Die heikelste Liebe ist die Liebe zu uns selbst. So kommt es mir jedenfalls vor. Während wir uns mit unseren Liebesgefühlen von Anfang an relativ unkompliziert an andere Menschen binden, unsere Eltern, Geschwister, aber auch frühe Freund*innen und sich das alles scheinbar ganz natürlich weiter entwickelt, bleibt die Beziehung zu uns selbst irgendwie verzwickt.

Es wäre doch schön, wir würden uns mit liebevollem Blick betrachten, zu jeder Zeit in unserem Leben! Nur macht wahrscheinlich fast jeder Mensch in seinem Leben (ist es jeder? Oder gibt es mir nicht bekannte Gruppen oder Individuen, auf die das nicht zutrifft?) die Erfahrung, dass dieses Gefühl der Liebe zu uns selbst, dieser liebevolle Blick auf uns selbst uns verloren geht. Oder erst mühsam zurück erkämpft werden muss. Ich glaube, vor allem Frauen wissen, wovon ich spreche.

Wenn wir Kinder sind, finden wir uns selber super. Je mehr unsere Eltern und lieben und uns einen guten, liebevollen Boden für unser Wachstum bereiten, umso toller finden wir uns auch selbst. Wir trauen uns alles zu, wir finden uns schön, wir fürchten uns nicht vor dem Blick in den Spiegel oder vor kritischen Blicken anderer. Wir kennen diese Selbstzweifel noch nicht, die uns irgendwann der Fähigkeit berauben, uns selbst so zu betrachten.

(Es gibt übrigens mehrere Studien, die belegen, dass Kinder sich ungefähr bis zum Alter von 5 oder 6 Jahren unabhängig vom Geschlecht gleich gut finden, dass also Mädchen wie Jungen das eigene Geschlecht für gleich schlau, stark, fähig, geschickt oder talentiert halten, wie das andere. Bereits mit 7 hat sich das geändert und Mädchen trauen dem eigenen Geschlecht nicht mehr gleich viel zu, wie dem männlichen. Das nur am Rande.)

Dann ändert sich das. Die Einflüsse von außen werden relevanter, vermeintliche Kritik kommt bei uns an, wir vergleichen uns mit anderen und befinden, sie seien schöner, talentierter, stärker, schlauer etc. als wir selbst. Und vielleicht ist das der Moment, wo die Selbstzweifel beginnen und ab dann mit schöner Regelmäßigkeit an dieser Fähigkeit nagen, uns selbst zu lieben. Das passiert bereits, wenn wir noch Kinder sind, keine ganz kleinen Kinder mehr, aber vielleicht Grundschulkinder. Für manche geschieht das früher, für andere später, aber ich glaube wirklich, wir sind alle davon betroffen, auf die eine oder andere Art und Weise.

Im Laufe des Erwachsenwerdens, während wir also selbst erstmalig Liebesgefühle für andere Menschen entwickeln und uns auf neue, erwachsenere Beziehungen zu anderen einlassen, während wir also anfangen, die Liebe zu anderen zu kultivieren und durch unsere neuen Erfahrungen viel darüber zu lernen, was alles dazu gehört, wird die liebevolle Beziehung zu uns selbst immer weiter torpediert.

Wir verlernen auf eine Art, uns selbst so zu lieben, wie wir andere lieben lernen. Wir verlernen, uns anzunehmen, wie wir sind. Uns unser unperfekt Sein einfach zu gönnen und großzügig zu uns selbst zu sein. Uns nicht ständig perfektionieren zu wollen. Die Maßstäbe, nach denen wir uns selber bewerten, nicht an unrealistischen Idealen auszurichten. Mit der Folge, dass wir uns selbst nicht mehr so fühlen können wie früher, dass wir entkoppelt sind von diesem liebevollen Blick auf uns selbst, der gar nicht verblendet ist, sondern einfach nur voller Warmherzigkeit und Großzügigkeit.

