das wilde leben
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das geschenk der freiheit ::: wem ich heute für den mauerfall danken will

25 Jahre Mauerfall, Berlin, DDR, Ostberlin, Fernsehturm

In meinem Leben gibt es es viele Menschen, denen ich viel verdanke: meinen Eltern, Vater, Mutter, Stiefmutter. Meinen Geschwister, überhaupt: meiner Familie. Meinem Klavierlehrer und dem Chorleiter und Stimmbildner meiner Jugendzeit. Meinen engen Freundinnen aus der Kindheit und den Wahlverwandtschaften in späteren Jahren. Meinem geliebten Mann. Ich bin mir dessen bewusst und bemühe mich immer, das zu wertschätzen und mir das im Bewusstsein zu behalten.

Aber es gibt noch zwei Menschen, an die ich besonders jetzt, rund um  den 09. November, fünfundzwanzig Jahre nach dem Mauerfall, viel gedacht habe und die für mich in vielen Aspekten unglaublich wichtig sind: meine Schwiegereltern. Dabei ist es nicht nur ihre Rolle als (wunderbare) Großeltern meiner drei Kinder oder liebende Eltern meines Mannes, die sie wichtig macht, nein, es ist auch ihre persönliche Geschichte, die mich immer wieder beeindruckt, wenn ich sie mir vergegenwärtige und die mir Bewunderung für ihre Lebensleistung abfordert – und Dankbarkeit für das, was sie getan haben. Heute Abend, als wir zu fünft vor dem Fernseher saßen und die Live-Übertragung vom Brandenburger Tor verfolgten, als wir uns ansahen, wie die vielen Lichtballons in die Nacht entlassen wurden, die zuvor als Markierung der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze als Lichtgrenze hier überall gestanden hatten, dachte ich an sie und an ihre Geschichte. Und ich dachte daran, dass ich noch niemals wirklich DANKE gesagt habe zu diesen beiden besonderen Menschen.

Nicht nur, weil sie wunderbare Großeltern sind für meine drei Kinder. Nicht nur, weil ich das Glück habe, im Zusammenleben mit meinem Mann immer wieder zu spüren, was für wunderbaren Eltern sie schon immer gewesen sein müssen für ihre Söhne. Nicht nur, weil sie als Schwiegereltern alles richtig gemacht haben und ich mich in dieser Familie immer willkommen, angenommen und auch geliebt gefühlt habe, seit ich das erste Mal offiziell als „feste Freundin“ dort aufgetaucht bin vor sechzehn Jahren.

Nein, der Dank, den ich heute aussprechen will, ist der Dank für den Mut, den sie aufgebracht haben, als sie selbst noch jünger waren und Eltern von zwei Jungs in ihrer Heimatstadt Leipzig – in der DDR, einem politischen System, das als Unrechtsstaat in ihrem Alltag schwerer wog, als die Liebe zu den Herkunftsfamilien oder die Heimatverbundenheit in Sachsen und das sie schließlich dazu brachte, aufzubegehren, immer aufs Neue. Meine Schwiegereltern taten den alles entscheidenden Schritt und stellten einen Ausreiseantrag. Aber es war mehr als das – es war schon lange mehr als das.

25 Jahre Mauerfall, Berlin, DDR, Ostberlin, Fernsehturm

Widerstand und friedlicher Protest: wider die Stasi, wider das System.

Schon in den Jahren zuvor hatten sie sich widersetzt. Nicht nur wurden die Söhne wo es nur ging aus den staatlichen Systemen herausgehalten und z.B. nicht in staatliche organisierte Ferienlager geschickt, sondern stattdessen in enger Verbindung zur evangelischen Kirche großgezogen. Meine Schwiegereltern gehörten außerdem zu dem engen Kreis um Pfarrer Führer, der die ersten Montagsdemonstrationen in Leipzig von der Nikolaikirche aus organisierte, Protestschriften herausgab und auf friedliche Weise immer wieder versuchte, für Meinungs- und Reisefreiheit zu kämpfen, um nur zwei Aspekte zu nennen.

Mein Schwiegervater hat mir schon oft erzählt, wie die Stasi bei jedem Gottesdienst dabei war, wie die Überwacher und Spitzel in den Bänken in der dunklen Kirche saßen und mithörten. Wie nach jedem Gottesdienst aus den umliegenden Gebäuden die entsprechenden Stasi-Zugehörigen alle beobachteten und protokollierten, wer wann mit wem aus der Kirche kam. Wie schließlich die Stasi bei ihm zu Hause vor der Tür stand und er für ein Gespräch mit den Stasimitarbeitern ins Kinderzimmer ging, weil er dachte, wenn sie irgendwo Wanzen platzieren, dann wäre es dort am wenigsten schlimm – dort wurde nicht über Politik gesprochen.

