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anders ist nur anders, nicht schlechter ::: hate speech im kinderalltag

Hate speech, Kinder, Sprache, Erziehung, Diskriminierung

"Hate speech is, outside the law, speech that attacks a person or group on the basis of attributes such as gender, ethnic origin, religion, race, disability, or sexual orientation." (Quelle: Wikipedia)

Triggerwarnung: der Text zitiert Hate Speech zum Zwecke der Differenzierung zwischen Diskriminierungen und Beleidigungen.

Heute morgen habe ich einen großen Fehler gemacht. Ich hätte es besser wissen müssen, aber ich habe die Facebook-Kommentare unter einem verlinkten Huffington Post-Artikel gelesen. Nicht irgend ein Artikel, sondern eine Zusammenfassung der gestrigen Sendung von Günther Jauch, in der es unter anderem um das Flüchtlingsdrama im Mittelmeer ging, wo erneut über 700 Menschen auf der Flucht ertrunken sind. Ohne jetzt inhaltlich darauf eingehen zu wollen: die Kommentare sind Hate Speech in Reinkultur, und obwohl ich es hätte wissen können, hat es mich mal wieder fassungslos gemacht.

Das Ausmaß an Hass, Verachtung und Brutalität in den einzelnen Aussagen ist für mich schier unerträglich, und mir sind dabei mal wieder Dinge durch den Kopf gegangen, die ich mich auch im Bezug auf (meine) Kinder schon oft gefragt habe: mache ich mit ihnen alles richtig? Wie werden Menschen so? Was ist da schief gegangen, dass die Menschen ihren Hass anderen so völlig ungefiltert vor die Füße kotzen und dabei offensichtlich keinerlei Bewusstsein dafür haben, wie menschenverachtend sie sprechen? Was kann ich tun, um dafür zu sorgen, dass meine Kinder niemals Hate Speech anwenden sondern einen bewussten, achtsamen Umgang mit Sprache erlernen?

"Ja…" zum Fluchen, ein klares "Nein!" zum Hate Speech

Meine Kinder fluchen gerne. Und ich bin mir sehr sicher, das teilen sie mit den meisten ihrer Altersgenossen. Erstens gibt es eine große Faszination für diese kraftvollen Worte, die wie nichts sonst und mit voller Wucht ausdrücken, wie sauer/frustriert/wütend/enttäuscht man gerade ist. Und zweitens ist natürlich alles interessant, das potentiell verboten sein könnte oder auf das die lieben Eltern verlässlich anspringen. Nun bin ich selbst nicht gerade zimperlich, was Kraftausdrücke angeht: wenn mir was Schweres auf den Fuß fällt ist meine spontane Reaktion ziemlich sicher ein lautes "Schei…e!" oder etwas Ähnliches. Man könnte fast sagen, das hat in meiner Familie Tradition, denn ich erinnere mich sowlhl sehr gut an die sehr abwechslungsreiche und fantasievolle Flucherei meines Großvaters als auch an die meiner Eltern, insofern bin ich vorbelastet – und meine Kinder sind es auch. Durch mich.

Aber es gibt eine feine Linie, die wir nicht überschreiten und über die wir auch sprechen: es ist okay, seinem Ärger Luft zu machen, aber es ist nicht okay, andere mit Worten zu verletzen. Von Anfang an üben wir mit unseren Kindern, sich gegenseitig nicht mit Schimpfwörtern zu betiteln und die persönliche Ebene auch im Streit zu vermeiden. Sie dürfen also sagen: "Ich finde das schei..e, was du gemacht/gesagt hast!" aber sie dürfen nicht sagen: "Du bist Schei…e!" Den Unterschied verstehen sie sehr gut und wir sind sicher, wenn sie diese Regel nicht beachten, tun sie das mit voller Absicht und nicht aus Versehen. Das geschieht sehr selten und wird von uns (sofern wir dabei sind) sofort geahndet. Wir sprechen mit den Kindern über die Ausfälle und vertiefen das, was wir ihnen schon gesagt haben – dass wir niemals andere auf diese Weise herabsetzen, egal, was sie getan haben und egal, wie sehr wir uns über sie ärgern.

