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ihr glücklichen augen, was je ihr gesehen… ::: brief übers vermissen

Vermissen, Brief, Umgang mit Tod und Trauer

Heute schreibe ich einen Brief an dich, die mich mein Leben lang begleitet hat und die ich seit drei Jahren vermissen muss. Der 05. August ist dein Todestag und ich denke zur Zeit noch häufiger an dich als sonst. Es ist ein Sommer voller wunderbarer Erlebnisse und Ereignisse, die noch auf uns warten, und alles könnte einfach nur schön sein – aber du fehlst. Du fehlst immer.

Ich war schon so oft hier. Seit Jahren ist der Darß ein Sehnsuchtsort und Lieblingsreiseziel und wie in den vergangenen Jahren, habe ich auch dieses Mal dieses freie, windig-wilde Darß-Gefühl, zu dem ich so gern zurückkehre.

Auf dem Fahrrad durch Wald und Wind zu fahren und laut zu singen. Zu sehen, wie meine Kinder sich auf die Rücken ihrer Pferde oder die Sättel ihrer Räder schwingen und sich mit den Spuren reinen Glücks im Gesicht dem jeweiligen Tag überlassen. Nichts füllt mein Herz mit größerer Freude, als diesen Ort mit meinen Liebsten zu teilen.

Ich weiß, ich bin dankbar. Ich bin es an jedem Abend und an jedem Morgen, und hier bin ich es erst recht. Und dennoch gehe ich die vertrauten Wege und vermisse dich. Ich denke daran, wie ich mit dir hier war und wie sehr du es hier mochtest. Ich erinnere mich an die Orte und Erlebnisse, die du besonders genossen hast und sehe dich, wie du abends am Meer entlang gehst, die Hände auf dem Rücken verschränkt, wie früher dein Vater, mein Opa. Wir gingen spazieren und redeten, die Füße im Wasser und die Hosenbeine hochgekrempelt. Ich vermisse dich und fühle mich undankbar, weil ich in dem Augenblick, in dem ich so schmerzlich an dich denke, nicht den Moment genieße, mit denen, die hier sind, hier bei mir. Und es sind mir die Liebsten.

Vermissen, Todestag, Umgang mit Verlust und Trauer

Du weißt das alles. Vielleicht klingt das seltsam, aber ich spüre dich um mich und ich weiß, dass du da bist und mich begleitest, wie auch immer du das tust. Letztes Jahr hier war es ähnlich. Am Abend vor der Geburt deiner kleinsten Enkelin, die du nie in deine Arme wirst schließen können, zündete ich eine Kerze an und ließ sie die ganze Nacht über auf meiner Fensterbank brennen. Der Abend kam allmählich und mit ihm mehr Wind, die Kerze am offenen Fenster flackerte ab und zu, aber sie brannte. Aus dem Fenster konnte ich in der Ferne das Licht über der Ostsee sehen, während der Himmel schon dunkel wurde – die Sonne war noch stundenlang präsent in dieser Nacht. Und am Himmel standen wenige Sterne, aber zwei leuchteten besonders hell. Ich wusste, du warst da und schrieb eine nächtliche Nachricht an die erwartungsvollen Eltern, die am Anfang einer langen Geburt standen: ich schrieb davon, dass du da seist und deine Enkelin begleiten würdest in dieser Nacht. Dass ich wüsste, du würdest über sie wachen, bis sie sicher in den Armen ihrer Eltern läge. Es kam mir kein bisschen merkwürdig vor, das zu schreiben, denn in diesem Augenblick wusste ich, dass es so war.

Ich spüre dich nicht immer so deutlich und manchmal, ich gebe es zu, ist das auch eine Erleichterung, denn es bedeutet, dass auch das Vermissen dann nicht so schmerzlich ist. Im Augenblick ist es das. Du bist hier und doch nicht hier und es kommt mir so vor, als seien nicht schon fast drei Jahre vergangen seit deinem Tod. Ich sehe mich noch in deinem Zimmer stehen und mit dir sprechen. Ich halte deine Hand und lese dir ein Gedicht vor, du schläfst ein, wir weinen, wir lachen. So waren deine letzten Wochen und Tage. Genauso deutlich sehe ich uns in deinem Garten sitzen, dem Garten, in dem ich groß geworden bin und mit dem ich nur schöne Erinnerungen verbinde. Wir sitzen auf der weißen Bank unter dem Pflaumenbaum und trinken Weißwein, über den wir uns nicht einig werden können und du sagst, du müsstest die Pflaumen ernten und Kuchen davon backen. Wir gehen durch den Garten und pflücken Kräuter für Salat oder gießen Hortensien, wir reden über alles und nichts – wir sind einfach da. Zuhause. Zusammen.

