Noch einmal schlafen. Wenn ich aufwache, ist mein Geburtstag. Der fünfzigste. Ein halbes Jahrhundert. So ausformuliert und hingeschrieben ist das krass. Wirklich richtig krass.

Seit ich ein Kind war, liebte ich Geburtstage, meine eigenen ganz besonders. In meinem Zuhause, wo ich geliebt und behütet aufwuchs, wurden Geburtstage zelebriert. Es gab Vorfreude und Heimlichkeiten, Getuschel zwischen den anderen, bei dem ich genau wusste, da geht es jetzt um die Vorbereitung besonderer Momente für mich, um Geschenkideen und Überraschungen. Es ging um Liebe und Freude.

Mein liebster Moment war das Aufwachen. Vor der Zimmertür wurde gewispert und geraschelt, gleich würde sie sich öffnen und meine Eltern und Geschwister würden in Nachthemden und Schlafanzügen hereinschleichen, mein Vater würde leise die ersten Akkorde auf seiner Gitarre anschlagen und dann würde es erklingen, das Geburtstagslied. Las Mañanitas. Ich glaube, kein Lied habe ich in meiner frühen Kindheit mehr geliebt, als dieses. Alle guten und wohligen Empfindungen von Geborgensein, die Momente von ungetrübtem Glück und das sichere Gefühl, geliebt zu werden, waren für mich hineingegossen in diese kleine Melodie und die Gitarrenklänge. Später habe ich diverse Mariachi-Versionen des Liedes gehört, dramatische und laute Interpretationen. Für mich war es immer eine leise Melodie, fast geflüstert gesungen, die sanfte Stimme meines Vaters und der verschlafene Familienchor am Bett des jeweiligen Geburtstagskindes.

Das letzte Mal, dass mein Vater mit seiner Gitarre dieses Lied für mich gesungen hat, war an meinem 38. Geburtstag. Seit diesem Tag vor 12 Jahren ist mein Geburtstag nicht mehr wie in den Jahren davor. Seit diesem Tag ist er untrennbar verbunden mit den Bildern vom Sterbebett meiner Mutter, die zu diesem Zeitpunkt seit 2 Tagen ohne Bewusstsein war. Ihre Hirnmetastasen hatten zu schweren Krampfanfällen geführt, sie lag auf der Palliativstation und wir wussten nicht, ob sie noch mal ansprechbar sein würde. Ich hatte die Nacht zu meinem Geburtstag dort bei ihr verbracht, zusammen mit meiner Schwester und zwei engen Freundinnen, ebenfalls Schwestern, mit denen wir aufgewachsen sind. Und obwohl ich mich an diese Zeit als eine der schrecklichsten Phasen in meinem Leben erinnere, ist diese Nacht vor meinem Geburtstag in meinem Herzen als ein warmes, helles Bild verankert. So viele Analogien zu den Geburtstagsnächten der vorhergegangenen Jahre und so viel Freude und Liebe in all der Trauer und dem Schmerz!

Wir waren die ganze Nacht wach. Wir saßen dort in diesem Krankenhauszimmer aneinander geschmiegt auf den Sesseln rund um das Bett meiner bewusstlosen Mama und flüsterten, redeten, lachten. Meine Schwester und ich hatten uns schon für die Nacht dort eingerichtet, als um Mitternacht unsere Freundinnen durch die Tür kamen, und die Parallelen zu den Geburtstagsmorgen meiner Kindheit, als ich in Erwartung von etwas unglaublich Schönem im Bett lag und den Geräuschen im Flur lauschte, waren überraschend. Sie flüsterten und raschelten, die Tür wurde einen Spalt geöffnet, ich roch den Duft frisch entzündeter Geburtstagskerzen und dann sah ich die glücklichen Gesichter meiner Freundinnen und hörte sie für mich singen.

Das Krankenzimmer auf der Palliativstation war nicht mein Kinderzimmer, es war kein kindlich-sorgloser Geburtstagsmorgen, sondern eine Nacht voller Ängste und Trauer, dort standen nicht meine Eltern und Geschwister mit der Gitarre, sondern meine Freundinnen mit einer Flasche Sekt. Was aber übereinstimmte war die Liebe. Im Schein der Kerzen sah ich zwei mir so nahe und geliebte Menschen, die sich gemeinsam mit meiner Schwester etwas überlegt hatten, um mir an meinem Geburtstag Freude zu bereiten. Um mir das Gefühl zu geben, dass es Grund zur Freude gibt, trotz allem, was gerade schrecklich, traurig, beängstigend, schmerzhaft war. Um bei mir zu sein an einem Tag, der all das vereinte: Liebe und Schmerz, Glück und Trauer, Freude und Ängste. Den Rest dieser Nacht verbrachten wir zu viert am Bett meiner Mama, und diese Nacht war gefüllt mit Tränen und Lachen, aber vor allem mit Nähe, Innigkeit, Verbundenheit und dem für mich damals noch neuen Gefühl, traurig glücklich sein zu können.