Der Ausreiseantrag: die Uhren werden auf Null gestellt.

Der Ausreiseantrag veränderte dann alles. Meine Schwiegermutter bekam massive Schwierigkeiten bei ihrer Arbeit, für meinen Mann und seinen Bruder gab’s Klassenkeile und Spießrutenlauf in der Schule – die Weigerung, bei der FDJ mitzumachen und sich für die Armee zu verpflichten, spitzte alles nur noch zu („Kein Abitur für Ihre Söhne!“) und gab den letzten Anstoß für die Antragstellung. Ab dann wurde gewartet auf den Tag X. Der kam schließlich im Frühjahr 1989, als von Maueröffnung noch nichts zu ahnen war, und meine Schwiegereltern nahmen ihre Söhne, ihr Hab und Gut, das sie mitnehmen konnten und verabschiedeten sich von der Familie, nicht wissend, ob sie sie so ohne weiteres würden wiedersehen können, nicht wissend, ob sie in ihre Heimatstadt jemals würden zurück kehren können. Wenn ich mir diesen Moment vorstelle, bekomme ich eine dicke Gänsehaut, jedes Mal wieder.

Was haben diese beiden für einen Mut bewiesen! Was haben sie auf sich genommen und riskiert, um ihren Kindern die Freiheiten zu ermöglichen, die sie selbst in der DDR bisher nie gehabt hatten? Sie haben mit Mitte vierzig noch mal bei Null angefangen in einem Land, der BRD, das sie nicht kannten, von dem sie nicht wussten, ob sie in dessen System klarkommen würden und wie es ihren Kindern dort ergehen würde. Ihr unbedingter Wille zur Freiheit und ihr gesundes Empfinden für das Unrecht, das in der DDR geschah, war die stärkste Antriebstkraft und hat sie diesen Schritt tun lassen. Für mich ist es immer wieder unglaublich, welche Kraft und welcher Mut hinter diesem großen Schritt steckte, und ich stehe voller Bewunderung vor der großen Lebensleistung dieser beiden.

Neuanfang und Mauerfall: Koblenz, November 1989

Als die Mauer fiel, war ich sechzehn. Mein heutiger Mann war damals gerade mit seinen Eltern und seinem Bruder in meiner Heimatstadt Koblenz angekommen und hat irgendwann in dieser Phase den ersten Tag in meiner damaligen Klasse verbracht, die wir von nun an gemeinsam besuchten. Wir haben also auch so eine Art Jubiläum und können auf „wir kennen uns jetzt 25 Jahre“ anstoßen. Er und sein Bruder waren damals die Exoten in unserem kleinen Provinzgymnasium: zwei von Drüben! Zwei Sachsen (ja, man konnte es damals sehr deutlich hören..)! Das gab es im Nicht-Grenzland Rheinland-Pfalz so gut wie nie, und an unserer Schule waren die beiden die ersten und einzigen Ex-DDRler. Ich habe in diesem Alter nicht begriffen, was es bedeutete, dass diese Familie so kurz vor dem Mauerfall per Anreiseantrag aus der DDR ausgereist war und alles aufgegeben hatte. Ich habe nicht begriffen, was ein halbes Jahr Schwebezustand, Job- und Standort- bzw. Wohnungssuche für eine Familie mit zwei Teenagersöhnen bedeutete. Das ist mir erst klar, seit ich selbst Mutter bin und für eine Familie Verantwortung trage. Aber diese Familie wirkte auch damals zufrieden: bis heute betonen meine Schwiegereltern, dass sie keine Minute bereuen, die sie früher aus der DDR heraus konnten, auch wenn sie sich einiges an Schwierigkeiten hätten sparen können aus heutiger Sicht, hätten sie nur noch ein halbes Jahr gewartet. Nein, es war alles richtig so, wie es gekommen ist.

Der Mauerfall kam, alle schauten auf Berlin –  und der Neustart war da: aus vier Staatenlosen aus Leipzig wurden vier Koblenzer mit normalem Schul- und Joballtag, endlich angekommen in ihrer neuen Heimat, acht Monate nach ihrer Ausreise aus der DDR.

Mauerfall, Jubiläum, Telespargel, Fernsehturm,

DANKE, all ihr Unerschütterlichen und Mutigen, für euren Widerstand!

