Langes Maiwochenende. Meine Schwester besucht mich mit Mann und den drei Kleinen. Unser Altersunterschied von neun Jahren ist in manchen Lebensphasen gigantisch gewesen, z.B. als sie neugeboren war und ich ein Kommunionskind oder ich ausgezogen bin und sie gerade mal auf die weiterführende Schule kam. Aber in unserem Erwachsenenleben gibt es diese große Lücke in Sachen Lebensrealitäten, Lebenserfahrung und persönlichem Wachstum eigentlich schon lange nicht mehr. Natürlich ist sie meine “kleine Schwester”, aber das hat schon seit Jahrzehnten nichts mehr mit “groß” und “klein” aus Kinder- und jungen Erwachsenenjahren zu tun.

Jetzt allerdings gibt es etwas Neues, wo wir in ganz unterschiedlichen Lebensphasen sind: unsere Leben als Mütter. Wir haben beide drei Kinder, und natürlich sind ihre viel jünger als meine, entsprechend eben auch unserem eigenen Altersunterschied. Aber gefühlt bis vor kurzem waren die Lebensrealitäten enger beieinander. Als sie Mutter wurde, war mein jüngstes Kind  ein Vorschulkind und damit selbst noch sehr klein. Als auf den ersten ihrer Söhne der zweite folgte, waren meine beiden “Kleinen” wuselige Grundschulkinder, und wenn wir alle zusammen kamen, waren die Leben aller sehr kompatibel. Ein großer Garten bei ihr oder auch bei unserem Bruder, mehrere kleine Kinder in einem Planschbecken oder in einer Hängematte, Babys, die in Kinderwagen von wenig älteren Kindern geschoben wurden, alle mochten ein Eis und ein Würstchen vom Grill, wenn sie müde wurden und die Babys schliefen, saßen die größeren Kinder vor einem Disneyfilm, bis sie auch ins Bett mussten. Die Einzige, die da schon früh rausfiel, war meine Älteste, die mit einem Abstand von zehn und zwölf Jahren zu den jeweils ältesten Kindern meiner Geschwister immer schon eine besondere Rolle hatte. Was ich sagen will: die Altersabstände zwischen den Cousins und Cousinen waren dieselben wie heute, aber das Leben mit den Kindern ähnelte sich in so vielen Bereichen, dass es immer irgendwie gut passte. Und als Mütter unserer kleinen Kinder waren wir Schwestern verhältnismäßig nahe beieinander, was unsere individuellen Erfahrungen anging.

Aber jetzt – kommt meine Schwester mit ihrer kleinen Familie am Donnerstagabend hier an, und ihre Kinder, vor allem die Jungs gehen natürlich davon aus, dass meine großen Kinder genau wie sie selbst im Familienverbund an allem teilnehmen und selbstverständlich dabei sind, so wie sie selbst. Und so wie es früher. natürlich war – ihre Erwartungshaltung orientiert sich am eigenen täglichen Erleben und an den gemeinsamen Erinnerungen daran,  wie es immer war. Mahlzeiten, Unternehmungen, Spaziergänge, zu Hause verbrachte Zeit, Spielen, Filme schauen, alles passiert als Familie. Und in ihrer Erfahrungswelt bedeutet das: alle zusammen. Sie erleben sich selbst vollständig als Teil eines Ganzen, ihres kleinen Kosmos, der Familie von Fünf.

In meiner Welt aber sind die Kinder groß und  eigenständig, was ihre Planung, ihren Alltag, ihr Leben angeht. Natürlich sind die zwei Jüngeren hier, sie wohnen noch zu Hause, die Jüngste, formerly known as Goldkind, geht noch zur Schule. Doch die Große lebt seit letzten Sommer in Amsterdam, der Sohn hat Abitur gemacht und ist relativ frisch von einer monatelangen Rucksackreise durch Südamerika zurück – unsere Familie ist nicht mehr länger ein in allen täglichen Abläufen miteinander fest verwobenes Ganzes., sondern wir sind wie Satelliten , die um eine Mitte kreisen: fest verbunden, aber dennoch unabhängig voneinander in Bewegung.

Für meine beiden jüngeren “Kinder” gilt: sie leben ihr eigenes Leben, sie haben eigene Termine, pflegen ihre sozialen Kontakte, gehen zum Sport, jobben, treffen sich mit Leuten, gehen feiern, verreisen undsoweiter. Wenn also, wie dieses Wochenende, meine Schwester mit Familie zu Besuch kommt, machen sie in ihren Leben extra Platz dafür. Es wird eingeplant, dass sie bei mehreren gemeinsamenMahlzeiten mit allen dabei sind; gestern hat der Sohn mit uns gefrühstückt und war dann mit uns auf dem Schiff auf der Spree unterwegs, und die Tochter hat dafür den Nachmittag und das Abendessen mit uns verbracht. Aber darüber hinaus sind sie beide natürlich verabredet gewesen, haben Freunde getroffen, den ersten Mai hier gefeiert und heute bis in die Puppen geschlafen. Die Neffchen ihrerseits haben seit 9 Uhr gefragt, wann denn “die Großen”  jetzt aufstehen würde und die Kleine fragt immer wieder nach der ganz großen Cousine und versteht nicht, dass diese ja in Amsterdam lebt und nicht einfach so dauernd “nach Hause” kommt.

