Es gibt seit Jahren diese Erzählung von den achtzehn Sommern, die wir angeblich nur mit unseren Kindern haben. Achtzehn Sommer, in denen wir als Eltern, als Familien, Erinnerungen schaffen müssen, damit wir den Rest unseres Lebens davon zehren können, wenn unsere Sommer ohne unsere Kinder stattfinden. Oder ihre Sommer ohne uns.

Mal abgesehen davon, dass ich das als extrem verkürzt empfinde, denke ich darüber nach, was das eigentlich aussagt und inwiefern ich das auf mein Leben beziehen könnte, sowohl als Tochter, als auch als Mutter. Haben wir wirklich achtzehn Sommer? Was passiert dann? Wenn unsere Kinder achtzehn werden, ist alle gemeinsame Zeit dahin? Sie sind volljährig und verschwinden einfach in ihre eigenen Leben, alle gemeinsame Zeit liegt in der Vergangenheit? Was für eine Sicht auf das Leben mit Kindern oder Familienleben ganz allgemein ist das?

Ein bisschen schließt diese Sichtweise an meinen letzten Text an, wo ich mich gegen Begriffe wie “Pubertier” ausspreche und die Pubertät als Entwicklungsphase unserer Kinder beschreibe, die zwar alle Beteiligten fordert, aber nicht zu Fremden macht. Dasselbe gilt hier auch: die Kinder sind nicht magischerweise erwachsen, sobald sie die Kerzen auf dem Kuchen an ihrem 18. Geburtstag ausgepustet haben.

Die achtzehn Sommer, die uns zugesprochen werden als gemeinsame Zeit, sind für mich ein ziemlich willkürlich festgelegter Zeitraum, einzig verankert am gesetzlich festgeschriebenen Moment, an dem die Kinder juristisch erwachsen sind. Der Gesetzgeber sagt, sie dürfen jetzt wählen, autofahren, Alkohol trinken, rauchen, heiraten, Sex haben, Blut spenden, sich ein Tattoo stechen lassen… Bedeutet das automatisch, dass sie ab diesem magischen Datum, dem achtzehnten Geburtstag, keine freie Zeit mehr mit der Familie verbringen werden? Oder wollen?

Was mit Sicherheit zutrifft: Familienzeit verändert sich. Wie viel Zeit wir miteinander verbringen, wer alles an dieser gemeinsam verbrachten Zeit beteiligt ist und auch, was in dieser Zeit erlebt, geteilt, getan wird. Als wir Eltern die absoluten “Bestimmer” über die Familienzeit und die damit verbundenen Aktivitäten waren, als wir die Regeln festgelegt haben und die Kinder sich eingefügt haben, weil sie wirklich Kinder waren, waren die Sommer anders strukturiert. Alle großen und kleinen Entscheidungen haben wir getroffen, die wenigsten davon wurden grundsätzlich durch die Kinder in Frage gestellt. Meistens wollten alle dasselbe. Das ändert sich mit der fortschreitenden Pubertät und der Entwicklung der Kinder zu Teenies und jungen Erwachsenen.

Sie haben weniger Lust oder Bereitschaft, einfach unseren Entscheidungen zu folgen. Sie haben zunehmend eigene Vorstellungen, denen sie nachgehen möchten, häufig liegen die nicht (mehr) passgenau mit denen übereinander, die wir so haben. Familienfrühstück am Wochenende zur festgelegten Uhrzeit? Lieber ausschlafen und später zusammen einen Kaffee trinken. Die ehemals liebste Radtour durch den Wald zum wilden Strand? Lieber auf der Luftmatratze im Pool abhängen oder Arschbombe mit Freunden am See. Unterm Baum sitzen, aufs Wasser schauen und gemütlich was trinken? Lieber übern Flohmarkt streifen und tolle Pieces finden.

Die Veränderungen beginnen viel früher, als erst am achtzehnten Geburtstag, und es liegt an uns Eltern und an unserem Umgang damit, ob sie dazu führen, dass wir nur achtzehn Sommer mit unseren Kindern haben oder ob wir neue Gemeinsamkeiten finden, die uns weiterhin verbinden. Eine Leserin fragte mich mal, ob das bei uns üblich sei, dass unsere Kinder immer noch gerne mit uns wegfahren würden. Die Antwort ist  – ja. Wir schreiben ihnen das nicht vor, wir fragen, ob sie Lust haben. Und auch wenn ich immer wieder feststelle, wie anders unsere gemeinsamen Reisen sind im Vergleich zu früher, sind sie deshalb nicht schlechter oder machen weniger Spaß.

Im Moment sind wir mit den Mädchen in Lissabon. Der Sohn hat sich schon früher ausgeklinkt und ist inzwischen auf Interrailtour mit einem Freund, und während wir hier zu viert sind, fällt mir wieder auf, wie anders wir diese Stadt durchstreifen im Vergleich zu früher. Wir haben im Vorfeld besprochen, wer was sehen oder unternehmen möchte, haben Museumstickets besorgt und Pfade durch die Stadt festgelegt, an denen Vintagestores und nette Cafés liegen, Orte angepeilt und miteinander verbunden, die möglichst viele der Wünsche abdecken, hier eine Aussicht, da eine Galerie, dort ein besonderer Fotospot, da eine Pasteleria mit guten Natas. Es erfordert viel mehr Absprachen und Koordination als früher, es funktioniert auch längst nicht immer alles reibungslos und wir müssen viel vor und zurück miteinander klären. Aber es ist unsere gemeinsame Zeit hier.

Die Zeit zu fünft diesen Sommer war kürzer, aber nicht weniger wichtig oder intensiv. Natürlich sind die Kids nicht mehr 24/7 mit uns zusammen, egal, zu welcher Jahreszeit, aber wir gestalten noch immer freie gemeinsame Zeit als Familie. Und ich kann für mich sagen – ich genieße das, was jetzt ist, so gut ich kann, ich versuche, mit meinen Kindern präsent zu sein und auszukosten, was wir jetzt und hier miteinander haben, statt die Sommer künstlich rückwärts zu zählen, als würde ein unsichtbarer Countdown unsere gemeinsame Zeit jetzt schon begrenzen. Warum sollte ich mich damit befassen, was wir alles verlieren werden, wenn die Kinder alle mal ausgezogen sind, eigene Beziehungen, Jobs, Rhythmen im Alltag haben und die gemeinsamen Sommer, wie sie früher waren oder auch jetzt sind, unwiderruflich der Vergangenheit angehören? Weshalb soll ich jetzt schon ständig zurückschauen und gleichzeitig dem vorgreifen, was irgendwann vorbei sein wird?

Wir haben mehr als achtzehn Sommer. Aber vielleicht haben wir auch weniger. Wir werden früher oder später zurückbleiben als Eltern, aber wenn wir Glück haben, wenn wir Dinge richtig gemacht haben mit unseren Kindern, haben wir bis dahin so viel gemeinsamen Grund geschaffen, dass der uns weiter trägt. Uns und unsere Kinder, die dann auch immer wieder zu diesem Grund zurückkehren werden, ganz freiwillig und lange über diese achtzehn Sommer hinaus. Wenn wir Glück haben.

Denn Zeit ist unser kostbarstes Gut. Wir wissen niemals, wieviel davon wir haben.

 

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