Also eines steht fest: meine Morgenseiten werden eure Abendseiten sein, denn ich sitze zwar schon morgens hier am Laptop und schreibe, veröffentlichen werde ich es aber dann erst im Laufe des Tages. Sind schließlich immer noch Ferien hier, und ich liebe das Gefühl gerade sehr, nichts zu müssen.

Aber ich bin hier. Gestern angekommen und wie immer sofort glücklich gefühlt. Also zutiefst glücklich und innerlich ruhig. Mal abgesehen davon, dass das hier ein unbestreitbar wunderschöner Ort ist, den jeder sofort als solchen erkennen kann, kommt das Glücksgefühl ganz woanders her. Und ich frage mich – was ist es, das manche Orte für uns zu besonderen Orten macht, die uns tief berühren, die etwas mit unserer Seele machen, sobald wir dort sind?

Als wir das Haus hier im Sommer 2008 über eine Seite im Internet gefunden und gebucht haben, wussten wir nicht, dass dieser Ort für uns als Familie mal diese Bedeutung haben würde. Gerade heute morgen schrieb ich meiner Patentochter, dass der Sohn bei unserem ersten Aufenthalt hier noch ein Krabbelbaby war, dass er hier nackig über die Terrasse krauchte und dann beim Anblick der majestätischen Palme sein erstes Wort (außer Mama, Papa, da) hervorbrachte: Baum! Dicht gefolgt von “Eis”, was aus seiner Sicht mit Sicherheit die wichtigere Vokabel war. Ich war außerdem frühschwanger mit der Kleinsten, wusste es aber noch nicht.

Dieser erste Sommer hier ist der Ursprung dessen, warum das Haus, der Ausblick, das Geräusch des Windes in der Palme, die abendliche Kühle, das Rumpeln der alten Schranktüren, die klappernden Markisen auf der Terrasse – warum all das für uns so eine Bedeutung bekommen hat und wir es wiederfinden und umarmen möchten, jedes Mal, wenn wir wiederkommen.

Ich habe die alten Fotos angeschaut, all die dokumentierten Sommer seit 2008, die wir hier verbracht haben. Nach diesem ersten Sommer waren es immer wir Fünf, aber in vielen Jahren waren wir mehr. Meine Schwester und ihr Freund, seit vielen Jahren unser Schwager, waren hier. Sie kamen mit ihrem VW-Bus hier an, die Surfbretter aufs Dach geschnallt, alles voller Sand, Semesterferienbräune und keine sauberen Klamotten mehr dabei und blieben.  Zwei Jahre später waren die Bonustochter und meine Mutter mit uns hier. Auch mein Bruder kam für einige Tage mit seiner damals noch neuen Freundin, heute sind die beiden seit über zehn Jahren verheiratet . Ich hatte mir den Fuß gebrochen und verbrachte die Ferien hier mit geschientem Unterschenkel auf Krücken und mithilfe eines Rollstuhls. Keine Strandbesuche für mich, ich verbrachte viel Zeit hier am Haus mit Lesen. Meiner Mutter ging es so gut, wie seit Jahren nicht, wir waren alle voller Hoffnung und dankbar, sie bei uns zu haben. Wir hatten keine Ahnung, dass das der Abgesang war und dieser herrliche gemeinsame Sommer hier ihr letzter sein würde.

Im Jahr danach starb sie, das jährt sich in drei Tagen zum fünfzehnten Mal. Als sie zum letzten Mal einen echten Sommerurlaub erlebte, war sie mit uns hier. Und als sie ein Jahr später starb, pendelte ich zwischen Koblenz und dem Darß, wo mein Mann mit den Kindern die Sommerferien verbrachte. Auch das passt in meine Gedankengänge über die Kreise, die sich im Leben irgendwie immer wieder schließen: meine Herzensorte, die Herzensorte meiner Familie als die Fixpunkte in dieser Gleichung zwischen Leben und Tod.

Ein Jahr später waren wir wieder hier, dieses Mal alle. Wir Fünf (immer wir Fünf), die Bonustochter, mein Vater und seine Frau, mein Bruder und seine Frau, meine Schwester und ihr Mann. Zwei Sommergeburtstage feierten wir hier, meinen und den meines Vaters, wir spazierten die weiten Lieblingsstrände auf und ab, wir schwammen im Atlantik und fanden die schönsten Steine, um damit Türme zu bauen und wieder zu verteilen. Wir waren zuasmmen. Wir kamen immer wieder, mein Bruder und seine Frau kamen mit den Nichtchen, wir kamen im Sommer und im Herbst, wir trafen uns mit den liebsten Freunden hier, wir sahen Sonnenaufgänge im Oktober an steinigen Stränden, eingepackt in Kapuzenpullis und dicke Socken, wir sahen Sonnenuntergänge im Juli und die funkelnden Perseiden im August.

Und wir sammelten die Erinnerungen an all das Erlebte hier, an diesen Ort, wie die Muscheln im Sand, durch den wir an unseren Lieblingsstrände gingen. Cordoama. Castelejo. Amado. Mareta. Beliche. Tonel. Dort waren wir mit Buddelspielzeug und Wickeltasche, mit Surfboards und Wetsuits, mit Picknickdecken und Stapeln von Büchern – miteinander.

Vielleicht ist es ja auch mein Alter, dass mir all diese Erinnerungen hier so nah sind. Dass ich, sobald ich das Haus betrete, sobald ich auf der Terrasse stehe und aufs Meer blicken darf, all das so intensiv fühle, was ich hier schon erlebt habe. Vielleicht macht das Altern sentimental, vielleicht ist es aber auch so, dass mir immer bewusster wird, wie kostbar all das war. Immer noch ist.

Ich bin im Juli 53 Jahre alt geworden, so alt wie meine Mutter war, als sie ihre Diagnose erhielt. Sie starb mit 67,  nach vielen Jahren der Krankheit, in denen sie sehr gute und eher schlechte Phasen durchlebte. Oft kamen die guten nach den schlechten, oft waren sie verbunden mit Zeit mit uns, in Berlin, auf dem Darß und hier. Und natürlich kamen die guten Phasen auch immer vor den schlechten, irgendwann gab es nur noch schlechte, die mündeten in die ultimativ schlechteste Phase, die nur durch ihren Tod beendet werden konnte. Aber vorher – waren wir hier.

Ich sehe sie hier auf der Terrasse sitzen und den Kindern vorlesen, ich sehe sie die Kleinste auf dem Arm in den Pool tragen und mit ihr Lieder singen, ich sehe sie die Schwimmflügel vom Sohn aufpusten und ihm Gedichte aufsagen. “John Maynard”. Und für die Große war es “Der Handschuh”. Ich sehe sie mich anlächeln und sagen, denk dran, das ist dein Leben, ein Moment in deinem Leben und jeder davon zählt.

Genauso ist es. Jeder Moment zählt. Die schweren Momente folgen auf die leichten, die guten Phasen auf die schlechten und immer so weiter, aber jeder Augenblick zählt. An manchen Orten sind die guten Momente, die leichten und schönen Augenblicke besonders dicht gewoben, und wir dürfen sie nicht nur in uns tragen als eine schöne Erinnerung an etwas, das vergangen ist. Manche Orte schenken uns das Gefühl zurück, das nahe Empfinden, dass all diese Momente unser Leben waren. Und es immer noch sind.

Full circle moments.

1 Comment

  1. Danke, liebe Anna, für diese wunderbaren Zeilen an meinem ruhigen Sommerabend.

Write A Comment