Samstagmorgen. Das Haus ist still. Ausnahmsweise. Ich hatte mich auf das Wochenende gefreut, weil das Haus partiell leer sein würde. Das Amsterdamkind, das vorübergehend wieder zu Hause wohnt (weil zwischen zwei Stationen und Wohnung untervermietet) ist seit Donnerstag übers Wochenende weg, der Sohn war zum Zelten mit Kumpels an einem Brandenburger See, der Mann ist mit seinen Eltern im Haus am Meer übers Wochenende. Blieben also nur die Jüngste und ich. Und Hund und Katz natürlich.
Ich hatte mich gefreut auf runtergefahrene Dynamik, stille Räume, keine Kocharien für viele oder große Einkäufe, einfach Dinge für mich erledigen, bisschen schreiben, Freundinnen treffen vielleicht. Am frühen Freitagabend kam dann wirklich meine Freundin vorbei, brachte Artischocken vom Markt mit und wir saßen auf dem Balkon, tunkten die abgezupften Artischockenblätter in köstliche Dips, tranken dazu ein bisschen Bubbly, quatschten ausführlich, wässerten den Garten, Töchterlein saß mit einer Freundin hinterm Haus und spielte Karten, Hund schlief im Schatten – es war herrlich. Dann kam der Sohn zurück, brachte einen Kumpel mit, ein weiterer Kumpel kam dazu, meine Freundin verabschiedete sich, die Jungs machten den Fernseher an wegen der Fußball-WM, Töchterlein gesellte sich dazu, Dynamik fuhr hoch. War gar nicht schlimm, ich bin mit Krimi ins Bett gegangen und hab herrlich früh geschlafen.
Am Morgen war das Haus dann wieder still. Bisschen Reste vom Vorabend standen in der Küche rum, leere Gläser und Flaschen, Geschirrspüler voll mit sauberem Geschirr, der wurde offenbar noch eingeschaltet gestern Nacht. Kleine Hunderunde, Kaffee auf dem Balkon, alles leise. Nur ich. Die Kids natürlich im Tiefschlaf in ihren Zimmern.
Und dann dachte ich auf einmal…. so wird es irgendwann immer sein. Gar nicht mehr weit entfernt. Wenn ich darauf schaue, wie rasend schnell die letzten zwanzig Jahre verflogen sind, wie kurz sich das anfühlt, obwohl mein ganzes Leben sich in dieser Zeit zig Mal so unfassbar verändert hat, von einem Kind auf drei, von der Zeit mit Kleinstkindern und Kitaroutinen zur Schulzeit, von Grundschulkindern zu Abiturient*innen zu Studi-Kids im Ausland, all das ist meine Realität gewesen und ist es noch – dann ist mir sehr bewusst, wie wenig Zeit noch übrig ist von dem Status Quo einer Familie mit gemeinsamem Alltag.
Jetzt schon sind wir eigentlich nur noch zu Viert gewesen. Die Große war seit Anfang 2024 ausgezogen und seit Sommer 2025 in Amsterdam. Und ja, sie ist oft zu Hause, aber es ist dennoch nicht (mehr) dasselbe. Der Sohn hat Abitur gemacht und die Schule verlassen, war monatelang auf Rucksacktour in Südamerika und streckt seine Fühler in alle Richtungen aus. Auch da läuft die Zeit seines Verbleibs in diesem Haus ab. Und die Kleine hat ab Sommer noch knappe zwei Jahre bis zum Abitur. Das ist im Vergleich zu all der Zeit gefüllt mit Leben als Familie zu Fünft… nichts.
Es ist nicht mehr viel Zeit übrig, in der die Dynamik hier so sein wird, wie ich sie gewohnt bin. Und so oft ich mich auch nach Ruhe sehne, nach Zeit für mich, danach, selbst wieder mehr Raum einzunehmen hier – ich kann mir (m)ein Leben ohne all das noch nicht vorstellen: Haufen von riesigen Schuhen vor der Haustür und im Flur, zig Sporttaschen und Handtaschen und Gedöns in der Garderobe, immer spontane Übernachtungsbesucher*innen und nächtliche Kühlschrankplünderungen, immer irgendwo Bewegung im Haus, immer irgendwelche Nachrichten auf meinem Handy mit Infos, wer gerade von wo auf dem Heimweg ist oder woanders übernachtet oder fragt, ob man jemanden mitbringen könnte, immer nasse Handtücher überall und Klopapier alle und volle Aschenbecher auf dem Balkon, die niemand leert.
