Als meine große Tochter in die Pubertät kam, war er schon überall, der Content, der das Leben mit Teenagern als die Hölle auf Erden beschrieb, in dem Teenies abfällig als “Pubertiere” bezeichnet und ihre Zimmer und Rückzugsorte dunkle Horte von Chaos und Schimmel genannt wurden. Ich habe das damals schon nicht verstanden, aber es ist seitdem nur noch mehr geworden. Mehr Profile, die diese Sichtweise bedienen, damit Klicks generieren, ihre Teenagerkinder beschämen, indem sie das Leben mit ihnen augenrollend als furchtbar, unerträglich, nervig usw. framen. “Wie überlebt man die Teenagerzeit?” “Wie umgehen mit dem hauseigenen Pubertier?” “Zehn Tipps, wie ihr das Pubertier aus seiner Höhle lockt” undsoweiter.
Neulich sah ich diverse Videos auf Social Media, wo mithilfe von KI aus den WhatsApp-Nachrichten der Teenagerkinder Songs generiert werden. Inhaltlich war das, was ich gesehen habe, harmlos. Es ging um Austausch übers Abholen, Einkaufen, gemeinsames Essen, Verabredungen, Verhandlungen über die “Sperrstunde”, solche Sachen. Aber ich bin dennoch ein bisschen dran hängen geblieben. Denn es wurde sich auch darüber lustig gemacht, dass die jeweiligen Teenies auf eine bestimmte Art kommunizierten, verkürzt, in ihrer eigenen Sprache, in “Pubertier” sozusagen.
Ich musste daran denken, wie wir in der Elternbloggerbubble darüber geschrieben haben, wie Geborgenheit und respektvolle Begleitung unserer kleinen Kinder gehen kann, wie wir die Entwicklungsphasen unserer Babys und Kleinkinder verstehen lernen können und dann besser damit umgehen könnten. Wir haben über Gehirnenwicklung geschrieben, Remo Largo zitiert und Renz-Polster, haben das Ferbern gefühlt überwunden und stattdessen unsere Kleinkinder in den Schlaf begleitet. Susanne Mierau und Nora Imlau wurden zu Ikonen der bedürfnisorientierten Erziehung unser aller kleinen Kinder und Babys und alle Welt wetteiferte darum, die eigenen Kinder und ihre Entwicklungsschritte zu würdigen und anständig zu begleiten.
Was genau ist passiert, als eben diese Kinder in die Pubertät kamen? Ich weiß, es betrifft nicht alle, aber doch viele: die Pubertät wird wie der Startschuss zu einer Gestaltwandlung unserer Kinder dargestellt. Eben noch unser vertrautes Kind, das wir verstehen und kennen, jetzt über Nacht das hormongesteuerte “Pubertier”, unberechenbar in seinen Launen, schwierig, abwesend, patzig, nervig. Schläft zu viel und zu Unzeiten, ist unordentlich und chaotisch, testet wie verrückt die Grenzen aus, ist unzugänglich für vernünftige Argumente, hat keinen Bock mehr auf Schule und will lieber Zeit mit Freund*innen verbringen, als mit der Familie. Ein Alptraum! – so wird es häufig dargestellt. Nicht nur in Social Media, ich höre das auch oft im weiteren Umfeld.
Was ich nicht verstehe und noch nie verstanden habe: die Pubertät ist eine Phase des Umbaus im Gehirn unserer Kinder. Genau wie in der frühen Entwicklungsphase passiert jetzt alles auf einmal, der Hormonhaushalt stellt sich um, es passiert körperlich und emotional unglaublich viel zur selben Zeit – aber es ist immer noch unser Kind. Derselbe Mensch wie zuvor. Es werden neue Features freigeschaltet, das ist anstrengend. So wie früher, wenn unsere Babys bei bestimmten Entwicklungsschüben plötzlich mehr stillen wollten, der Schlafrhythmus sich geändert hat, sie wieder mehr getragen werden wollten. Oder wenn unsere Kitakinder auf einmal neue Ängste entwickelt haben. Oder unsere Vorschulkinder unleidlich waren, weil die Kita einfach nicht mehr das Richtige war. Wir kennen das doch.
