kommt, den sozialen Umgang mit Menschen aber durchaus erschwert. Gemeinsam mit zwei portugiesischen Kolleg*innen ermittelt er im ersten Band in einem Mord an einem Privatdetektiv. Die Rezensionen sind durchweg positiv, und ich freue mich sehr, genau hier einen Kriminalfall zu lesen, der auch hier spielt.

Die Vogelinsel von Peter May ist das letzte Buch auf meinem Portugal-Stapel und ebenfalls ein Krimi. Auch dieses Buch ist der erste Band einer Reihe um einen Ermittler, dieses Mal ist es ein Schotte mit Namen Fin McLeod. Im ersten Band wird der Ermittler von Edinburgh zurück auf seine Heimatinsel versetzt, um dort einen Mord aufzuklären, der mit einem Mord in der Hauptstadt in Verbindung zu stehen scheint. Das Opfer auf der Insel ist außerdem ein ehemaliger Bekannter von McLeod aus seiner Schulzeit. Bei seiner Rückkehr wird er nicht nur mit schwierigen Ermittlungen konfrontiert, er trifft außerdem auf wichtige Menschen aus einer Vergangenheit wie zB seine Jugendliebe und seinen ehemaligen besten Freund und muss sich mit seiner eigenen teilweise traumatischen Kindheit dort auseinandersetzen. Ich bin gespannt.

Ich hoffe, dass sowohl der Reihenauftakt um Leander Lost als auch die um Fin McLeod so vielversprechend sind, dass ich weitere Bände lesen möchte, so wie bei Cravens Reihe um Washington Poe – da liegt Band 4 “Die Witwe” schon zu Hause und wartet auf mich.

Da ich gute Krimiserien so liebe – hat jemand noch einen Tipp für mich? Oder irgend eine andere Leseempfehlung?

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