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Unsere Werte sind nicht verhandelbar ::: Ein Gespräch mit den Kleinen

Familienzeit, Großfamilie, Berlinmittekids, Sylt, Strand

Heute holte ich meine Kinder von der Schule ab, wie immer. Sie zogen ihre Reithosen an und packten ihre Brotdosen aus und wir fuhren wie jeden Montag plaudernd zum Reiten. Aber dieses Mal ging es nicht um Schule, um Familienkram oder kleine Anekdoten aus unserem Leben. Es ging um Politik. Um die Ergebnisse der Bundestagswahl und darum, was das für uns bedeutet.

Vor allem die Kleinen hatten viele Fragen. Einmal über das System: welche Partei bekommt wieviele Sitze im Bundestag und was bedeutet das, wie lange dauert es erfahrungsgemäß, bis sich Koalitionen gebildet haben, was ist die Opposition und was ist ihre Aufgabe. Aber dann ging es auch ans Eingemachte und an die große Frage danach, wie ich bewerte, was gestern passiert ist. Wie ich es einordne. Ob ich ihnen das bitte erklären könne. Und wieso Herr Gauland gesagt hat, er würde Angela Merkel jagen. Was er damit gemeint hat. Und ob wir jetzt Angst haben müssten.

Es ist nicht so, als hätten wir noch nie über Politik gesprochen, ganz im Gegenteil. Gerade in den letzten Wochen war hier viel die Rede davon, was wir wählen würden und warum. Wie wir zu den einzelnen Parteien stehen und nach welchen Kriterien wir unsere Stimmen vergeben würden. Wir haben den Kindern Fragen beantwortet und auch über Wahlplakate mit ihnen gesprochen, die ja überall hingen. Aber sie haben gerade gestern viel aufgeschnappt und die kleinen Gesichter waren voller Sorge, als wir im Auto saßen.

„Mama, müssen wir uns fürchten, weil wir doch auch einen Migrationshintergrund haben? Und Menschen mit Migrationshintergrund will die AfD nicht in Deutschland, oder?“

„Was ist mit meiner Freundin A, die ist jüdisch. Muss die sich fürchten? Ich will nicht, dass sie Angst haben muss!“

„Wieso sagen die Leute in der AfD, Schwule und Lesben und ihre Kinder sollen keine Familien sein und nicht heiraten dürfen? Was sollen sie denn dann machen? Wenn sie sich nun mal lieben, wie alle anderen Menschen auch?“

„Warum mögen die nichts, was anders ist, als sie, Mama? Wieso denken sie, sie sind besser als alle anderen?“

Und zum Schluss sagte der Lieblingsbub leicht frustriert: „Was soll ein kleiner Mensch wie ich gegen so jemanden wie Herrn Gauland unternehmen? Ich kann nicht gewählt werden, um im Bundestag mit ihm zu streiten, ich kann nicht mal selbst wählen! Was soll ich also tun?! Was tun wir jetzt Mama?“

Was tun wir jetzt, Mama?

So wenig ich mich auch vor der Wahl hier dazu äußern wollte, weil ich der Meinung bin, keine Expertin zu sein und niemandem Wahlempfehlungen geben zu können, so sehr habe ich jetzt eine Haltung zur aktuellen Situation, die ich hier teilen möchte.

Denn ich habe meinen Kindern all ihre Fragen beantwortet, ich habe ihnen (nicht zum ersten Mal) gesagt, dass ich in unsere Demokratie vertraue und auch in die parlamentarischen Prozesse und dass ich mir sicher bin, dass wir als Gesellschaft all den Gaulands dieser Welt jede Menge entgegenzusetzen haben.

Das bedeutet natürlich nicht, dass wir uns gemütlich hinsetzen und die gewählten Volksvertreter vor sich hin machen lassen können. Auf keinen Fall. Denn obwohl mir klar ist, dass nicht jede*r AfD-Wähler*in ein Rassist, Antisemit, Frauenfeind oder Schwulenhasser sein muss, ist die Tatsache, dass eine im Kern undemokratische Partei mit diesen „Werten“ im Bundestag vertreten ist, ein Faktor, der unseren Alltag verändern wird.