Vermissen, Brief, Umgang mit Tod und Trauer

Vermissen, Brief, Tod, Umgang mit Trauer und Verlust

Jetzt bin ich alleine hier. Ich bin natürlich nicht wirklich alleine, ich weiß das. Aber in diesen hellen Sommermomenten, die ich so gerne, so dringend mit dir teilen möchte, bin ich ohne dich und das fühlt sich dann so an: allein. Keine Hortensie kann ich dir beschreiben oder mit dir bewundern, keine Steine aufsammeln am Wasser. Und während ich bei so vielen meiner Schritte an dich denke und mich danach sehne, deine Stimme noch ein Mal zu hören, hüpfen meine Kinder vor mir her, springen über die Wellen und legen Muschelmuster in den Sand – und die Erinnerungen an dich in ihren kleinen Köpfen werden immer blasser. Der Bub sagt ab und zu, er möchte die Videos mit dir sehen, damit er nicht vergisst, wie du dich angehört hast und „wie lieb die Oma immer war, Mama, weißt du noch?“ Ja, das weiß ich noch. Aber das Goldkind… In ihrem Kopf formen sich unsere Geschichten zu einem Bild von dir, das zwar liebevoll und wahrscheinlich zutreffend, aber das nicht ihres ist. Sie ist jetzt länger ohne dich auf dieser Welt, als sie es mit dir war – die Begegnung und das Zusammensein mit dir liegt über ihr halbes Leben lang zurück. Da ist nicht mehr viel Bewusstes in ihren Erinnerungen und das schmerzt mich. Und das Herzensmädchen, deine erste Enkelin, mit der dich so etwas Besonderes und Inniges verband, versucht noch immer, die Wunde zu schließen, die dein Verlust bei ihr hinterlassen hat. Sie fängt gerade an, Oma-Rituale für das Zusammensein mit anderen Menschen, die nicht du sind, freizugeben. Nach drei Jahren. Aber sie lässt mich nicht an ihren Schmerz, sie lächelt darüber hinweg, teilt lustige Geschichten über dich und weint allein, wenn sie dich vermisst. So wie ich.

Ich weiß, ich bin glücklich. Ich hatte dich achtunddreißig Jahre lang und du hast mir alles gegeben, was du hattest an uneingeschränkter, bedingungsloser Liebe. Du bist die Mutter, die mein Muttersein so prägt – vielleicht bist du auch deshalb immer so präsent in jeder meiner Handlungen mit und für meine Kinder und sei sie noch so einfach. Ich weiß, ich bin glücklich, weil du da warst. Und ich bin fähig zu dem Glück und der Dankbarkeit für alles Schöne in meinem Leben, weil du mir den Boden gegeben hast, um darauf zu stehen. Du warst das nicht alleine, das weiß ich, aber du bist diejenige, die nun nicht mehr hier ist, um zu sehen, wie das alles weitergeht. Nicht nur mit mir und meiner Familie, nein, auch mit den Leben deiner anderen beiden Kinder, meiner geliebten Geschwister.

Ich fühle mich undankbar und kindisch, wenn ich das ausspreche, was ich empfinde: ich vermisse dich so furchtbar in jedem hellen Moment! Jede Welle, jede Brise, jede Rose am Gartenzaun wäre schöner, wenn ich sie dir zeigen oder dir davon erzählen könnte. Andererseits bin ich froh, dich zu vermissen, denn das bedeutet, dass ich dich spüre. Manchmal bist du wie ein warmer Mantel, der um meine Schultern liegt. Und manchmal eben wie ein leises, stetiges Ziehen in der Brust, das schmerzt. Gerade so viel um einen leisen Seufzer in mein Lächeln zu mischen, mit dem ich meine glücklich spielenden Kinder am Strand beobachte.

