Tag sieben, an dem ich hier schreibe – ich kann’s kaum glauben. Es fühlt sich, ehrlich gesagt, ziemlich gut an. Ehrlicherweise schreibe ich hier natürlich nicht ohne jede Erwartung und ohne Vergleiche und objektive Maßstäbe, auch wenn ich mir das eigentlich so vorgenommen hatte, aber zurückzukehren an diesen Ort, hierher zu kommen jeden Tag, um etwas zu schreiben und sofort zu veröffentlichen, ohne gut platzierte Links und SEO und Absprachen zu beachten, ist genau das Richtige. Ich werde sehen, wohin es führt. Und ihr wohl auch.
Der Sohn ist abgereist. Vorgestern Abend schon hat der Mann ihn nach Faro gebracht, wo er mit Eurowings zurück nach Berlin geflogen ist, um eine Woche in Berlin mit wichtigen Menschen zu verbringen, bevor er dann mit einem guten Freund auf Interrail-Tour geht. Das war alles von vorne herein so geplant, und wir haben aus der gemeinsamen Zeit das Beste gemacht, was wir konnten.
Trotzdem ändert sich sofort die innerfamiliäre Dynamik, wenn einer fehlt, nachdem wir eine Woche lang so intensiv Zeit zu Fünft verbracht haben. Ich muss sagen, obwohl es nur drei Wochen Interrail sind plus eben die eine Berlin-Woche und damit nur ein Bruchteil der Zeit, die er in Südamerika auf Rucksacktour war, hat sich der Abschied seltsam angefühlt. Wenn wir aus Portugal zurückkommen, werden wir wieder auseinander”bröseln”. Die Große zieht zurück in ihre Wohnung, die sie für ihre Zeit in Amsterdam untervermietet hatte, für die Kleinste startet die Oberstufe und damit auch ein ganz neues Kapitel. Und der Sohn beginnt einen neuen Job am September.
Ich denke darüber nach, wie oft die Familiendynamik sich schon verändert hat in unserem Leben, zum Beispiel die Geschwisterbeziehungen. Wenn ich die beiden Großen anschaue und daran denke, wie innig sie gestartet sind nach der Geburt vom Sohn – wie die Große gejubelt hat “Es ist ein Brüderchen geworden! Danke, Mama, jetzt bin ich nie wieder allein!” und ihn komplett für sich vereinnahmt hat. Und er himmelte sie an, Tag und Nacht, keine war besser, lustiger, großartiger als diese große Schwester. Dann wurde die Kleinste geboren und alles änderte sich. Der Sohn litt, weil das neue Baby so viel Raum einnahm, auch bei der großen Schwester, dann folgte eine jahrelange Phase der absoluten innigkeit und Verbundenheit der beiden Kleinen. Wie Pech und Schwefel waren die zwei, die so viel Unsinn ausheckten und Tag und Nacht zusammenklebten. Oft wurde ich gefragt, ob sie Zwillinge wären, weil sie auch im Alter so dicht waren. Für viele Jahre war diese Geschwisterbeziehung die unmittelbarste und die zur großen Schwester bei beiden Kleinen weiter weg. Aber auch das verging. Die Konstellationen änderten sich wieder und wieder, auf einmal waren die Mädchen eng und der Sohn eher weiter weg und zwischendurch kommt auch die Ältesten-Konstellation durch und die Jüngste ist außen vor.
Jetzt sind sie groß. In diesem Urlaub ist mir wieder besonders aufgefallen, wie krass der Sprung seit letztem Jahr ist, was die persönliche Entwicklung der Drei angeht, sowohl bei jede*r/m Einzelnen, als auch in der Geschwisterkonstellation. Sie teilen neue Dinge, natürlich streiten sie wie immer auch über die immer selben Dinge, aber mit dem Großwerden werden alte Themen gleichzeitig kleiner.
Wenn ich ehrlich bin, das gehört zu den Dingen, die mich am Muttersein am meisten an meine Grenzen gebracht haben: die Streitereien der Kinder untereinander. Ja, auch immer große Liebe, aber auch immer wahnsinnig viele Auseinandersetzungen, verbales Gerangel, Aussetzer – wirklich schwer zu ertragen für mich. Der Mann war da gelassener. In meinen schlechtesten Momenten habe ich mich gefragt, ob und wann die Kinder jemals das Stadium erreichen, in dem sie coole Companions für einander sind, so wie meine Geschwister und ich es sind. Ich weiß, dass auch wir uns gestritten haben, aber in meiner Wahrnehmung und auch Erinnerung ist das so lange her, dass es kaum noch wahr erscheint. Es spielt keine Rolle mehr, schon jahrzehntelang nicht.
Jetzt, genau in dieser Woche hier, habe ich eine Art Preview auf diesen Zustand bei meinen eigenen Kindern gesehen und habe innerlich aufgehorcht. Das ist es, das ist die Verbundenheit ohne dieses Machtgerangel, die Liebe ohne Querelen um Kleinkram, die Großzügigkeit in der absoluten Kenntnis der jeweils anderen Person, mit all ihren Stärken und Schwächen. Ich habe das diese Woche gesehen und mich gefreut und leise zu hoffen gewagt, dass das ihre gemeinsame Zukunft als Geschwister ist.
