Heute wäre ich gerne auf den Friedhof gegangen. Den oben überm Rhein, dort, in meiner Heimatstadt. Ich wäre gerne ans verschneite Grab meiner Mutter gegangen, hätte Kerzen angezündet, Blumen hingebracht, wohl wissend, dass sie nicht lange überleben werden, weil es so kalt ist.

Ich hätte gerne ein bisschen Zeit dort verbracht, meine Geschwister dort getroffen, überhaupt den Rest der Familie, wäre gerne nahe gewesen mit allen, die zu mir gehören. Die zu ihr gehört haben und es noch tun, so wie ich zu ihr gehöre. Das kann der Tod nicht ändern.

Heute ist ihr Geburtstag, es wäre der 79. Es ist schon der 12. Geburtstag, seit sie gestorben ist, und einerseits ist das eine unfassbar lange Zeit. Andererseits muss ich nur die Augen schließen und werde von meinen Erinnerungen an die Orte und Momente getragen, die in mir so unmittelbar und lebendig sind.

Ihre Geburtstage waren immer echte Feste. Schon alles sehr vorweihnachtlich, aber eben doch unmissverständlich: Geburtstag und nicht Weihnachtssessen oder Adventskaffee. Sie war den ganzen Tag in Feierlaune und hatte gefühlt auch den ganzen Tag über Gäste, jedenfalls wenn sie nicht arbeitete. Freundinnen kamen zum Frühstück oder zum Mittagessen, Familie versammelte sich am Kaffeetisch und es ging nahtlos ins Abendessen über. Auf dem Geburtstagstisch Jahr für Jahr blassrosa Azaleen, am liebsten als Bäumchen, ihre Lieblinge.

Als ihr Verlust noch ganz nah war, haben wir ihre Geburtstage einige Jahre lang zusammen verbracht. Wir gingen in die Kirche, zündeten Kerzen für sie an, wenn wir ins Rheinland fahren konnten, trafen wir uns an ihrem Grab und gingen dann noch zum Essen zusammen irgendwohin. Meistens zu ihrer besten Freundin, die wir ebenfalls seit eineinhalb Jahren vermissen müssen. Wenigstens erfreut mich die kindliche Vorstellung, die beiden würden wie früher diesen Tag zusammen verbringen.

Wenn wir konnten, verbrachten wir den Tag zusammen und versuchten, das herzustellen, was ihren Geburtstag immer ausgemacht hat. Wir wollten daran denken, wie gut, wie schön ihr Leben gewesen war, wie wunderbar es gewesen war, zu ihr zu gehören, wie viel Freude und Glück wir doch alle gemeinsam mit ihr erlebt hatten. Wir wollten ihr Leben feiern und nicht an ihren Tod denken.

Aber das war schwer. Wir waren immer ein bisschen ängstlich, dass es doch traurig werden würde (wurde es natürlich auch, das liegt in der Natur der Sache) und klebten uns aneinander, weil wir wussten, zusammen halten wir das besser aus. Wir standen am Grab und hielten uns an den Händen und redeten, wir saßen am Tisch und schauten einander an und redeten – und dann lachten wir und weinten auch und lachten wieder, weil es alles auf einmal war: wunderschön und unendlich schmerzhaft, dass sie da gewesen war, so viel Leben mit uns allen geteilt und uns geliebt und geprägt hatte. Und dass sie gelitten hatte und gestorben war, vor der Zeit. Dass sie nur drei ihrer 8 Enkelkinder kennenlernen konnte. Dass wir für immer den 15. Dezember ohne sie würden feiern müssen. Dass in unseren Herzen der Verlust für immer mitgehen würde, eine Lücke, die sich niemals mehr schließen kann.

Doch die Jahre vergingen. Wir schafften es nicht mehr jedes Jahr ans Grab an ihrem Geburtstag. Wir begannen, uns auch anderswo zu treffen, wenigstens einige von uns, damit wir zusammen sein könnten in der Gleichzeitigkeit von Freude, Dankbarkeit und Schmerz. Aber es wurde immer schwieriger. Covid gab dieser Tradition den Rest.