Ich glaube nicht, dass ich diese Aspekte vermissen werde, aber das Leben mit meinen Kindern werde ich vermissen. Denn die Aschenbecher werden bei lustigen und wichtigen gemeinsamen Gesprächen gefüllt und die Gläser dabei geleert, die Schuhhaufen werden von den Freund*innen der Kinder verursacht, wundervolle Menschen, die hier gerne Zeit verbringen und feste Plätze in meinem Herzen haben, meine Kinder sind die wundervollen Menschen, die hier nächtens den Kühlschrank leeren und dieses Haus mit ihrer Dynamik in Bewegung versetzen, und nicht zu selten sitze ich dabei, bin Teil davon oder Zuschauerin am Rande des Geschehens, bin die, die sagt, na klar, bring jemanden mit, natürlich kann Isa nach dem Sport hier duschen, selbstverständlich darf Matze jederzeit auf dem Sofa pennen, wer wenn nicht er, und okay, ich hol dich am Ostkreuz ab, sag Dana und Emmy alles Liebe für ihre Prüfung und klar können sie danach herkommen und auf dich warten, wann kommt dein Zug am Hauptbahnhof nochmal an, denk dran, du musst noch mit dem Hund gehen und bringst du bitte einmal Erdbeeren vom Erdbeerhäuschen mit…
Ich denke dabei ganz viel an meine Mama. Sie war alleine mit uns, wir waren zu Viert mit ihr, mein Bruder, meine Schwester und ich, und dann sind wir einer nach dem anderen ausgezogen. Und wie ich es bin war sie voller Freude mit uns, hat teilgenommen an unseren Wegen, hat uns begleitet, bestärkt, uns alles zugetraut und ich glaube, sie war, genau wie ich jetzt, einerseits froh, wenn Ruhe einkehrte und andererseits voller Trauer um einen Lebensabschnitt, der unwiderruflich endete.
Ich denke daran, wie ihr Haus sich geleert hat, vielleicht ein bisschen langsamer als meins jetzt, weil die Altersabstände zwischen uns größer waren, als zwischen meinen Kindern, aber andererseits brutaler als meins, weil sie alleine zurückblieb, während wir immerhin zu zweit sind, der Mann und ich. Und ich erinnere mich daran, dass ich mir mit neunzehn, zwanzig zwar bewusst darüber war, dass sie auf eine Art alleine zurückbleibt, dass ich aber in erster Linie mit meinem eigenen neuen Lebensabschnitt befasst war und nicht wirklich darüber nachdachte.
So geht es meinen Kindern auch – und das ist richtig so. So und nicht anders soll es sein. All das, was sie bisher erlebt haben, ihre Kindheit, ihr Familienleben, all ihre Erfahrungen, die sie mit und die ohne uns gemacht haben, die Summe all dessen befähigt sie dazu, hoffentlich möglichst unbelastet und frei in ihren nächsten Lebensabschnitt zu gehen. Dieses Familiengefüge zu verlassen, um ihre eigenen, guten, richtigen Wege zu finden, alleine, erstmal nur für sich selbst, darum geht es. Und ich könnte nicht froher und glücklicher sein, zu sehen, dass sie genau das tun. Schritt für Schritt, jedes Kind auf seine ganz eigene Art, jedes für sich im eigenen Tempo und in die individuelle Richtung. Ich schreibe seit Jahren darüber, dass sie genau das tun sollen und ich darauf hinarbeite., weil das der ganze Sinn von Elternsein ist: die eigenen Kinder zu ermächtigen, sich loszumachen. Ihnen alles mitzugeben, damit sie von einem fortgehen können. Selbständig, frei, möglichst fröhlich, mit möglichst wenigen hemmenden Gefühlen. Das ist die Elternaufgabe – loslassen. Und ich meine das genau so.
Und doch… da bin ja auch ich. Als ich. Nicht als ihre Mama, sondern als Anna, mit meinen ganz eigenen Gefühlen in dieser Situation. Ich bin die, die zurückbleibt. Ich bin nicht mehr der Dreh- und Angelpunkt dieses Familienlebens. Der Schwerpunkt all dessen, was meine Kinder ausmacht, jedes einzelne von ihnen, der liegt in ihnen selbst. Und den nehmen sie mit, wohin sie auch gehen.
Samstagmorgen, das Haus ist still. Kleine Hunderunde, Kaffee auf dem Balkon, alles leise. Nur ich. Jetzt ist das ein kostbarer Augenblick für mich, den ich genießen kann. Kurz braucht niemand etwas von mir, für den Moment bin hier nur ich und bin einfach nur da. Aber das Bewusstsein, dass das in nicht allzu ferner Zukunft mein Normal sein wird, dass dieses gemeinsame Leben zu Fünft, mein Leben dann für immer vorbei sein wird, bricht mir ein bisschen das Herz.