Gesellschaftliche Normen: funktionieren und normal sein

Wie schwer machen wir es uns in dieser Gesellschaft, in der wir so sehr auf innere und äußere Perfektion geprägt werden, uns selbst so zu lieben, wie wir sind? Mit all unseren Unterschieden, die uns letztlich ausmachen, mit unseren individuellen Stärken und Schwächen, mit unserem wundervollen ganz eigenen Ich-sein, das wie unser innerer Plan vorzeichnet, wie wir uns entwickeln und wer wir sein sollen?

In einer Umgebung, in der unser Wert vor allem an Leistungsfähigkeit und der Fähigkeit, in einem vorgegebenen System erwartungsgemäß zu funktionieren gemessen wird, ist es als erwachsener Mensch unglaublich schwierig, sich selbst vorbehaltlos zu lieben. Lernen wir doch relativ früh, dass wir nicht “richtig” sind, wie wir sind, sondern uns optimieren, anpassen, verbessern müssen, um den Ansprüchen anderer/der Gesellschaft zu genügen. Und da fangen wir noch gar nicht mit dem äußeren Erscheinungsbild an, wo wir ebenfalls sehr früh internalisieren, wie “normschön” auszusehen hat und von Optimierungsprogrammen (Diäten, Sportprogramme, Schlankheitswundermittel etc.) sowie von permanenten öffentlichen Bewertungen menschlicher Körper (Medien kommentieren prominente weibliche Körper öffentlich etc.) umgeben sind. Das macht es nicht gerade leicht, bildlich gesprochen in den Spiegel zu sehen und sich selbst zu sagen: “Ja, doch, du bist echt in Ordnung, ich finde dich super so, ich liebe dich!”

Frauen über 40 im Spiegel | berlinmittemom.com

Ich & Ich. Eine lebenslange Beziehung

Dabei ist dieser Mensch da im Spiegel tatsächlich genau der, mit dem wir uns unser Leben lang befassen müssen, ganz egal wie: wir selbst. Und wäre es nicht wundervoll, wir würden grundsätzlich mit der Idee aufwachsen, dass genau dieser Mensch immer liebenswert, schön, richtig ist, um unser Leben mit uns selbst, dem einzigen ICH, das wir in diesem Leben kriegen, liebevoll und gelassen zu gestalten?

Als Erwachsene wissen wir, wie schwer das ist. Wahrscheinlich hat jede*r von uns die Erfahrung schon gemacht, wie es sich anfühlt, nicht den Erwartungen zu entsprechen und sich selbst dafür verantwortlich zu fühlen, dass wir nicht reinpassen, nicht der Norm entsprechen, irgend etwas nicht erwartungsgemäß schaffen oder erledigen. Das ist ein scheußliches Gefühl. Noch scheußlicher finde ich die Tatsache, dass wir damit aufwachsen und es normal und okay finden, dass wir für dieses Gefühl bei uns selbst die Schuld suchen und uns in der Konsequenz selbst weniger mögen, statt zu hinterfragen, ob die gesellschaftlichen Anforderungen, Normen, Ansprüche, abstrakten Ideen von dem, wie wir sein sollen, eigentlich richtig sind. Ob es eigentlich sinnvoll ist, zu versuchen, diese Normen einfach wie ein Schema F auf alle Menschen anzuwenden, ohne sich anzuschauen, inwiefern das individuell überhaupt möglich ist. Und was es eigentlich mit uns macht, wenn wir immer wieder feststellen müssen, dass wir scheinbar nicht richtig sind. Inniger lieben werden wir uns selbst deshalb ganz sicherlich nicht.

 Selbstliebe (wieder) lernen

Gibt man das Wort Selbstliebe bei Google ein, sind die ersten Seiten voller Treffer über Seminare, Webinare, Bücher, Artikel, in denen Tipps gegeben werden, wie wir uns selber lieben lernen können. Es gibt einen ganzen Markt dafür, wie Menschen Selbstliebe üben und praktizieren lernen sollen. Das ist doch wirklich drollig: erst treiben wir uns systematisch die Selbstliebe aus, mit der wir eigentlich ins Leben starten. Und wenn wir dann feststellen, was das für Probleme nach sich zieht, für den Einzelnen, aber eben auch gesellschaftlich gesehen, dann denken wir über Methoden nach, wie wir das zurückdrehen oder neu ansetzen können mit der Selbstliebe.