Denn all die, die bisher hinter vorgehaltener Hand ihre Rassismen geäußert haben, all denen, die nur unter Gesinnungsgenossen darüber redeten, wie sie über People of Colour, Behinderte, Alleinerziehende, Moslems, LGTBQ und überhaupt alle, die von der „Norm“ abweichen denken, haben jetzt eine offizielle Lobby im Bundestag. Und sie werden sich möglicherweise nicht länger in Zurückhaltung üben, wenn es um ihre Ansichten geht und sie werden sich vielleicht noch weniger als zuvor scheuen, übergriffig zu werden, sich feindselig zu äußern, andere auszugrenzen und ihnen das Leben schwer zu machen. Und genau das ist die Herausforderung, der wir uns alle jetzt stellen müssen.

Es hilft nichts, zu heulen, sich zu verkriechen oder sich in Fantasien über Auswanderung zu ergehen. Sich zu fragen, ob das die Welt ist, in der wir unsere Kinder aufwachsen sehen wollen oder sich in den Frust über das gestrige Wahlergebnis zu ergeben. Es hilft nicht nur nichts, es ist meiner Meinung nach einfach falsch.

Denn es ist so: wir sind noch da. Wir sind viele. Die Mehrheit übrigens. Und wir sind diejenigen, die diese Welt gestalten und dafür sorgen werden, dass unsere Kinder darin gut aufwachsen können.

Unsere Werte sind nicht verhandelbar

Wenn meine Kinder mich fragen, was sie tun können, was ich gedenke zu tun, dann lautet meine Antwort deshalb – da bleiben. Nicht verstummen. Nicht aufhören, für unsere Werte zu kämpfen und sie zu verteidigen. Und zur Erinnerung: in unserem Grundgesetz steht geschrieben, welche Werte das sind.

Wenn wir Zeiten entgegensehen, in denen Menschen diese Werte mehr und mehr in Frage stellen, müssen wir, wenn es uns ernst ist, dafür einstehen, dass sie auf jede Frage die Antwort bekommen: wir rücken nicht ab von diesen Werten. Diese Werte sind nicht verhandelbar.

Ich verstehe, dass meine Kinder ängstlich und besorgt sind. Ich bin es auch. Aber ich bin nicht gewillt, den Kopf zu senken und in meine Suppe zu weinen, statt aufzustehen und laut zu werden für die Werte, mit denen ich aufgewachsen bin und an die ich glaube.

Hass und Verachtung für diese Werte und die Menschen, denen dieser Artikel 3 des Grundgesetzes Schutz bieten soll, sind das, womit wir es zu tun haben werden in den nächsten Jahren. Und wir dürfen keinesfalls einknicken, zulassen, dass Diskriminierung von sogenannten Randgruppen zunimmt, dass die Teilhabe der von der „Norm“ in irgend einer Form abweichenden Menschen verhindert wird, dass Integration entgegengewirkt und die Spaltung der Gesellschaft vorangetrieben wird.

Keinen Zentimeter machen wir Platz. Wir bleiben solidarisch und verlässlich an der Seite derer, die dieser Hass als Erstes offen treffen wird. Das ist es, was wir tun können. Tun müssen.

Wir müssen einander noch mehr lieben als bisher, wir müssen aufeinander achten und es darf uns nicht egal werden, was mit anderen und uns selbst geschieht. Wenn eine*r müde wird, muss ein anderer aufstehen und seinen Platz einnehmen. Wenn eine*r getroffen wird, müssen wir ihn stützen und ihm aufhelfen. Wir müssen Diskriminierung beim Namen nennen und uns ihr entgegenstellen. Und wir dürfen niemanden zurücklassen. Nicht einen Menschen.

