Jetzt ist doch fast das passiert, was ich vermeiden wollte, aber oft nicht kann. Weil ich nunmal bin, wie ich bin und die Dinge, die um mich her geschehen, immer etwas mit mir machen. Gerade, wenn sie mich so unmittelbar betreffen.

Ich bin es gewöhnt, dass das, was ich hier schreibe, auf viele mögliche Arten gelesen wird. Schon immer musste ich mich hier damit auseinandersetzen, dass Menschen hier unwillig auf das Geschriebene, Gelesene reagieren. Und das ist vollkommen okay. Ich schreibe hier nicht für Beifall oder unkritische Zustimmung. Ich schreibe höchst subjektive Geschichten aus meiner Welt. Viel aus dieser Welt überschneidet sich mit den Welten derjenigen, die hier lesen, und für jede, die hier liest, ist es eine andere, ganz individuelle Schnittmenge. Mit manchen ist sie größer, mit anderen kleiner. Und auch das verändert sich.

Als ich den Blog vor über zehn Jahren gestartet habe, ging es nur um meine kleine Welt, aus der ich Geschichten geteilt habe. Es ging ums Schreiben und Beschreiben meines Lebens mit drei sehr jungen Kindern. Damals gab es noch nicht ansatzweise so viele Blogs zum Thema Kinderhaben wie heute, und diese Fülle an Social Media Plattformen gab es schon gleich gar nicht. Ich konnte einfach so, teilweise sehr ungefiltert, aus unserem Leben berichten. Es war wirklich so etwas wie ein Onlinetagebuch, persönlich und sehr subjektiv. Die Geschichten waren klein, die Kinder waren klein und auch der Blog war klein.

Irgendwann wurde all as größer, ziemlich schnell sogar, und irgendwann waren es nicht mehr nur Geschichten, sondern immer mehr auch Meinung, tatsächlich zu sehr vielen Themen. Und je mehr Meinung es wurde, umso häufiger kam der Unwille der Lesenden bei mir an. Übrigens auch mit der zunehmenden Präsenz auf Social Media, damals vor allem Twitter und Facebook, beides Plattformen, auf denen ich seit einigen Jahren nicht mehr aktiv bin. Denn der Unwille hat etwas mit mir gemacht. Nicht, dass es Meinungsverschiedenheiten gab, das nicht. Ich bin gerne und häufig anderer Meinung als andere Menschen, sehr häufig auch mit mir nahestehenden Menschen, und ich würde für mich in Anspruch nehmen, dass ich das auch gut aushalten kann. Auf der Sachebene.

Aber im Internet wird es gerne sehr schnell unsachlich. Auf Blogs aber auch in Social Media, da nochmal in einem ganz anderen Tempo. Es wird schnell persönlich oder auch verletzend und die Ebene, auf der man gut geteilter Meinung sein und sich dennoch austauschen kann, wird irrwitzig schnell verlassen. Und dann – findet man nicht mehr zurück. Das sind die Hauptgründe, warum ich Facebook und Twitter vom Handy gelöscht und dann tatsächlich verlassen habe. Weil ich das nicht aushalten kann.

Ich halte es nicht aus, wenn Menschen persönlich und verletzend werden; wenn sie aus einem emotionalen Abwehrreflex heraus, wie nachvollziehbar der subjektiv gesehen auch immer sein mag, andere bewerten oder gar verurteilen und damit die Sachebene komplett und unwiderruflich verlassen. Ich kann das in Kommentarspalten zB auf Instagram nicht ertragen und ich kann es auch in meiner eigenen Kommunikation mit anderen Menschen nicht ertragen. Es gibt mir das hoffnungslose Gefühl, in einer zwischenmenschlichen Sackgasse zu stecken und eine Wand anzustarren, die ich mit den mir zur Verfügung stehenden Mitteln nicht mehr überwinden kann. Dabei ist Verständigung das, was mir so am Herzen liegt, wenn es um den Austausch geht, um Begegnung mit anderen, darum, einander zuzuhören und sich die Mühe machen zu wollen, einander zu verstehen. Wenigstens ein bisschen.

Aber wer nicht will, der will nicht. Das ist eine Erkenntnis, die ich schon häufig hatte. Und doch hat sie mich nie nachhaltig von meinen Versuchen zum Austausch abgehalten und ich bin, zwangsläufig, immer wieder in die Sackgasse reingelaufen. Manchmal mit Ansage, manchmal sehr überraschend. Ich habe mich deshalb von bestimmten Orten zurückgezogen, die mich emotional leer saugen, weil ich dort das Sackgassengefühl quasi schon bekommen, wenn ich die Tür zu diesen Orten öffne. Twitter und Facebook. Auf Instagram kenne ich das Gefühl auch, aber bisher konnte ich es dort immer noch ganz gut ausbalancieren.

