herz & seele
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zujezogn inna hauptstadt ::: bestandsaufnahme einer unbelehrbaren

Wir sind Zugezogene. So, jetzt isses raus.

Hier in (Ost-)Berlin ist bekanntermaßen das Label „zugezogen“ etwas, das kein Mensch, der nicht hier geboren wurde, jemals abwaschen, überdecken, sich weg-verdienen oder sonst irgendwie loswerden kann. Man kann hier sein Leben zubringen, sich identifizieren, berlinern können, dieser Stadt seine Lebenskraft, Energie und sein Einkommen widmen, Kinder hier bekommen und ein Haus bauen – man bleibt immer und für immer eine „Zujezogene“. Generationen lang.
Im Rheinland, wo ich herkomme, ist das anders. Nicht, dass man diese Art Einstellung nicht dort auch antreffen könnte. Aber im Grunde genommen gilt: wer einmal am Tresen ein Kölsch mitgetrunken hat (am besten an Karneval), gehört dazu, egal, wo er ursprünglich herkommt.

Nicht so in meiner Wahlheimat Berlin. Hier wird man als Stadt-Fremde oder -Neuling durchaus skeptisch betrachtet und auch gerne mal kodderschnauzig belehrt: „Ditt heißt Schrippe!“ Schrippe. Nicht Brötchen. Natürlich nicht. Mein Fehler. Das hat mich aber nicht gehindert, trotz meiner wohl lebenslangen tiefen Bindung an das Rheinland, seine Landschaft, seine Menschen, seine Sprache, seine Feste… (Heimwehmodus: off), mein Herz an die Hauptstadt zu verlieren.
Ich habe hier die wichtigste, einschneidendste Zeit meines bisherigen Lebens verbracht, nämlich die als Mutter meiner Kinder. Und wenn ich es mir vorher auch niemals hätte ausmalen können und zudem noch unfreiwillig (als hochschwangeres Anhängsel an den damals neuen Job vom Mann) nach Berlin gekommen bin: das hier ist für mich der beste Ort zum Leben, zum Familie-Sein, zum Arbeiten, den ich mir vorstellen kann. Bei der Idee, hier wieder wegziehen zu müssen (mögliche Sachzwänge gibt es ja immer), kriege ich Panikanflüge und mein Herzschlag beschleunigt sich ungut. Hier ist mein Lebensmittelpunkt seit knappen zehn Jahren. Und das finde ich gut so.

Dennoch. Ich bin eine Zugezogene, mag mein Herz noch so laut für Berlin und all seine Facetten schlagen, diesen Makel kriege ich nicht weg und werde es auch nie. Das ist eine seltsame Position, die ich da habe: wie eine hoffnungslos Verliebte, die nie sicher sein kann, auch wieder geliebt zu werden. Denn in der Hauptstadt gibt’s mehr als nur eine skeptische Attitüde gegenüber den (Neu-)Ankömmlingen.

Neben dem typisch berlinerischen „Wer bist DU denn?“, in dem aber auch immer eine gewisse Neugier mitschwingt, gibt es bekanntermaßen auch die krassen Überzeichnungen, so beispielsweise den faschistischen, destruktiven und einfach nur schwachsinnigen Schwabenhass im Prenzlauer Berg. Das ist ein inner-nationales Fremdenhass-Phänomen, das seinesgleichen sucht. Was und wer da am (Gesinnungs-)Werke ist, bleibt mir schleierhaft. Will ich auch gar nicht wissen – ich mag mit Deppen nix am Hut haben, egal, aus welcher Stadt, welchem Land oder welchem Kontinent sie stammen, ob sie Fleisch essen oder vegan leben (auch eine Frage von religiöser Relevanz im heutigen Berlin), ob sie schwäbeln oder sächseln, woran sie glauben oder mit wem sie schlafen. Deppen bleiben Deppen, ganz gleich, als was sie daher kommen. Die Anti-Zugezogenen-Attitüde ist zwar eine in letzter Zeit offensichtlich „schicke“ Haltung geworden in Berlin, dennoch begegnet sie einem zum Glück nicht wirklich jemals in Fleisch und Blut. Mir jedenfalls noch nicht.

