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mothers in arms ::: der mythos vom mütterstandard

Ich habe Brigitte Mom gelesen. Gerne. Wie eigentlich immer.
Ich erwarte von einer Zeitschrift nicht, dass sie mir immer voll aus dem Herzen schreibt. Im Gegenteil, ich mag Diversität. Wenn ich Brigitte Mom lese, dann ist es so wie ein Gespräch mit einer lieben Bekannten: ich weiß, wen ich vor mir habe, ich weiß, worin wir überein stimmen und worin nicht. Und dann kann ich mich darauf einlassen, mich wiederfinden, mich abgrenzen und mich unterhalten lassen. Dabei gibt es Belangloses wie Wichtiges, Ernstes wie Leichtes, eben alles, was zu einem guten Gespräch dazugehört, Tratsch und Banalitäten inklusive. Und selbstverständlich ist man eben auch geteilter Meinung über die Dinge. Oder regt sich gerne auch mal auf.

Jetzt gibt es in der aktuellen Brigitte Mom einen ausführlichen Artikel mit dem Titel „mothers in arms“, der die Tatsache behandelt, dass man als Mutter zwangsläufig auf andere Mütter trifft und sich mit ihnen auseinander setzen muss. Es wird beschrieben, wie die Freundschaft zwischen den Kindern gerne mit der Freundschaft zwischen den Müttern verwechselt wird und wie hart der Konkurrenzkampf zwischen den Mamas tatsächlich sei. Soweit so gut.
Ich habe in letzter Zeit beobachtet, wie verbreitet dieses Mütter-bashen-Mütter-Gerücht ist: in jeder Situation wird gesagt, jaaaa, das sei ja bekannt, wie wenig solidarisch Mütter untereinander tatsächlich seien und wie in Wirklichkeit da gegeneinander geschossen und übereinander hergezogen würde. Barbara Schöneberger, die ich im Übrigen sehr schätze, sagte neulich bei Markus Lanz etwas ganz Ähnliches und outete sich als Spielplatz-Vermeiderin aus Müttervermeidungsgründen. In dieselbe Richtung geht der Artikel in Brigitte Mom, zumindest wird auch dieser Aspekt ausführlich behandelt. Es ist etwas Wahres daran. Es gibt diese Mütter, denen ich am liebsten schon aus dem Weg gehen würde, wenn sie die Szene nur betreten. Und es gibt auch die, auf die ich mich freue und deren Meinung und Ideen mich interessieren und auch inspirieren. Aber was ist dabei eigentlich das Problem? Ist das nicht in Ordnung, die einen zu mögen und die anderen eben nicht? Muss ich auf einmal alle Frauen mögen, die Mutter sind? Nur weil ich auch eine bin?

Ja, wir sind alle Mütter. Und nein, das macht uns mitnichten automatisch zu Freundinnen. Nur weil meine Lieblingsfarbe violett ist, heißt das noch nicht, dass ich deshalb mit allen anderen Menschen mit gleicher Vorliebe in Freundschaft verbunden bin. Dasselbe gilt für Religionszugehörigkeit, Herkunft, Sport- und Freizeitvorlieben, politische Überzeugungen undsoweiterundsofort. Die Liste ließe sich endlos fortsetzen. Jemanden mit derselben Ausbildung wie ich, aus meiner Heimatstadt stammend, rheinisch-katholisch wie ich, mit denselben Hobbies und Interessen wie ich, kann in meinen Augen trotzdem ein Vollidiot sein und der letzte Mensch, mit dem ich zu tun haben will. Warum sollte es sich mit Müttern anders verhalten? Oder mit Vätern? (Warum fragt eigentlich niemals einer nach den Vätern? Sind die solidarisch? Oder konkurrieren sie möglicherweise miteinander?)