Das ist die Welt, in der ich meine Kinder großziehe. Das ist das Beispiel, das ich ihnen geben will. Und wenn sie erwachsen sind, wie immer es dann auf dieser Welt aussehen mag, werden sie wissen, dass sie für ihre Werte, ihre Überzeugung und ihren Glauben einstehen und damit etwas erreichen können.Sie werden wissen, dass man Schwächere schützt und nicht ausgrenzt. Sie werden wissen, dass Menschen aller Herkunft, Religion, Geschlecht und sexueller Orientierung gleich sind und dass niemand das Recht hat, sich über andere zu erheben.  Sie wissen es jetzt schon.

Es liegt an uns. Passen wir aufeinander auf.

Weiterlesen zum Thema könnt ihr zum Beispiel hier (und ich sammele weiter Links zum Thema hier):

20 Kommentare

  1. Stefanie sagt

    Ein guter, wichtiger Text. Und doch wäre es schön gewesen, zum Thema auch VOR der Bundestagswahl mehr auf den großen Familienblogs zu lesen, denn für die richtigen Werte stark machen sollte man sich immer. Politikprofis sind nur die wenigsten – meine Meinung vertrete ich trotzdem. Ich wünsche mir, dass das Thema Wahl in 4 Jahren viel mehr auch auf Familienblogs stattfindet: Politik gehört zum Familienleben und wer aus der Mitte einer Familie berichet, kommt um dieses Thema nicht herum. Wer eine solche Reichweite wie Familienblogger hat, sollte auch Verantwortung übernehmen, z.B. um wichtige Familienthemen (Bildung, Umweltschutz, Vereinbarkeit, Kinderarmut, Situation der Hebammen) im Wahlkampf mehr in den Mittelpunkt zu rücken. Nehmt die Politiker aller Parteien in die Pflicht, sich um diese Themen zu kümmern. Nur viele zusammen können etwas ändern.
    LG, Stefanie

  2. Ein ganz toller und wichtiger Artikel, vielen Dank! Tatsächlich gehörte ich am Wahlabend zur Fraktion rumheulen und negativ Denken aber solche Texte helfen, es optimistischer anzugehen.

    Liebe Grüße, Frida

  3. Ein toller Text! Vielen Dank. Hier daheim beantworte ich ähnliche Fragen und deine Antworten bestärken mich!

  4. Danke für Deinen Text, der mir auch der Seele spricht. Auch mein Großer hat Sorgen, wie es jetzt in Deutschland weiter geht (obwohl er mit seinen 7 Jahren noch kaum Ahnung von Politik hat). Aber er hat eben nicht die Augen verschlossen vor den Nachrichten, die er ab und zu zu Gesicht bekam, mit Flüchtlingslagern, Panzern in Flüchtlingsländern, überbesetzten Booten, in die Eltern (gleich welcher Herkunft) ihre Kinder nur setzen, wenn sie wirklich Angst empfinden…all das beschäftigt auch kleine Kinderseelen. Und wir MÜSSEN ihnen immer und immer wieder vermitteln (oder eben besser vorleben), dass es NORMAL ist, dass wir anderen helfen. Dass wir Leute in Not schützen, dass wir helfen, wo wir es können – ganz gleich, ob Nachbar oder fremder Bürger. Und das alles eben nicht, weil die Politik das so sieht, sondern weil es unsere tiefe Überzeugung ist. Eben Werte, die das Leben ausmachen. Und auch ich blicke der derzeitigen Situation nach den Wahlen kritisch entgegen, aber ich sage auch, dass jeder für sich und sein Umfeld verantwortlich ist. Die AfD-Wähler sind unzufrieden mit ihrem Leben, aber oft hat man das halt (bis auf Gesundheit) selbst in der Hand…und eben nicht irgendeine Partei!!! Und wenn wir mal ehrlich sind, müsste sich nahezu jeder hier mal eingestehen, dass es uns gut geht (klar, manchmal mit finanziellen Ängsten, Nöten usw.) und sollten dankbar dafür sein, weil das eben heutzutage eben nicht überall selbstverständlich ist. Und das könnte jeder sehen, wenn man bereit ist, nicht die Augen davor zu verschließen…

    • Katharina sagt

      „Die“ Afd Wähler sind sicher nicht per se unzufrieden. Gewiss, ein großer Teil wählt aus Frust oder will „denen da oben“ mal einen Denkzettel verpassen. Aber manchmal hat man sich ganz dezidiert mit dem Programm auseinander gesetzt und stellt fest, dass die größtmögliche Übereinstimmung eben genau hier liegt.

