Gestern Abend sind wir nach dem Abendessen nochmal ins Dorf spaziert, dort fand ein Volksfest am Strand statt mit Livemusik und sonstigem Programm. Es gab Essen, Getränke, die Leute haben getanzt und mitgesungen. An einem Stand haben wir uns Getränke geholt, es gab einen lokalen pinken Gin mit Grapefruitlimonade, und wenig später stießen wir alle damit an. Während wir ein Stück Richtung Bühne gingen, klinkten die Kids sich kurz aus und gingen Richtung Meer, “mal kurz die Füße reinhalten”. Aus der Ferne sahen wir dann die Feuerzeuge aufleuchten.
Mir fiel eine Frage ein, die mir eine Leserin in einer Direktnachricht vor kurzem gestellt hat: wie gehen wir mit Alkohol- und Zigarettenkonsum bei unseren Kindern um? Und während ich meine Kinder von Ferne gemeinsam am Wasser stehen sah, lachend, quatschend, zwei mit Zigarette in der Hand, zwei mit dem Grapefruitgin, dachte ich darüber nach und mir fiel ein – ich hatte kein wirkliches Konzept, als diese Themen bei uns aufkamen. Alkohol, Zigaretten, Drogenkonsum im Umfeld, erste Berührung mit dem Berliner Nachtleben – für einiges hatte ich Regeln im Kopf, aber die echten Erfahrungen mit den Kindern zeigten mir häufig, dass ich damit nicht unbedingt weit kam.
Die Große war wahrscheinlich dreizehn, als sie auf die erste Party ging, die kein Kindergeburtstag mehr war und um die Uhrzeit begann, zu der die bisherigen Einladung eigentlich immer endeten. Und dann war der Übergang fließend zu Phasen mit viel und mit weniger “Ausgang”. Aber sie war nie das Kind, was jedes Wochenende die Grenzen auslotete und ständig im Park rumhing. Das kam erst beim Sohn auf. Die Kleinste geht auch nicht exzessiv “raus”, alle drei waren fünfzehn oder sechzehn, als Alkoholkonsum im Freundeskreis aufkam und sie erste Berührung mit den teuflischen “Mischen” hatten, wo das Verhältnis Sprit zu Limo oder Saft in der Regel 3:1 war. Haben wir uns Sorgen gemacht? Ja, das bleibt nie aus. Aber die Basis war immer Vertrauen – in die Kinder und in das, was wir als Eltern im Vorfeld an Grund geschaffen hatten.
Ich bin die Mutter, die betrunkene Teenies von Partys abgeholt hat, wo sie nicht mehr bleiben wollten, sowohl meine eigenen, als auch Freund*innen der Kinder. Ich bin auch die, die sie wieder hat losziehen lassen, ein Wochenende später oder zwei. Weil ich daran glaube, dass es bei allen Themen im Grunde dasselbe ist: wir Menschen müssen alle den eigenverantwortlichen Umgang mit den Dingen lernen, von denen ein “zuviel” uns schaden könnte. Alkohol und Nikotin sind ein Kapitel dabei, Handys, Bildschirmzeit und Social Media sind ein Weiteres. Ich kann viel verbieten oder kontrollieren, Taschen checken, Apps installieren, “hauch mich mal an” und der ganze Zirkus. Aber wozu führt das? In der Regel dazu, dass die Kids erfindungsreich werden, wenn sie Dinge vor uns als Eltern verbergen wollen – weil sie es müssen. In der Folge davon schadet es dem Vertrauensverhältnis, weil nicht mehr offen über diese Dinge gesprochen werden kann. Wenn der Teenie nicht mehr über problematische Erfahrungen mit mir sprechen kann, weil er etwas “Verbotenes” gemacht hat – mit welchem vertrauenswürdigen Erwachsenen spricht er dann? Gibt es so jemanden überhaupt im Umfeld?
Es gab viele Erfahrungen, die die Kids ohne uns gemacht haben, aber auch viele, in die sie uns involviert haben. Unsere Regeln bei all dem waren Absprachen, das gegenseitige Versprechen war Vertrauen und die elterliche Maxime ist: die Kinder können immer mit uns rechnen, aber sie müssen auch immer mit uns rechnen. Wir reden offen, wir haben eine Meinung, aber wir sind nicht die Polizei, kein Gericht und keine Vollzugsbeamten. Es gab nie Strafen für Entgleisungen, aber es gab danach ausführliche Gespräche und Reflexionen. Und wenn es angesagt war, gab es Konsequenzen.