Hier, in meiner eigenen kleinen Ecke vom Internet, hatte ich das Gefühl in den letzten zehn Jahren zum Glück sehr selten. Ich öffne hier die Tür zu einem sehr persönlichen Raum und habe es bisher gut hingekriegt, dass mir hierher vor allem Menschen folgen, die offenbar einen ähnlichen Umgang mit anderen Menschen leben, wie ich. Die hier (meistens) etwas finden, das sie anspricht und das sie zu einem Austausch bewegt, der auf Verständigung ausgerichtet ist. Die Sackgassenerfahrung findet hier so gut wie nie statt.

Manchmal aber eben doch. Und es geht mir nicht darum, dass alle hier alles mögen müssen. Dass niemand sagen darf, was er kritisch findet oder nicht mag. Dass wir hier nicht offen miteinander reden können. Aber wenn der Versuch der Verständigung nicht angenommen wird, wenn keine Kommunikation mehr stattfindet, einfach weil sie nicht gewollt ist, dann ist das genau das: eine Sackgasse. Und ich hasse Sackgassen. Sie geben mir das Gefühl von Hilflosigkeit und Scheitern.

Und da… wäre doch fast das passiert, was ich vermeiden wollte, aber oft nicht kann. Beinahe hätte mich das hier (wieder mal) stumm gemacht. Meine große Tochter sagt immer, ich sei so, weil mein Sternzeichen Krebst ist. Ich habe mit Astrologie nichts am Hut, aber das Bild vom empfindlichen Krebs, der sich in seine Schale zurückzieht, passt schon irgendwie zu mir. Und vielleicht ist das albern und eben… empfindlich, aber dann bin ich wohl so.

Hier ist immer noch mein Ort. Ich öffne hier eine Tür zu den persönlichen Geschichten aus meinem Leben. Sie sind oft noch immer klein, sie sind subjektiv, sie sind ein Einblick in (m)eine Welt und sie erheben keinerlei Anspruch auf eine objektive Wahrheit, sie bieten keine Plattform für lückenlose Identifikation oder nur positiven Abgleich und sie zeigen mitnichten alles, um was es in unserem Leben zu jeder Zeit geht. Es sind nur meine Geschichten.

Seit zehn Jahren lade ich euch hierher ein und erzähle sie euch. Und das einzige, was ich hier im Austausch erwarte ist  Respekt und die Bereitschaft zur echten (so sehr das der virtuelle Raum eben hergibt) Kommunikation. Sofern sie gewünscht ist. Und wem es nicht um Kommunikation geht, sondern ums Stänkern, der darf damit gerne woanders hingehen.

Hier ist immer noch mein Ort. Ich fülle ihn weiter mit meinen Geschichten und hoffe, dass diejenigen hierher finden und auch hier bleiben, die sie mögen und ihre Schnittmengen finden. Die sich berühren lassen möchten, die über dieselben Dinge nachdenken möchten wie ich, sich manchmal inspirieren lassen, manchmal zum Lachen gebracht werden möchten und manchmal einfach durchs Fotoalbum blättern möchten. Und dabei immer im Hinterkopf behalten, wo sie hier sind: auf einem persönlichen Blog, nicht auf einer Nachrichtenseite, in einem Magazin, bei einer Aktivistin oder der Onlineversion einer Zeitung. Ihr seid bei mir zu Hause.

Macht’s euch gemütlich. Ich mix uns n Cocktail.

Last Updated on 22. Dezember 2022 by Anna Luz de León

5 Comments

  1. Liebe Anna, unsere Schnittmenge ist ganz okay, denke ich. Und bei den anderen Themen, lasse ich mich gerne von dir inspirieren. Unsere Schnittmenge verändert sich aber auch stetig. Ich erinnere mich an eine ‘Kaffee, Stulle, Gin’ Folge, in der du erzählt hast du seiest ein Katzenmensch und irgendwie sind Hunde bei dem Gespräch nicht so gut weggekommen – das fand ich schade und vielleicht war ich sogar ein bisschen enttäuscht. Und siehe da – gar nicht so viel später, stellt sich heraus du liebst deinen Percy mindestens so wie ich meinen Hund.
    Bei einem anderem Thema bin ich (leider) dir in deine Welt gefolgt. Als ich die Texte über deine verstorbene Mutter zum ersten Mal las, war meine eigene noch quietschlebendig und ich erinnere mich sogar noch an das Gefühl, dass ich auch gerne so eine makellose Beziehung zu meiner Mutter hätte. Unsere Beziehung war zwar eigentlich sehr eng, aber es gab doch immer wieder Themen, wo wir uns so gar nicht einig waren. Und dann vor 3 Jahren starb meine Mutter plötzlich mit 72 – völlig unerwartet und ohne Vorwarnung. Ich war am Boden zerstört, konnte es nicht fassen. Ich merkte erst da, dass sie in jeder Minute meines Lebens mein Fels in der Brandung war – mein Anker. Ohne diesen Anker leben zu müssen, fühlte sich unmöglich für mich an. Ich las die Texte über deine verstorbene Mutter erneut und da erst wurde mir bewusst, dass ich genau das all die Jahre schon hatte. Plötzlich fühlte ich deine Worte so sehr und sie taten mir gut.
    Im meinem echten Leben gibt es kaum Raum für meine Trauer – sie ist unpassend, eine Spaßbremse, keine Zeit dafür und irgendwie muss nach 3 Jahren auch mal gut sein. Keine meiner Freundinnen hat ihre Mutter schon verloren und so trauere ich still und heimlich. Nur, wenn ich deine Texte zu diesem Thema lese, fühle ich mich verstanden, weiß ich, dass ich nicht allein bin.
    Das Öffnen deines Raumes, deiner Gedanken befriedigt also ein Bedürfnis irgendeiner dir unbekannten Person in Österreich, deren Bedürfnis ohne deine Texte unbefriedigt bliebe. Ich hoffe du weißt jetzt wie wertvoll deine (wenn ich es richtig verstanden habe – unentgeltliche) Arbeit hier ist. Bitte höre nicht damit auf!
    Diejenigen, die sich in deinen Raum nicht wohl fühlen, die sich hier nicht abgeholt fühlen, sollen bitte (kommentarlos wie ich finde) weiterziehen. Sie finden sicher einen Platz, an dem sie sich besser aufgehoben fühlen. Du aber, liebe Anna, zeige bitte weiter die Seiten deines Lebens, die du mit uns teilen willst. Du kannst weder die Welt retten noch wirst du es je schaffen die Bedürfnisse aller deiner Leserinnen zu erfüllen.
    Von mir kommt auf diesem Weg jedenfalls von ganzem Herzen ein riesengroßes Dankeschön für deine vielen wertvollen Texte und inspirierenden Gedanken, die mein Leben bereichern.
    Ich wünsche dir und deiner Familie einen wunderschönen 4. Advent!