      Die Gedanken, die Annas Kinder äußern und die Antworten, die sie ihnen auf ihre Fragen zu geben versucht, beschäftigen uns hier auch. Um ausführlich auf Annas Beitrag Stellung zu nehmen, bräuchte es ein eigenes Blog bzw.mehr Erfahrung in souveränem Schreiben.

      Aber es ist nicht so einfach, wie es einem die Medien immer suggerieren wollen. Da ist nicht nur der angry white man oder der gefrustete Arbeitslose aus dem tiefen Osten.

      Manchmal sind es einfach ganz normal wertkonservative Familien, die sich im ganzen Berliner Polittheater nicht mehr abgebildet sehen. Deren Alltagsrealität fernab von LGBT/ Regenbogenfamilien/ Multikulti stattfindet. Ich behaupte, dass es in Deutschland mehr Gebiete sind, in denen hauptsächlich klassische Familien leben, als es uns die bunte Medienwelt oder Blogger aus der Hauptstadt zeigen. Ja, das ist AUCH Realität in unserem Land, aber eben nicht nur.

      Bei mir zuhause wurde ganz klassisch SPD gewählt, Arbeiter aussem Pott eben. Dazu noch ein Teil katholischer Einschlag aus Schlesien, der CDU wählte. Die Grünen in ihren Turnschuhen wurden von beiden kritisch beäugt, „Steineschmeisser“, die von der FDP eher auch: „Bessergestellte“. Der Teil unserer Familie, der durch die DDR getrennt wurde, sieht heute die Linke mit ihren Ideen als absolut indiskutabel und beäugt auch Frau Merkels Biographie hinter den offiziellen Veröffentlichungen kritisch. Kann sie für die CDU im alten, rheinisch-katholisch geprägten Sinne stehen? Eher nicht.

      Das „Wir schaffen das“ aus 2015 hat unser hiesiges Flüchtlingsnetzwerk schon damals nicht geglaubt. Und heute, über zwei Jahre später, begleite ich weiter Menschen, die unter falschen Vorstellungen in unser Land gekommen sind. Die sich mit aller Kraft zu integrieren versuchen und doch immer wieder an den staatlichen Strukturen verzweifeln. Nicht an den deutschen Bürgern um sie herum, sondern an der Bürokratie, an unerfüllbaren Auflagen, an ausgesetztem Familiennachzug &&&.
      Ich habe keine „wir schaffen das“ Partei gewählt, sondern eine, auf die ich meine Hoffnung setze, diesem unmenschlichen Chaos ein Ende zu bereiten. Die das Asylrecht umsetzt, die schon vorher schaut, wer da kommt und was wir mit ihm/ihr anfangen. Die keine falschen Versprechen macht.
      Die auch meine Familie und ihre Realität abbildet, welche noch der Mehrheit unter den unterschiedlichen Familienformen angehört (wie übrigens auch die allermeisten der Flüchtlingsfamilien. Männlicher Vater, weibliche Mutter und meist mehr als zwei leibliche Kinder, einer Religionszugehörigkeit nicht abgeneigt)
      Die Familien mehr Wahlfreiheit in Bezug auf ihr Familienleben ermöglichen möchte, die Kindes- und Familienwohl über wirtschaftliche Interessen stellt.

      Es war kein Frust, kein Interesse an brauner Soße, kein Denkzettel. Ich bin nicht männlich, arbeitslos, aus dem Osten, über 40. Mich treiben die gleichen Werte im Grundgesetz an, die Anna zitiert. Die Partei, die für mich am sorgfältigsten über diese Werte FÜR ALLE Bürger nachdenkt, die habe ich angekreuzt.