Vermissen, Umgang mit Tod und Verlust, Trauer

Vermissen, Umgang mit Tod und Trauer

Du fehlst mir, Mama. Immer. Und manchmal macht es eben die Gewissheit, dass dein Leben ebenfalls glücklich war, nicht leichter und das Vermissen nicht weniger. Deshalb schreibe ich einen Brief übers Vermissen an dich, auch wenn ich weiß, dass du ihn nicht lesen wirst – irgendwie erreicht er dich vielleicht doch.

Ihr glücklichen Augen,
Was je ihr gesehn,
Es sei, wie es wolle,
Es war doch so schön! (Türmerlied, J.W. Goethe)

 

20 Kommentare

  1. petra sagt

    ..oh, wie ergreifend!
    Mir sind die Tränen beim Lesen über die Wangen gelaufen.

    Mit meiner Mutter, die gottlob noch lebt, muss ich auch wieder mehr unternehmen!

    Danke für den tollen Beitrag heute.

    Alles Liebe aus der Goethe-Stadt Frankfurt am Main,

    Petra

  2. Ute sagt

    Genauso fühlt es sich an. Danke, dass du es in Worte fasst.
    Der Todestag meiner Mutter jährt sich im August zum 5. Mal. Zwölf Tage nach dem fünften Geburtstag meines zweiten Sohnes. Ich vermisse sie jeden Tag.

    Alles Liebe für dich und deine Familie.

  3. Anika sagt

    Wie wunderschön. Ich weine immer noch und bin wirklich dankbar, dass sie ihrer Gefühle mit uns teilen. Mein Vater starb vor nicht ganz zwei Wochen und die Trauer ist noch so überwältigend, dass es für mich noch gar nicht möglich ist es in Worte zu fassen. Selbst wenn, hätte ich nie so schöne finden können. Danke danke danke

  4. Anette M sagt

    Wie immer sehr schön und (mich) ansprechend geschrieben.

    Ich bin fast 52 und vermisse meine Mutter seit 30 Jahren. Das wird nie „gut“ und das ist auch gut so.
    Mir fällt dazu immer der gute alte Bertolt Brecht ein:
    „Der Regen kehrt nicht zurück nach oben.
    Wenn die Wunde nicht mehr schmerzt,
    schmerzt die Narbe.“

    Genießt eure Mütter und genießt eure Kinder!

  5. Sonja sagt

    So wunderschön und gleichzeitig so traurig… Ich musste weinen beim Lesen (und tue es immer noch). Meine Mutter lebt zwar noch, doch habe ich sie schon vor vielen Jahren verloren…
    Als ich ein Kind war, war unser Verhältnis ähnlich innig, doch konnten wir nicht immer zusammen sein. Und als ich älter wurde, da zeriss unser Band und es wird sich auch nicht mehr flicken lassen. Nun bin ich selber Mutter einer kleinen Tochter und ich wünsche mir nichts mehr, als dass sie eines Tages rückblickend das selbe über mich sagen wird und so fühlen wird wie Du es beschrieben hast. Ich hoffe, dass ich einen ganz langen Weg gemeinsam mit ihr zurücklegen kann. Ich bin sehr spät Mutter geworden und oft überkommt mich eine große Traurigkeit, weil ich befürchte, dass ich sie irgendwann viel zu früh verlassen muss. Aber es wäre tröstlich zu wissen, dass sie auf eine Kindheit wie die Deinige zurückblicken kann. Dass ich ihr eine wertvolle Weggefährtin, Freundin, Vertraute gewesen bin… eben ihre… Mutter.

  6. Anke sagt

    Vielen Dank für diesen schönen Post. Mein Papa ist vor drei Jahren verstorben und es gibt Tage da vermisse ich ihn so sehr, dass ich es kaum beschreiben kann.
    Meine Kinder vermissen ihren Opa..
    Liebe Grüße
    Anke

  7. Hallo Anna

    Wunderschöne, glückliche, wenn auch traurige Worte, die Du da für deine Mama findest.

    Ich glaube die Mutter-Kind-Beziehung ist etwas ganz besonderes, dass sieht man an Dir und Deiner Mama.

