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mütter-krankheiten. heute: das stellvertreter-hypochondrie-syndrom

Heute ist der Tag.

Ich werde nicht länger leugnen, dass ich zu der heimlichen Gruppe Mütter gehöre, die an einem schwerwiegenden und die Lebensqualität beeinträchtigenden Syndrom leiden. Nein, ich habe lange genug geschwiegen und meine Familie und Freunde darüber belogen, wie es um mich wirklich steht. Das muss vorbei sein. Ich muss endlich dazu stehen, auch wenn es schwer fällt.

Ich bin selbstdiagnostizierte Stellvertreter-Hypochonderin.

Für mich bedeutet das, dass jedes Mal, wenn in der Umgebung meiner Kinder (Kita, Schule, Nachbarschaft, Freundeskreis, am Telefon, im Skype-Videocall mit der Freundin in Israel, random…) ein Keim auftaucht, ich innerlich in Panik gerate und versuche, Maßnahmen zu ergreifen, damit meine Kinder sich nicht anstecken oder durchrechne, wie lange ich noch habe, bis sie krank werden. Interessanterweise ist diese Art der Hypochondrie dabei tatsächlich auf die Kinder beschränkt – für mich selbst greift das Syndrom nicht.

Wie bei den meisten Syndromen dieser Art (ich habe das Stellvertreter-Hypochondrie-Syndrom noch nicht näher klassifiziert: ist es eine Zwangserkrankung? Oder erfüllt es eher die Kriterien einer Phobie…?) gehört zu den Symptomen auch die Leugnung der Erkrankung bzw. der Versuch, die Symptome zu verstecken. Damit also meine (nicht am SHS leidende) Umgebung nicht bemerkt, was in mir vorgeht, täusche ich Coolness und Überlegenheit vor. Das äußert sich in genormten Bemerkungen wie: „Na, wenn es sonst nichts ist…“ oder „Man kann ohnehin nichts machen, wenn sie es haben, haben sie’s…“ oder auch „Im Grunde ist es ja egal, wo sie sich angesteckt haben…“

Diese Art Kommentare dienen einerseits zur Selbstberuhigung, nein: Selbstbeschwörung. Andererseits ist es der Versuch, die innere Panik und Abwehr zu überdecken. In Wirklichkeit klingt meine innere SHS-Stimme in solchen Situationen nämlich so: „Oh Gott, Zoe hat in der Kita gleich neben dem Goldkind geschlafen und direkt neben sie auf den Teppich gekotzt! Jetzt kriegt sie es auch!“ Oder: „Jetzt hat Taron dem Lieblingsbub direkt ins Gesicht geniest und auf sein Frühstück gehustet, da hol ich besser gleich den Inhalator raus, das geht jetzt wieder los…!“ Und gerne auch: „Wann hat nochmal Helene hier geschlafen? Ob sie da wohl schon ansteckend war? Wie lange mag die Inkubationszeit sein? Drei Tage? Dann kriegt das Herzensmädchen es heute nacht!“

Ich mache dann getarnte Abwehrversuche, indem ich meine Kinder noch häufiger als gewöhnlich dazu anhalte, ihre Hände zu waschen, ihre Becher nach Farben trenne und unauffällig darauf achte, dass sie sie nicht vertauschen, sie von ihrem unvermeidlichen Kussi-Spiel abhalte (alle drei sitzen nebeneinander, einer gibt das Kommando „alle auf den/die …!“ und dann wird die Zielperson mit Küssen attackiert und muss versuchen, abzuwehren. Bakterien!) und lenke ihren Spieltrieb auf unkommunikative Tätigkeiten wie Malen, Bücher anschauen oder Puzzlen. Außerdem zünde ich natürlich meine homöopathische Abwehrrakete: entsprechende Globuli, wenn’s sein muss Spengler San, bei Übelkeit gerne auch Rescuetropfen. Und bei drohenden Erkältungen heiße Getränke, die ich heimlich mit Ingwer und Zitrone pimpe. Kurz, ich mutiere von der lässigen Großstadt-Mutter mit dem großherzigen Ditt-wird!-Credo zum abartigen Kontroll-Freak mit Helikopter-Qualitäten. Ich bin schrecklich, wenn das SHS voll zuschlägt!