  5. Katharina, ich hoffe mal ganz stark, dass du nicht die afd meinst, denn bei deinem Satz Werte „für alle“ findest du nämlich genau den Haken an der Sache. Die afd ist eben nicht FÜR ALLE. Das ist ein wesentlicher Unterschied. Die afd ist mit ihrem Familienbild eben NUR für die Vater-Mutter-Kind Familie. Und während KEINE der anderen Parteien eben jenem Durchschnitt, der logischerweise das häufigste Bild in ALLEN FAMILIEN weltweit darstellt, irgendwas abspricht, tut die afd das.
    Ehe für alle (oder eben Familie) ist kein Kuchen. Nur weil anderen ein Stück zugesprochen wird, bekommst du nicht weniger. Aber die afd verkauft es so.
    Und wenn es keine Flüchtlinge mehr gibt, dann tritt die afd nach dem nächsten Schwachen. Vielleicht kommen dann die Arbeitslosen, denen die Gelder gestrichen werden, sind schließlich alle selber schuld. Wer ist der nächste in der Hackordnung? Die Obdachlosen? Am besten alle irgendwo weg sperren, damit sie das Straßenbild nicht verschandeln. Und dann? Geringverdiener? Leisten ja nicht so viel. Alleinerziehende? Alle asozial. Alte Menschen? Bringen der Gesellschaft auch nichts. Behinderte? Künstler? Andersdenkende? Oh, ups, da sind wir ja schon fast so weit wie vor etwa 80 Jahren…

    Liebe Anna,
    Ich hoffe du verzeihst mir diesen Kommentar, manchmal muss der Ärger raus. Ich wünschte mir, dass es mehr Kinder wie deine auf dieser Welt gäbe. Und noch mehr wünschte ich mir, dass es mehr Eltern wie euch gäbe, die den Kindern ermöglichen so zu werden, und auch so zu bleiben.

  6. Ich stehe politisch sehr weit links. Es gibt für mich keine zur Zeit wählbare Partei, bei der ich mich wiederfinden könnte. Ich habe trotzdem gewählt (und nicht die AfD!)
    Aber ich finde, dieses Wahlergebnis (was ja nun auch nicht unerwartet vom Himmel fiel) hat eines gut gezeigt: dass es mehr als eine Parallelgesellschaft gibt. Und dass die Menschen sich mehr und mehr voneinander entfernen. Es gibt diese Blasen, wie hier im Internet, wo alle auf einer Wellenlänge zu sein scheinen, und in diese doch recht heile, glückliche und wohlhabende Welt kommt – so scheint es mir oft in Familienblogs – nichts anderes hinein. Außer jetzt zum Beispiel so ein schlimmes Wahlergebnis, dem man fassungslos gegenüber steht.

    Nein, „Die AfD-Wähler sind unzufrieden mit ihrem Leben, aber oft hat man das halt (bis auf Gesundheit) selbst in der Hand…und eben nicht irgendeine Partei!!! “ – wie wenig das stimmt. Dass Alleinerziehen ein großes Armutsrisiko birgt, dass es Schulen mit 90 Prozent Kinder n.d.H. gibt in Berlin, dass Chancengleichheit ein Witz ist, dass staatliche Schulen in Berlin (und anderswo) dreckig und baufällig sind, dass viele Kinder aus HartzIV-Familien ein hohes Risiko haben, später auch ohne Arbeit dazustehen, das ist auch alles Realität in unserem Land. Mit „selber schuld“ macht man es sich verdammt einfach . Wer im strukturschwachen Raum wohnt, sieht die deutsche Realität anders, als die Bewohner der Berliner (und anderer Großstädte) Innenstadtbezirke.
    Die Schere zwischen Reich und Arm wird immer größer. Wer arm ist, fühlt sich von der Politik nicht berücksichtigt. Wer reich ist, hat Angst vor Besitzverlust.
    Ich denke nicht, dass die AfD so viele Stimmen bekommen hat, weil das alles asoziale Fremdenfeinde sind. Sondern weil sie vorgeben, die Ängste der Bevölkerung ernst zu nehmen.
    Ich verstehe zwar nicht, wie man auf den Gedanken kommen kann, Nazis zu wählen (die behaupten, sie seien ja keine), aber dass man die anderen Parteien nicht wählt, leuchtet mir sehr wohl ein.