Viele Dinge hätte ich vielleicht lieber nicht so genau gewusst, aber jedes Mal, wenn die Kinder uns hinzugezogen haben, weil sie merkten, dass sie eine Situation nicht alleine regeln konnten, haben sie verantwortungsvoll gehandelt. Ich erinnere mich an einen Abend am Strand, wo eine Freundin der Großen irgendwas im Drink hatte und sie mich anrief, weil sie nicht wusste, wie sie ihre Freundin sicher da wegbekommen sollte. Fahrradfahren ging nicht mehr und laufen war auch nur noch eingeschränkt möglich. Ich bin also mitten in der Nacht mit dem Auto hin und habe die Mädchen eingesammelt und versorgt. Und da war der Abend, als der Sohn einen Kumpel bei sich zum Übernachten hatte und die beiden auf einer Party waren, die aus dem Ruder lief. Er rief mich an, weil der Kumpel sich so betrunken hatte, dass er ihn nicht mehr wach kriegte. Als ich ankam hatte er ihn mit einem Freund in die stabile Seitenlage gebracht und den Vater angerufen, der ihn dann übernahm.
Auch das sind Erfahrungen, die wir auf eine Art gemeinsam gemacht haben und die uns als Eltern gezeigt haben, dass unsere großen Kinder richtige Entscheidungen treffen und ihre Grenzen kennen bzw. dabei sind, sie kennenzulernen. Und – viel wichtiger vielleicht: dass sie auch verantwortungsvoll auf andere schauen. Dass sie wissen, wann sie Freund*innen selber helfen können und wann sie sich Hilfe holen müssen. Dass sie für ihre Leute einstehen und niemanden im Stich lassen, auch wenn das manchmal bedeutet, die Party zu sprengen oder unpopuläre Entscheidungen zu treffen. Das ist übrigens die wichtigste echte Regel, die ich ihnen immer gepredigt habe, wenn sie in die Berliner Nächte losgezogen sind: mit wem ihr losgeht, mit dem geht ihr auch wieder nach Hause. Niemand wird zurückgelassen, egal, was passiert.
Ich weiß, das sind alles keine Verhaltensregeln, die für jeden passen. Ich weiß auch, es gibt ganz andere Geschichten aus dieser Lebensphase, ich habe das selbst im allerengsten Umfeld gesehen. Vieles ist auch Glück und viel hängt davon ab, wen die Kinder in welcher Lebensphase treffen. Wer die Personen sind (oder die eine Person), die für sie dann am Wichtigsten sind und deren Bestätigung ihnen die Welt bedeutet. Für uns ist das alles gut gegangen. Die Absprachen haben weitgehend funktioniert, das gegenseitige Vertrauen war da und ist gewachsen, wir haben viel geredet und auch gemeinsam hinterfragt und letztlich ist unsere Rechnung aufgegangen. Keins der Kinder ist wirklich entgleist, es gab keine Drogenexzesse, kein nächtelanges Wegbleiben, keine Zusammenstöße mit der Polizei, keine eskalierten Partys in unserer Abwesenheit – alles war so weit im Rahmen. Und wir sind immer der safe space geblieben, den sie immer wieder mal gebraucht und auch aufgesucht haben.
Heutzutage stoßen wir mit unseren erwachsenen Kindern an und halten ihnen keine Predigten, wenn sie rauchen, auch wenn wir das nicht gut finden. Sie wissen das, wir wissen, dass sie es wissen. Aber wir glauben auch daran, dass sie schlau genug sind, das irgendwann wieder zu lassen. So wie wir es auch getan haben in diesem Alter.
Wir schauen ihnen mit ein bisschen Abstand zu, wie sie zu dritt am Wasser stehen und verbunden sind und quatschen und Fotos machen und ein bisschen tanzen und lachen. Dass sie auch rauchen ist nur ein Aspekt an diesem Bild, das wir sehen. Wir müssen das nicht mögen, aber es ändert nichts daran, was wir sehen: unsere drei (quasi) erwachsenen Kinder, alle drei zusammen, leicht und glücklich in diesem Augenblick. Alles andere findet sich.