    Ich kann mir ein Leben ohne meine Mama gar nicht vorstellen. Es tut mir für Dich so leid, aber es ist schön, dass ihr eine so tolle und innige Beziehung gehabt habt.

    Liebe Grüße, Christian

  8. Hallo Anna,

    das hat mich tief berührt. Ich habe meine Mama leider viel zu früh vor 20 Jahren verloren – 20 Jahre in Kürze in diesem August. Auch ich habe das Gefühl, dass sie dabei ist und ihre Enkelkinder, die sie nie im Arm halten konnte, auf ihre Art begleitet.

  9. Hallo Anna!
    Was für ein schöner Post. Es ist nicht leicht, sich von geliebten Menschen zu verabschieden. Danke, daß Du Deine Gedankten dazu mit uns teilst.
    Beste Grüße,
    Cary

  10. Hallo Anna,
    wie wunderschön und herzzereissend geschrieben. Ich kann die Gefühle und Gedanken so nachempfinden!
    Vielen Dank fürs Teilen.
    Nic

  11. die_moni sagt

    Hey Anna,
    ich sitze hier und musste so wahnsinnig weinen beim Lesen. Meine Mom ist im letzten Jahr gestorben, als ich grade mit unserem ersten Kind schwanger war. Sie ist also niemals Oma geworden, was mir sehr zu schaffen macht.
    Ich vermisse sie unendlich! Ich würde sie so oft gern um Rat fragen oder mich einfach nur mit ihr austauschen, wie sie das mit uns Kindern früher gehandhabt hat etc. Stelle mir vor, wie sie mit ihrem Enkel spielen würde und welche Freude sie an ihm hätte. Am meisten schmerzt es mich, dass meine Kinder von ihrer Oma nur Erzählungen haben werden. Und dass sie nie wissen werden, welchen besonderen und tollen Menschen sie verpasst haben. Für sie ist das Leben von Anfang an so, für mich ist es erst so geworden. Ich weiß, was fehlt…
    Danke fürs Teilen Deiner Gedanken. Auch wenn es weh tut, ist es doch gut zu wissen, dass man nicht ganz so alleine ist.

  12. SuZa sagt

    Genau das meine ich. Genauso geht es mir jetzt… Du schreibst das aus meinem Herz, was mir gerade im Kopf für einen Brief an meine Ma fehlt… Ich danke dir. Bin sehr froh, dass ich dich „entdeckt“ habe!!!!

  13. Pingback: Ich wollte euch etwas zu lesen geben. Was dann geschah, holte mich aus dem Urlaub zurück! « Chaos² – Familienwahnsinn im Doppelpack

  14. Laura-Marie sagt

    Ich sitze hier mit Tränen in den Augen und nicke bei jedem Wort. Meine Mutter starb im Sommer 2013, und mal fühlt es sich an wie gestern, und mal wie vor einer Lebenszeit. Auch sie liebte Hortensien (ein immer wieder gern gesehenes Muttertagsgeschenk) und das Meer. Sie fehlt jeden Tag und ich finde den Gedanken, dass die Kinder, die ich hoffentlich irgendwann habe, sie nie richtig kennenlernen werden, ganz komisch, und den Gedanken, dass meine kleine Nichte und mein Neffe sie irgendwann vergessen könnten, unerträglich.

    Aber Liebe ist ein Geschenk, auch über den Tod hinaus, und vermissen gehört einfach dazu. Auch wenn es manchmal weh tut.

    Vielen Dank für Deine schönen Worte. Du sprichst mir aus der Seele.

  15. Sylvia sagt

    Liebe Anna,

    danke für diese wunderbaren Worte.

    Die Tränen laufen mir übers Gesicht.

    Deine Mama hat ihre Enkelin begleitet, ich habe bei der Geburt meiner Tochter gespürt, dass meine Oma da war. Sie stand mir sehr nahe. 

    Ich erzähle meiner Tochter von ihrer Großmutter, deren und deinen Namen sie trägt.

    alles Liebe und Gute für deine Familie und dich !

     

     

  16. Merle sagt

    Danke für diesen wunderschönen Brief. Meine Mutter ist schon 5 Jahre tot, aber es fühlt sich immer noch genauso an.

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