    Familienblogs sollten politischer werden. Denn es gilt immer noch, dass das Private politisch ist.
    Ich mochte diesen Text. Aber er zeigt mir auch, in welch unterschiedlichen Welten Menschen in unserem Land leben. Und wie das Sein das Bewusstsein (und das Wahlverhalten) bestimmt.

    • Katharina sagt

      „Ich verstehe zwar nicht, wie man auf den Gedanken kommen kann, Nazis zu wählen (die behaupten, sie seien ja keine), aber dass man die anderen Parteien nicht wählt, leuchtet mir sehr wohl ein.“

      Danke, Gaby. Das hat mir sehr gut gefallen. In einem halben Satz zusammengefasst, was ich in zwei langen Antworten irgendwie nicht rüberbringen konnte und dafür viel zu persönlich geworden bin.

  7. Katharina sagt

    Flo,
    Ich habe -zumindest zwischen den Zeilen- ein wenig die Hosen über meinen sozioökonomischen Status runtergelassen. Bei dir kann ich jetzt nur vermuten und das ist immer blöd. Für mich liest es sich so, als fühlst du dich evtl.als Alleinerziehende angegriffen?
    Es ist doch nur verständlich, dass sich jeder das raussucht, was seiner Lebensrealität am nächsten kommt bzw.es ist aus meiner Sicht falscher Heldenmut, das zu wählen, was vielleicht für einen anderen am Besten wäre.

    Meine Empfindung ist genau gegensätzlich zu deiner: Obwohl Deutschland- und Weltweit die Durchschnittsfamilie am Häufigsten vormommt, wird ihr hier in diesem Land von nahezu allen Parteien etwas abgesprochen. Nur so als schnelle Beispiele: Frühkindliche Bildung von Fachpersonen in Institutionen wird der Erziehung durch die Eltern zuhause vorgezogen. Die klassische Familie wird nicht als das Standardmodell definiert und ggf.entsprechend geschützt. Familien haben keine echte Wahlfreiheit, wie sie ihr Familienleben gestalten wollen etc.
    Ist doch irgendwie unlogisch. Da wird etwas, was weltweit der Standard ist, systematisch demontiert. Diese Demontage wird als Fortschritt verkauft und das Volk nickt und freut sich, weil alles sein darf, bloß nichts mehr wie vor 80 Jahren.

    Mich interessiert, woher deine Meinung mit der verbunden Aufzählung kommt, dass die Afd stets nach dem nächsten Schwachen treten wird.

    Und die Andersdenkenden am Ende der Kette?
    Die komischen 12.5% sind doch „die anderen“. Die, die anscheinend anders denken, als der Rest der Nation, z.B.die, die heute nicht für Ehe für alle sind und Angst um ihr Stück Kuchen haben nach deiner Aussage.

    Knapp 25% haben gar nicht gewählt ( Autsch!), über 60% haben doch so gewählt, wie es „richtig“ ist. Quasi „politisch korrekt“. Worüber regt man sich jetzt auf? Dass auf einmal Sand im Getriebe steckt? Dass es jemand wagt, wie das Kind in „Des Kaisers neue Kleider“ den Finger zu erheben und laut auszusprechen, was nicht gesagt werden darf?
    80 Jahre zurück wäre aber genau das. Nur dass die Gesinnungsdiktatur eben nicht von den 12.5% ausgeht.

    jetzt ist es schon spät, vielleicht morgen mehr.