Gestern Abend hat uns die vom Brandenburger Tor übertragene Feier zum 25. Jubliäum des Mauerfalls zu Tränen gerührt. Ich habe es gar nicht kommen sehen, aber ehe wir uns versahen, saßen wir beide, mein Mann und ich, heulend mit unseren Sektgläsern vor dem Fernseher, umringt von unseren verwirrten Schlafanzugkindern: „Warum weint der Papa? Ist der traurig, dass die schönen Ballons wegfliegen? Und weinst du auch, Mama?“ Das Goldkind versuchte, zu verstehen, was es sah und streichelte an uns herum. Und wir haben dann versucht, zu erklären und  zu erzählen, wie das damals war und was dieser Tag und all die vorher gegangenen Tage für uns alle bedeutet haben – und was sie noch bedeuten.

Danke, meine beiden Lieben: Großeltern meiner Kinder, Eltern meines Mannes, meine Schwiegereltern. Ich danke euch heute für euren Mut und eure Unerschrockenheit. Dafür, dass ihr nicht locker gelassen habt in eurem friedlichen Protest. Dafür, dass ihr trotz aller Widerstände weiter nach Freiheit verlangt habt und nicht aufgegeben habt, als Freunde und Kollegen im Umfeld auf der Flucht umgebracht, erwischt und inhaftiert und/oder von ihren Kindern getrennt wurden. Danke dafür, dass ihr jahrelang und unermüdlich mit vielen eurer Generationsgenoss*innen diesen Weg des Widerstand beschritten habt, der den Boden bereitet hat für das, was wir dieser Tage so ausführlich feiern konnten: den Mauerfall, die Grenzöffnung, schließlich die deutsche Wiedervereinigung. Danke, dass ihr euch nicht habt beirren und erschüttern lassen, auch wenn es dafür reichlich Anlass gegeben hat in den Jahren vor eurer Ausreise. Meine Generation ist euch zu Dank verpflichtet, denn ihr habt das alles möglich gemacht. Und die nächste Generation, eure Enkelgeneration, wird hoffentlich diese Dankbarkeit aufnehmen und weitertragen – und niemals vergessen, was ihr erreicht habt: ihr habt allen, die nach euch kamen, die Freiheit geschenkt.

Beim Abendessen haben wir unseren Kindern dann erklärt, dass unsere Freiheit heutzutage unser größtes Privileg ist, das wir als Geschenk der Generationen vor uns bekommen haben und das es gilt, zu erhalten. Und noch mehr: wir haben versucht, ihnen zu vermitteln, dass wir die Pflicht haben, diese Freiheit zu teilen, auch wenn das bedeutet, dass unsere persönlichen Privilegien sich vielleicht verringern oder dass wir Meinungen hören müssen, die uns nicht gefallen oder dass wir Handlungen hinnehmen müssen, die wir persönlich vielleicht nicht mögen. Wir dürfen nicht aufhören, die Freiheit zu wertschätzen und wir müssen dafür kämpfen, dass andere Menschen ebenfalls frei sind.

Mein Mann, der beste Berlinmittedad, hat gestern bei Datensammler ebenfalls zu dem Thema Mauerfall, Hoffnung und Freiheit gebloggt und sagt auf vielen anderen Ebenen danke. Ich möchte diesem Text heute meinen hinzufügen und hoffe, dass er auf mehr als nur zwei Paar offene Ohren trifft, bei denen ich mich hier heute bedanken möchte.

Das ist mein persönlicher Blick auf den 25. Jahrestag zum Mauerfall. Was sind eure Geschichten?

signatur

8 Kommentare

  1. Sonja sagt

    Ein wunderbarer Text, liebe Anna, vielen Dank! Meine Großmutter ist schon 1953 mit meinem Vater und meiner Tante aus der Ostzone nach NRW gekommen – auch wenn es damals noch keine Mauer gab, war das doch nicht ganz so einfach und ging nur, weil mein Großvater, der schon im Westen war, Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt hat – absurderweise, weil er sich scheiden lassen wollte, das ging damals nicht über die Zonengrenzen hinweg. Ich bin groß geworden mit der Familie „drüben“, mit Kaffepaketen, in die meine Mutter nicht nur die Pflichtliste mit dem Inhalt legte, sondern alles nochmal mit Edding von innen in den Karton schrieb, damit unsere Verwandten nachvollziehen konnten, was konfisziert wurde, mit einer Teenie-Brieffreundschaft mit meiner Cousine, deren Briefe fast immer geöffnet bei mir ankamen, und mit einem Vater, der in den 70ern schon vor der ständigen Vertretung in Bonn protestiert hat und der im Sommer 1989 bei den 40-Jahr-Feiern schon „keine 10 Jahre mehr“ gesagt hat, als Honecker Anfang 1989 prophezeite, die Mauer würde noch 100 Jahre lang stehen. Ich habe bis heute jedesmal Tränen in den Augen, wenn ich die Bilder vom November 1989 sehe mit all den Menschen, die sich so sehr über etwas freuen, was für uns (zum großen Glück) so selbstverständlich ist, dass wir normalerweise nicht mal darüber nachdenken. Und ich denke, das wir vielleicht etwas öfter darüber nachdenken sollten, das etwas, was eigentlich für jeden selbstverständlich sein sollte, leider auch heute noch ein Privileg ist.

