Heute morgen schrieb mir eine Followerin auf Instagram einen kurzen Kommentar zu einem Foto in meiner Story von gestern. Zu sehen sind meine beiden Töchter, 23 und 17 Jahre alt, sie sitzen nebeneinander auf einer Bank und reden miteinander, lachen, einander zugewandt – beide rauchen. Die Followerin schrieb, das sei ja großzügig von mir, dass ich meine minderjährige Tochter rauchen lassen würde und erlauben würde, dass sie so einen tiefen Ausschnitt trägt. Für sie sei das schwierig, wenn sie da an ihre eigenen Kinder dächte. Wie ich da für mich selbst einen Umgang gefunden hätte…?
Ich hatte tatsächlich beim Posten kurz überlegt, ob ich das veröffentlichen will, weil man sieht dass beide rauchen, auch die jüngere. Während ich aber meiner Followerin antwortete, wurde mir nochmal klar, was für mich der Unterschied ist zwischen einem Verbot und einer klaren Haltung zu Dingen.
Es hat ganz viel damit zu tun, worum es uns als Eltern, mir als Mutter im Umgang mit unseren (fast) erwachsenen Kindern geht. Finde ich es gut, dass sie rauchen? Natürlich nicht. Und es ist mir auch nicht gleichgültig. Aber ich denke zurück an meine Teenagerzeit und den durchaus rigiden Umgang mit Dingen, an Verbote, Regeln, Sanktionen, Bewertungen meines Verhaltens. Während meine Mutter mehr auf Vertrauen und Absprachen setzte (obwohl sie auch ihre blinden Flecken hatte was das anging), war mein Vater eher streng, kontrollierend und autoritär. Das lief einander zuwider und kam als sehr ambivalente Botschaft bei mir an. Tatsächlich war es aber unterm Strich so, dass die Verbote, rigiden Regeln und Kontrollen meines Vaters bei mir vor allem eins hervorriefen: Trotz. Und daraus folgte in vielen Situationen, dass ich erst recht genau das gemacht habe, was mir zuvor verboten oder als besonders riskant, verachtenswert, dumm etc. ausgemalt worden war, nur eben heimlich und hinter dem Rücken meiner Eltern. Oft flog das natürlich dann auf und es gab erst recht Ärger, was zu neuem Trotz bei mir führte undsoweiter. You get the picture. Ich habe also natürlich geraucht und getrunken und mich an Orten aufgehalten, wo ich nicht hätte sein sollen/dürfen, mit Leuten, mit denen der Umgang mir als unpassend eigentlich untersagt war und all diese Dinge. Ich glaube nicht, dass ich ein besonders rebellischer Teenager war, wahrscheinlich sogar das Gegenteil. Ich war auch eine älteste Tochter mit viel Verantwortungsbewusstsein, vor allem für meine jüngeren Geschwister und vor allem nach der Trennung meiner Eltern als ich fünfzehn war. Aber ich konnte über bestimmte Dinge nie offen mit meinen Eltern sprechen und nur bedingt mit ihnen Grenzen neu verhandeln. Es gab Heimlichkeiten und Lügen und unerbittliches Schweigen meinerseits über Dinge, bei denen ich vielleicht ein bisschen Erwachsenen-Rat hätte brauchen können, statt jemanden, der mir nur immer wieder sagte, dass er es ja gleich gewusst hätte und mich gewarnt und mir gesagt, ich solle dieses nicht und jenes nicht. Also schwieg ich, machte Dinge mit mir selber aus und tat andere Dinge verbotenerweise und heimlich.
Ich will damit nicht sagen, dass diese Art von “Erziehung” immer in diese Art Verhalten mündet (obwohl – vielleicht ist das tatsächlich so), aber für mich war es immer von zentraler Bedeutung, dass meine Kinder keine Angst vor bestimmten Tabuthemen haben müssen. Dass sie immer wissen, es gibt nichts, was sie tun könnten, was uns als Eltern davon abhalten würde, sie zu lieben, zu unterstützen, an ihrer Seite zu sein. Dass wir nichts, was sie tun, was von unseren eigenen Entscheidungen abweicht (wir sind Nichtraucher*inne, wir sind Anti-Drogen usw.), dazu führen könnte, dass wir sie verurteilen oder uns abwenden. Es geht um Bedingungslosigkeit. Sie müssen sich nicht auf eine bestimmte Art und Weise verhalten, damit wir sie lieben. Sie dürfen Fehler machen, sich irren, andere Entscheidungen über ihre Leben treffen, als wir es für uns getan haben oder auch als wir sie für sie treffen würden, wenn es an uns wäre, zu entscheiden. Was es nicht ist.