  8. Cordula sagt

    Danke Katharina und Gaby, daß Ihr hier Eure andere Sichtweise dargestellt habt. Im übrigen erziehe ich mein Kind auch den von Anna geschilderten Werten, habe aber trotzdem die Afd gewählt, vor allem aus den von Gaby geschilderten Gründen. Der den Afd- Wählern entgegenschlagende Hass macht mir Angst.

    • Stefanie sagt

      Und mir macht Angst wie Hass geschürt wird durch Menschen, die in der Afd ein zu Hause finden (Höcke, Gauland, …) Wertkonservativ hin oder her, man sollte sich doch bitte genau anschauen WEN man wählt. Es mag sein, dass nicht jeder Afd-Politiker rechtsradikal ist, aber in dieser Partei werden solche Personen nun mal geduldet. Und ganz sicher sind das nicht nur Einzelfälle!!! Zu einer weltoffenen, toleranen Erziehung passt das in meinen Augen nicht.

  9. Dass man sich durch die etablierten Parteien im möglicherweise fernen Berlin nicht ausreichend vertreten sieht, ist eine Sache, die ich noch ansatzweise nachvollziehen kann – obwohl in einer demokratischen Gesellschaft theoretisch jedeR die Möglichkeit hat, sich zu engagieren und zum Wandel, den man sich wünscht, beizutragen. Ansonsten hat Anna es eigentlich schon auf den Punkt gebracht: die AfD ist eine undemokratische Partei. Wer die AfD nicht wegen ihrer antidemokratischen und ausgrenzenden Politik wählt, sondern weil die AfD “wertkonservativ” ist, nimmt eine solche Politik zumindest billigend in Kauf. Auf jeden Fall hat solch einE “wertkonservativeR” AfD WählerIn deutlich andere Werte als ich. Nicht nur sind Spitzenpolitiker der AfD mehrfach durch rechtsextreme Äusserungen negativ aufgefallen (man denke nur an Gaulands Bemerkungen über die Wehrmacht), das AfD Parteiprogramm strotzt nur so von extrem rechten Begrifflichkeiten und Ideen, die ich keinesfalls in Deutschland verwirklicht sehen möchte, es ist im Kern ausländer-, islam-, demokratie- und frauenfeindlich. Unter anderem werden darin wortwörtlich die “Selbstabschaffung” Deutschlands und die “Schrumpfung unserer angestammten Bevölkerung” beklagt, die Beschäftigung mit “Gender-Ideologie” (sic!) kritisiert, “Deutsche Leitkultur statt Multikulturalismus” propagiert und die deutsche Sprache soll als Staatssprache im Grundgesetz verankert werden. Deutschland ist 2017 ein multikulturelles Land mit einer Vielfalt an Lebensformen, ob man das wahrhaben möchte oder nicht. Ich selbst habe eine multikulturelle, mehrsprachige Familie – wie soll ich mich von solchen Forderungen nicht angegriffen fühlen? “Unsere Werte sind nicht verhandelbar.” Ja Anna, genau so ist es. Danke fuer Deinen Text.

    • Katharina sagt

      Guten Morgen,

      Ok.
      Danke für deine ausführliche Antwort. Ich brauche da jetzt nicht mehr lang zu schreiben, da sich nichts Neues zum Erklären ergibt. Einer unser gemeinsamen Werte ist die Meinungsfreiheit, darum konnten wir beide unsere Ansichten darlegen.

    • Katharina sagt

      ups, man sollte morgens wach sein, bevor man kommentiert. Habe wohl nur einen Namen mit 3 Buchstabend wahrgenommen und mein Gehirn hat gedacht, „Flo“ hat noch einmal geantwortet.