Und heute… sitzen wir tatsächlich a l l e krank in unserem jeweiligen Zuhause. RS- und Noroviren, Influenza und anderer Erkältungskram haben wirklich alle Familien umgehauen. Die letzte liebe Freundin und Schwester im Herzen vor Ort schrieb mir heute morgen, sie habe ans Grab fahren wollen, sei aber jetzt im Westerwald eingeschneit und käme nicht vom Berg.

Heute ist ihr Geburtstag. Es gibt kein zartrosa Azaleenbäumchen, keinen gemeinsamen Besuch an ihrem Grab, keine Lichter und Rosen, die wir dorthin bringen könnten. Ich habe heute nichtmal mit meinen Geschwistern telefoniert, weil ich keine Stimme habe, dank der effektiven RSViren.

Stattdessen liege ich im Bett und versuche, nicht traurig zu sein, über das Gefühl, nichts für sie tun zu können, nicht heute und an keinem anderen Tag. An ihr Grab zu gehen gibt mir wenigstens immer noch die Illusion, sie wäre da irgendwo. Wir würden sie auf eine Art besuchen, es ihr schön machen an dem besonderen Tag. Auch wenn ich weiß, dass wir das natürlich in erster Linie für uns selber tun, hat es immer etwas Tröstliches. An ihr verschneites Grab zu denken, auf dem keine Kerze leuchtet, macht mich furchtbar traurig, heute ganz besonders.

Ich habe hier ihre Geburtstagskerzen angezündet. Keine richtigen, nicht auf einem Kuchen, sondern die Lichter in meinen Häuschen, die ich vom Bett aus sehen kann. In meinem Herzen ist die Trauer um meine Mutter heute lauter als die Freude über ihren Geburtstag, der Verlust ist präsenter als die Dankbarkeit, sie gehabt zu haben.

Ich gehöre noch immer zu ihr. Das wird sich niemals ändern, das galt im Leben und gilt im Tod. Und das macht mich gleichermaßen glücklich und traurig. So ist das jetzt.

Passt auf euch auf.

4 Kommentare

  1. Liebe Anna, Trauer vergeht wohl nur, ändert sich. Als mein Vater letztes Jahr mit 90 starb, war unsere Tochter mit 12 Jahren so traurig und verzweifelt, dass sie sich wünschte, ihn nicht gekannt zu haben, weil es so schmerzte. Schön, dass ihr den Zusammenhalt habt. Mit dem Geschwistern gab es einen am Bruch, nicht reden und ich mag nicht mehr. Dann nicht gemeinsam sondern mit meiner Kernfamilie erinnern und trauern . Mein Verhältnis zu meiner Mutter ist eher oberflächlich, kein rechter Draht. Aber all das macht uns aus und manchmal ist der Wurm drin und die Kerzen brennen in Euren Herzen!

  2. Wenn ich das lese, dann komme ich ganz unvermittelt in ein seltsames Doppelbild: Ich versuche mir vorzustellen wie es sein wird, wenn wir meine Mutter vermissen werden. Und wie das, was heute meinen Alltag mit den Kindern ausmacht (und ich präge die Familie vermutlich stärker, als ich denke) mal zu Erinnerungen in den Köpfen und Herzen meiner Kinder wird, wenn sie irgendwann um mich trauern.
    Ein Band der Liebe aus der Vergangenheit in die Gegenwart und – Dumeinegüte – ein Anlass zum Weinen.
    Alles Liebe für Dich <3
    Und heute mehr als sonst: Danke für das Teilen Deiner Gedanken.

  3. Anna, ich habe mich sehr in deinen Worten wieder gefunden. Hab Dank dafür.
    Gestern lief – als Premiere in meinen Ohren – Richard Marx mit “Still In My Heart” im Radio. Es hat mir Trost geschenkt, als ich glaubte, nichts könne mich trösten.

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