Alles, was wir voneinander wissen, alles, was wir uns über unsere Liebsten erzählen, sind Geschichten über die Liebe. All die kleinen Dinge, die uns zu denen machen, die wir sind, all die Albernheiten, Alltäglichkeiten, Andersartigkeiten, die jemand an uns mag, sind die Bausteine in unserer Geschichte über die Liebe. Wir gestalten sie, wir erzählen sie, wir formen sie, während wir leben und während wir mit unserem Leben das Leben anderer prägen. Wer wir sind, wer wir gewesen sein werden, welche Geschichten von uns bleiben, wenn wir nicht mehr da sind, bildet sich aus all den vermeintlich kleinen Einzelheiten, aus denen sich unser Leben zusammensetzt.

Ich komme aus einer Familie der Geschichtenerzähler*innen. Ich weiß Dinge aus den Leben meiner Urgroßeltern, Großtanten und -onkel, enge Freund*innen meiner Großeltern und erzähle sie meinen Kindern weiter, obwohl ich diesen Menschen nie begegnet bin. Die Geschichten schaffen die Verbindung zwischen den Generationen. Sie sind unsere Anker in der Vergangenheit.

Herkunftsgeschichte aus Geschichten

Jedes Jahr zu Allerheiligen traf sich ein Teil meiner Familie auf einem uralten Friedhof in der Eifel, wo die Gräber meiner Ururgroßeltern und anderer Familienmitglieder noch in ihrem ursprünglichen Zustand erhalten sind. Der Ort ist kaum ein Dorf zu nennen, gab es dort in meiner Erinnerung doch nur wenige Häuser, eine Kirche, eine Kneipe, den Friedhof und nichts weiter. Alles lag in einem grünen Tälchen, alle Gräber waren umstanden von hohen alten Bäumen, als wäre ein Wald um diesen Ort herum gewachsen.

Dort wurde sich zu Allerheiligen versammelt, es wurden Grablichter aufgestellt und Kerzen entzündet, während alle ziemlich fröhlich waren und Geschichten von denen erzählten, die dort begraben lagen. In einer Familie voller Jäger und Förster wurde oft auch Jagdhorn geblasen, ein Klang, der mir bis heute Tränen in die Augen treiben kann, weil ich damit so viel verbinde. Als Kind stand ich, fasziniert von diesen vielen Menschen (ich weiß nicht, wie viele es wirklich waren), die alle zu meiner Familie gehörten, auf diesem Friedhof und hörte ganz genau zu. Sammelte die Wörter und die Geschichten ein, machte mir selbst einen Reim darauf und nahm vor allem eines wahr: die, die hier begraben lagen, waren geliebt worden. Ihre Leben waren bedeutsam gewesen für diese Familie und ihre Bedeutung reichte bis in meine eigene Gegenwart hinein.

Was zu diesem Anlass in meiner Familie Tradition hatte, das Geschichtenerzählen, das Weitergeben dieser Geschichten, bestimmt auch das Ausschmücken derselben, hatte auch im Kleinen eine große Bedeutung. Meine Großmutter erzählte viel, sie sprach liebevoll über ihre Kindheit und die Menschen, die für sie bedeutsam gewesen waren, gingen in meinen Geschichtenschatz ein. Die Schulfreundinnen, Mitarbeiter auf ihrem elterlichen Hof, der erste Verehrer ihrer ältesten Schwester, der einen seltsamen Gang hatte, all diese Menschen blieben mir ebenso im Gedächtnis, wie die Geschichten über ihren zugewandten Vater, der Klavier spielte oder über ihren Lieblingsbruder, der den ersten Weltkrieg nicht überlebte oder ihre lebendige Erzählungen aus der Zeit, als sie jung verheiratet war und ihre Kinder bekam. Wie sehr sie ihre geliebte Mutter vermisste, die sie früh verloren hatte und wie schwer es ihr zu Anfang fiel, sich in der Familie ihres Mannes, die so verschieden war von ihrer Herkunftsfamilie, einzufinden.

Wörter der Liebe, Sprache der Vergangenheit

All die Menschen aus ihrem Leben, alle, die sie geliebt hatte, diejenigen, die noch da waren ebenso wie die, die sie verloren hatte, wurden in meinem Kopf lebendig, und ich speicherte die Geschichten über die Liebe aus dem Leben meiner Großmutter, gekoppelt an diese Menschen, die mein Leben direkt niemals berührt hatten, und legte sie in meiner Seele ab. Die Geschichten begleiteten mich durch meine Kindheit und Jugend, solange meine Großmutter sie noch erzählen konnte; bis heute sind die Menschen aus diesen Geschichten in mir präsent.