Und meistens nützt es nicht mal was. Gestern habe ich beispielsweise leicht panisch meine beiden kleinen Kinder nicht in die Kita geschickt, dafür einen ganzen Vormittag Schreib-Zeit geopfert und sie stattdessen nebenbei schon mal mit Schonkost und Globuli versorgt, nur um zu verhindern, dass sie sich, nachdem sie den halben Dezember während ihrer Grippeerkrankungen quasi beatmet werden mussten, jetzt nicht als Erstes das fiese Magen-Darm-Virus einfangen, das durch Schule und Kita geistert. Die beiden fanden es toll, einfach so einen freien Tag zu haben, gammelten gerne und ausführlich hier rum und wirkten fröhlich und aufgeräumt. Alles schien in Ordnung und wieder einmal hatte ich kurz das Gefühl, dass mein Leiden ja doch sein Gutes hätte: ich bewahrte erfolgreich meine Kinder vor einer widerlichen Infektion. Ich war eine gute Mutter, trotz SHS!

Bis ich die Kids um 14:10 allmählich zum Schuhe/Jacke/Mütze-Anziehen anhielt, damit wir rechtzeitig das Herzensmädchen aus der Schule abholen könnten. Da stand dann das Goldkind auf einmal vor mir, ziemlich blass und mit kläglichem Gesichtsausdruck: „Mama, ich hab Bauchweh. Ich glaub, ich muss spucken.“ Spontanübelkeit bei Muttern, Lieblingsbub gleich einen Meter von seiner Schwester entfernt, dann den Mann herbei zitiert, der sich zu Kind und Eimer hockte, damit ich losfahren und den Nachmittagstermin mit Herzensmädchen und Bub absolvieren konnte. Bis zum Abend tat sich nichts weiter, dann aber, um sehr genau 18h, ich wähnte mich neuerlich in Sicherheit, übergab sich das Kind kontrolliert in die Toilette (man wird dankbar, wenn man in seinem Leben schon mehrfach trommelweise kontaminierte Bettwäsche, Kuscheltiere, Klamotten, Handtücher, kleine Menschlein etc. reinigen bzw. desinfizieren musste) und es war offiziell: das SHS bewahrt einen vor nichts, alle Maßnahmen sind umsonst und die Kinder werden dennoch krank.

Zum Glück ist es nicht so schlimm. Das Goldkind ist einigermaßen fröhlich, wenn auch schlapp und insgesamt ziemlich reduziert, hat aber kein Fieber und muss sich auch nicht mehr übergeben. Soweit so gut. Mein Syndrom indessen schweigt nicht still, und ich habe mich bereits heute morgen dabei erwischt, wie ich das Herzensmädchen von seiner kleinen Schwester wegscheuchte: die Große hatte der Kleinen einen Tee gebracht und wollte ihr am Bett etwas vorlesen. Und ich sah innerlich wieder die Keime unsichtbar von einer zur anderen wabern – Ansteckung! Alarm! Furchtbar.

Aber heute räume ich damit auf. Heute ist der Tag der Wahrheit: ja, ich gehöre dazu, ich bin SHS-lerin und ich möchte damit beginnen, dieses Syndrom zu bekämpfen. Ich habe nur keine Ahnung wie.

Vielleicht könnte ich es mit Konfrontationstherapie versuchen: ich lasse meine bereits kranken Kinder ihre Geschwister auf den Mund küssen und erlaube ihnen, beim gemeinsamen Baden das Wasser zu saufen. Ich gebe ihnen grundsätzlich beim Essen nur noch einmal Besteck und einen Becher. Zum Teilen. Ich errichte ein Gemeinschaftslager, wo kranke und gesunde Kinder gemeinsam die Nacht verbringen müssen. Händewaschen wird verboten. Und ich muss das Ganze nicht nur zulassen, sondern dafür sorgen, dass das alles auch wirklich durchgeführt wird. Unter Strafe.

Aber ich kenne mich. Das wird nix. Es sei denn, es erbarmt sich jemand meiner und hypnotisiert mich.

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6 Kommentare

  1. Lustig :). Diesen Zwang lasse ich aus. Aber „Bemerkungen wie: “Na, wenn es sonst nichts ist…” oder “Man kann ohnehin nichts machen, wenn sie es haben, haben sie’s…” oder auch “Im Grunde ist es ja egal, wo sie sich angesteckt haben…”, das muss ich gestehen, kommen mir auch über die Lippen. Das gehört für Mütter heutzutage irgendwie zum guten Ton, oder?