Das ist meiner Meinung nach der Anfang für echten Hate Speech: wenn ich den Unterschied nicht kenne und keine Hemmung habe, jemand anderen auf dieser persönlichen Ebene anzugreifen, ist der Weg zu Hate Speech nicht so weit.

Hate speech, Kinder, Sprache, Erziehung, Diskriminierung

"Das sind doch nur Kinder!" – Von der Demütigung zur Diskriminierung

Ich sehe leider in meinem Umfeld viel zu viele Eltern, Lehrer*innen in Schulen, Trainer*innen in Sportvereinen etc. die nicht genau hinhören, wenn die ihnen anvertrauten Kindern streiten und sich dabei mit Worten  angehen. "Das sind doch bloß Kinder", ist oft die meiner Meinung nach viel zu bequeme Haltung, wenn die Kinder anfangen, sich gegenseitig zu demütigen. Und wieder gibt es eine feine Grenze, die den Übergang markiert zwischen einer persönlichen Beleidigung wie "Du A…loch!" und Hate Speech, auf die ich persönlich sehr achte. Es macht einen gigantischen Unterschied ob ich jemanden einfach "nur" als A…loch beleidige oder ob ich zu solchen Wörtern wie "Du Spasti! und "Du Mongo!" greife, aber der Weg von A nach B ist nicht weit – von der Demütigung zur echten Diskriminierung, dem Hate Speech. Erst gestern kommt mein Sohn nach Hause und erzählt mir, dass ein Nachbarsjunge beide Wörter wiederholt gegenüber seinem Bruder verwendet hat und wollte wissen, was das heißt. Ich musste erst mal tief Luft holen, dann habe ich mich mit ihm hingesetzt und ihm erklärt, wofür die beiden Wörter stehen und wieso es absolut inakzeptabel ist, irgend jemanden so zu bezeichnen.

Wir sprachen über Diskriminierung und die Verletzungen, die dadurch entstehen. Wir redeten über andere ihm bekannte Wörter, die in diese Kategorie fallen und er wusste schon bei ziemlich vielen Bescheid über die Bedeutung. Leider kennt er auch "Schwuli" und das N-wort, zum Glück weiß er, was sie bedeuten und anrichten können. Nach unserem Gespräch hat er überhaupt nicht mehr verstanden, warum die Jungs sich gegenseitig so betitelt haben. "Warum hat er nicht einfach Kackawurst zu ihm gesagt?" Jo. Ist jetzt auch nicht gerade schön, aber zumindest muss man sich dann keine Sorge um andere Kackawürste machen, die betroffen sein könnten. Ihr wisst, was ich meine.

Ich habe schon oft solche Gespräche mit meinen Kindern geführt und werde es wohl noch oft tun, denn genau diese Unterschiede markieren den Übergang von der ansich schon nicht harmlose Beschimpfung zum echten Hate Speech. Wenn ich als Eltern, als Erzieher*in, als Lehrer*in etc. nicht eingreife, wenn solche Wörter fallen, dann verpasse ich die Möglichkeit, die Kinder in einem angemessen frühen Alter für diese Unterschiede zu sensiblisieren. Das bedeutet entweder, dass ich selbst keine Antennen dafür habe oder dass ich es nicht ernst nehme, wenn Kinder so reden. Beides ist fatal. Und in beiden Fällen lernt keiner der Beteiligungen etwas.