  2. Hallo Anna, dieser Text berührt mich sehr, ich bin eine gebürtige Leipzigerin und war 1989 15 Jahre alt. Meine Familie ist in Leipzig geblieben, ich habe an den Montagsdemos teilgenommen. Ich habe die Panzer gesehen. Es sind Momente, die ich nie in meinem Leben vergessen werde.

  3. Sehr berührend geschrieben…heute ist es für uns und unsere Kinder nur schwer zu bregreifen, welchen Mut ein solches Handeln Menschen wie deinen Schwiegereltern abverlangt haben muss. Seit wir in der Türkei leben bin ich selbst immer wieder konfrontiert mit Einschränkungen in Meinungsfreiheit etc. und habe nun eine noch größere Hochachtung vor Menschen, die sich entscheiden, nicht der Einfachkeit halber die „Füße still zu halten“. Es gibt leider immer noch viel zu viele Orte auf dieser Welt, in denen es mit schwerwiegenden Folgen verbunden ist, für seine Meinung und seine Überzeugung einzustehen. Wir sollten zu diesem wunderbaren Jubiläum auch an all die Menschen denken, die immer noch von einer solchen Politik betroffen sind und unter ihr leiden…

  4. Auch wenn ich die Ereignisse 1989 (ebenfalls) aus Rheinland-Pfalz verfolgt habe, hat es mich damals sehr berührt und dein Text jetzt wieder. Ich sitze hier heulend auf dem Sofa. Danke!
    LG, Micha

  5. Jeannine sagt

    ein wunderbarer Text und leider denkt man viel zu selten daran, was war, was ist und wie dankbar man sein sollte, nicht nur, weil die Mauer gefallen ist, sondern generell. Viele Dinge nimmt man einfach so hin, ohne sich Gedanken darüber zu machen . . . . .

    Dennoch bin auch ich unendlich dankbar für den Mauerfall, sonst hätte ich meinen wunderbaren Partner und seine tolle Familie nie kennenlernen können. Ich bin den Menschen dankbar, die ihr Leben lassen mussten, ich bin den Menschen dankbar, die aufständig waren und sich dafür eingesetzt haben, dass ein Leben, wie es bei vielen Menschen hinter der Mauer war, nicht lebenswert ist.

    Es gibt aber auch die Kehrseite der Medaille, nämlich die Menschen, die hinter der Mauer eingesperrt waren und scheinbar vergessen haben, wie es ihnen dort ergangen ist und wie es ihnen heute geht. Viele vergessen leider, woher sie kamen und wie gut es ihnen heute geht 🙁

  6. Wolfgang Berger sagt

    Danke, liebe Anna, für den sehr berührenden Text. Wir haben in diesen Tagen viel an die alte Zeit, als wir so alt waren wie Ihr heute, gedacht. Ja, die Entscheidung war richtig, und es ist alles gut gegangen!! Dafür sind wir sehr, sehr dankbar. Sicher hat auch immer eine schützende Hand über uns gehalten!!
    Auf die naechsten 25!!

  7. Wie immer ein ganz wunderbar bewegender Text von Dir! Wir waren am Wochenende selbst vor Ort und sehr beeindruckt von all den vielen Menschen. Da uns dieses geschichtliche Ereignis damals nicht nur im TV begegnete, sondern wir „ganz nah dran“ waren, war es für uns sehr wichtig am Sonntag dabei zu sein.
    Ich bewundere meine Eltern für ihren Mut in der damaligen Zeit.Viele Dinge wurden mir erst sehr viel später bewusst.
    Ich freue mich darauf in 25 Jahren mit meinem Sohn dieses Jubiläum zu feiern und ihm von seinen wunderbar tapferen Großeltern erzählen zu dürfen!

  8. Was für ein schöner Text! Auch ich war damals 15, auch ich war bei den Demos, uch ich habe die Panzer gesehen und habe erst später begriffen, wie ernst das alles war…  Eine aufregende Zeit! 

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