Seit Tagen schreibe ich nun über die Liebe und drücke mich doch um einen ganz zentralenAspekt herum. Dabei ist das genau der Teil all dessen, der mich schon so lange begleitet und fast so lange Teil meines Lebens ist, wie die Liebe selbst: Trauer.

Im Vorfeld zu diesem Schreibprojekt über die Liebe, habe ich euch auf meinem Instaaccount um eure Sicht gebeten. Was verbindet ihr mit Liebe, was sind für euch die wichtigsten Aspekte, was wäre eure persönliche Essenz von Liebe, wenn ihr es in einem Satz zusammenfassen müsstet. Einige Male klang das Thema Verlust in den Antworten durch, aber eine meiner Leserinnen schrieb nur den einen schlichten und doch so wahren Satz in die Kommentare: …

Liebe ist Trauer

Mir erscheint das eine so einfache wie wahre Aussage zu sein und für mich als trauererfahrener Mensch ist sie selbstverständlich. Ja, das ist etwas, das ich über die Liebe sehr genau weiß: Liebe ist Trauer.

Aber was bedeutet das? Ich habe schon oft über Trauer auf dem Blog geschrieben und in diesem Zusammenhang auch erwähnt, dass die Liebe nach einem Verlust, dem Tod des geliebten Menschen, nicht einfach aufhört. Sie erlischt nicht, nur weil der Mensch, auf den sie sich richtet, nicht mehr da ist. Tatsächlich existiert sie weiter und verursacht in dieser akuten Verlustsituation unglaubliche Schmerzen.

Trauer um einen geliebten Menschen nach dem ultimativen Verlust, dem Tod, den wir in dieser irdischen Existenz jedenfalls nicht überwinden können, ist für mich so etwas wie das im vollen Leben verborgene, aber immer präsente zweite Gesicht der Liebe. In der Trauer ist unsere Liebe wie die unerfüllbare Sehnsucht nach dieser Person – unstillbar, in dieser Welt ohne ein Echo, bleibt sie für immer ohne die Antwort, die wir uns wünschen.

Und doch… ist es Liebe.

Zwei Gesichter desselben Gefühls

In meinem Text “All inclusive” schreibe ich auch darüber, dass die Liebe bleibt, dass in meinem Herzen auch konkret die Liebe zu Menschen verankert bleibt, die ich gehen lassen musste. Das ist die Basis für mein Verständnis davon, was Trauer und Liebe verbindet. Sie gehören zusammen wie Leben und Tod, es kann das eine nicht ohne das andere geben.

Aber einen Unterschied gibt es, und der ist entscheidend: wir können nicht für immer leben und egal, wie tief die Spuren sind, die wir auf dieser Welt hinterlassen, wir müssen irgendwann alle sterben. Für die Liebe gilt das nicht. Selbst wenn wir nicht mehr leben, ist die Liebe, die wir während unserer Lebenszeit erfahren, gegeben und empfangen haben, unsterblich.

Das liest sich für alle, die gerade jemanden verloren haben, als würde ein Kind laut im Wald singen, damit es die eigene Angst nicht so spürt. Wie Selbstbeschwörung. Wie etwas, das man jemandem sagt, damit er einfach weiter durchhält. Und für alle, die noch niemals jemanden verloren haben, liest es sich möglicherweise wie esoterischer Unsinn.

Tatsächlich ist es, glaube ich, einigermaßen schwierig, das jemandem zu erklären, dem genau diese individuelle Erfahrung fehlt. Diese Erfahrung nämlich, jemanden zu verlieren, durch den Schmerz hindurch die Liebe weiter zu fühlen und das irgendwann genauso anzunehmen. Um jemanden zu trauern und dennoch zu spüren, dass dessen Liebe nach wie vor da ist und man davon auch weiterhin getragen wird. An jemandes Grab zu stehen und trotz aller Trauer und Sehnsucht irgendwann wieder zu wissen: diese Liebe ist noch da. Sie war niemals weg. Sie bleibt bei uns und prägt uns weiterhin, so wie sie uns zu Lebzeiten dieser Person geprägt hat.

Die Liebe ist stärker als der Tod

Wenn ich eine Sache nennen müsste, die ich in meinem Leben hinterlassen haben will, wenn ich eines Tages sterbe, etwas, das nach mir weiter existiert und weiter trägt, dann wäre meine Antwort: meine Liebe.

So, wie ich vor allem nach dem Tod meiner Mutter schrittchenweise in die Gewissheit kommen durfte, dass ich Zeit meines Lebens von (ihrer) Liebe getragen wurde und diese Liebe nicht mit ihrem Tod erloschen ist, möchte ich ebenfalls genau diese Art von Liebe und Wärme hinterlassen.

Ich weiß, dass die Liebe, die uns nährt, eine Kraft ist, die über Generationen zurückreicht und dass sie, einmal weitergegeben, auch weiter wächst und die nächste Generation tragen wird. Sie ist wie eine Sprache, die zum Beispiel in meiner Familie zwischen Eltern und Kindern, unter Geschwistern, zwischen Tanten/Onkel und Geschwisterkindern oder Großeltern und Enkelkindern sowie darüber hinaus miteinander gesprochen wird. Sie besteht aus vielen kleinen Gesten und Gesprächen und aus Geschichten, die wir einander erzählen, sie besteht aus Wertschätzung füreinander, die innerhalb der Generationen und generationsübergreifend besteht und kultiviert wird. Sie besteht aus gemeinsam überstandenen Krisen und Ängsten ebenso wie aus gemeinsam gefeierten Festen und ganz viel Alltag, in dem wir Seite an Seite gewachsen sind.