Deshalb gibt es bei uns zwar immer klare Haltungen, aber keine absoluten Ver-/Gebote. Zum Beispiel: Rauchen? Finden wir doof. Das wissen die Kinder, das haben wir klar gemacht. Aber wir finden deshalb nicht unsere Kinder doof, wenn sie es trotzdem tun und sie müssen es nicht vor uns verstecken und hinter unserem Rücken machen, wenn wir es ohnehin wissen. Wir verurteilen sie nicht deshalb, wir machen nicht ständig passiv-aggressive Kommentare darüber. Fußnote: natürlich sind die Kinder nicht mehr 10 und 12, sondern 17, 19 und 23, das spielt bei diesem speziellen Thema natürlich eine Rolle. Das ist allerdings nur ein Beispiel dafür wie wir den Unterschied definieren würden: Haltung vs. Verbot.
Um auf das Foto in meiner Story zurückzukommen – meine Followerin fragte sowohl nach den Zigaretten, als auch nach dem “tiefen Ausschnitt” der Jüngsten. Hier geht es einerseits um dasselbe Prinzip: hätte ich dazu eine dezidierte Haltung, würde ich diese ausdrücken, ihr aber dennoch nicht vorschreiben, wie sie sich zu kleiden hat. Habe ich in diesem Fall aber nicht, denn wie sie sich kleidet, ist ganz allein ihre Entscheidung. Andererseits geht es hier auch darum, dass sie ein Mädchen ist, eine junge Frau, deren äußeres Erscheinungsbild permanent von außen bewertet, kategorisiert und teilweise eben auch kommentiert wird. Ich als ihre Mama werde den Teufel tun, dabei mitzumachen und ihr noch einzureden, was andere denken oder sagen könnten, sei entscheidend dafür, womit sie sich wohlfühlen darf. Sie mag sich so – besser kann es doch gar nicht sein. Auch hier: keine strikten Ver- und Gebote, sofern nicht die Gefühle anderer Menschen verletzt werden. In Hotpants zu Onkel Heinzis Beerdigung? Vielleicht eher nicht. Ansonsten reden wir genau darüber: wie wir uns mit bestimmten Dingen fühlen und wo möglicherweise bestimmte individuelle Grenzen verlaufen, wie diese sich unterscheiden und wie wir darüber denken. In manchen Aspekten ist diese Idee von Haltung vs. Verbote leichter durchzuziehen, als in anderen, aber grundsätzlich ist das unser Prinzip.
Mit Sicherheit machen wir Fehler in der Art und Weise, wie wir unsere Kinder begleiten und begleitet haben, bis hierher und auch in Zukunft. Ich bin sicher, sie werden uns irgendwann sagen, was sie sich anders gewünscht hätten oder wo bestimmte Verhaltensweisen unsererseits problematisch waren. Aber sie werden mit uns darüber reden können. Sie werden nichts verheimlichen, ausschmücken, sugercoaten oder verschweigen müssen. Sie werden nicht daran zweifeln müssen, ob sie Thema X oder Y wirklich ansprechen können.
Ich persönlich hätte während meines Aufwachsens lieber weniger Bewertungen, Kontrollen und Gebote gehabt und stattdessen mehr offene Gespräche darüber, wie meine Eltern über bestimmte Dinge denken, was ihnen wirklich wichtig ist, wie es für sie war, jung zu sein und nicht so richtig zu wissen, wie und wohin es gehen soll. Ich hätte lieber ehrlich über meine Zweifel, Fragen, Ängste gesprochen, als Dinge für mich zu behalten aus Angst, dass ich (wieder) nicht die “richtigen” Entscheidungen getroffen oder eine Erwartung nicht erfüllt hätte.
Und bei all dem geht es nicht ums Rauchen. Es geht um die Gewissheit, dass wir richtig sind, auch wenn wir Fehler machen. Dass wir richtig sind, auch wenn wir manchmal dumme Entscheidungen treffen. Wer, wenn nicht wir als Eltern, sollten unseren Kindern genau diese Gewissheit geben?