Kinder sind empathisch und neugierig – nutzen wir das zum Guten

Meine Kinder reden mit mir so ziemlich über alles. Sie kommen nach Hause und erzäheln mir Dinge, die sie erlebt haben, die schönen und die doofen. Und sie fragen mich: "Warum ist das so, Mama? Was bedeutet das? Warum macht der/die das?" Es gibt ein kleines Zeitfenster auf eine kleine Kindheit gesehen, in der ich als Mutter oder Vater nicht nur die Bezugsperson Nr. 1 bin sondern auch die Person, deren Wort etwas gilt. Aus Kindersicht sind wir im Besitz der Wahrheit. Wir sind die Autorität, die Referenz und die Alleswisser. Das versetzt uns in die verantwortungsvolle Position, auch bei der moralischen Erziehung unserer Kinder sehr bewusst und genau zu sein.

Kinder sind neugierig. Sie fragen nach allem. Und sie haben riesige Herzen: sie möchten nicht, dass andere wegen ihnen traurig sind oder Angst haben. Sie möchten, dass ihre Welt schön und in Ordnung ist, dazu gehört zunächst, dass es den Menschen gut geht, die zu dieser kleinen Welt gehören. Aber sie wachsen und ihr Welt wird größer. Die Zusammenhänge werden komplexer und mit ihnen auch die potentiellen Konflikte und Anforderungen. Aber ihre Herzen sind immer noch groß und vor allem offen für alle(s). Sie müssen nicht von uns lernen, andere Menschen NICHT zu hassen, wir dürfen sie nur nicht verlernen lassen, andere Menschen zu lieben, denn eigentlich ist das ihr Grundzustand.

Anders ist nur anders – nicht schlechter

Natürlich sehen Kinder Unterschiede zwischen den Menschen, der Knaller an Kindern ist aber: sie werten nicht – zumindest nicht, wenn wir Erwachsene es ihnen nicht vormachen.

Jemand sitzt im Rollstuhl? Das werden sie sicher interessant finden und danach fragen. Jemand hat eine andere Hautfarbe als sie selbst? Wahrscheinlich werden sie das nicht mal kommentieren, weil es für sie kein Kriterium ist, nach dem sie Menschen unterscheiden. Es ist erwiesen, dass bis zu einem Alter von ca. 5 Jahren Kinder einen Unterschied bei der Hautfarbe nicht mal bewusst wahrnehmen. Eine andere Sprache? Wird sie vielleicht anspornen, diese zu lernen, wenn sie die Person mögen, deren Sprache das ist. Eine Frau liebt eine Frau? Liebe ist Liebe, das wissen (meine) Kinder am allerbesten. Eine andere Religion? Du liebe Zeit, das ist so abstrakt, das interessiert sie wahrscheinlich überhaupt nicht. Kinderköpfe sind so offen und ihre Welt ist noch nicht klein und eng definiert, dass sie sehr viele Dinge einfach als gegeben hinnehmen und nicht hinterfragen. Meine große Tochter dachte beispielsweise viele Jahre lang, manche Frauen hätten eben nur eine Brust und hat erst spät begriffen, dass meine Mutter amputiert und das nicht der "Normalzustand" war. Und wenn mir morgen ein sechster Finger wachsen würde, würden die zwei Kleinen das wahrscheinlich lustig finden, sich aber nicht weiter darüber wundern.

Was ich damit sagen will ist folgendes: wir sind es, die Protagonist*innen der Erwachsenenwelt, die diese Unterschiede bezeichnen und damit die Kriterien in den Köpfen unserer Kinder anlegen. Wir bestimmen, was sie "normal" finden und was sie irgendwann unter "unnormal" ablegen. Es ist an uns, die großen Herzen und freien Köpfe unserer Kinder nicht mit (Ab-)Wertungen zu füllen und ihnen keine Vorurteile einzuimpfen, die sie die Welt in "normal und unnormal" einteilen lässt. Und es steht uns nicht zu, unseren Kindern unsere eigenen Ängste und Grenzen im Kopf einzupflanzen, die wir möglicherweise haben. 