Es gibt da irgend einen Verallgemeinerungs-Denkfehler bei dieser ganzen Mütter-Ideologie. Es gibt so viele Möglichkeiten, ein Kind zu bekommen, zu ernähren, es großzuziehen, es (aus) zu bilden, mit ihm zu spielen, es zu lieben – wer hat die Idee gestreut, es gäbe da einen Standard, der zu erfüllen sei? Und wer hätte den Standard bitte gesetzt? Selbstverständlich kann man geteilter Meinung darüber sein, wie das alles zu bewerkstelligen sei und selbstverständlich gibt es den prüfenden Blick nach rechts und links und die Frage danach, wie es denn andere Mütter, andere Eltern machen mit ihren Kindern. Aber letztlich sind Mütter doch keine homogene Gruppe, in der ein grundsätzlicher Konsens darüber herrschen muss, wie mit der den Müttern gestellten Aufgabe, nämlich ihre Kinder groß zu kriegen, umgegangen werden muss. Das muss man wissen. Wir müssen das wissen, Mütter.

Aber wissen wir das? In keiner anderen Lebensphase habe ich so schnell so viele andere Frauen kennen gelernt, mich schnell für sie erwärmt – und mich auch schnell wieder abgekühlt. Da gab es die Frauen im Geburtsvorbereitungskurs, dann bei der Rückbildung, bei der Babymassage und beim Babyschwimmen. Später waren es dann Krabbelkurse und Kitamütter, Ballettmütter und Nachbarinnen, Spielplatzbekanntschaften und Schwimmkursmütter, schließlich dann die anderen Mütter in der Schule. Manche Verbindungen sind echte Freundschaften geworden (nicht sehr viele, by the way) und manche sind einfach wieder gelöst worden. Die Frage ist doch immer, was man sucht und was man erwartet.

Suche ich eine beste Freundin, wenn ich einen Yogakurs belege? Oder ist es nicht völlig ausreichend, wenn man danach mal einen Kaffee trinken geht und ein bisschen quatscht? Suche ich eine Seelenverwandte beim gemeinsamen Kuchenverkauf beim Schulfest? Oder beim Burgenbauen im Sandkasten? Wohl kaum.

Und was ist die viel beschworene Müttersolidarität eigentlich? Was stellt sich jemand vor, der das Thema strapaziert und das Wort benutzt?
Erfahrungsaustausch? Worüber? Ja, es gibt Mütter, die gerne über ihre Geburts- und Stillerfahrungen sprechen und sich darüber miteinander unterhalten. Es gibt aber genauso viele, die diese Themen gerne für sich behalten. Und es gibt Mütter, die sich mit anderen Themen intensiv befassen und sich darüber gerne austauschen – und wieder gibt es diejenigen, die das nicht die Bohne interessiert. Das macht also nur einen Teil aus.
Oder ist es die Idee, dass man sich gegenseitig hilft? Inwiefern? Kinderklamotten weitergeben? Babybreirezepte austauschen? Fachsimpelei über die strapazierfähigste Matschhose? Findet alles statt und nicht zu knapp.
Oder geht es um tatsächliche moralische Unterstützung? Mit Rat und Tat zur Seite stehen? Da wären wir wieder ganz oben bei den echten und den nicht so haltbaren Verbindungen von Menschen untereinander – seien sie Mütter, Väter, Kinderlose, was auch immer. Aber die sind doch wohl eher rar im Leben, oder? Und die findet man nicht aufgrund vor allem eines gemeinsamen Merkmals: dem Elternstatus.

Also wovon sprechen wir eigentlich? Mütter sind Menschen, Mütter sind Frauen. Da enden die grundsätzlichen Gemeinsamkeiten aber auch schon. Darüber hinaus  haben Mütter miteinander genauso viel oder wenig gemeinsam, wie mit irgend jemand anderem. Es gibt die berufstätigen und die Hausfrauen, die älteren und die jungen, die mit mehreren Kindern und die mit nur einem, die mit gesunden und die mit kranken Kindern, die alleinerziehenden, die verheirateten, die veganen, die muslimischen und die christlichen (jaja, und die mit allen anderen Glaubensrichtungen auch), die in der Stadt und die auf dem Land, die musikalischen, die sportlichen, die DIY-Mütter, die politisch aktiven und die gärtnernden, die reiselustigen und die künstlerisch begabten, die armen und die reichen, die großen und die kleinen, die weißen, braunen, gelben, roten, lila und grünen Mütter (in jedem Wortsinn) –  und auch diese Liste ließe sich endlos fortführen.