Heute war ich mit den Mädchen schwimmen und wir haben nach ein paar Bahnen im Pool rumgeblödelt. Da sagt die Kleine zur Großen: “Willst du mich nicht mal tunken? Einer muss das machen, wenn unser Bruder nicht hier ist!” Sie haben sich dann gegenseitig getunkt und ihn vermisst. Und wir haben uns alle drei gefreut, dass wir ihn vermissen und bald wiedersehen. Geschwisterliebe auf die Eins.





5 Comments
Liebe Anna,
aus deinem heutigen Text nehme ich ganz viel mit. Meine Jungs sind 16 und fast 13 und wirklich (im Vergleich mit anderen aus dem Bekanntenkreis) ungewöhnlich eng. Sie teilen alles, morgens ist der erste Weg zum Bruder, jede Neuigkeit und Freude wird als erstes mit ihm geteilt und sie vermissen sich unendlich, wenn einer zum Beispiel auf Klassenfahrt ist. Trotzdem knallt es immer mal wieder und dann aber extrem. Laut, körperlich, aus meiner Mamasicht auch wirklich unreif und blöd und der ganze Wortschatz wird ausgepackt. Das stresst mich so dermaßen, dass ich dann auch oft laut werde und mich auf eine Art verhalte, wie ich eigentlich überhaupt nicht sein möchte. Und wenn meine Stimmung dann auf dem Tiefpunkt ist – zack – ist bei den beiden plötzlich alles wieder gut, aber bei mir wirkt die schlechte Stimmung nach.
Mit meinem Bruder waren die Ausschläge in beide Richtungen weniger extrem, so dass ich das aus meiner Kindheit so nicht kannte. Deine Gedanken haben mir sehr gut getan – erstens die Erleichterung, dass es auch bei anderen vorkommt und zweitens, dass es Hoffnung gibt…
Liebe Grüße
Liebe Peggy, du glaubst nicht, wie sehr ich das alles nachfühlen kann. Dieses emotionale und auch wütende Hochfahren meinerseits, wenn die Kids sich fetzen, und dann meine eigene Unfähigkeit, mich selbst wieder runter zu regulieren, während zwischen den Kindern schon wieder alles in Butter ist. Ich sehe wirklich jetzt erst allmählich nachhaltiger den Silberstreif am Horizont. Viele Jahre war es hier genauso, dieses extreme Spannungsfeld zwischen Innigkeit und absolutem “Krieg”, wo teilweise Dinge geäußert wurden, die mich emotional über meine persönlichen Grenzen gepusht haben. Ich glaube aber ganz sicher – das beruhigt sich alles. Die Verbundenheit ist die Basis für alles andere. Die Kinder machen das schon. Liebe Grüße!
Hallo liebe Anna,
ich bin durch Zufall nach langer Zeit wieder auf deinen Blog gestoßen und sitze hier heulend beim Lesen deiner Texte. Bitte wenn möglich schreibe weiter. Deine Texte sind wunderbar und helfen immer wieder das positive zu sehen.
vielen lieben Dank
Liebe Anna, hier eine der “alteingesessenen” Blog-Leserinnen und -Kolleginnen… :) Schön, dass manche Blogs, so wie deiner, nach jahrelangem Ruhen wieder mit Leben gefüllt werden. Gerne lese ich wieder mit. Zwar sind meine Kinder noch etwas jünger (ich stuggle gerade arg mit der Pubertät meiner grossen beiden), aber so eine “Preview” ist auch schön und gerade die Gedanken der letzten Posts mit der Vergänglichkeit und wie man plötzlich allein ist – das beschäftigt mich alles jetzt schon. Nun habe ich noch eine ganz “praktische” Frage an dich erfahrenere Kollegin. In den letzten Jahren ist ja das Thema Kinderfotos etc. erst so richtig aufgekommen. Ich habe früher tatsächlich noch Bilder meiner Kinder geteilt und sie nun nach und nach gelöscht bzw. teile nur noch, was sie erlauben. Ich versuche auch immer eine Balance zu finden zwischen “was darf ich mir von der Seele schreiben” und “was gebe ich hier preis ohne dass meine Kinder, die ja auch mitlesen (könnten) bzw. auch auf SoMe sind, sich daran stören könnten” – gar nicht so leicht. Darf ich fragen, wie Du das mit Deinen Texten handhabst hier und z.B. auf Instagram?
Danke dir für deinen Kommentar und welcome back :-)
Zu deiner Frage: ich finde es auch sehr schwierig, da zu unterscheiden und auch der Entwicklung in SoMe Rechnung zu tragen. Ich habe früh angefangen, Fotos mit den Kindern abzusprechen, aber auch Inhalte, über die ich schreibe: ist es ihnen recht oder nicht, dass das hier zum Thema wird oder ihr Foto irgendwie vorkommt und in welcher Form. Den Gedanken, alte Bilder zu löschen, habe ich immer mal wieder, habe das aber bisher nicht umgesetzt. Ich denke da auch oft an die Haltung von Jette Zwick (ehemals mesupermom), die sagt, Kinder sollten im Netz sichtbar sein, weil sie Teil der Gesellschaft sind. Das halte ich für richtig. Es sollte eben immer die Frage sein, wie sie im Netz sichtbar sind. Mein Grundsatz war immer, sie nicht bloßzustellen, nicht in Bild oder Text. Und ich hoffe, das ist mir gelungen.