Es ist jetzt nichts anderes. Warum fällt es uns so leicht, unsere kleinen Kinder gut und verständnisvoll durch ihre Entwicklungsphasen zu begleiten, aber bei unseren Teenies checken wir aus? Ich habe bei allen meinen Kindern (und bei allen im engen Umfeld ebenso) selten eine Phase (mit)erlebt, in denen sie so viel von mir gebraucht haben, wie in der Pubertät. War die Phase vorher verhältnismäßig lang und ruhig, passiert gefühlt über Nacht unheimlich viel auf einmal und sie werden sozusagen einmal auf Links gedreht. Und da bleiben sie erstmal eine Weile.
Ich erinnere mich an die Verstimmungen, an Abgrenzung, die Vorliebe zum Rückzug, an viel Streit und Geheule, an große Gefühle und großen Schmerz, an Grenzüberschreitungen im Großen und im Kleinen, Hobbys wurden aufgegeben zugunsten von gefühlt nichts, nachts wurde kaum geschlafen und morgens schwer aufgestanden, am Wochenende wurde extrem viel Zeit im Bett verbracht. In der Familie wurde oft gestritten, aber wenn die Freund*innen da waren, ging die Sonne auf. Und es hat uns gefordert.
Wir haben bei jedem der Kinder auf eine andere Art und Weise lernen müssen, dass sie uns brauchen, um ihren Rahmen zu halten. Dass wir nichts persönlich nehmen dürfen. Dass wir so großzügig sein müssen, wie wir können, während wir gleichzeitig klare Grenzen formulieren mussten. Unsere eigenen, aber auch ganz grundsätzliche. Wir haben immer wieder an verschlossene Türen geklopft, wir haben in unseren Ohren scheußliche Musik mitgehört und unsere Familiengewohnheiten immer mal wieder angepasst an die neuen Bedürfnisse. Wir haben Diskussionen über alles und nichts geführt, neue Menschen in die Herzen unserer Kinder einziehen und wieder daraus verschwinden sehen (und damit auch in unsere Leben kommen und gehen sehen). Wir haben eingecheckt, uns zurückgezogen, wieder nachgefragt, die Leitung offen gehalten, waren viele Nächte wach und haben viele Dinge miterlebt – quasi an der Seitenlinie des neuen Spiels.
Zu keinem Zeitpunkt hat sich das angefühlt, als würden wir in der Hölle leben, mit uns fremden Menschen, die nichts mehr mit den Kindern zu tun haben, die wir vorher kannten. War/ist es anstrengend? Und wie! Nervt es manchmal? Auf jeden Fall. Und bringt es uns manchmal an unsere Grenzen? Ganz bestimmt. Aber das haben die durchgestillten Nächte auch getan und all die Kinderkrankheiten und Eingewöhnungsphasen und Entwicklungsschübe der ersten Jahre.
Sie sind keine “Pubertiere”. Sie sind immer noch unsere Kinder. Sie schälen sich aus ihrer alten Haut und werden (mal wieder) eine neue Version ihrer selbst, sie verlassen den sicheren Kokon ihrer Kindheit, um sich auf den Weg durch den anstrengenden Prozess des Erwachsenwerdens zu machen. Das dauert. Aber genau darauf haben wir doch eigentlich hingearbeitet, ihre ganze Kindheit hindurch: dass sie jetzt auch durch diese Phase gut hindurch gehen können, um zu werden, wer sie sein sollen. Die Person, die in ihnen schon von Anfang an angelegt ist.
Keine Fremden, keine seltsamen Wesen, keine Aliens in unserer Mitte. Einfach nur unsere Kinder, die unser Verständnis und unsere Begleitung brauchen. Wie immer.




