Kinder, verzeiht mir. Ich weiß, es ist alles nicht so einfach mit dieser Pubertät. Und ich habe mich wirklich damit beschäftigt! Ich w e i ß, warum ihr euch so verhaltet, wie ihr es nun mal häufig tut. Ich verstehe dieses Ding mit dem Gehirnumbau vollkommen und kann mir viel in eurem Verhalten sehr gut damit erklären. Aber das mit den Haaren…?

Teenager und Haare – ein Mysterium

Wann sind Haare so ein zentrales Thema in eurem Leben geworden? Warum gibt es da diese Verbindung Teenager und Haare? Wieso sind eure Haare das Letzte, was euch vor dem Einschlafen beschäftigt und das Erste, womit ihr euch morgens befasst? Also nur, falls ihr aufgestanden seid, versteht sich. Wie, zur Hölle, sind diese Rituale rund um eure Haare entstanden? Und jede*r von euch, hat da ein ganz eigenes Ding mit den jeweiligen Haaren am Laufen, versteht sich.

Flechtfrisur | berlinmittemom.com

Drei Sorten Teenager, drei Sorten Haarspleen

Da sind die Haare, die niemals mehr im trockenen Zustand gebürstet werden dürfen, weil: Locken und Explosionsgefahr aka „frizz“. Stattdessen also Spezialtreatment. Spezialspülung. Eine Sprühflasche, um sie in trockenem Zustand anzufeuchten, damit die Locken machen, wie sie sollen. Einen Kamm und einen Tangle Teazer unter der Dusche. Sulfatfreies Shampoo. Bestimmte Abläufe in der Pflege, die auf gar! Keinen! Fall! irgendwie abweichend dürfen, weil sonst… Alarm!

Dann die Haare, die nur abends gewaschen werden dürfen, damit sie abends gestylt werden können. Denn nur dann sind sie am nächsten Morgen nicht „übertrieben“ gestylt, sondern haben die nötige Lässigkeit. Natürlich gibt es dafür nur das eine richtige Pflege- bzw. Stylingprodukt. Davon kann unter keinen Umständen abgewichen werden, sonst bricht das ganze System zusammen. Abends waschen, stylen, ins Bett gehen und dann morgens mit entspannten Haaren aufwachen. Dennoch brauchen sie morgens vor dem Spiegel den letzten Schliff, bevor das Haus verlassen werden kann. Natürlich. Das ist im Zweifel wichtiger als Frühstück, die Unterschrift unter der aktuellen Einverständniserklärung oder die Frage, ob man es wohl noch pünktlich zum Bus schaffen wird. Letzteres wäre allerdings ohnehin hinfällig, wenn die Haare nicht sitzen. Dann ist man nämlich eigentlich nicht gesellschaftsfähig und sollte ohnehin besser drinbleiben, bis haartechnisch wieder bessere Zeiten herrschen.

Teenager und Frisuren | berlinmittemom.com

Als letztes sind da noch die Haare, die ständigem Wandel unterzogen werden. Sie werden frisiert, getönt, geflochten und eingedreht, sie werden geglättet und gelockt und dürfen nur von der einen als fähig eingestuften Friseurin geschnitten werden. Diese Haare müssen vor allem nach Mühelosigkeit aussehen. Cool. Unangestrengt. Selbstverständlich. Und damit das so ist, sind auch hier bestimmte Abläufe und Pflegerituale unerlässlich. Schon geringe Abweichungen oder der Ausfall der einzig befähigten Friseurin bringen das empfindliche Gleichgewicht zwischen Coolness und Natürlichkeit ins Wanken. Und wer will das schon?! Ich meine, dann funktioniert der Rest vom Alltag auch nicht mehr, wenn die Haare nicht machen, wie sie sollen! Einself!!

Dass hier Fahrradhelme zu den ungeliebtesten Accessoires ever gehören, muss ich nicht extra erwähnen, oder? Zerstören die Frisuren, das Styling, machen das ganze Erscheinungsbild des jeweiligen Teenagers absolut inakzeptabel. Sind der Feind von jeder Sorte Haaren, die hier wohnen und deshalb verachtungswürdig.

Kinder, Teenager und Haare – same same, but different

Vorbei die Tage, in denen ich schöne Zöpfe flechten und die Haare der Kinder nach meinem Geschmack stylen konnte. Vorbei die Zeiten, in denen ich sogar selbst die Schere rausholen und Spitzen sowie Ponys kürzen durfte. All die Haarspängchen, Rattenschwänzchen, französischen und holländischen Flechtfrisuren, Kränzchen, Haarbänder, Kopftücher am Strand, Pferdeschwänze und geflochtene Dutts gehören für immer der Vergangenheit an.

Und ich kann nur sagen: es erfüllt mich mit Wehmut. Nicht, dass ich nach wie vor das Bedürfnis hätte, an den Haaren meiner Kinder rumzumachen. Im Gegenteil, ich bin froh seit dem Tag, an dem sie sich selbständig um ihre Frisuren etc  kümmern konnten und ich nicht mehr gebraucht wurde. So schön diese Zeiten waren – those days are over. Und das ist gut so.

Aber mal abgesehen vom veränderten Frisurengeschmack der Kids, den ich bei weitem nicht immer nachvollziehen kann (ähnlich wie bei Klamotten übrigens), hat das ganze Haarthema jetzt eine Brisanz bekommen, die es früher nie hatte. Gefühlt hängt unfassbar viel davon ab und früher waren es – einfach Zöpfe. Oder eine Flechtfrisur. Oder ein (von mir) schief geschnittener Pony. Ach, ach, ach – die kleinen Tage! Voll mit harmlosen Themen und unkritischen Alltagsaspekten, die einfach so da waren und keinerlei tiefere Bedeutung hatten.