    Es wäre doch ein unerhörtes Tabu, zu sagen, „Wann hat nochmal Helene hier geschlafen? Ob sie da wohl schon ansteckend war?“. Ich glaube, ein grösseres Fettnäpfchen kann frau als Mutter gesellschaftlich kaum betreten… Im besten Falle sage ich gar nichts und nehme eine fatalistische Grundhaltung ein. Wenn’s kommt, dann kommt’s. Und je älter die Kinder werden, desto seltener stecken sie sich an. Ein Glück.

    Lieben Gruss, du Hypochonderin,
    Christine

  2. Oh nein, dieses Syndrom ist mir wohlbekannt!
    Ich stimme direkt mit ein: Drei Kinder 2/3 krank, Erkältung, Fieber. Das einzig gesunde Kind, um diesen Zustand möglichst aufrecht zu erhalten und weil ich mich immer wieder darauf einlasse gegen Windmühlen anzukämpfen, schnellstmöglich in den Kindergarten gebracht.
    Hier ist es in Sicherheit! – Vermeintlich, denn es setzt sich an den Frühstückstisch und keine Sekunde später kotzt die Tischnachbarin über die komplette Auslage. Hilfe!!
    Hastig bugsiere ich mein Kind nach draußen in den Flur, überlege kurz, wie wir nun weiter verfahren: Zuerst auf jeden Fall Hände im Waschraum waschen, desinfizieren, dann… mhm… in einen anderen Gruppenraum?, doch nach Hause?, kurz noch ’ne Runde um den Block, bis da drinnen wieder halbwegs alles klar Schiff ist, …?
    Ich will ihn weiterzerren, kurzer Widerstand, blicke zu ihm runter und was sehe ich?
    Mein Kind steht da und lutscht an seinen Fingern!
    Fazit: Es ist zum aus der Haut fahren! Wie sehr man sich auch bemüht, man schafft es doch nicht, aber anstatt das endlich einzusehen, versucht man es immer wieder aufs Neue und scheitert und scheitert…
    In diesem Sinne: Gute Besserung! Wenn Du eine Therapieguppe für ns aufgetan hast, melde Dich!

  3. Anja Baeckmann sagt

    oh Gott die armen Kinder: einerseits total überwacht, andererseits in Institutionen abgeschoben. Denk mal drüber nach: Kinder werden nicht erst zu Menschen, sie sind es schon!

  4. Klaudija sagt

    Hallo
    Der Artikel ist zwar schon etwas her und ich habe ihn zufällig entdeckt.

    Du sprichst mir aus der Seele und ich dachte du schreibst über mich! Was mir fast noch viel wichtiger ist, ist das ich meinen Kindern, mit meinem Verhalten keine gesunde Einstellung zu Krankheiten geben kann. Kinder sind sehr sensibel und merken genau wie Mama sich verhält. Meine Tochter fängt auch schon an teilweise so zu reagieren wie ich. Sie will den Becher nicht benutzen aus dem ihr Bruder trinkt wenn er krank ist. Wenn ich so weitermachewerde ich ihr meine verhalten antrainieren

  5. Klaudija sagt

    Hallo
    Der Artikel ist zwar schon etwas her und ich habe ihn zufällig entdeckt.

    Du sprichst mir aus der Seele und ich dachte du schreibst über mich! Was mir fast noch viel wichtiger ist, ist das ich meinen Kindern, mit meinem Verhalten keine gesunde Einstellung zu Krankheiten geben kann. Kinder sind sehr sensibel und merken genau wie Mama sich verhält. Meine Tochter fängt auch schon an teilweise so zu reagieren wie ich. Sie will den Becher nicht benutzen aus dem ihr Bruder trinkt wenn er krank ist. Wenn ich so weitermache werde ich ihr meine verhalten antrainieren und sie wird als Erwachsene vielleicht auch mit Panik reagieren. Habe mich jetzt in professionelle Hilfe begeben da es mich und meinen Alltag massiv beeichträchtigte. Alleine hätte ich ich es nicht geschafft und es auch noch nicht geheilt aber ich werde auf jeden Fall gelassener und meine beiden dürfen, wenn sie wollen aus einem Becher trinken wenn sie krank sind.

    In diesem Sinne liebe Grüße von einer Hypochonderin;-)

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