Sprache schafft Wirklichkeit, in uns, in unseren Kindern und in der Gesellschaft, in der wir leben. Und wenn man den Blick in den Abgrund wagt wie ich heute morgen beim Lesen der Kommentare, dann wird besonders deutlich, dass Sprache tatsächlich ein mächtiges Instrument ist, das verletzten und auch vernichten kann. Deshalb ist es unsere Verantwortung, wie in allen anderen Erziehungsbereichen auch, genau hinzu hören, was unsere Kinder sagen und ihnen die Unterschiede zwischen einer Beleidigung und einer Diskriminierung zu erklären. Den Unterschied zwischen einem persönlichen Angriff und Hate Speech. Und wenn wir schon mal dabei sind: auch den Unterschied zwischen einer eigenen Meinung und einem Vorurteil.

Ich bin jedenfalls froh, dass meine drei Kinder wissen, dass sie ihr eigenes Ich-Sein nicht bedroht wird durch jemanden, der sich von ihnen unterscheidet, sei es durch Hautfarbe, Religionszugehörigkeit, Sprache, sexueller Orientierung oder einer Behinderung. Und ich werde weiterhin alles dafür tun, dass ihre Köpfe frei und ihre Herzen offen bleiben.

Anders ist nämlich nur anders, nicht schlechter. Was meint ihr?

signatur

Eine schöne Liste mit Kinderbüchern über Vielfalt, Toleranz und Anderssein gibt's übrigens aktuelle bei meiner lieben Kollegin Sonja von Mama NotesSehr empfehlenswert.

19 Kommentare

  1. Sunshine sagt

    Liebe Anna! 

    Schon in wieder so ein wundervoller Text – mit viel Stoff zum drüber Nachdenken und sich selbst noch genauer beobachten! 

    Danke! 

     

     

  2. Gut geschrieben. Eine Haarspalterei sei erlaubt: wenn jemand jemanden einen Spast, Mongo oder dergleichen nennt, das offenbar aber nicht wörtlich meinen kann, dann ist das keine Diskriminierung, sondern Beleidigung. Diskriminierung würde es, wenn jemand zuhören muss, der sich persönlich damit betroffen fühlt.
    Wenn meine Kinder tatsächlich mit solchen Begriffen auf jemanden losgehen, auf den sie subjektiv oder objektiv zutreffen könnten („Du Ausländer“ wäre vielleicht der wahrscheinlichste Fall), dann wäre natürlich Zeit für die Große Unterredung (TM)…

    • Maike sagt

      Aber in dem Moment, wo man diese Wörter als Schimpfwörter benutzt, werden doch automatisch alle, die zum Beispiel unter einer Spastik leiden, oder das Down-Syndrom haben, diskriminiert. Ob sie nun dabei sind oder nicht. Das setzt sich doch auch so in den Kinderköpfen fest. (Überspitzt geredet ist ja auch dann jemand ein Rassist, wenn er nur hinter verschlossenen Türen rassistisch argumentiert.) Und die Kinder wissen das entweder oder benutzen die Wörter aus Versehen, so oder so muss man dann ja wohl mal miteinander sprechen.

  3. Das trifft den Nagel auf den Kopf!

    Ich versuche auch, meiner Tochter von Anfang an die Feinheiten der Sprache beizubringen. So sagt sie z. B. mit 2,5: "Das kann ich noch nicht!" Sie weiß, dass sie es lernen kann. Wenn sie sagt: "Das Kind sitzt ja falsch herum auf dem Pferd.", sage ich ihr, dass es andersrum daraufsitzt und das nicht falsch ist. 

    Noch weiß sie nicht einmal, dass es Worte gibt, die "man" nicht sagen soll. Ich fluche nur selten. Aber ich werde dann die Macht dieser Worte mit ihr besprechen. Ihre Tanten sind lesbisch, mein Vater ein Ausländer und wenn wir jemanden im Rollstuhl sehen, fragen wir, ob sie ihn anschauen darf. So lange ich Einfluss habe, werde ich ihn wahrnehmen. 