Sie lässt uns einander immer wieder die Hände reichen und in die Augen sehen, sie lässt uns großzügig und liebevoll miteinander sein, sie lehrt uns Vergebung und Weitsicht, sie trägt uns durch Krisen und lässt uns Hoffnung schöpfen.

Wenn ich eines Tages nicht mehr da sein werde, wird all das noch da sein, und ich wünsche mir, dass ich mit meiner Art, zu lieben in dieser Familie diese Art Liebeskultur weitergetragen haben werde. Ich wünsche mir, dass meine Kinder, wenn sie an mich denken, neben ihrer Trauer um mich, neben dem großen Vermissen und der Sehnsucht, wissen werden, dass meine Liebe für sie und für diese Familie, für all unsere Freund*innen und unsere engen Vertrauten, unsterblich ist. Ich hoffe, dass sie dann meine Wärme noch spüren können, dass sie wissen, dass ich immer um sie bin, weil meine Liebe niemals erlöschen kann. Und ich wünsche mir, dass sie bis dahin begriffen und verinnerlicht haben, dass zu lieben der einzige Weg ist, dieses Leben sinnvoll zu verbringen und es auch zu meistern, mit all seinen Anfechtungen und Herausforderungen.

Liebe als Lebenshaltung

Ich möchte aber nicht nur, dass meine Liebsten auch über meinen Tod hinaus meine Liebe spüren und sich geliebt wissen, so wie ich das nach dem Tod meiner Mutter erfahren durfte. Ich möchte Liebe säen, so lange ich lebe und wünsche mir, dass sie sich weitergibt.

Denn eigentlich ist das genau das, was Liebe kann und was sie auch tut. Wir sprechen oft von “random acts of kindness” zum Beispiel. Dass wir, wenn wir jemandem ein Lächeln schenken, ein freundliches Wort, wenn wir ihm die Hand reichen, weil er gerade eine braucht, wenn wir jemandem ein Kompliment machen oder ihm die Tür aufhalten, wenn wir all diese kleinen Dinge tun – dass sich das dann weitergibt und die Person, die unsere Freundlichkeit empfangen hat, diese wiederum weitergeben wird.

Auch das ist letztlich nichts weiter als ein Ausdruck von Liebe. Ich möchte, dass jemand anders sich gesehen fühlt, dass eine andere Person, die ich nicht mal kennen muss, sich besser fühlt durch eine kurze Begegnung. Auch deshalb bemühe ich mich in meinen Alltagsbegegnungen mit anderen Menschen um Freundlichkeit, Aufmerksamkeit, Respekt, Liebenswürdigkeit. Nicht, dass mir das immer gelingen würde. Dennoch ist das mein Bestreben oder so eine Art Ideal.

Meine Kinder lernen, seit sie sich mit ihrem Vater und mir durch diese Welt bewegen, dass das die Haltung ist, mit der wir anderen Menschen begegnen, unabhängig von der Situation oder den Umständen. Wir versuchen, ihnen vorzuleben, dass wir uns grundsätzlich immer um einen respektvollen Umgang mit anderen bemühen. Dass wir versuchen, zu sehen, wie es jemand anderem gerade geht oder was er vielleicht braucht. Ein Lächeln? Jemanden, der ihm/ihr den Vortritt lässt? Ein freundliches “bitte” oder “danke”? Vielleicht sogar ein kurzes Gespräch und etwas von unserer Zeit? All diese kleinen Dinge sind ebenfalls auf eine Art ein Ausdruck von Liebe. Freundlichkeit und Respekt sind ein Ausdruck von Liebe.

Und wie bei allem, was von Liebe getragen wird, wärmt sie nicht nur den, der sie empfängt, sondern strahlt immer auch auf uns zurück. Denn es macht uns glücklich, wenn wir jemanden erfreuen können, selbst wenn es nur für einen Moment ist.

Einer meiner Hashtags zu meinen Geschichten über die Liebe und auch schon davor lautet #meineliebewirdmichüberdauern. Das fasst eigentlich alles zusammen, was ich über die Liebe weiß oder zu wissen glaube. Dass sie weiter existiert, auch wenn wir nicht mehr da sein werden. Dass sie tragfähig ist, über Generationen hinweg, selbst wenn wir selbst sie nicht mehr aktiv mit Leben füllen können. Dass sie Freude bringen wird, selbst wenn sie immer auch die Möglichkeit für Schmerz und Trauer in sich trägt.

Ringelnatz schrieb in seinem Gedicht “An M.”:

Meine Liebe wird mich überdauern
Und in fremden Kleidern dir begegnen
Und dich segnen.

Und genau so ist es. Liebe ist ein Segen. Sie überdauert uns und ihre Kraft bleibt ungebrochen.

Passt auf euch auf.

 

 

5 Kommentare

  1. Gänsehaut…. So schön geschrieben und so wahr.
    Danke dafür
    Viele Grüße
    Marion

  2. Beim Lesen hat dein Text einen Mantel aus Musik um mich gelegt, Anna. Kennst du “Dann soll da Liebe sein” von Lotte? Das begleitet gerade meine Gedanken beim Folgen deiner.

schreibe einen Kommentar