Die Grenzen mütterlicher Geduld

Und ich? Ich bin nun tatsächlich die Haarspießerin der Familie, hab noch nie was anderes gehabt, als immer denselben Look, noch nie gefärbt, noch nie gelockt, gewellt oder kurz geschnitten, noch nie irgendwas ausrasiert, stufig schneiden lassen oder toupiert. Nicht mal bei der Frage, wo ich meinen Scheitel trage, bin ich besonders variationsfreudig. Eigentlich schüttele ich die Haare über Kopf aus nach dem Fönen und da, wo der Scheitel dann natürlicherweise hinfällt, da lass ich ihn. Schon immer. Speziell für mich also natürlich am allerschwersten nachzuvollziehen, wie ausgerechnet ich drei Kinder geboren habe, deren Umgang mit der eigenen Kopfbehaarung geradezu Fetischpotenzial hat. Ich wundere mich. Und schwanke zwischen leichter Belustigung und diversen Genervtheitslevels bzw Unverständnis. Was alles nichts an den Tatsachen ändert: meine drei Ableger verstehen bei dem Thema keinen Spaß. Haare sind serious business im Hause Berlinmittemom.

Ich nehme also die Tiegel mit selbstangerührter Leinsamenpampe für die Locken hin, ebenso wie die grünbraunen Überreste von Avocado-Arganöl-Packungen, sowie die Tatsache, dass es nur e i n spezielles Wachs auf Erden gibt, das den Anforderungen dieses e i n e n Haarschopfes gerecht wird. Indessen warte ich, dass diese Phase der Besessenheit abklingen möge.

Und schicke Gebete um mehr Leinsamen und mehr Großmut und Geduld meinerseits ins All. Ob’s was nützen wird?

6 Kommentare

  1. Haha, das ist ja sooo lustig! Ich bin so alt wie du, und fühle wie deine Kinder. Ich kann sie soo gut verstehen, ich war schon immer so wie sie, ich habe Naturlocken, die brauchen besondere Produkte und Abläufe und die Stimmung hängt vom Haarzustand ab und der Frisör ist auch ein großes Problem! Das hast du so toll geschrieben, so ist es auch. Große Sympathie für die Kids und die humorvolle Mama ❤️

  2. „Da sind die Haare, die niemals mehr im trockenen Zustand gebürstet werden dürfen, weil: Locken“… seufz.

    Hier so: Vor einem Jahr wurden die Haare auf ca. 3mm kurz abrasiert. Jetzt sind sie kinnlang und lockig und zwar vor allem über den Augen, aber sie dürfen natürlich nicht ab, weil sie das nicht dürfen, ist doch klar. Auch wenn man kaum noch was sieht.
    Sie werden jeden zweiten Tag gewaschen, aber sehen immer ranzig aus, weil sie ja nicht gekämmt oder gebürstet werden dürfen. Dafür benötigen sie aber unbedingt regelmäßig eine Kurpackung, nämlich die, die ich mir kaufe und leichtsinnigerweise nicht in der Büroschublade verstecke, bis ich sie zu Hause benötige, wie ich das mit den anderen Dingen mache, die ich für mich haben will. Ach ja.

  3. Oh Gott, ich bekomme eine leise Ahnung davon, was hier auf mich zukommt. Mich würde noch interessieren, wie ihr die Helmfrage klärt? Hier gilt (noch). Kein Helm, kein Fahrzeug, aber schon jetzt kommen die ersten Diskusionen auf, da die anderen Kids am Skatepark auch keinen Helm tragen…

    • hier wurde der helm so regelmäßig in der schule „vergessen“, ging „verloren“ und man ging dann, wenn ich zwang ausgeübt habe, eben zu fuß, bis ich aufgegeben habe. irgendwann kann man kinder bzw. heranwachsende einfach nicht mehr zu allem zwingen bzw. sie mit sachen erpressen. aber es gibt ja auch friedliche kinder, die alles akzeptieren, was eltern vorgeben. insofern: es gibt hoffnung.

  4. Hi, hi! Ich erinnere mich gut an meine Jugend, da war ich ähnlich haarbesessen! Ich habe gelockt, gefärbt etc… bis zu 6h mit langen Haaren und Dauerwelle beim Friseur gesessen, bis ich dazu über ging nur noch zu pflegen, mit lange ausgewählten Pflegemitteln und den verschiedensten Haarbürsten. Stundenlang habe ich mich mit meinen Haaren beschäftigt. Noch heute ist es eine mittlere Katastrophe für mich, wenn eine lange gesuchte Frisöse aufhört, gerade bin ich wieder auf der Suche nach einer fähigen Haarfee… ich muss aber auch sagen, dass ich eben auch sehr viele, dicke, aalglatte Haare habe, die sich wirklich nur von einem guten Schnitt zu einer Frisur überzeugen lassen. Ansonsten föne und schneide ich die Haare meiner Familie, gerade mein Mann und mein Sohn lassen niemanden anderes mehr an ihren Kopf. Leider lässt mich meine Tochter (8 Jahre) ihre Haare nicht flechten oder schneiden, ganz selten lässt sie sich von mir einen Zopf oder ähnliches machen, sie kämmt nur und trägt sonst ihr Haar in natürlicher Wildheit. Gerne auch über den Augen, es störe sie nicht, nun ja. Frisöse bin ich nicht geworden, für mich ist es ein Hobby geblieben. Was ich sagen will, manchmal hält die Eigenheit mit den Haaren lange an! Viel Spaß noch mit den haarigen Spleens!

  5. Sehr schön und freudig zu lesen.
    Und Mut machend. Wurde im Kindergarten angesprochen, dass wir doch mal unserer vierjährigen die Haare besser kämmen sollen, was diese aber nicht will. ;)

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