    Gestern fuhr ich Auto und schimpfte: "Mensch, jetzt mach mal!" Darauf kam vom Rücksitz:"Nicht schimpfen Mama! Hier dürfen doch alle auf der Straße fahren."

    Recht hattse!

  4. Liebe Anna,

    vielen Dank für Deinen Artikel. Seitdem ich selbst erkrankt und dadurch behindert bin, fällt mir diese Diskriminierung im Alltag und Beruf immens auf. Und ich bin jedes Mal erschrocken, wie 'normal' es in jeder Gesellschaftsschicht ist. Das ist wirklich traurig, aber ich bemerke es leider auch erst, seitdem ich persönlich sozusagen sensibilisiert wurde. Aber natürlich achte ich deswegen auch extrem bei meinen Töchtern darauf, welche Worte sie zum Schimpfen benutzen. LG JuSu 

  5. Liebe Anna, ich glaube kein Mensch der Welt macht „alles richtig“. Aber Du hast hier – mal wieder – einen richtig guten Text geschrieben. 🙂 Liebe Grüße aus dem Norden, Bettie

  6. Liebe Anna,

    Ein durchdachter Text zu einem schwierigen Thema. Schwierig, weil so vielen Menschen auch nach ausführlichen Erklärungen unklar bleibt, was Alltagssexismus, Alltagsrassismus oder ganz allgemein: Alltagsdiskriminierung eigentlich ist. Für viele fängt das jeweils anscheinend erst an, wenn man mit Heugabeln und brennenden Fackeln durch die Gegend zieht, um es „denen“ mal so richtig zu zeigen.
    Dabei hat Diskriminierung sehr oft gar nichts damit zu tun, dass das jemand gerade ernsthaft böse meint, aber die vielen kleinen Momente, egal ob als Ausgeburten sprachlicher Diskriminierung oder in Form ganz pragmatischer Benachteiligungen, hinterlassen eben ihre Spuren und sind gerade in der Summe besonders folgenreich. Das hast du am Beispiel des „Hate Speech“ gerade sehr anschaulich beschrieben und regst definitiv zum Nachdenken an. Noch kann meine Püppi nicht so recht reden, aber das kommt schneller als man denkt… Hate Speech werde ich ihr sicher nicht vorleben, einfach weil mir das schon immer fremd war, aber gemeinsam mit ihr die Sprache der anderen zu reflektieren, ja das wird eine nie – na zumindest auf viele Jahre hinaus – enden werdende Aufgabe.

    Lieben Gruß
    Jessi

  7. Julia sagt

    Liebe Anna,
    ein wunderbarer Text, der mir auch noch einmal aufzeigt, worauf ich bei meiner Tochter und dem Erlernen der Sprache achten sollte.
    Ich bin Lehrerin an einer weiterführenden Schule (im Moment in Elternzeit) und habe dort schon so manches schlimme Schimpfwort gehört. Leider ist das für viele Schüler Alltag und sie wachsen vermutlich schon von klein auf damit auf. In Gesprächen merkt man, dass es für sie normal ist und sie diese feinen Antennen leider nicht haben. Trotzdem versuche ich immer wieder darauf einzugehen und einen besseren Weg aufzuzeigen. Die Hoffnung stirbt zuletzt.
    Ich hoffe, meiner Tochter eine offenere Sicht der Dinge beibringen zu können.
    Noch einmal vielen Dank für deine Gedanken zu dem Thema.
    Liebe Grüße
    Julia

  8. rona sagt

    Liebe Anna,
    toll, dass Du das verbloggt hast. Ich finde es gelungen. Ich denke, es ist generell wichtig, immer wieder über diese Dinge miteinander zu reden. Und es ist für mich ein fortwährender Lernprozess, an welcher Stelle ich eingreife und etwas sage und an welcher Stelle ich es stehen lasse.