Ich persönlich bin, glaube ich, in meiner Kindheit und Jugend sehr lange in diesem guten, selbstsicheren Gefühl aufgewachsen, richtig zu sein. Erst in meiner späteren Pubertät kamen Selbstzweifel, Ängste und Unsicherheiten auf, die  dieses natürliche Gefühl, richtig zu sein, torpediert und irgendwann auch nachhaltig gestört haben.

Dear me, #dearme, Ermutigung, Internationaler Frauentag, Brief an mein jüngeres Ich, Selbstliebe, Geschichten über die Liebe

Da gab es viele Faktoren: Bodyshaming war sicherlich ganz weit vorne dabei, das begleitet mich sicher konstant, seit ich ca. 15 bin. Aber auch die wiederholte Info an mich durch bestimmte Lehrer, ich sei halt ein Mädchen und deshalb schlecht in Physik und Mathe, hat nicht gerade geholfen. Und dass ich in meinen ersten Beziehungen unter anderem auf Menschen traf, die mich krass sexualisiert/objektifiziert haben, hat das Frauwerden nicht gerade leichter gemacht. Hinzu kam die Entdeckung meiner Bisexualität, was zumindest in meinem damaligen Umfeld (Schule, Elternhaus, Freundeskreis) nicht unkompliziert war und teilweise sehr fragwürdige Reaktionen hervorrief. All das hat dazu geführt, dass ich mit ungefähr 20 sehr weit entfernt war von einer liebevollen Beziehung zu mir selbst. Es waren in meinen Teenagerjahren Glaubenssätze über mich in meinem Kopf entstanden, die ich nur mit Mühe und sehr langsam auflösen konnte. Manche begleiten mich noch immer.

Ich bin richtig. (Fuck off, society)

Dass ich mich heutzutage selbst mag und mich richtig finde, dass ich (meistens) lächelnd in den Spiegel schaue und froh bin, ich zu sein und zwar genauso, wie ich bin, hat lange gedauert. Tatsächlich hat das Muttersein viel dazu beigetragen. In dieser Rolle, die sich für mich von Anfang an (aus purem Zufall? Glück? Schicksal?) so passend und richtig angefühlt hat, wie fast nichts anderes in meinem Leben, habe ich mich immer leicht und richtig gefühlt. Das war ich, das habe ich von Anfang an gut gemacht, da war ich mir sicher, weil es sich so anfühlte. Natürlich habe ich mich auch in dieser Rolle hinterfragt und tue es noch, aber nicht, weil ich mich an einem gesellschaftlich genormten Mutterbild abgleiche, sondern weil ich mich mit meinen Kindern auseinandersetze und damit, wie es ihnen mit mir als Mutter geht. Das hat mir wahnsinnig geholfen, zu diesem Gefühl zurückzufinden, richtig zu sein.

 

Mit meinem Körper habe ich mich erst nach den Schwangerschaften so richtig wieder angefreundet, so paradox das klingt. In den Schwangerschaften mochte ich mich sehr, das war ICH, endlich ergaben auch diese Rundungen und Proportionen für mich Sinn. Die Geburten waren traumatisch, da habe ich sehr viel von meinem Vertrauen in meinen Körper und seine Fähigkeiten verloren. Erst nach der Geburt vom Goldkind habe ich durch das regelmäßige Training mit meiner Freundin Katarina, einer erfahrenen Personal Trainerin, das Vertrauen in meinen Körper wiedergewonnen. Ich durfte erfahren, dass er stark ist, was er zu leisten in der Lage ist, dass er mich nicht im Stich lässt, dass ich auf ihn zählen kann, aber auch, dass ich ihn respektieren und auf eine Art ehren muss. Lieben eben. Mit diesem guten wiedergewonnen Körpergefühl entwickelte sich allmählich die Akzeptanz und dann auch so etwas wie Liebe für mich selbst.