  2. Liebe Anna,
    ich sitze hier gerade mit einem Lächeln im Gesicht. Ich war nicht sicher, ob du dich vielleicht (ein bisschen) zurückziehen würdest. Das hätte ich sehr bedauert.

    Ich freue mich immer darauf, bei dir meine Herzensstadt zu besuchen, auf eine Stippvisite an meinen Seelenort zu gehen, für einen Augen-Blick auf dem Friedhof innezuhalten … um dann ins Warme zurückzukehren und in der Bibliothek zu stöbern. Ich mag das Schnippeln am Küchentisch mit Blick aus dem Fenster, wo Sonne und Regen in den schönsten Farben tanzen. Und wenn Entdeckerlust und Freiheit rufen, packe ich meinen Koffer und schalte das Laptop aus. Weil „da draußen“ so viel wartet.

    Andere Blogs halten Informationen für mich bereit. Zu dir komme ich, wenn ich begegnen möchte. Dir. Euch. Mir. Und einer bunten Gedanken- und Gefühlswelt, die uns beide verbindet. Das ist ein großes Geschenk, für das ich dir danken möchte. Dir, deinen Lieben und allen Leser*innen hier einen schönen 4. Advent.

    P.S. Das Bild des Krebses lässt mich gerade nicht los.

    Zum einen finde ich es beruhigend, sich zurückziehen zu können und Schutz in sich selbst zu finden. Manchmal braucht es diese Momente, um sich von intensivem Erleben und Fühlen zu erholen und dann weiter zu gehen oder neu starten zu können.

    Zum anderen verfolgt mich etwas, seit ich deine Gedanken dazu gelesen habe: das Wort „empfindlich“.
    Es kommt mir vor, als sei es in meiner Erinnerung immer der ungeliebte Bruder von „empfindsam“ gewesen – und ich frage mich gerade, warum das so ist. „Empfindlich“ zu sein, hatte nie eine positive Bedeutung.
    In mir regt sich gerade sehr die „Empfindung“, die sich zu beidem gleichermaßen hingezogen fühlt. Fühlen … ist für mich der Kern von allem. Wenn mich etwas trifft, heißt das, ich spüre etwas. Aber warum wird das mal als gut („empfindsam“) und dann auch wieder nicht („empfindlich“) gewertet? Wer intensiv fühlt, tut das in jede Richtung. Wo große Freude ist, kann ebenso großer Schmerz sein. Vielleicht ist es einfach nur leichter, das Gute zu teilen …

    • Ich hätte das niemals so toll formulieren können, aber du sprichst mir aus der Seele

      Anna, ich LIEBE deinen Blog – es ist der einzige, den ich nach all den Jahren immer noch lese. Weil er so persönlich, authentisch und herzlich…einfach so echt ist. Lass dir das nicht von irgendwelchen Trollen kaputt machen. Du berührst hiermit so viele Menschen.
      Und an alle, die nicht berührt werden möchten, ob in positivem oder vielleicht auch mal negativem Sinn: bitte zieht doch einfach weiter.
      Leben und leben lassen…sowohl hier, als auch in der analogen Welt…

  3. ich liebe deinen Blogg liebe Anna- ich hatte kurzzeitig schon Panik, dass du dich zurückziehst…danke… liebe Grüße und eine tolle Weihnachtszeit

  4. Liebe Anna. ich liebe deinen Blog, deine Bilder, deine Geschichten. Vielen Dank, dass du deine Welt mit uns teilst. Liebe Grüße, Karolin

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