    Wichtig finde ich in diesem Zusammenhang generell den Umgang mit „Andersartigkeit“ und Grenzsituationen. Kinder fragen ja völlig unvoreingenommen und aus Interesse, wenn sie etwas sehen, was sie noch nie gesehen haben – zumindest ab einem gewissen Alter. Sie wundern sich, warum jemand nur ein Bein hat oder warum jemand eine andere Hautfarbe hat, ein Kopftuch trägt oder eine fremde Sprache spricht. Sie sprechen über Bettler oder Alkoholiker. Sie fragen über Tod und Teufel, interessieren sich, was das mit den Beerdigungen auf sich hat, wo man wohl hinkommt, wenn man tot ist und woher man überhaupt gekommen ist etc. pp. Ich habe mich da immer bemüht, sehr offen und ehrlich mit meinen Kindern zu sprechen und diese Fragen nicht zu verbieten (so im Sinne von „sowas fragt man aber nicht“ oder „guck da nicht hin“). Ich sage auch ganz offen, wenn ich etwas nicht weiß.

    So spreche ich z.B. über Religion mit meinen Kindern: die einen glauben das, die anderen das. Es gibt auch Menschen, die gar keinen Glauben haben (ich selbst). Und ich weiß nicht, wo wir hinkommen, wenn wir sterben. Manche glauben, wir kommen in den Himmel.

    Umgekehrt habe ich aber auch erfahren, dass der Einfluss der Freunde und Bekannten mit zunehmendem Alter stärker wird und dass ich zwar beeinflussen kann, was in meinem direkten Umfeld gesprochen wird, aber wenig Einfluss auf das habe, was sie sagen, wenn ich nicht dabei bin. Das war schon manchmal ernüchternd, ehrlich gesagt. Am Ende kann man es wohl nicht vollständig verbieten oder kontrollieren. Aber man kann die Sensibilität der Kinder schulen und das Wissen um die Bedeutung bestimmter Wörter.
    Rona

  9. Tanja sagt

    Hallo Anna,
    wieder ein ganz toller Artikel! Als Lehrerin einer Klasse des Gemeinsamen Lernens fällt es mir täglich auf, wie wenig meine Fünftklässler in den erwachsenen Kategorien denken. Der Fokus der Kinder liegt immer auf den Gemeinsamkeiten und nicht auf den Unterschieden. Das Bedürfnis der Kinder nach Zugehörigkeit setzt eben die Sicht auf das Gemeinsame voraus.
    Ich hoffe, dass es mir gelingt diese Sicht bei meinen Schulkindern und bei meinen Söhnen aufrecht zu erhalten.

  10. Mal wieder ein grandioser Post! Du bist ein toller Mensch und schön, dass deine Kinder davon profitieren. Schade, dass sich viele Eltern nicht so viel Mühe machen.

    Viele liebe Grüße von Jenny

  11. Stefanie sagt

    Ein wunderschöner Artikel zu einem wichtigen Thema! Mein Sohnemann ist gerademal ein halbes Jahr alt und ich mache mir immer wieder Gedanken, ob ich das mit der Erziehung dann auch gut hinbekommen werde.
    Was du hier beschreibst ist unglaublich wichtig aber eigentlich auch ganz einfach. Sollte es jedenfalls sein. Kinder nicht beeinflussen, erklären und vor allem vorleben, dass alle Menschen gleich sind auch wenn sie verschieden sind.
    Ich musste gerade dran denken, dass ich das Wort „Kannake“ erst sehr spät das erste Mal gehört habe. In welcher geschützten Umgebung bin ich aufgewachsen! Es lässt mich Staunen!

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  14. Finde ich einen tollen Text und regt doch sehr zum nachdenken an. Gerade der Punkt „es sind doch nur Kinder“. Ich denke es ist genau richtig hier frühzeitig zu erklären was manche Wörter bedeuten und auslösen können. Liebe Grüße, Sarah

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