Für mich fühlt sich das verrückt an: gefühlt war es eben in meinem Leben auch noch so, dass alle immerzu hier waren, dass unsere Leben so verwoben waren wie von jeher und dass ich als Mutter von drei Kindern stets und ständig in alle ihre Alltagsbelange eingebunden war. Wenn ich aber jetzt meine Schwester mit ihren Kindern sehe, wenn ich miterlebe, wie ihr Mamaalltag mit ihren Dreien ist, realisiere ich umso mehr, wie krass sich mein Leben als Mama verändert hat. Und wie schnell es ging. Auf einmal machen die neun Jahre zwischen meiner Schwester und mir wieder einen großen Unterschied und bestimmen in Bezug auf unser Familienleben und unsere Mutterrolle für unsere Kinder, wie anders unsere Leben und unsere Tage gerade sind.

Und ich erinnere mich im Angesicht dieser kleinen Familie zu Besuch in unserem Leben nicht nur intensiv daran, wie auch mein Leben mit kleinen Kindern quasi bis vor kurzem auch noch war, sondern ich denke auch daran, wie fern mir das Leben von Menschen mit großen Kindern erschien. Wie wenig ich mir das vorstellen konnte: Kinder, die das Leben von quasi erwachsenen Menschen führen, die fast alle Entscheidungen alleine treffen (wenn auch nicht ohne Beratung oder Einfluss von erwachsenen Bezugspersonen), die Dinge tun und erleben, die ich als Mutter nicht unbedingt alle gutheiße. Und wie ich mir in meiner natürlichen Naivität als Mutter kleiner Kinder vorstellte, wie ich das alles handlen würde. Was ich “erlauben” und “nicht mitmachen” würde. Wie ich meinen Einfluss auf meine erwachsenen und quasi erwachsenen Kinder überschätzte, weil ich dachte, dass sich das nicht ändern würde, was zu dieser Zeit meine Lebensrealität war.

Gestern Abend saß ich mit meiner Schwester noch bei einem Glas Wein zusammen. Es war spät. Ihre Kinder schliefen seit Stunden, beide unsere Männer hatten sich ebenfalls schon zurückgezogen. Die kleine Welt in unserem Haus war leise, gemütlich, friedlich, unter Kontrolle. Gegen Mitternacht drehte sich der Schlüssel im Schloss der Haustür und meine Tochter kam von einer Freundin zurück. Setzte sich zu uns, nahm sich auch noch einen kleinen Schluck Wein. Erzählte ein bisschen. Meine Schwester fragte: “Wo bleibt denn jetzt dein Sohn? Wo ist er? Wann kommt er?” Und ich sagte: “Keine Ahnung. Sein Handy ist offenbar ohne Akku, ich habe ihm vor einer Stunde eine Nachricht geschickt, die wurde nicht zugestellt. Er wird schon kommen.” Und um ehrlich zu sein: ich war bei sowas nicht immer cool. Bin es bis heute nicht immer. Weil natürlich Dinge passieren können, von Unfällen über dumme Entscheidungen und blöde Zufälle bis hin zu wirklich ernsten Entwicklungen.

Aber ich kenne auch meine Kinder und weiß inzwischen relativ gut, wie ihre jeweilige Risikostruktur ist, was sie machen würden und was eher nicht, welche Entscheidungen sie wahrscheinlich in welcher Situation treffen. Und dass ich mich auf sie verlassen kann. Meine Schwester sagte: “Er ist seit über zwölf Stunden auf diesen Erster-Mai-Demos und Parties unterwegs. Was, wenn er stockbesoffen alleine irgendwo rumliegt und kein Akku hat?” Und ich wusste: so ist es nicht. Er würde sich nicht in so eine Situation begeben. Falls er stockbesoffen irgendwo rumliegen würde, dann in der Sicherheit eines privaten Rahmens. Bei einer*m guten Freund*in. Minuten später kam eine Nachricht auf dem Handy der Tochter an: sein Akku ist down, er ist bei einem Freund, er kommt aber demnächst nach Hause.

Meine Schwester und ich tranken den Wein aus und redeten noch ein bisschen. Sie legte sich, bestimmt beruhigt darüber, dass ihr Leben so (noch) nicht ist, zu ihrer schlafenden Familie ins Gästezimmer, die Mama von kleinen Kindern, die sich in ihren Arm kuscheln und sich beim Aufwachen sofort an sie wenden werden. Ich schickte auf dem Weg ins Bett per Snapchat einen Gute-Nacht-Kuss an meine Amsterdam-Maus und per WhatsApp einen an den Sohn, der irgendwann später nach Hause kam und den Kühlschrank plünderte. Und ich wusste – es ist gut so. Es ist alles richtig so, wie es ist. Ich war schon die Mama der Kleinen, jetzt ist die Zeit der großen Kinder.

Sie ist intensiv und herausfordernd auf eine ganz andere Art und Weise. Ich muss sehr viel vertrauen, noch mehr loslassen und mich immer wieder darauf verlassen, dass meine Drei gute, vernünftige Menschen mit solider Basis sind. Sie machen ihre Erfahrungen, sie machen ihre Fehler, aber sie gehen ihre Wege. Ich bin immer noch ihre Mama (das werde ich sein bis ins Grab), aber wie ich es bin, ist eben ganz und gar anders.

Es ist die Zeit der großen Kinder – und meine.

 

Write A Comment