Es wäre schön, wenn wir aufgrund der Tatsache, dass wir alle MÜTTER sind auch alle beste Freundinnen wären. Vielleicht aber auch nicht. Vielleicht ist es viel besser, sich zu unterscheiden. Und auch mal zu streiten. Geteilter Meinung zu sein, sich zu reiben und zu positionieren, wie in einem Gespräch mit einer guten Bekannten, mit der einen viel verbindet, aber genauso viel auch trennt. Wir sind manchmal Freundinnen und manchmal Konkurrentinnen, manchmal mögen wir uns und winken uns aus der Ferne zu, manchmal strecken wir auch die Hand nacheinander aus. Und manchmal sind wir sogar Feindinnen. Denn genau wie mit dem Tabu, über das Mama Miez kürzlich in ihrem Blog schrieb, ist es auch hier: es gibt solche und solche. Es gibt tolle und saublöde. Wie in jeder anderen ziemlich beliebig zusammengefassten Gruppe von Menschen mit einem oder zwei übereinstimmenden Merkmalen auch.

Mütter streiten genauso viel oder wenig miteinander, wie andere Frauen, nein, Menschen es tun. Ich finde, da wird ein Mythos gefüttert von den ständig konkurrierenden, sich Gemeinheiten zufügenden, andere Kinder runterputzenden Müttern, den ich so überhaupt nicht bestätigen kann. Ich habe drei Kinder und bin in vielen Kursen gewesen, in Kitas und Clubs und in der Schule, auf Spielplätzen, in Kindercafés und diversen anderen mütteraffinen Zusammenhängen, ich habe dort gelebt und tue es noch. Und ich kann nicht sagen, dass mir da besonders viele unangenehme, intrigante andere Mütter begegnet wären. Natürlich gibt es die. Aber es gibt auch andere unangenehme Menschen, die keine Mütter sind. Wer als Mutter gemein und feindselig ist, war es mit Sicherheit vorher schon. Es ist doch nicht so, als würde der Mutterstatus diese Eigenschaften plötzlich hervorbringen. Muttersein verändert nicht die Persönlichkeit, weder zum Guten noch zum Schlechten. Er erweitert lediglich das Frausein um eine Perspektive. Eine wichtige, zugegeben. Aber es dreht nicht den Charakter einer Frau auf links.

Mütter! Wir müssen keine besseren Menschen sein, nur weil wir Mütter sind. Wir müssen auch nicht einer Meinung sein, nur weil wir Mütter sind. Wir dürfen genauso individuell bleiben, wie wir es als kinderlose Frauen waren, bevor wir Mütter wurden. Mit Meinungen, Besonderheiten, Macken, Überzeugungen und Unsicherheiten. Wir müssen nicht in ein Schema F passen, das über jede von uns drüber gestülpt werden kann und an das wir uns anpassen müssten. Müssen.Wir.Nicht.

Wir sind verschieden! Und das ist gut so.

6 Kommentare

  1. KatjaK sagt

    Sehr treffend – wollte mich mit dem Thema auch noch auseinandersetzen, wenn auch mit leicht anderem Schwerpunkt.

    Aber mal zu den Vätern: Ich habe das Gefühl, mein Schatz hat mehr „Konkurrenzdruck“ durch einen Kollegen zu ertragen als ich bei den vielen Müttern, die ich regelmäßig treffe.

  2. Ja, DAS ist auch noch mal einen eigenen Blogeintrag wert: was läuft eigentlich unter Vätern so ab? Ich meine, das Männer gerne aufschneiden und mit ihren Prestigeobjekten prahlen (Auto, Sixerpäck, Iphone, überhaupt Technik etc.) ist ja nicht neu. Wie ist das mit den Kindern? Gehören die dazu? Wird da über Erziehungsfragen gesprochen oder eher über die Persönlichkeiten der Kinder? Geht’s darum, welcher Bub als erster den Ball kickt? Und wird sich da auch „unterstützt“? Was ist das Äquivalent zur (vorhandenen oder nicht vorhandenen) Müttersolidarität?

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