Im Gegenteil. Ich weiß, die Berliner sind besser als ihr Ruf. Viel öfter als die Anfeindungen wegen der „falschen“ weil nicht original Berliner Herkunft, treffe ich auf interessierte und weltoffene Berliner, im West- wie im Ostteil der Stadt. Menschen, die sich für andere Menschen interessieren, gerade weil die sich von ihnen unterscheiden. Menschen, die Freude daran haben, ins Gespräch zu kommen, von sich zu erzählen und dabei selbst ein Stück Berlin zu sein. Kodderschnauze inklusive. Denn auch dieser Schlag Berliner würde sein Interesse immer damit verbrämen, er wolle nur mal nachfragen, um sich abzugrenzen. Er sei ja schließlich waschechter Berliner – bis mindestens 5 Generationen rückwärts gerechnet.
Ich kenne viele Menschen, die mit dieser Art fremdeln, die mit der ganzen Stadt fremdeln und nach kurzer Zeit hier schon feststellen, dass sie nicht wirklich warm werden. Die planen noch während sie hier leben schon die Zeit, wenn sie Berlin wieder verlassen haben werden, um in mediterraneren Gegenden Deutschlands zu leben. Ich gehöre nicht dazu.

Ich kenne Berlin. Ich lebe hier. Ich mache mir keine Illusionen über diese Stadt:
es gibt schönere Städte und reizvollere Landschaften in Deutschland. Es gibt in anderen Städten bessere Schulen und Universitäten. Es gibt keinen Karneval (jedenfalls keinen ernst zu nehmenden), kein Sankt Martin und überhaupt ziemlich wenig religiöses Leben. Die Spree ist ein lächerliches Rinnsal, wenn sie gegen den Rhein antreten muss. Es gibt keine Burgen, keine Weinberge, überhaupt keine nennenswerten Erhebungen – der Wasserturm im Kollwitzkiez steht auf der höchsten natürlichen Erhebung in Berlin und am-Berg-Anfahren wird hier in der Fahrschule im Parkhaus geübt. Der Winter ist abartig lang und kalt, die Ostwinde machen mich jedes Jahr aufs Neue fertig. Es gibt Ratten so groß wie Labradors und die unverschämtesten Fahrradfahrer der Republik. Taxifahrer auch. Und Busfahrer auch. Ganze Straßenzüge sind von deprimierender Öde, und man findet sie in praktisch jedem Stadtteil. Die innerstädtischen Staus sind rekordverdächtig (von der Stadtautobahn ganz zu schweigen), so gut wie alle Radiosender sind eine Beleidigung für jeden halbwegs funktionierenden Intellekt und die ewigen Baustellen kriegen jede Woche Kinder. Wenn es schneit kriegt die ganze Stadt einen kollektiven hysterischen Anfall und nach Silvester macht sich niemand jemals die Mühe, die ganze Knallersauerei wieder aufzuräumen. Vielleicht im März. Vielleicht aber auch nicht.

Es gibt quasi eine endlose Liste mit Dingen, die hier erwiesenermaßen nicht schön sind, nicht funktionieren oder schier unerträglich zu sein scheinen. Im physischen, ästhetischen und emotional-psychischen Sinn. Und das wären nur die alltäglichen Dinge. Über sowas wie das Flughafen-Fiasko brauchen wir da gar nicht zu sprechen. Es wäre für mich, die Zugezogene, eigentlich viel logischer, meine Sachen zu packen und Berlin wieder zu verlassen. Ich habe ja eine Heimat, einen Ort, an den ich theoretisch zurückkehren könnte – zu meinen Wurzeln.
Dennoch. Obwohl ich all das weiß und jeden Tag erlebe und obwohl ich oft auf all diese Dinge fluche, obwohl ich mein Label „Zugezogene“ niemals loswerden kann und obwohl meine große Tochter mir prophezeit, ich würde eines Tages beim Autofahren am Steuer vor lauter Wut einfach platzen – ich bin hoffnungslos und aus voller Seele berlinverliebt.

