herz & seele
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the descendants: keine filmkritik

Seit ich das erste Mal von diesem Film gehört habe, wollte ich ihn sehen. Nicht nur wegen George Clooney, den ich zugegebenermaßen sehr gerne sehe. Auch nicht, weil er auf Hawaii spielt, meinem Traum-Reiseziel seit Jahren, das ich irgendwann unbedingt besuchen will. Nein, in erster Linie hat mich die Geschichte interessiert oder, um es genauer zu sagen: sie hat mich berührt.

Heute war ein stürmischer Samstag voll mit Menschen und Geschäftigkeiten, von der Beseitigung der Partyreste vom gestrigen Geburtstag des Lieblingsmannes über ein Treffen mit der Kitagruppe der Kleinsten im Kindercafé Zuckerschnute bis hin zum Straßengrillen mit den nicht mehr ganz so neuen Nachbarn, die endlich ihren Einstand geben wollten – es war turbulent und wild und alles ziemlich schön. Aber irgendwann ist doch noch Ruhe eingekehrt, die Kleinen haben sich zum Schlafen in ein Bett gelegt und sich eingekuschelt und die Große hat sich mit ihrer Freundin nach oben verzogen, um sich zum gefühlt 100. Mal „Harry Potter und der Gefangene von Askaban“ anzusehen. Und da haben der Lieblingsmann und ich uns entschieden, endlich The Descendants zu schauen.

Ich kann gar nicht ausdrücken, wie ambivalent meine Gefühle sind, beim Anschauen dieses Films. Die Geschichte ist die eines Mannes, Vater von zwei Töchtern, der nach einem Bootsunfall damit umgehen muss, dass seine Frau sterben wird. Sie ist bei dem Unfall verletzt worden, liegt im Koma, und es ist gleich zu Anfang des Films klar, dass sie es nicht schaffen wird. Jetzt geht es ums Verabschieden, um schwere und absurde Momente, um gute und schwierige letzte Worte, um die Bilanz des Lebens dieser Frau – was war sie für eine Mutter? Was war sie für eine Tochter, Ehefrau, Schwester, Freundin, Geliebte?

Ich denke an mich selbst: was wäre meine Bilanz, wenn ich jetzt sterben würde?

Was würden die Menschen, die mir nahe stehen und mir wichtig sind sagen, wenn sie sich von mir verabschieden müssten, jetzt? Was für eine Frau bin ich, für die, die um mich sind? Was für eine Mutter, Ehefrau, Tochter, Schwester, Freundin?
Im Alltag kommen einem derlei Gedanken selten, aber im Grunde ist das lächerlich, denn natürlich können jederzeit Dinge geschehen, die alles in Frage stellen. Oder alles beenden, mit einem Mal. Wie wäre es dann? Wer würde kommen und sich von mir verabschieden wollen? Und welche Art Abschied würde es sein?

Ich denke an meine Mutter: wie wir uns von ihr verabschiedet haben in ihren letzten Lebenswochen. Wie sie bewusst noch einmal mit uns allen gesprochen hat, einzeln, aber auch zusammen. Wie schwer es für sie war, uns loszulassen, und wie sie es dennoch geschafft hat. Wie sie, noch in diesen letzten Tagen, dem Tod näher als dem Leben, unser aller Hände noch einmal ineinander gelegt und uns wieder einmal zusammen geführt hat. Wie sehr sie geliebt wurde und wie viele Menschen kamen, mehr als nur ein- oder zwei- oder dreimal, die sie noch einmal sehen, noch einmal mit ihr sprechen, ihr noch etwas Liebes sagen wollten. Trotz alle Schwere und Tragik waren diese Wochen auch voller Liebe und Licht. Ein Spiegel dessen, wie sie ihr Leben gelebt hat.

George Clooneys Frau in „The Descendants“ kommt selbst nicht zu Wort. Welche Art Leben sie gelebt hat lässt sich nur daran ablesen, wie die Menschen, die ihr am nächsten standen, an ihr Bett treten und sich verabschieden. Ich dachte nur die ganze Zeit: so soll es nicht sein. So entfremdet von den liebsten Menschen zu sein, so weit weg von dem einmal gewählten gemeinsamen Leben. So zerfallen mit sich selbst.
Und ich denke an die Tage, die wir hier haben und in denen wir unser Leben einrichten, als seien wir unsterblich. Ich denke daran, wie viele unserer Tage wir damit verschwenden, zu streiten, zu verzagen, kleinlich zu handeln, zu urteilen, zu klagen, einander fern zu sein. Wie schwer es manchmal ist, die kleinen, alltäglichen Dinge zu wertschätzen, die Dinge, die in Wirklichkeit die entscheidenden sind. Als könnte nicht jeder unserer Tage auf einen Schlag alles ändern.

So ist es aber. Jeder Augenblick könnte der sein, in dem sich alles ändert. Und ich stelle fest, dass mich dieser Gedanke nicht so sehr ängstigt oder lähmt, als dass er mich vielmehr dazu bewegt, meine Augen zu öffnen für all das, was ich in meinem Leben an Wunderbarem habe. Ich weiß, dass ich eines Tages sterben werde, wie und wann, das weiß ich nicht und das ist auch gut so. Aber ich möchte an diesem Tag wissen, dass ich mein Leben geliebt habe. Dass ich das, was ich habe, gelebt habe. Dass ich dankbar war und mein Glück zugelassen habe, wenn es mir in den Schoß fiel. Dass ich Gutes, Schönes und Wunderbares geteilt habe mit den Menschen, die um mich sind. Und dass ich großzügig war mit meiner Liebe.

Okay. Das hört sich vielleicht nach Kitsch an. Nach Hollywood-Kitsch. Nichtsdestoweniger ist es wahr, und wenn ein zugegebenermaßen nicht sehr tiefgängig gemachter Film (die Geschichte hat sehr wohl jede Menge Tiefgang) mich daran erinnert, dankbar zu sein, für mein Leben, für den Augenblick, es zu schätzen und zu feiern – dann soll’s mir sehr recht sein. Danke, George Clooney. (Auch noch für andere Dinge, aber dazu an anderer Stelle…)

Und morgen schreibe ich mir eine Liste (sagte ich schon, dass ich Listen liebe?), auf die ich alles setze, für das ich dankbar bin. Und bleiben will.

 

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