Circuittraining | berlinmittemom.com

Dass ich mich heute meistens liebevoll und großzügig betrachten kann, ist das Ergebnis von fast 30 Jahren Erwachsenenleben, in dem ich sehr viel Glück hatte, dass die Dinge sich so gefügt haben, wie sie es taten. Dass meine Freundschaften, meine Ehe, die Beziehung zu meinen Kindern und innerhalb meiner großen Familie so waren, wie sie waren. Dass ich eine Tätigkeit gefunden habe, die mich zufrieden macht. Dass ich geliebt und gewertschätzt werde dafür, wer ich bin.

Ich bin dankbar dafür, dass ich so viel Zeit in meinem Leben bekommen habe, zu heilen, zurückzufinden zu meinem ursprünglichen Gefühl für mich und mich heute, mit fast 50, fast wieder so zu fühlen, wie als ganz junger Mensch: weitgehend im Reinen mit mir selbst.

Die Selbstliebe ist ein empfindliches Ding. Wir sollten sie vor allem im Umgang mit unseren Kindern als Wert im Kopf behalten und so gut wir können dafür sorgen, dass sie sie nicht völlig aus dem Blick verlieren im komplizierten Prozess des Erwachsenwerdens. Es macht einen Unterschied, ob wir im Leben lernen dürfen, dass wir uns selbst etwas wert sein können oder nicht.

Passt auf euch auf.

Last Updated on 21. Februar 2023 by Anna Luz de León

5 Kommentare

  1. So wahr, liebe Anna! So treffend, so berührend geschrieben!

    Schon oft habe ich mich gefragt, ob der Selbstliebe-Unterschied zwischen Männern und Frauen, Mädchen und Jungen ein Ergebnis von Erziehung ist, von einem sich nur langsam ändernden Weltbild oder … Seit ich selbst Kinder habe, finde ich das mit der Selbstliebe noch komplizierter. Weil sie eines der wertvollsten Dinge ist, die ich ihnen gerne mitgeben möchte. Weil es allerdings gleichzeitig mit meiner eigenen hapert. Vielleicht ist es gerade das, was ich weitergeben kann – Selbstliebe zu versuchen trotz und mit allen Zweifeln….

    Die heikelste Liebe ist die Liebe zu uns selbst. Genauso ist es. Danke, Anna!

  2. Liebe Anna,

    die Reise zu dir, die du oben beschreibst, das, was du über dein Muttersein und dein Leben insgesamt sagst, ist in jedem deiner Texte spürbar.
    Und es ist in meinen Augen auch genau dieser Weg mit all seinen Ecken und Kanten, der deine Einzigartigkeit herausgearbeitet und dich zu so einer rundum inspirierenden Persönlichkeit gemacht hat.
    Ich danke dir, dass du deine Geschichte mit dem, was und wie du schreibst, be-greifbar machst und den Geschichten von anderen dadurch sowohl den Schrecken nimmst, als auch einen Sinn gibst. ❤️

    • Danke dir, liebe Verena, für deine lieben Worte und deine Sicht auf diesen Ort, meine Texte und letztlich auf mich. Es freut mich von Herzen, wie du all das hier liest. <3

  3. Hach Anna, vielen lieben Dank für all diese LIEBEvollen Texte und ganz besonders für diesen ❤ Und wie gut erkenne ich mich da wieder…
    Nun frage ich mich als Mutter aber natürlich immer wieder, wie ich das meinen Kindern weitergeben kann. Denn obwohl meine Kids in einem diätfreien und körperpositiven Haushalt aufwachsen, sind sie ja trotzdem nicht von äußeren Einflüssen befreit und das nimmt hier z.T. echt schon erschreckende Züge bei dem 12- und der 9-Jährigen an

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