Berlin! Du kannst mir die kalte Schulter zeigen und die unfassbarsten, abstoßendsten Dinge hervorbringen, my love is here to stay. Ich habe dir sogar drei Kinder geschenkt! Zugezogen? Mag sein. Aber du findest unter den ganzen Nicht-BerlinerInnen keine, die dich so liebt wie ich. Dich und dein dreckiges, ehrliches, wunderschönes Gesicht.

10 Kommentare

  1. Liebe Anna,

    ach, die Ostwinde, die habe ich auch als unter alle Kleiderschichten kriechend fies in Erinnerung. Und dass der Nebel fehlte, den ich aus meiner Heimat im Schwarzwald kannte, war auch ein Manko an Berlin. Aber ansonsten habe ich’s geliebt wie du, wenn auch wieder verlassen, der Liebe wegen.

    Jetzt wohne ich wieder da, wo’s Fasnacht und Weinberge gibt, und das ist auch schön. Aber mein Herz hat nie aufgehört für Berlin und seine aus tiefstem Herzen schlagfertigen und witzigen Bewohner zu schlagen. Kürzlich war ich dort, auf einem Workshop, und auch nach 13 Jahren Berlin-Abstinenz war ich sofort wieder Feuer und Flamme.

    Das mit der Reserviertheit gegenüber Zugezogenen ist übrigens in meinem neuen Wohnort, Konstanz am Bodensee, auch ziemlich ausgeprägt. Seit 10 Jahren lebe ich hier – für den echten Konstanzer bin ich immer noch ein Fremdkörper, auch wenn ich dieser „Bodenseemetropole“ (hahahaha!) 3 Kinder serviert habe. Immerhin sind die nicht alle hier geboren; wenn schon fremd, dann richtig. 🙂

    Herzlich, Christine

  2. Junge Frau! Horsch emol , des is net schlimm. Ich bin auch ne Zugezogene aus Mainz und jetzt seit über 10 Jahren hier, zwar in Z-Dorf aber ja auch nicht waschecht.
    Wir fühlen uns zu Hause, aber die Berliner naja, eschte Schlappmäuler halt un aach noch stolz druff

    • Mainz! Meine Landeshauptstadt. Bin ja ein „Kowelenzer Mädsche“, später Bonn/Kölner Gegend. Hach ja, die Berliner können schon schwierig sein, spröde, meckerig… Und trotzdem mag ich das. Darauf kann ich jedenfalls spontan besser, als auf die oft unterkühlte norddeutsche Art. Liebe Grüße in den Westen!

      • Äähm, nicht wirklich – ich lebe schon so lange nicht mehr da, ich glaub ich bin raus. 😉 Wahrscheinlich kannst du eher mir einen Tipp geben, wenn du dort warst!

  3. Hi Anna!
    Ey, über die Hälfte (Drei) deiner Familie sind Berliner! Du bist mitten drin und voll dabei!
    Liebe Grüße
    PS: Bei mir nur die Hälfte… Mit den Beeden is man aber och mitten drin und voll dabei!

  4. nochn Kommentar..
    n bischen verklärte Sehnsucht an unsere Heimaten is ok, war (und is (manchmal)) ja auch geil da!… Unsere Kinder mischen die Karten eh neu: “Is geil hier in Berlin, Papa!”! ….stimmt….

  5. 🙂 Herzlich.. herrlich! Berlin hat es Dir ja ganz schon angetan, wenn ich so lese, wie Du über Berlin und die Berliner so herum philosphierst. 🙂 Als Berliner Pflanze heiße ich Dich herzlich willkommen in unserer dreckigen Stadt, wo die Raten so groß sind wie Labradors. 🙂

    Manchmal frage ich mich auch, warum ich an dieser Stadt so sehr henge, wo ich doch die Natur so sehr liebe, meine ganze Familie aus Brandenburg stammt!? Ich liebe Berlin einfach, warum auch immer.

    Liebe Grüße, Christian

  6. Mußt Dir mal die neue Ausgabe des Berliner Stadtmagazin „Zitty Berlin“ kaufen, da geht es um Berliner Persöhnlichkeiten, die auch Zugezogene sind und in Berlin ihre Heimat gefunden haben.

    Liebe Grüße, Christian

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