Als ich mich nach der durchwachten Nacht von meiner Mama verabschiedete und mein Bruder die Wache an ihrem Bett übernahm, sagte ich ihr, es sei okay, wenn sie loslassen wolle. Ich sagte, ich würde den Tag für immer mit ihr teilen, es würde mein Geburts- und ihr Sterbetag sein und das wäre okay, denn es sei immer alles gleichzeitig da: Liebe und Trauer, Schmerz und Glück. Sie hatte mich vor 38 Jahren aus Liebe in die Welt gebracht und mich seit diesem Tag in Liebe durchs Leben begleitet, wenn das also der Tag werden sollte, an dem ich sie in Liebe gehen lassen und aus dem Leben begleiten würde, wäre das für mich genauso richtig, wie für sie. Ich fuhr zu meinem Vater und seiner Frau nach Hause und fand einen Geburtsgasfrühstückstisch vor, einen Arm voller Rosen und seine Gitarre, auf der er mir Las Mañanitas vorspielte. Singen konnte er nicht, weil wir beide weinen mussten. Und doch war auch in diesem Moment alles da: die Empfindung purer Freude und tiefer Trauer zugleich. Wenn ich sagen müsste, was meine große Wahrheit nach fünfzig Jahren Leben auf diesem Erdenrund ist, wäre es das: Liebe und Trauer sind Schwestern. Die eine birgt immer die Wahrheit der anderen in sich. Wenn wir innig lieben und geliebt werden, tragen wir die Trauer und den Schmerz von Verlust schon in uns. In jedem glücklichen Geburtstagsmorgen meines Lebens, sei es in meiner Kindheit oder in meinem Leben als erwachsener Mensch mit eigenen Kindern, liegt von Anfang an und für immer die Möglichkeit von Schmerz. Wir machen uns im Leben selten bewusst, dass die beiden Schwestern, Liebe und Trauer, die Gesichter von Leben und Tod tragen. Und doch sind genau diese beiden keine Gegensätze, sondern nur die zwei Seiten ein und derselben Sache: unserer Existenz auf diesem Planeten. Wenn wir Liebe erfahren, wenn wir uns auf sie einlassen, erhalten wir das Geschenk von Unsterblichkeit in den Herzen, den Erinnerungen, den Seelen unserer Liebsten, während wir zugleich das Wagnis eingehen, den tiefsten Schmerz zu erfahren, den wir als Menschen kennen: die Trauer. Beides kommt Hand in Hand, es ist unausweichlich.

Morgen wird mein fünfzigster Geburtstag sein, und ich bin voller Freude darüber. Vorfreude auf den Geburtstagsmorgen, an dem es vor meiner Schlafzimmertür wispern und rascheln wird, wenn mein Mann und meine Kinder (und wahrscheinlich der Hund) sich dort versammeln, um singend an mein Bett zu treten. Nicht Las Mañanitas, diese Zeiten sind vorbei. Aber ein Lied voller Liebe für mich. Einfach, weil ich da bin. Weil es mich gibt. Weil sie mich lieben, so wie ich sie. Weil wir die Tatsache feiern, dass wir da sind, dass wir zusammen sind, dass wir dieses Glück haben, füreinander und miteinander am Leben zu sein. In unserer Liebe schenken wir uns Unsterblichkeit, so wie meine Großeltern und meine Mama unsterblich sind, und all die anderen, die wir lieben und gehen lassen mussten. Wir erzählen ihre Geschichten und tragen sie mit uns, ihre Seelen geborgen in unseren, in Liebe und Schmerz.

Ich werde fünfzig. Ich bin schon ein halbes Jahrhundert auf dieser Erde. Und mein größtes Geschenk, mein wichtigster Wert, mein stärkster innerer Antrieb ist die Liebe. Ich könnte nicht dankbarer sein.

 

12 Kommentare

  1. Liebe Anna, einmal mehr berühren mich Deine Worte so sehr! Ich wünsche Dir einen tollen 50. Geburtstag mit allen Gefühlen, die für Dich dazugehören. Hab es schön, Sabine

  2. Alles Gute zum Geburtstag.
    Ich lese deine Texte immer soo gerne, und ganz oft mit einem Tränchen in den Augen, weil sie mich so berühren. Vielen lieben Dank dafür.
    Hab einen wundervollen Tag im Kreis deiner Lieben <3

  3. Welch wunderbaren, welch wahre Worte. Wie schön (und traurig) dieser Part: ” (…) es sei okay, wenn sie loslassen wolle. Ich sagte, ich würde den Tag für immer mit ihr teilen, es würde mein Geburts- und ihr Sterbetag sein und das wäre okay, denn es sei immer alles gleichzeitig da: Liebe und Trauer, Schmerz und Glück.” Ja, es ist immer alles vereint. Es schadet nicht, sich daran zu erinnern. Danke.
    Zu dem besonderen Geburtstag wünsche ich Dir von ganzem Herzen das Allerbeste. Auch wenn wir uns nicht kennen. Möge sich all Deine Wünsche erfüllen, möge das neue Lebensjahr unzählige magische Momente für Dich bereithalten.

  4. Liebe Anna, bleib behütet. Du bist ein Geschenk für alle, die dich lieben, aber auch für deine große Leserschaft. Ich wiederhole mich: Schreib bitte ein Buch, in dem du deine klugen Gedanken sammelst. Ich bin die erste, die es kauft.

  5. Herzlichen Glückwunsch nachträglich, liebe Anna!
    Ein wunderbarer Text und ein leuchtendes Foto – vielen Dank dafür! Und schön, dass du wieder geschrieben hast. Endlich! :-)

  6. So schön, hier wieder etwas zu lesen. Herzliche Glückwünsche zum Geburtstag von einer, die heute Geburtstag feiert und ganz gerührt ist von der Lebensweise-heit Deines Textes. Danke dafür!

  7. Berührende Geschichte! Die Verbundenheit mit Ihrer Mutter, selbst in schwierigen Zeiten, spiegelt die Schönheit einer dauerhaften Liebe wider

  8. Herzlichen Dank für diesen wunderbaren und berührenden Text. Auch viele Wochen nach Ihrem Geburtstag, alles Gute und viel Liebe! ❤️

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