Ich glaube, auch das ist eine Sprache der Liebe. Wenn wir anhand der Biografien und Geschichten aus den Leben unserer Vorfahr*innen unsere Herkunft nachvollziehen – nicht nur das, was uns Daten, Stammbäume und verblichene Fotografien sagen können, sondern all das, was diese Menschen in unserem Bewusstsein lebendig macht. Wer sie waren, was ihnen wichtig war, wie und wen sie geliebt haben, wofür sie standen. Für mich persönlich war das immer eine wertvolle Verbindung zu meiner Herkunft, für die ich bis heute dankbar bin. Auch wenn das meiste davon anekdotisches Geschichten sind, kein historisch belegbares Wissen, sondern vielmehr kleine, oft sehr lustige Geschichten aus den Leben dieser Menschen. Vielleicht funktioniert die Verbindung gerade deshalb.

Unsere Geschichte hat etwas mit uns zu tun, wo wir herkommen hat etwas mit uns zu tun. Wenn das Wissen über die, die vor uns da waren, die das Fundament dessen waren, was wir heute als unsere Familie verstehen, aus Geschichten besteht (oder durch diese ergänzt wird), die die Essenz dieser Menschen für uns greifbar machen, entsteht die Verbindung in die Gegenwart, entsteht die direkte Verbindung zu uns selbst.

Deshalb erzähle ich meinen Kindern ebenfalls Geschichten. Viele Geschichten. Von ihren Vorfahr*innen, von Erlebnissen aus meiner Kindheit und aus der Kindheit ihrer Großeltern, von Menschen, die unsere Wege einst kreuzten und uns wichtig waren/sind, von all denen, die unsere Familie erweitert und bereichert haben, ganz ohne Blutsverwandtschaft. Von Freund*innen, Wegbegleiter*innen, und von all denen, die dazu beigetragen haben, dass sie selbst und ich und meine Geschwister oder meine Eltern und ihre Geschwister verwurzelt sind in dem, was wir Herkunft nennen.

Ich erzähle Geschichten über die Liebe.

 

 

6 Kommentare

  1. Liebe Anna, ich lese deine Geschichten über die Liebe und bin zutiefst berührt.
    Ich danke dir sehr dafür.
    Romy

  2. Was für ein Schatz!
    Hier gibt es auch Geschichten aus der Vergangenheit, aber die erzählen meist von Zwietracht, Missgunst und Streit… Mein Eltern waren da ein bisschen Cyclebreaker, d.h. ich hatte schon eine liebevolle und behütetet Kindheit, aber alles, was sich außerhalb dieser Kernfamilie abspielt, ist eher wie so eine schlechte Daily Soap… Bewusst wurde mir das nochmal richtig, als ich die Familie meines Mannes kennen lernte, wie kaputt meine eigene Familie eigentlich ist.

  3. Ohjaaaa…ich mache das auch so..ich erzähle meinen Kindern alle Geschichten über ihre Ahnen! Ich mache auch Ahnenforschung und schreibe die Lebensgeschichte meiner Oma auf, die dieses Jahr 100 wird. Ich besuche die Orte, in denen sie geboren sind oder gewohnt haben oder von denen sie vertrieben wurden, sogar bis Serbien und Ungarn bin ich schon gekommen. Das ist so ein großer Schatz! Ich danke dir sehr für diese Serie. Für deine so wunderbaren Worte über die Liebe. Ich hoffe es geht bald weiter! Ich freu mich sehr darauf!

  4. Liebe Anna, ich will dir nicht zu nahe treten. ich Frage mich allerdings, ob mit dir was passiert ist. ohne Abschied schon so lange keine Zeilen von dir.
    ich hoffe, es geht dir gut.

    • Liebe Romy, danke dir fürs Nachfragen. Mit mir ist zum Glück nichts passiert, es ist nur (mal wieder) das Leben zwischen mich und den Blog gekommen. Viele schöne Dinge, einiges, das schwierig ist. Aber nichts Schlimmes, alles gut. Lieb von dir, dass du nachhakst und dir auffällt, dass ich nicht hier war. Das freut mich sehr.

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