      Dies als Erklärung, falls mein Kommentar komisch ist 😉

  10. Liebe Anna,

    danke, daß Du dieses Thema in Deinem Blog aufgreifst und Dich klar positionierst.
    Ich finde es besonders gut, daß in den Kommentaren auch ein Austausch über unterschiedliche Positionen möglich ist.
    Ich denke tatsächlich, daß wir in einer Blase leben (auch hier: Berlin Mitte mit einem ausländischen Elternteil, wir engagieren uns für eine Flüchtlingsfamilie, mein Sohn geht in die Parallelklasse (3c) deiner Kleinen, die Kinder sprechen fließend 4 Sprachen, bei uns im Haus wohnen zwei schwule Paare…). In dieser Blase fühle ich mich wohl, aber sie birgt tatsächlich die Gefahr, daß das Verständnis für die anderen schwindet.
    Ich möchte auch wissen, wie andere leben und denken, deshalb fand ich den Kommentar von Katharina interessant:
    „Manchmal sind es einfach ganz normal wertkonservative Familien, die sich im ganzen Berliner Polittheater nicht mehr abgebildet sehen. Deren Alltagsrealität fernab von LGBT/ Regenbogenfamilien/ Multikulti stattfindet. Ich behaupte, dass es in Deutschland mehr Gebiete sind, in denen hauptsächlich klassische Familien leben, als es uns die bunte Medienwelt oder Blogger aus der Hauptstadt zeigen. Ja, das ist AUCH Realität in unserem Land, aber eben nicht nur.“
    Gut, daß Dein Blog Leserinnen mit unterschiedlichem Weltverständnis interessant ist. So kann Dein Blog auch Begegnungsplattform sein.
    Es ist wichtig, daß wir uns alle klarmachen, wie wir uns in Deutschland trotzdem verstehen können ohne verächtlich aufeinander hinabzusehen. Wie wir weiter im Gespräch bleiben können.
    Wir müssen ein gewisses Mitgefühl für „die Anderen“ entwickeln und uns klar gegen alle Kräfte wenden, die Spaltung der Gesellschaft forcieren. Gerade auch in der Politik wird dies ja von vielen Parteien betrieben, der 13%-Partei, aber auch die Kommentare von Vertretern alter Parteien (z.B. Jens Spahn über das Englisch in Berlin Mitte).
    Deswegen: ich ermuntere alle Kommentierer weiter zum Gespräch über den Tellerrand, nicht nur Plaudereien innerhalb der eigenen Blase.
    Und als Basis haben wir den von Dir zitierten Artikel 3 (3) des Grundgesetzes. Denn der ist nicht verhandelbar.

    LG, Nora

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  14. Liebe Anna, genau wegen diesen Texten lese ich deinen Blog nach all den Jahren und all den Veränderungen noch immer gern. Danke dafür. Ich kam leider erst heute zum ausführlichen Lesen und möchte nicht kommentarlos verschwinden. Mit unseren Kindern lebe ich viele der Werte, die du auch beschreibst – aus unserer christlichen Überzeugung heraus. Auch wir haben am Wahlmorgen beim Frühstück über die AfD gesprochen. Wir wohnen Wand an Wand und vor allem Garten an Garten mit zwei schwulen Papas und ihren wunderbaren Söhnen. Unsere Kinder wachsen gemeinsam auf und wir retten uns mindestens einmal pro Woche mit Kaffee und Keksen gegenseitig vor dem Nervenzusammenbruch. Unsere Kinder kennen das hat nicht, dass deren Familienleben weniger wert sein soll, als unseres. Ich werde nie das Gesicht meines Sandwichmädchens vergessen, als sie erfuhr, dass es Menschen gibt, die das anders sehen. Sie hat mich dann auch gefragt, ob diese Familie nun Angst haben müsste oder ob man die Männer zwingen könne, sich scheiden zu lassen. Ich war gleichzeitig so traurig und so stolz auf meine Kinder und dass sie so offen sind. Du hast recht, das beste, was wir gegen den Wahnsinn dieser Welt tun können, ist Kinder ins Leben schicken, die aus voller Überzeugung dagegen halten. Lass uns aufeinander aufpassen und uns immer wieder Mut dazu machen. Dein Blog trägt dazu bei – und ich versuche an meinen Orten zu wirken und wenn es auch nur Kleingkeiten sind.

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